-
Ritter
Fursan Al-Aqsa: The Knights of the Al-Aqsa Mosque
[CW: Exzessive Gewalt, Gaza-Konflikt]

Um Fursan Al-Aqsa angemessen vorzustellen, zitiere ich am besten erst mal die Itch.Io-Seite des Ein-Mann-Entwicklers Nidal Nijm:
”DISCLAIMER: THIS GAME DOES NOT PROMOTE "TERRORISM", ANTISEMITISM, HATE AGAINST JEWS OR ANY OTHER GROUP, THIS IS A MESSAGE OF PROTEST AGAINST THE ISRAELI MILITARY OCCUPATION OF THE PALESTINIAN LANDS. FURSAN AL-AQSA IS A VIDEO GAME ABOUT WAR LIKE MANY OTHER GAMES AVAILABLE (SIX DAYS IN FALLUJAH, CALL OF DUTY AND OTHERS).”
Ja.
Nidal Nijm ist ein Brasilianer mit palästinischer Migrationsgeschichte. Sein eigener Vater war ein Kämpfer im palästinischen Widerstand gegen die israelische Militärbesetzung. Aber ich lasse ihn noch mal selber sprechen:
”From since childhood I felt too much proud of my father and the Palestine People in general, because of their Strength and Constant Resistance. As a kid, my father always encouraged me to the field of technology, especially games. And being an avid gamer since my childhood, I always dreamed to play a game on which we, Arabs, Muslims, were the Heroes, instead of “Terrorists”. So I decided that I would become a game creator to develop the games I wanted to play.””
Was ist Fursan Al-Aqsa für ein Spiel geworden?
Es handelt sich um einen Third Person-Shooter. Als Ein-Mann-Armee ballert man sich als Widerstandskämpfer irgendwo zwischen Hamas und Lions‘ Den durch zionistische Soldaten. Dabei wählt man jeweils eine von ein paar Missionen aus und erhält zu Beginn direkt ein Missionsbriefing. Innerhalb der, ich sage mal, Erzählung können die Briefings unterschiedliche Missionsparameter fordern.

All diese Parameter müssen zum Erfolgreichen beenden einer Mission erfüllt werden. Für die spielende Person heißt das: Durch die Level irren, alles abschießen was einem an Zion-Soldaten vor die Flinte läuft und in einer bestimmten Reihenfolge die verschiedenen auf der Minimap und im Hud angezeigten Zielpunkte ablaufen. Und ja – alle zionistischen Soldaten zu töten ist in jeder einzelnen spielbaren Mission eines der Ziele.
Schon vor dem Release hat das Projekt große Wellen geschlagen und Kontroversen erzeugt. Weil es eben eine ungewöhnliche Perspektive in einem Konflikt einnimmt, der inzwischen jedem etwas sagen dürfte. Von den Steam-Seiten diversester Länder wurde Fursan Al-Aqsa zwischenzeitlich längst gestrichen. Der Hauptgrund ist, dass das Spiel zwar betont, sich nicht wirklich an historischen Schauplätzen abzuarbeiten, gleichzeitig aber sehr deutlich wird, dass es das doch irgendwie tut. Eine Mission heißt beispielsweise: Operation Al-Aqsa Flood. Wem das nichts sagt: Das ist der Name, den paramilitärische palästinensische Gruppierungen und Hamas den Anschlägen und Angriffen des 7. Oktobers 2023 gegeben haben.
Ich befinde mich also inmitten eines politischen Minenfelds. Na gut, zumindest könnte ich das. Da nämlich seit Release niemand so wirklich Lust auf das Spiel hat, haben es wahrscheinlich auch die meisten wieder vergessen. Dabei ist Fursan al-Aqsa durchaus einen Blick wert, weil es in mancherlei Hinsicht doch interessant ist. Nicht gut, aber interessant.
Natürlich ist das Spiel durch seine reine Existenz, durch Repräsentation einer wie erwähnt ungewöhnlichen Perspektive – die der vermeintlichen Terroristen – hochpolitisch. Es kommt aber gar nicht daher, wie sich Menschen Politik gerne vorstellen. Folgendes steht auf der Itchio-Seite des Games:
“Fursan al-Aqsa: The Knights of the Al-Aqsa Mosque is a Third Person Action Game on which you play as Ahmad al-Falastini, a young Palestinian Student who was unjustly tortured and jailed by Israeli Soldiers for 5 years, had all his family killed by an Israeli Airstrike and now, after getting out from the prison, seeks revenge against those who wronged him, killed his family and stolen his homeland, by joining a new Palestinian Resistance Movement called Fursan al-Aqsa: The Knights of the Al-Aqsa Mosque”
Das ist gut zu wissen und ein interessanter, wenn auch nicht ungemein überraschender Aufhänger. Überraschend ist aber, dass davon im Spiel überhaupt nichts gesagt wird. Ohnehin wird wenig gesagt, außer „Allāhu akbar!” Im Paar-Sekunden-Takt ruft der Protagonist das inbrünstig, während er auf seine Feinde schießt.
Aber noch mal von vorne: Statt einer Hintergrundgeschichte zum weitestegehend verhüllten, persönlichkeitslosen Protagonisten, ist das erste, was passiert, wenn man die erste Mission anspielt, dass man eine kurze Sequenz sieht, in der ebenjener Protagonist und seine Brüder des Widerstandes mit Fallschirmen in ein feindliches Lager einfliegen. Ahmad, wie er anscheinend heißt, landet auf einem Aussichtsgerüst, direkt hinter einem Soldaten, kickt ihn mit einer beneidenswerten Hüftmobilität den Kopf vom Hals und wirft sein Einsatzmesser dem fliegenden Schädel dann hinterher, um ihn zu durchbohren.
Ich war davon schon überracht, weil ich bei dem schweren politischen Thema wohl doch eine bodenständigere Präsentation erwartet habe. Aber nein! Fursan al-Aqsa neigt zu überbordender Gewalt. Jede der spielbaren Missionen hat so eine Anfangssequenz, in denen entweder Köpfe fliegen, Zion-Soldaten von Löwen zerfleischt werden und dann als Skelette noch ein paar Meter über den Boden kriechen, um zünftig in ihrem eigenen Blut zu verrecken. Oder standrechtlich erschossen werden. Oder von leidenschaftlichen Selbstmordattentätern weggesprengt. Oder, oder, oder.
Das ganze übersteigt die Schwelle zum Slapstick mehr als ein mal. Und das durchaus auch gewollt. Denn manchmal werden für fliegende Köpfe auch lustige Soundeffekte eingespielt. Ich glaube, der Slapstick gilt aber nicht der Gewalt selbst, sondern den zionistischen Soldaten. Im Sinne von: „Haha, was für eine Minusaura der doch hat! Hat er sich einfach den Kopf wegkicken lassen!“
Fursan al-Aqsa ist auch nach diesen Sequenzen die reinste Powerfantasie. Während es in den Sequenzen eben noch andere Widerstandskämpfer auf Seiten der palästinensischen Kräfte gibt, ist das in den Missionen selbst dann nicht mehr so. Und das ist auch gut, denn man muss ja gedankenlos auf alles ballern können, was man sieht und sowieso nicht voneinander unterscheiden könnte. Es heißt also: Einer gegen viele. Die Feinde verstecken sich hinter Häuserecken oder auf -dächern, laufen, wenn sie es noch schaffen, entweder in Deckung oder dumm auf einen zu. Es ist manchmal schwer zu sagen, ob das einfach mäßig entwickelte KI ist oder Nijm den Zionisten ganz bewusst eine Mischung aus Feig- und Dummheit mitgegeben hat.
Die Spielfigur jedenfalls ist wirklich ein Superheld. Nicht unbedingt in Hinblick auf das Vertreten pazifistischer Ideale (aber wie viele Superhelden sind das schon wirklich?), aber durchaus in Hinblick auf seinen Fähigkeitenkosmos. Denn während Feinde meist mit ein paar Streifschüssen oder einem Kopfschuss sterben, ballern sie selbst in Actionfilmmanier selbst bei freier Schussbahn und zu fünft reichlich daneben. So überlebt man wirklich viel. Zumindest, wenn man sich nicht gerade selbst mit einer schwachbrüstig kurz fliegenden Granate killt oder doch mal drei Zionisten direkt in die Arme läuft und an ihrem schlechten Atem dahinsiecht. Sollte man aber mal versucht haben, denn auch der Game Over-Bildschirm lohnt sich.

Auch unheimlich schnell Rennen kann der Protagonist. Und das, ohne dabei Stamina zu verbrauchen, quasi ewig. Mit ein bisschen Tastaturgefummel lassen sich auch Fassaden von Häusern ganz gut erklimmen. Es gibt dabei so eine Art Doppelsprünge und teilweise fühlt sich das ganze wirklich eher an wie eine Low Budget-Version von Fortnite als von Call of Duty und co.
Ist das ein Flugzeug? Ist das ein UFO? Nein, es ist ein Widerstandskämpfer!

Ich mache mich hier zwar ein bisschen darüber lustig, aber ich finde das nicht mal schlecht. Die Power-Fantasy macht Sinn, irgendwie. Aus der Sicht eines Menschen, der von Brasilien aus womöglich Machtlosigkeit hinsichtlich einer politischen Verpflechtung verspürt, die so groß und so brisant geworden ist, die sich durch seine Familiengeschichte und diesbezügliche Berichte aber so nah, so wichtig anfühlt. Ich kann das wirklich gut verstehen und finde es auf eine bizarre Weise auch künstlerisch gut umgesetzt. Was das mit der politischen Botschaft machen kann und soll, ist fraglich. Ob die brutalen, innerhalb des Spiels kontextfrei inszenierten Gewalttaten wirklich eine heroische Gegendarstellung sind oder doch zu einer Festigung des Terroristen-Narrativs führen, auch. Aber als Coping erscheint mir das total schlüssig und gut.
In diesem Kontext ist es auch absurd, wie weird geframet sich Perspektive in diesem Spiel anfühlt. Das ganze könnte – wenn ich es nicht besser wüsste - auch ein Spiel sein, das von der US- oder Israel-Regierung ausgegeben wird und mit übertriebener Härte darstellt, wie schonungslos die bösen Terroristen aus dem Gaza-Streifen doch vorgehen, entlang absurder Gewalt- und eben Powerfantasien. Zivilisten werden dabei zwar nicht getötet, aber selbst Gefangene werden nur etwas länger am Leben gehalten und dann standrechtlich erschossen.
Auch die große Kontroverse, die „Operation Al-Aqsa Flood“ wird dadurch aber ein bisschen zum Witz – und das in beide Richtungen. Als Symbol der Umdeutung, aber eben auch als Skandal. Denn die Mission ist eine Mission wie jede andere. Hier muss man zusätzlich zum sonstigen Action-Brimborium ein paar der Feinde eben nicht erschießen, sondern stattdessen über ein ungeschickt konzipiertes Geiselsystem zu einem entsprechenden Ladefahrzeug schicken. Und dann geht es wie gewohnt weiter. Kein besonderer Boom, keine Rechtfertigung, keine neue Qualität in der Gewaltspitze. Vielleicht auch, weil diese Mission aus Sicht der Angreifenden gar nicht so anders oder besonders ist.
Ich werde Fursan al-Aqsa nicht bewerten. Nicht weil es mir zu heikel wäre, sondern weil ich es nicht kann. Was soll ich bewerten? Das mäßige Spieldesign, in derem Verlauf man sich fragt, ob die ein oder andere Sache nun einfach ungeschickt programmiert oder doch Teil der Power Fantasy ist? Die Power Fantasy als Empowerment einer unterrepräsentierten Stimme in der Welt oder als missglückter Versuch einer politischen Botschaft, der niemandem wirklich Stimme gibt? Ich habe doch keine Ahnung. Und kann mir die auch nicht in ein paar Minuten, Stunden oder Tagen einbilden. Ich weiß, dass ich es gut finde, dass auch solche Spiele existieren. Ich weiß auch, dass ich für das Existenzrechts Palästinas bin. Und vielleicht reicht das ja auch, um meinen Frieden mit Nidal Nijm zu schließen. Immerhin ziert mein Reisepass jetzt die Flagge eines Landes, dessen Existenz nicht immer und überall so ernst genommen wird.
(Und ich möchte es mir mit Nidal Nijm auch wirklich nicht verscherzen)
Berechtigungen
- Neue Themen erstellen: Nein
- Themen beantworten: Nein
- Anhänge hochladen: Nein
- Beiträge bearbeiten: Nein
-
Foren-Regeln