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Humd
Ich bedauere deinen kurzzeitigen Verfall in Selbstmitleid, da ich weiß, wie einfach es doch sein kann, damit anzufangen. Werde allerdings nicht darauf eingehen, weil ich dir wohl dazu mehr persönliche fragen stellen müsste, als dir wohl lieb wäre, übers Internet ehrlich zu beantworten. Stattdessen würd ich ich mich auf deinen zweiten Absatz beziehen.
Das Problem an einer frühen festen Bindung ist schon eine biologische Sache, da wir Menschen nicht monogam leben können. Natürlich gibt es Möglichkeiten, soetwas der Gesellschaft trotzdem anzuzwingen, aber was bringt das? Schon aus sexueller Sicht ist es meiner Meinung nicht verkehrt, sich mit verschiedenen Menschen ausprobiert zu haben. Wir sind ja auch so programmiert. Und bevor ich auch auf geistiger Ebene weiß, ob ich mit einem Menschen auch wirklich bis zum Ende meines Lebens Zeit verbringen möchte, muss ich doch ersteinmal wissen, was ich wirklich will und was andere Menschen mir bieten können.
Zudem sich Menschen verändern, auch wenn sie erwachsen sind. Wenn das Umfeld (Freunde, Familie, Liebschaft) nicht mitzieht, dann ist das schon arg schwierig und jeglicher Kontakt wäre nur noch ein Pflichtbewusstsein. Du hast bestimmt auch Freunde gehabt, mit denen du dich super verstanden hast, aber sie plötzlich keinen Stellenwert mehr für dich im Leben hatten. Nicht, dass es schwierig sei, sie wieder zu integrieren, aber man kann die Distanz zwischen sich schon förmlich riechen.
Ich habe da ein aktuelles Beispiel von mir und einem Freund, den ich seit über 4 Jahren eben so nenne. Er war einer der funktionierensten und längsten Freundschaften, die ich je hatte. Hierbei muss ich einfach erwähnen, dass ich meinen Freundeskreis wirklich alle paar Jahre wechsle, wobei ich nicht weiß, ob das krankhaft bedingt oder einfach nur von meinem Betreten in verschiedene Lebensabschnitte abhängt. Jedenfalls hat dieser besagte Freund ein paar Probleme. Darunter z. B. ein sehr gestörte Selbstwahrnehmung, Arroganz, Ignoranz, unnatürlich großes Ego. Wenn man ihm in einer Unterhaltung gezeigt hat, dass man besser informiert als er selbst sei, dann hat er abgeschalten und die neuen Informationen nicht ansich heran gehen lassen, nur in seltenen Fällen war es mir möglich, dann doch zu ihm durchzudringen. In Kombination mit seiner Art, sich immer überlegen und informiert zu fühlen, obwohl dem nicht so war, lässt ihn schon ziemlich wie nen absoluten Vollpfosten aussehen.
Ja, ich habe mich seinetwegen oft schämen müssen - bei meinen Freunden, bei meiner Familie und auch bei seiner Familie. Ich hatte diese Makel an ihm aber ignoriert, weil er gezeigt hat, dass er trotz fehlender sozialer Eigenschaften dennoch eine Freundschaft zu wollen und ich hab ihm seine Mühe auch angesehen. Er ist auch intelligent, lustig und steht genauso auf solch einen Nerdkram wie ich. Seit über 4.5 Jahren habe ich also mit ihm zu tun und seit diesem Februar merke ich, wie ich mich zwar immer auf einen Besuch bei ihm freue, aber kurz nach der Ankunft schon wieder gehen möchte. Wenn ich ihn dazu bringe, mit mir Freunden von mir was zu machen, dann wünsche ich mich, dass er sich nicht komplett blamiert und meistens lässt er dann trotzdem so einige Sachen heraus, die man einfach nicht sagt und weiß am Ende wahrscheinlich nichtmal, warum ich ihm auf die Finger klopfe.
Seit letzten Samstag steht für mich fest, dass ich die Freundschaft, die immer spaßig und ehrlich war (ich habe mich wirklich um ihn gekümmert, dass er in seiner übereifrigen Arroganz gebremst wird und ich hab ihm auch geholfen, in der Welt besser zu funktionieren), zu beenden. Das letzte Jahr über ist es immer schwieriger geworden, sich mit ihm zu verabreden. Aus den "Alle 2 Wochen" wurde schnell "Alle 6 Wochen" und auch wenn es hin und wieder doch zu mehreren Treffen hintereinander kam, so ist es spätestens seit Oktober so, dass ich ihn kaum sehe. Er behauptet ständig, er hätte mit dem Studium sehr zu tun. Während ich also in meiner Arbeitslosenzeit mir wünschte, mit meinen wenigen Freunden was machen zu können (durch ihre Jobs und Schulen ist das echt ein Problem gewesen), so bekam ich von ihm zu hören, er hätte keine Zeit für alles mögliche. Erschien mir sowieso ein wenig fishy, aber ich bin nicht drauf eingegangen, weil ein Nachhaken übers Internet dazu führt, dass er das Gespräch komplett ignoriert, weil er keine Lust darauf hat.
Ich sah ihn also im wirklichen Leben kaum und im Chat musste ich aufpassen, dass das Gespräch nicht zu sehr reale Züge annimmt, da das unweigerlich dazu führt, dass ich ihn entweder in irgendwas korrigieren oder nachfragen muss oder ihn einfach in seinem Glauben lasse, er sei super ausgelastet oder super awesome.
Als ich ihn dann wieder einmal besuchte, zeigte er mir, welche neuen Spiele er sich geholt hatte und wie viele endlose Stunden er darin schon verbrachte. Er fand als Student genauso viel Zeit zum Zocken wie ich als Arbeitsloser. Und da war ich baff. Anstatt zu sagen "He, lass mal am Donnerstag für paar Stunden treffen und nen Film schauen oder ne Runde zocken, ich komm auch zu dir, dann musst du dir keine Fahrkarte kaufen", kam von ihm nur, er hätte keine Zeit und sei mit Uni und Job komplett ausgelastet. Ich hab wirklich geklaubt, mich tritt ein Pferd, als er mir seine Spielzeiten präsentiert hat.
Sicher, ich gönne ihm seine Ruhezeiten, aber ich denke, er hätte keinen Finger krumm machen müssen, damit man sich mal wieder sieht. Also kam mir der Gedanke, dass ich ihm wahrscheinlich zu anstrengend sei und wenn ich bedenke, wie wenig er sozial aktiv ist und außer Zocken und dem Internet keine Hobbys hat, so ist das auch logisch. Es kam einfach der Punkt, an dem er merkte, dass ich kein Vollblutnerd mehr bin und es ihm zu anstrengend sei, sich für irgendwas zu rechtfertigen oder das ihm bewiesen wird, er sei im Unrecht. Anstatt allerdings mit mir auf den Zug der sozialen Kontakte zu springen, verschanzte er sich hinter seinen Konsolen und damit wars dann.
Hierbei sei selbst gesagt, dass er nichtmal gut im Zocken ist, da er einen Tunnelblick entwickelt, sich nicht auf mehrere Sachen gleichzeitig konzentrieren kann, immer ausreden für alles findet und sich für nen super Kerl hält, wenn er den Schwierigkeitsgrad auf einfach stellt. Srsly.
Wie ich also merkte, dass es immer schwerer wurde, ihn zu erreichen, merkte ich auch, dass ich keine Lust darauf hatte, mich dann nur mit Nerdkram zu beschäftigen. Und er hatte keine Lust, wirklich reale Gespräche (wenn wir über RL-Dinge sprachen, dann hat er sich immer übertrieben und besonders toll dargestellt) zu führen. Somit fehlt mir trotz dessen, dass wir uns so super verstehen und viele gleiche Interessen teilen, der Drang, mit ihm was zu machen. Ich sehe keinen Anreiz, seine seltsame Art als eben solche hinzunehmen und zu akzeptieren, wenn ich mich am Ende eh nicht wirklich wohl dabei fühle, meine Zeit mit ihm zu verbringen.
Ich denke, dass sich das auf eine Beziehung auch so übertragen lässt. Man ist aus verschiedenen Gründen zusammen, erkennt die Schwächen des Partners und nimmt sie hin - bis zu einem bestimmten Punkt. Meiner Meinung nach wird es ab dem Moment ein unschönes Verhältnis, wenn man viel zu sehr darauf bedacht ist, die Schwächen zu ignorieren und diese auch so anzunehmen. Bei Menschen, die ich wirklich mag, habe ich kein Problem mit ihren Schwächen und ich sehe sie auch als Teil ihrer Persönlichkeit an. Genauso erwarte ich, dass meine Freunde meine Schwächen ebenfalls als Teil von mir ansehen und mich dennoch als Person wertschätzen können. Wenn sie sich an solchen Dingen wirklich an mir stören, dann wird die Freundschaft nicht lange halten.
Ich suche mir Menschen nicht nur nach ihren Stärken, sondern auch nach ihren Schwächen aus. Und manchmal kann es Jahre dauern, bis ich merke, dass ich nicht so gut damit klarkomme, wie anfänglich gedacht. Da ist es egal, ob es Freundschaften oder Beziehungen sind.
Wir Menschen sind allesamt zu verschieden, als dass wir uns als junge Menschen wirklich binden können. Das hat nichts mit Fehlender Hingabe, Loyalität oder einem Mangel an Verantwortungsbewusstsein zu tun. Wenn ich etwas aufrecht erhalte, einfach nur um es aufrecht zu erhalten, dann schleife ich es nur hinter mir her und das macht mich nicht glücklich. Und natürlich leben wir nur einmal - ist es denn daher unser Leben auch wert, nur die eine Erfahrung zu machen und diese aus Angst oder Wasweißich als "Die ultimativ richtige" zu deklarieren? Den Willen zu besitzen, eine feste Bindung einzugehen bedeutet nicht, dass diese feste Bindung auch im Endeffekt auch das ist, was dich glücklich macht.
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