VIEL potenzielle SPOILER in diesen Antworten, die ich nicht unbedingt oder konsequent markiere, weil ich gar nicht weiß, wo ich aufhören und anfangen sollte.

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Ich empfand das Spiel ja schon als relativ stark interpretativ. Weil es doch einiges nicht beleuchtet oder in Metaphern hält und nicht klar ausspricht. Das kann man natürlich auch umdrehen als "die Entwickler haben das nicht klar durchdacht", was immer ein wenig das Problem ist, wenn man Dinge nicht klar benennt (siehe auch die Clair Obscur Diskussionen). Ich würde die Nebencharaktere im Spiel jetzt auch nicht als die komplexesten ansehen - aber sie haben genug Tiefe, um wirklich charmant zu sein, auch im Gesamtbild der Kleinstadt selber.
Hatten wir ja schon mal in einer anderen Diskussion, aber meine Kritik wäre auch auf gar keinen Fall, was die Entwickler durchdacht haben oder nicht. Mir geht es direkt darum, was das Spiel mir ermöglicht zu sehen. Und ja, die Charaktere sind in einem okayen Maß charmant. Dass ich da aber trotzdem Abstriche mache, liegt sicher auch wieder an dem Vergleich zu den anderen beiden Spielen. Sowohl in Until Then als auch in Last Time I Saw You fand ich sie interessanter, charmanter und ihre Geschichten berührender. Und wahrscheinlich kann ich auch fast jeden meiner Kritikpunkte an A Space for the Unbound mit „die beiden Spiele haben es für mich noch besser gemacht“ relativieren. Natürlich machen es trotzdem mindestens 95% aller anderen Spiele nicht so gut. ^^

Redeeming soll Erik vielleicht nicht sein. ABER allemal jemand, mit dem man trotzdem irgendwie mitfühlen kann oder soll. Und das war mir einfach zu viel. Weil er sich selbst ja viel mehr Zeit für Veränderung einräumt als er Raya oder irgendwem sonst eingeräumt hat. Weil das was er an Raya findet, ja auch nichts mit ihr zu tun hat, sondern nur seinen Bedürfnissen entspricht. Die Tatsache, dass angedeutet wird, dass in ihm was tieferes, besseres schlummert – ich weiß ehrlich nicht mal, ob ihn das für mich noch schlimmer macht. Hier ist für mich die Balance aus „was wird gewollt“ und „was kann mir anschaulich gezeigt werden“ nicht so ganz gegeben. Ist jetzt nicht tierisch schlimm, weil ich kann ja auch Freude daran finden, ihn zu verabscheuen, ABER ein bisschen weird und unverhältnismäßig fand ich es trotzdem dass Raya im Epilog zu Lulu wesentlich gemeiner war als zu Erik, dem sie – nach dem argen Zeitsprung – IMMER noch mehr Gelegenheit einräumen will, endlich zu sich selbst zu finden und sich ehrlich zu verbessern. Das macht mich sogar echt ein bisschen sauer. Womit hat er denn im Vergleich zu anderen dieses Privileg verdient? :D

Du hast aber vollkommen Recht, dass Alles zu Gunsten des Themas in meinem Spoiler-Tag ein recht schlecht gewählter Name für das war, was ich zum Ausdruck bringen wollte, merke ich anhand deiner Antwort. Denn ja: Eigentlich stellt A Space for the Unbound hier wirklich alles zu Gunsten seines Themas. Und das ist eben Raya. Und das ist auch okay. Da schließe ich dann aber eben wieder oben an: Dafür dass es dann auch teilweise um andere geht, funktioniert das nicht rund genug für mich. Und inwiefern die verschiedenen Causes für Rayas Issues jetzt nachvollziehbar sind oder nicht, darüber kann man wohl diskutieren. Meine Kritik gilt da nicht der allgemeinen Gemengelage, sondern wie sie mir als Spielendem nachvollziehbar gemacht werden sollte. Und da spielt eben mit hinein, dass ruhig noch etwas mehr Zeit für Rayas Innenleben hätte aufgewendet werden können. Und etwas weniger damit, Stück für Stück zu entschlüsseln oder den Spielenden als Atma im Dunkeln tappen und nur mutmaßen zu lassen, wie es darum bestellt ist.

Was ich dahingehend eben auch angedeutet habe: Für mich fühlt sich das in Teilen – wenn ich ganz kritisch sein will – sogar wie eine Kommodifizierung von Rayas Innenleben an. Im Sinne von: Ihre Probleme sind ein zentrales Element, das ihr entrissen wird um sie zum zentralen Interesse eines anderen (Atmas und der spielenden Person) zu machen. Und in ähnlicher Weise interepretiere ich (schlechtmöglichst) dann auch andere Töne. Wie dass ein signifikanter Teil von Rayas Dilemma eigentlich ist, dass sie als nicht normal gesehen wird – unter anderem wegen ihrer Verträumtheit, ihrem Story-Schreiben. Sie ist gecodet als anders und die Story will oberflächlich darauf hinaus, dass das eigentlich liebenswerte, coole Eigenschaften sind.

ABER was ist das endgültige Resultat? Die normativen und ihren Zustand pathologisierenden Ansprüche ihrer Umwelt (Du verbringst zu viel Zeit in deiner Fantasie, das ist nicht gesund für dich, etc.) werden vom Spiel doch so ernst genommen, dass sie dazu führen, dass Raya tatsächlich einsehen MUSS, dass sie „normaler“ werden muss, um sich zu retten. Das Normativ gewinnt. Rayas Andersartigkeit ist okay – aber nur in einem kleinen Maß. Äußerst schwierig, finde ich. Gerade weil sich das Spiel eben dazu entschieden hat, sie nicht wirklich ganz von selbst draufkommen zu lassen. Denn wie auch immer Atmas Rolle jetzt wahrgenommen wird, seine Identität und Rolle weicht von der Rayas ab. Er ist nicht identisch mit ihr. Er ist in seiner Funktion als Helfer im Auftrag des Normativs unterwegs.

Das geht natürlich auf. Aber es geht ja auf, weil die Geschichte behauptet, dass es so aufgeht. Und das tut sie in Teilen eben auch stark genug, dass ich mich nicht mehr ganz so sehr daran gestört habe – aber ein leicht säuerlicher Beigeschmack bleibt trotzdem. Weil ich die Kondens aus dem „flüchte nicht aus der Realität“-Narrativ immer noch in Teilen für eine Platitüde halte und es mutiger und wahrhaftiger finde, wenn eine Geschichte, die wiederholt sogar betont, wie real das Fiktive doch sein kann, dann mit ordungsachtend nach oben gestreckten Armen sagt: „Aber doch nicht SO fiktiv!“

Und ja – wenn man Atma wirklich als vollkommene Manifestation eines Teils von ihr selbst begreift, der vielleicht da ist, um zwischen ihrem als ungesund geframten Coping und den Ansprüchen an ein gesundes Leben vermitteln will, ergo der einzige ist, der ihr wirklich helfen will, weil er als Teil von ihr sowohl sie als auch ihre Fehler versteht und einordnen kann, dann ist das gut erzählt und spannend. Aber es ist auch fast ein bisschen konventioneller Bildungsroman oder Coming-of-Age, der von einem Missstand im Individuum ausgeht und diesen Misstand dann in einen Kompromiss mit den äußeren Bedingungen bringen will. Raya sagt das irgendwann am Anfang ja auch selbst: Dass sie keinen Bock darauf hat, dass Erwachsene ihr Leben bestimmen. SIE will entscheiden, was gut für sie ist. Ob SIE das am Ende aber tut, oder doch unter dem Druck einbricht, den die Welt der Erwachsenen (und anderer normativer Kräfte) auf ihr ablädt – das stelle ICH ideologisch in Frage. Ich bin immer mehr ein Fan von Narrativen, die persönliches, individuelles Empowerment in den Fokus stellen und nicht auf einen halbgaren Kompromiss hinarbeiten. Und um so ein Empowerment geht es in A Space for the Unbound ja auch. Für mich nur eben nicht ganz konsequent und mit den erklärten Fallstricken.


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dass Lulu sich als Queen Bee im Richterstuhl gibt
Queen Goose, bitte. So viel Zeit muss sein! :P

Zu Rayas Schulnoten: In dem Abschnitt gegen Ende, wenn man mehrfach durch das Haus ihrer Familie geht, heißt es glaube ich von einer Lehrkraft (vielleicht Niken?) oder jedenfalls in irgendeiner Korrespondenz mit Rayas Mutter, dass ihre Noten im Laufe der Zeit schlechter geworden sind und sie nur noch in zwei Fächern ganz gut ist. Und das deckt sich ja auch mit dem, was dargestellt wird, wenn Atma das erste Mal im Klassenzimmer aufwacht und sie als Musterschülerin gilt. Gut, da verkauft sie keine ganz ehrliche Version von ihrem Verhältnis zur Welt, ABER ja auch keine vollkommen falsche Erzählung von sich, sondern eher ein: So könnte es sein, wenn es nie schlecht geworden wäre. Deswegen würde ich schon dazu neigen, daran zu glauben.


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Beziehst Du Dich hier auf den gesamten letzten Teil mit den zwei Axon und dem Monolithen? Da würde ich Dir stark zustimmen, wirkt eher wie sehr langer Filler. Den Enddungeon hingegen fand ich überraschend kurz und snappy, da hatte ich nicht das Gefühl, dass man probiert zu strecken.
Puh, kann ich inzwischen gar nicht mehr so genau sagen. Das Spiel ist ja doch eine Weile her und mir jetzt in solchen Details nicht ganz im Kopf geblieben. Ich meine aber, glaube ich, beides bzw. eben alles zusammen. Und ich meine auch nicht nur die Dungeons, sondern wie viele Turns und Twists die Erzählung dann noch mal nimmt, um zum Eigentlich zu kommen, um dann NOCH einen letzten Dungeon (dieses mal aber echt, versprochen!) zu haben, der dann eben in die Erzählebene über den Erlebnissen des Spiels geht und diese Entscheidung aufmacht, die für mich keine Entscheidung und auch überhaupt nicht interessant ist. Der letzte Dungeon in Lumieré kam mir dann aber auch nicht mehr GANZ so lang vor. Wobei das sicherlich auch dem Umstand geschuldet ist, dass ich da durchgerast bin und wenn möglich auch an Gegnern und Sidepaths vorbeigelaufen.