Fänd ich gut, weil kann frische Perspektiven und viel Abwechslung reinbringen, gerade dann, wenn damit spielerisch-kreativ umgegangen wird. Ich kann mich nämlich auch immer weniger mit den üblichen "Durchschnittshelden" identifizieren, da könnten Charaktere mit solchen Einschränkungen um ein Vielfaches interessanter sein. Auch und gerade in RPGs. Sollte aber natürlich mit entsprechender Vorsicht und Umsicht angegangen (Mindestmaß an Recherche, keine Reduktion des Charakters auf seine Behinderung, kein bloßer Token usw.) und nicht übertrieben werden.

Sicher ist es nicht der primäre Job der hier besprochenen Werke, zur Aufklärungsarbeit beizutragen, aber wenn man schonmal dabei ist... Schaden tut es nicht, etwas einigermaßen realistisch einzubauen, so lange nicht der Holzhammer ausgepackt und der Spielspaß untergraben wird, und dann könnte man als Rezipient vielleicht sogar noch irgendwas brauchbares lernen. Könnte extrem peinlich oder für Betroffene geradezu beleidigend werden, wenn die Entwickler diesbezüglich nicht ihre Hausauffgaben gemacht haben und die Darstellung letztenendes total falsch und unglaubwürdig daherkommt.
Ich habe mich mal mit einer Farbenblinden unterhalten, die meinte, dass die Unfähigkeit, bunte Farben zu sehen, überhaupt nicht das eigentliche Problem einer (sehr selten auftretenden) echten Achromasie ist, sondern die Tatsache, dass damit immer eine extreme Kurzsichtigkeit bzw. eine massive Verschlechterung des Sehvermögens an sich einher geht, weil die Hell-Dunkel-Rezeptoren im Auge die ganze Arbeit übernehmen müssen. Die weiter verbreitete Rot-Grün-Schwäche, die fälschlich auch oft Farbenblindheit genannt wird, ist hingegen vergleichsweise harmlos.
Ich fände es selbst in einer Fantasygeschichte noch immer eher befremdlich, wenn die Verantwortlichen solche Basics dann nicht korrekt hinbekommen und wiedergeben. Klar kann man mit Fantasy alles irgendwie zurechtrücken, aber die Geschichten basieren alle auf dem Erfahrungsschatz des echten Lebens, was zumindest eine gewisse Berücksichtigung nahelegt.
Zitat Zitat von Kelven Beitrag anzeigen
Da bin ich anderer Meinung, ein Entwickler sollte eine Behinderung genauso wenig rechtfertigen müssen wie das Geschlecht, die sexuelle Ausrichtung, die Hautfarbe usw. Wenn man sich sagt, so eine Figur könnte interessant sein, warum nicht?
Najaa. Bin mir nicht sicher, wie genau Drakee den Satz gemeint hat, aber ich hab das nicht in die Richtung "Rechtfertigung" verstanden. Vielmehr würde ich mir ebenfalls wünschen, dass in irgendeiner Weise auf die Behinderung eingegangen wird. Das heißt nicht, dass sie im Vordergrund stehen sollte oder ständig zur Sprache kommt. Aber ich empfände es bei erzählerisch geprägter Fiktion als billig, wenn man irgendwo gesagt bekommt, dass der Charakter diese oder jene Probleme hat, aber das ansonsten niemals eine Rolle spielt. Oder, schlimmer noch, wenn eine offensichtlichere körperliche Behinderung (die einen Menschen ja durchaus prägen und verändern kann) bei einer zentralen Figur zu einem bloßen "fancy Designelement" verkommt. Das wird der zugrundeliegenden gesellschaftlichen Komponente imho nicht gerecht.
Du sagst es ja eigentlich schon selbst, also hab ich dich vielleicht auch nicht ganz richtig verstanden. Wenn sich der Entwickler denkt "So eine Figur könnte interessant sein", dann spricht erstmal nichts dagegen, sie so zu verwenden. Aber dabei sollte es nicht bleiben. Die Überlegung beinhaltet ja schon, dass die Behinderung als Bestandteil des Charakters angesehen wird, was ggf. auch das Verhalten (oder sogar Persönlichkeitsmerkmale) mit einschließt.
Es muss nicht alles kaputterklärt werden oder mit den wichtigsten Teilen der Geschichte zusammenhängen, aber ich würde mich Drakee insofern anschließen, dass man sich solche Aspekte im Grunde auch sparen kann, wenn man inhaltlich rein gar nichts damit zu tun gedenkt und extrem oberflächlich bleibt (übrigens meiner Ansicht nach völlig anders gelagert als Dinge wie die Hautfarbe). Da dienen unzählige RPGs oder Animationsserien als Beispiel. Im Thread wurden irgendwo Augenklappen erwähnt. Immer, wenn in diesen die betroffene Figur mal von seinem "gesunden Auge" sprach oder so, und sei es nur in einem Nebensatz, dann hat das ihr etwas mehr Profil gegeben. In ähnlicher Weise mag ich Schilderungen in Form von Hintergrundgeschichten, die zeigen, wie es dazu kam - vergleiche hier unter anderem, wie Barret in Final Fantasy VII seinen Arm verloren hat (nach Kenntnis der Szene ist er als Spielfigur in meinem Ansehen durchaus gestiegen, wirkte ausgearbeiteter und storytechnisch durchdachter). Wenn man es hingegen beim bloßen Design und/oder klischeehaftem Gebaren beließe, wäre es nicht mehr als unwürdige Effekthascherei.

Und da auch die als Beispiel erwähnt wurde - letzteres trifft auf Furiosa aus Fury Road selbstverständlich nicht zu. Dort wird zwar nicht drauf rumgeritten und sie verpacken es auch nicht in Dialoge, aber erstens sprechen die Handlungen/Fähigkeiten für sich, da kann man bei den Details bis hin zu den Bewegungen viel zwischen den Zeilen lesen, und zweitens passt es einfach ausgesprochen gut in diese Welt, die dadurch ein wenig erweitert wird. Anders gesagt ist die Frage in so einem Fall halt, ob die Macher es unbewusst (um nicht zu sagen ignorant) oder, so wie höchstwahrscheinlich hier, bewusst nicht zum Thema machen und damit indirekt doch einiges über den Charakter und die Umstände verraten. Eine "Kunst des Weglassens" würde ich jedoch genauso sehr in der Kategorie des oben geforderten "Auf die Behinderung eingehen" führen. Ist aber viel schwieriger zu realisieren, in einem Maße, dass ich es einem durchschnittlichen Rollenspiel nicht zutrauen würde.