Lang, lang ist's her.
Nachdem ich den Sommer mit einem Marathon an Snes-Rollenspielen verbracht habe (SoM II, SoE, Star Ocean, Tales of Phantasia, Zelda) habe ich auch mal wieder den guten alten RPG Maker gestartet und die Allreise zum vierten Male gemeistert - und wenn das wiederholte Auspacken nicht schon Lob genug ist, im direkten Vergleich kann ich sagen, die Allreise braucht sich hinter den kommerziellen Spielen nicht zu verstecken, nein, sie ist in vielen Dingen sogar besser, ob Spielspaß, Erzählung oder (gefühlte) Vielfalt - die Allreise wirkt professioneller.
Kurzum, hätttest du die Chance gehabt, diese Geschichte damals auf dem Super Nintendo zu erzählen würdest du jetzt mit isländischen Topmodels auf der SS real Troll durch die Karibik schiffen.
Die Allreise ist der beste Beweis, dass aus einer Jugend verschwendet mit eingestaubten Abenteuerromanen und übermäßigen Fernsehkonsum doch noch ein veritables Mitglied der Gesellschaft geformt werden kann (das heißt, es besteht noch Hoffnung für mich)
Dein Tanz mit der Sprache ist für mich, was die Allreise so besonders macht, es wirkt nicht gestelzt und die Charaktere haben tatsächlich wiedererkennbare Stimmen - auch das ist etwas was bei vielen professionellen Medien, und nicht nur Videospiele sondern auch Filme und Bücher nicht so gut rüberkommt.
Ob Kasernenjargon, wagnereske Brunhilde, wissenschaftliche Neugier, das nonchalante Austauschen von Höflichkeiten oder Bud Spencer, es wirkt einfach fantastisch (im letzten Fall beängstigend) echt. Nur selten, merkt man da die Hand des 21 Jahrhunderts, Mackwitzs "Firma dankt" oder Robo-S... (okay, das ist schon ein schizophrenes Beispiel, aber das tschechische Robo wäre Heisen als wilheminischen Wissenschaftler unbekannt, dann lob ich mir aber wieder, dass nicht geflirtet sondern geturtelt wird)
Ernsthaft, für deine Sprachgewaltigkeit beneide ich dich regelrecht.
Und das geht alles einher mit deinem unverwechselbaren Humor, von Slapstick, was nicht so mein Fall ist, über den grandiosen loriotartigen Dialoghumor, Jonglieren mit popkulturellen Versatzstücken (ich liebe die Episode auf der Meteor) und intelligentem Metahumor (Chapeau @Lex-Barker-Etymologie).
Selbst die Nebencharaktere sind toll gestaltet und in ihrer Überzeichnung eine willkommene Abwechslung zu den sonst bekannten eindimensionalen Stichwortgebern in Rollenspielen. Neben Zackenplitz Alterschrulligkeit gefällt mir vorallem Captain Bull und seineRedshirtRedcoats.
Ich find es immer wieder süß, wenn es manchmal heißt, dass die Charaktere nicht die typischen Klischees seien, da extrem verallgemeinert, die Party fast 1zu1 wie in UiD oder auch anderen RPGs ist, liebenswürdiger, einfach gestrickter Haudrauf, eine Xanthippe, väterlicher Wissenschaftler und Stimme der Vernunft, übernatürliches, ultrastarke Wesen mit Daddy-Issues^^
Das liegt an den Gegebenheiten der RPG-Konventionen (2 Kämpfer, 2 Magier) aber grundsätzlich funktionieren die Charaktere eben _weil_ sie solch tolle Klischees sind. Nur mal am Beispiel von Mackwitz, weil er natürlich am meisten hinaussticht,
Schon Großvater wusste, was ein preußischer Offizier für eine Witzfigur par excellence abgibt (man denke an Leutnant Gustl, Mackwitzs geistigem Cousin aus Kakanien), wir spät Geborenen haben leider nicht mehr das Glück diese Figuren in der Wirklichkeit zu erleben und so sind sie aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden, aber es funktioniert immer noch toll, altbewährt und trotzdem erfrischend - ein Erfolgskonzept.
Eine zänkische Frau dazu, das sorgt für etwas Friktion unter der Party und jeder hasst die typischen Friede-Freude-Eierkuchen-Helden. Und last but not least, bietet es genügend Raum für Charakterentwicklung - ohne (!) dass sie am Ende der Narrative um 180 Grad gedrehte Figuren wären.
Und Heisen, ach, der Gute, wie kann ich mit ihm mitfühlen, wo auch meine Freunde jeden Besuch mit mir in kulturellen Instituten meiden, das erinnert mich an eine Episode im April als ich einen Freund in den Pinakotheken mit vollem Elan und Eifer die kulturhistorischen Hintergründe der Deutschen Romantik darlegte und er mittendrin eingeschüchtert wiedergab, schrei doch nicht so...
Aber, ich schweife ab
Zum Gameplay brauch ich nicht viele Worte, es gefällt
Um Grandy etwas zu paraphrasieren, es ist nicht lauf, lauf, lauf, kämpf, kämpf, kämpf, kämpf, kämpf, kämpf, kämpf, kämpf, laber, laber, laber sondern lauf, rätsel, kämpf, laber, dh. es ist ausgeglichen und fügt sich in die Geschichte ein. Es gibt keine Passagen nur mit langen Reden um dann wieder ein Dungeoncrawler zu werden (die ich verabscheue), sondern schön, gut und europäisch. Zu den weniger guten Dingen hast du ja auch schon genügend Kritik bekommen, sei es Mathematik in einer Freizeitbeschäftigung (schockschwerenot) oder die etwas verbuggten Jump&Run und Hindernisausweich-Minispielen.
Zur Grafik. Die war sogar, besser als ich es in Erinnerung hatte, die kleinen Details überall - wunderbar. Gestört hat mich nur dasselbe was ich schon vor 2 Jahren sagte; die Oper, das Wasserpanorama bei der Nautilus mit den Lichtspiegelungen, die man nur an der Oberfäche sehen sollte und der etwas japanisch chubby-artig gezeichnete Tiger in Indien. - Bei einer solchen Spielzeit ist das aber natürlich zu verschmerzen, die vielen liebevollen Posen, Eigenarbeiten und Details machen das wieder mehr als wett.
Chernikhovs Wolkenstadt scheint einen etwas falschen Wert bei Kontrast und Sättigung zu haben, sieht etwas farbarm aus, war wahrscheinlich meine Schuld :/ Btw. ich hab letztens etwas von einem Künstler gesehen, der die selbe Idee hatte, nur in künstlerisch begabter^^
Zum Setting auch nicht viele Worte, für mich verkauft sich das schon von selbst. Und die rege Popkultur von 1815-1915 sorgt für genügend Abwechslung für 10 Spiele. Manchmal waren mir die Charaktere zu sehr von den Filmversionen als von den Originalen gepärgt, aber das ist wie bei Kreatur oder Dr. Jekyll sehr verständlich. Emotionaler Punktabzug weil es keine Fin de Siecle Stutzer gab ala Des Esseintes, Dorian Gray oder Severin aus Venus im Pelz - ein Charakter basierend auf Boldinis Gemälde von de Montesquiou nach deiner Art der Überzeichnung wäre Gold, sowie zu wenig Kipling im Orient. Ich gehöre übrigens zu dewr Minderheit denen der Orient besser gefällt als Yankeeland, das hatte so eine schöne Lawrence von Arabien Atmosphäre, den mMn passenderen Gegenspieler und obwohl Karl May nicht mit Verne und Wells mithalten kann, fand ich Kara Ben Nemsis Prüfungen herrlich
Bakschisch als belebte Metropole mit Handel, Basar und regen Treiben - ähnlich wie das Lurchdorf, nicht nur einfach Staffage, sondern man spürt wie es "funktioniert", sowas ist super.
Zum Schluss noch etwas beruflich bedingte Mäkelei, ka, ob ich mich darüber schon mal beschwert habe, der Pteranodon, wird nicht nur als Pterodactylus im Spiel bezeichnet, sondern hat auch noch Zähne! Wirklich ein nicht zu verzeihender Fehler :P Das Tier heißt doch auch schließlich Ptera-NO-Don
Das Ende war unerwartet und deshalb effektiv - Kudos!
Btw. was ich dich auch mal fragen wollte, hast du tatsächlich die Pulpheftchen 'Der Luftpirat und sein tollkühnes Schiff' gelesen, das ist doch so obskur, dass ich es vor (und bei rechter Betrachtung auch nach) der Allreise nur aus Anspielungen in anderen Medien und Sekundärliteratur kannte/kenne. Bis heute ist mir nur der Kommandeur mit lateinischem Pseudonym und geheimnisvoller Vergangenheit, technisch überlegenem Schiff, indischer Besatzung und Inselstützpunkt von Jules Verne unter die Augen gekommen
Noch eine Frage, nach den Jahren hast du bestimmt einiges auch wieder vergessen was du eingebaut hast, wann hast du zum letzten Mal die Allreise durchgespielt?
@Wolfenhain
Hätte nicht gedacht, dass ich mal an einer High-Fantasy Geschichte wirklich interessiert bin. Vom Trailer aus zu urteilen, wird es graphisch bombastisch und wieder wirklich innovativ.
Am besten gefällt mir, dass du nicht diese typische tolkienartige Ausgeburt nachahmst, sondern (wiedermals) back to the roots gehst und dich stilistisch an der nordisch germanischen Mythenwelt orientierst. Wenn das nicht nur das Design betrifft (was auch noch ziemlich an manches franco-belgische Comic erinnert) sondern auch etwas Beowulf, Tacitus oder Edda drin ist - in einer mythischen Welt naturalmente, dann werde ich auch da wieder vollends begeistert sein








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