Zum Ausgangspunkt der Begriffsdefinition würde ich mal sagen, dass "Realitätsflucht" ziemlich eindeutig gefasst werden kann als Flucht vor dem, was die eigene Realität beeinflusst. Das können Dinge sein wie Liebeskummer, wirtschaftliche Probleme oder sonst irgendwas.
Realitätsflucht beginnt nicht damit, dass ich mich irgendeiner gesellschaftlichen Norm entziehe, sondern dass ich bewusst oder unbewusst meinen persönlichen Problemen und Angelegenheiten aus dem Weg gehe. Ob es sowas wie allgemeingültige Betroffenheiten gibt wie etwa Politik, würde ich mal nicht unterschreiben. Als Bürger eines Landes wird man es immer zu spüren bekommen, wenn sich die Politik des Landes ändert und das eigene Leben dadurch reglementiert wird. Andererseits tut die Politik (ich rede jetzt von Deutschland) nicht gerade viel dafür, sich dem Betrachter zu erschließen. Und wenn man immer mal wieder hier und da über gewaltige Logiklöcher oder skandalähnliche Zustände stolpert, wundert es mich nicht, wenn die Wahlbeteiligung langsam aber sicher an der 50%-Marke kratzt.
Kurz und gut: Bleiben wir lieber bei den persönlichen Angelegenheiten. ^^
Was mich an der Frage um Realitätsflucht im allgemeinen stört, ist die vorgegebene Richtung, in die eine Debatte darüber laufen muss: Wer sich isoliert, abkapselt, oder nur keine Lust auf zuviel Realität hat, ist automatisch unverantwortlich, minderwertig, asozial, und über kurz oder lang weltfremd.
Ich denke nicht, dass Realitätsflucht per se falsch ist, oder gar verachtenswert. Nicht wenige Leute haben ihre Gründe, warum sie sich aus der Welt beamen wollen, manche sehen für sich darin sogar keine andere Wahl. Und so, wie sie sich dazu gezwungen sehen, oder es als Ausweg betrachten, sich auszuklinken, werden sie sich auch irgendwann wieder gezwungen sehen, an der Realität teilzunehmen, denn über einen längeren Zeitraum sucht man sich den Verlauf seines Lebens nicht aus, der ergibt sich von selbst. Irgendwas passiert immer, damit man aus der Realität lieber abtauchen will, oder aus dem Paralleluniversum wieder zurück in die "Wirklichkeit" will oder muss.
Wer nicht viel mit der Welt zu schaffen hat, lebt nicht auf einem anderen Planeten und auch nicht fern aller Wirklichkeit, er hat sich nur für etwas anderes entscheiden wollen. Ob dahinter psychologische Abgründe oder sonstwas stecken, kann man so pauschal auch nicht sagen. Daher sehe ich es kritisch, wenn man versucht, das ganze irgendwie bewerten zu wollen.
Weder noch. Eine Sucht ist erst dann eine Sucht, wenn man "ohne nicht mehr kann". Sich aus freien Stücken einen Zeitraum festzulegen, in dem man sich seinem MMO widmet, oder sich aus reinem Interesse stundenlang über ein Videospiel zu unterhalten, mag zwar befremdlich wirken (für den einen mehr, für den anderen weniger) aber das hat nichts mit Suchtverhalten zu tun. Wenn man in solchen, in meinen Augen harmlosen, Fällen versucht, dem Gemeinten irgendwelche Krankheiten zu unterstellen, dann sollte man von einem Diskurs lieber abstand nehmen. Siehe auch oben.Zitat von Viviane
Worüber man sich definiert, dafür gibt es keine Regeln oder Musterbögen. Im Zweifelsfall sollte man eher davon ausgehen, dass jeder über genügend Verstand verfügt, sein Handeln willkürlich zu steuern, und keinem Zwang oder einer "inneren Leere" unterliegt.Zitat
Ich finde es auch sehr problematisch wie freizügig du den Begriff Sucht verwendest, dabei allerdings alle pathologischen Gesichtspunkte außer Acht lässt. Was du beschreibst, wäre vielleicht Realitätsflucht, aber noch lange keine Sucht. Und was Realitätsflucht angeht, habe ich mich schon geäußert.
Kreativität hat auch nichts mit Süchten zu tun, und Passionen auch nicht wirklich. Manche Künstler neigen zur Exzentrik, verlieren sich in ihrer Leidenschaft, und wandern dann für den Rest zwischen Genie und Wahnsinn. Ob man das schon als krankhaft betrachten kann, weiß ich nicht. Für mich ist es eher ein Charakterzug als ein psychisches Defizit.Zitat
Und was kreativen Ausgleich angeht, ist das Bedürfnis nach einer solchen Verwirklichung nicht bei jedem gleich stark ausgeprägt. Von den Veranlagungen in diversen Disziplinen mal ganz zu schweigen.
Nur ein Hinweis: So ziemlich alles, was in irgendeiner Weise durch den Konsum eine entlohnende Wirkung hat, ist ein potentielles Suchtmittel. Und nur die wenigsten davon enthalten Stoffe, die hochgradig gefährlich sind und eine körperliche Abhängigkeit hervorrufen können. Videospiele gehören nicht dazu. Wer in ein Suchtverhalten verfällt, das zunächst psychisch wäre, der tut das aus einer Anfälligkeit dafür. Das vermeintliche Suchtpotential bei Video/Online-Spielen ist in erster Linie abhängig vom Spieler. Wer den Drang hat, immer weiter zu machen, gar nicht aufhören kann, bevor er nicht alles erreicht hat, der kann dadurch vor die Hunde gehen. Aber von den X-Millionen WoW-Zockern sind es Ausnahmefälle, denen deswegen ihr Leben aus den Händen geriet.Zitat
Wenn du solche Extremfälle kennst/erlebt hast, ist das zweifellos tragisch, aber nichts, was sich auf die Allgemeinheit projezieren lässt, und schon gar nichts, woraus man irgendwas ableiten sollte.
Und schon gar nicht auf so einspurige Weise... naja, was solls.Zitat von La Cipolla
So hast du die Frage gar nicht gestellt.Zitat
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Also ich würde nicht sagen, dass die Faszination Fantasy schon in Richtung Eskapismus geht bzw. tue ich es mir etwas schwer mit dem Begriff, da er auf mich negativ konnotiert wirkt.
Fantasy ist in erster Linie etwas künstlerisches, weil es auch nur auf solche Weise dargestellt werden kann, und dass Kunst sich über die Realität stellt, ist nicht nur bei Fantasy so. Soweit hast du es ja auch schon mehr oder weniger selbst geschildert. Die Frage, die sich mir nun eher stellt, als die Formen der "Realitätsflucht" einzeln in Frage zu stellen: Kann man alles fiktionale oder "künstlerische" schon in Richtung Realitätsflucht einordnen, oder versteift man sich dabei nicht schon zu sehr auf das Kritische?
Natürlich ist es irreal, aber scheinbar gibt es für die Menschheit auch ein Grundbedürfnis, sich geistig über die realen Grenzen hinweg zu begeben. Ich denke mal, allein die Tatsache, dass man etwas jenseits der Realität überhaupt denken kann, ist schon ungemein reizvoll, und zieht einen an. Dies nun noch in irgendeiner Form dargestellt, fördert den Dialog über das Übernatürliche, und aus Neugier lässt man sich darauf ein.
Kunst, Fiktion, hat es schon immer gegeben, und schon immer hatten Menschen nach Wegen gesucht, die Grenzen der Realität, der Wirklichkeit, zu überschreiten. Man kann der Welt deswegen kaum unterstellen, dass alle Menschen zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens wie hinter Gittern leben, außer natürlich, man dehnt die Metapher so weit aus, dass alle Realität wie ein Gefängnis ist. Ich fände die Metapher in dem Fall aber ziemlich dämlich, denn das Leben selbst in seiner Beschränktheit schon als Einzwängung zu betrachten, würde nahelegen, dass man lieber gleich tot wäre. Oder weniger drastisch ausgedrückt, es wäre eine sehr schwarzseherische Auffassung vom Leben.
Ebenso wenig kann man daraus schlussfolgern, dass jeder, der sich einer Kunst hinwendet (ich bin so tollkühn, und wage es, Videospiele als Kunst zu bezeichnen) automatisch einem Denkfehler unterliegt. Eher sollte man nahelegen, zu sagen, dass jeder, der darin ein Problem sieht, selbst ein Problem hat. Würde alle Fiktion mit dem morgigen Tag aussterben, würde die Welt wohl keine paar Jahre mehr bestehen, denn trotz aller Automatismen besteht immer noch zu weit mehr als der Hälfte des Lebens aus der Umsetzung einer Vorstellungskraft. Wer geht noch zu einem Vorstellungsgespräch, wenn er nicht die Vision hat: "Job, Geld, Ehe, Kinder, Glückliches Leben"? Was würde man erfinden wollen, wenn man es sich nicht wenigstens vor Augen halten kann?
Die "Evolution im Kleinen" (mein gerne gebrauchter Begriff für die Entwicklung des modernen Menschen) wäre ohne Phantasie sicher kaum möglich gewesen.
Ich denke mal, was wir heute erleben, den überschäumenden Konsum von PC, Fernsehen, Kino, etc. ist nur eine andere, vielleicht krassere Form dessen, was sich sonst in Museen, Theatern und sonstigem abspielt: Menschen suchen nach etwas, das sie auf einer unbedingt nicht-realen Ebene anspricht.

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