Das klingt für mich so, als wenn ihr Objektivität zwar als Wort mit einem gewissen Bedeutungsgehalt gelten lasst, ihr aber nur den Rang einer reinen Denkfigur zuweist. Ein beliebtes Spiel wäre jetzt, ein Definitionsscharmützel vom Zaun zu brechen. Für mich heißt Objektivität, dass... na und so weiter. Zum Glück bin ich einmal einem klugen Mann begegnet, der mir die weisen Worte zuraunte: "Wisse, oh Jüngling, dass es auf dieser Welt durchaus praktische Diskussionen gibt. Daneben existieren noch theoretische. Und schließlich gibt es die rein akademischen."
Also praktisch. Damit überhaupt die Vorstellung von Objektivität aufrechterhalten werden kann, muss es prinzipiell möglich sein, nachprüfbare Durchschnittswerte zu ermitteln, die der Kritik standhalten. Also Beispiele (mal keine Extrembeispiele):
Volkszählungen:
Hier werden alle Daten erfasst; aufwendig aber möglich. Sie lässt objektive Daten über die gesellschaftliche Schichtung der Bevölkerung zu (Kriterium: Bildung, Einkommen, Wohnumfeld, ...)
Musterungsunterlagen:
Die Erfassung großer, aber begrenzter Datenmengen gestattet auf der Basis des körperlichen und geistigen Zustandes junger Männer Aussagen über die Lebensweise der jungen Generation in den jeweiligen Gebieten Deutschlands.
Umfrageinstitute:
Kleine Datenmenge ermöglichen das repräsentatives Hochrechnen auf die Gesamtheit. (Hochrechnung am Wahlabend und tatsächliches Wahlergebnis liegen meist sehr dicht beisammen.)
Objektiv ist folglich das (um jetzt doch zu theoretisieren), was allgemein relevant, nachprüfbar und von gemeinsam geteilter Auffassung ist. Objektivität existiert, wie Beispiele zeigen. "Mysteriöse Techniken", die den Geschmack der Leute ermitteln, sind also gar nicht nötig. Mit dem nötigen soziologischen Instrumentarium reicht schon bloßes Nachzählen aus.
Schwierig wird es nur, weil Menschen keine unveränderlichen mineralischen Stofflichkeiten sind, die man mit ein paar Naturgesetzen fehlerfrei und ewig gültig berechnen könnte. Wir funktionieren wohl etwas dynamischer. Vor allem: Wir funktionieren nicht für uns allein, sondern immer in Bezug auf unsere Mitmenschen. Das könnte in Chaos und Anarchie enden, tut es aber nicht. Denn wir sind in der Lage, allen individuellen Widerborstigkeiten, Schrullen und Eigentümlichkeiten zum Trotz, uns immer auf ein gemeinsames Fundament geteilter Auffassungen zu verständigen (z. Bsp. Gesetze). Das heißt:
1. Dabei sind Ausnahmen der Logik entsprechend mitgedacht, sonst wären ja auch keine Strafandrohungen mit Gesetzen u.ä. verbunden. Nur, weil es IMMER Ausnahmen gibt, werden dadurch nicht plötzlich alle Regeln hinfällig.
2. Dieses dynamische System gegenseitiger Verständigung auf Normalität und Durchschnitt nimmt natürlich ständig Neuerungen auf und verändert sich. So mag es zwar ein reizvoller Gedanke sein, einen ewig gültigen Idealmaßstab zu entwerfen (wie es der Marxismus versucht), aber das geht fehl. Objektivität ist zeit- und raumgebunden. Der Geschmack der Spartaner kann ja unser historisches Interesse anregen, stellt aber keine Maßregel unserer Zeit dar.
Eine akademische Diskussion würde angesichts dieser Einschränkungen (Ausnahmen, Gebundenheit an wechselnde Unstände) jede Vorstellung irgendwelcher allgemeinen Verbindlichkeiten von sich weisen. Praktisch Orientierte haben aber kein Problem damit, auch mit verschiedenen, aufeinanderfolgenden Objektivitäten zu hantieren. Nur eine Bedingung muss gewahrt bleiben: Innerhalb ein und derselben Zeitspanne dürfen keine zwei „Objektivitäten“ gelten. Falls das passiert, bricht das ganze Objektivitätsgebäude in sich zusammen. Es wird zwar immer um das jeweilige Normalmaß gestritten, aber schließlich setzt sich eines durch (z. Bsp. Gewaltanteil Spiel) - bis zum nächsten Streit.
Mir geht es vor allem darum, dass es prinzipiell möglich ist, einen in diesem Sinne objektiven Kriterienkatalog zu entwerfen, der nachprüfbare Wertungen von Spielen zulässt, ohne sich in den Irrungen starker geschmacklicher Abweichungen zu verlieren. Damit sollten sich den Spielen auch belastbare Wertungen ihrer Handlung, Grafik, Musik u.ä. zuweisen lassen. Spieletests können folglich eine unbestreitbare Aussagekraft haben.
Eine ganz andere Frage ist dann der Vergleich zweier je für sich sehr gut befundener Spiele, welches von beiden besser sei, wenn sie ganz anderen Prinzipien folgen (Shooter und Simulation). Aber ohne mich jetzt auch noch darüber groß verbreiten zu wollen, gehe ich mal einfach davon aus, auch das sollte prinzipiell lösbar sein.






"Wolfenhain" fertig. "Endzeit": fertig. "Nachbarlicht": Demo im Betatest 
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(Manchmal glaube ich, Dein finsterer Geist lässt uns arme Kreaturen nur diese Diskussionen führen, um dann adlerartig mit genau diesem Argument auf uns herabzufahren.