Ja, ich weiß, dass du Compile Hearts und Idea Factory (ich werde beide Firmen im weiteren Verlauf synonym verwenden, da Agarest von Compile Heart kommt, aber eigentlich alle Eigenschaften eines Idea Factory Spiels besitzt) nicht positiv gegenüber stehst.. und ich kann es nachvollziehen, da es mir am anfang genauso erging, bevor ich den Mut fasste, mich mehr mit den Spielen dieser Firmen zu beschäftigen. Lass mich aber dazu weiter ausholen, damit du dir ein besseres Bild machen kannst.

Aktuelle Compile Hearts / Idea Factory - Spiele kann man meines Erachtens nach dem Gameplay oberflächlich in zwei Gruppen unterteilen (natürlich unter Weglassung einiger weniger Ausnahmen):

  • NewGen/PS3 - Spiele mit der Action Animation Adventure (AAA)- Engine; dazu gehören Hyperdimensionen Neptunia, Trinity Universe und Cross Edge
    Das Gameplay ist rundenbasiert, Dungeons und AAA-Cutscenes wechseln sich ab, angewählt wird alles von einem Menü aus. Die Spiele laufen in 1080p, haben aber kein DD und sehen auch nach kleiner Nischenfirma aus. Der Spielspaß entsteht aus dem Charme heraus, ganz sicher nicht aus dem Gameplay. Das Gameplay von Trinity Universe ist allerdings das beste der drei und sicher nicht schlecht, wenn auch nicht wirklich gut.
  • Traditionelle Idea-Factory-SRPGs; dazu gehört die Spectral Serie oder auch Blazing Souls, aber auch Agarest erbt von denen
    Diese Spiele haben sehr viel Gemeinsamkeiten: viele verschiedene Arten von Points, umfassendes Item-Creation-System, gleiche Skills und KS-Mechaniken und ein True End, was ohne Guide nie zu finden ist. Obwohl meistens ein Tutorial am Anfang steht, sind diese Spiele von anfang an Hardcore und baut auf Gameplay-Mechaniken auf, die schon diverse Vorgänger hatten. Ich nehme an, hier wird sich auf eine jahrelange Tradition berufen. Das mag in Japan funktionieren, aber der einstieg als Westler ist dafür um so schwerer, da afaik erst mit ein paar PSP-Ports die Spiele außerhalb Japans erschienen sind. Ich glaube das dies der Hauptgrund ist, warum die Spiele nicht sonderlich populär sind. Das Gameplay ist aber, hat man sich erstmal eingehend damit beschäftigt, richtig gut.


Ein Vergleich mit Neptunia ist also unsinnig. Agarest ist eher wie Blazing Souls, nur besser. Lass mich das nun im Folgenden elaborieren.

Ich persönlich mag Agarest wegen zwei Dingen; der Story und dem Gameplay.

Zuerst zur Story:

Agarest ist nicht komplex, besonders tiefgründig oder besonders innovativ. Aber es ist episch. Und unterhaltsam.
Unterhaltsam weil die Geschehnisse immer gut motivieren weiter zu spielen, weil die Charaktere nicht nerven und weil das Spiel aus vielen verschiedenen Bereichen sich bedient. Es kann politisch sein, dann wieder pseudophilosophisch oder es gibt einfach nur sympathischen Party-Talk. Das Spiel hält durchgängig bei Laune und das ist bei einer Story-Spielzeit von 60h gar nicht zu verachten. Insgesamt würde ich die Story auf dem Niveau von Ar tonelico II ansiedeln, nur etwas ernster und reifer.
Episch weil das Spiel einfach episch ist. Ich meine, die Handlung streckt sich über 100 Jahre. Das naive Mädchen wird zu einer zynischen Frau, der Außenseiter wird zu einem Teil der Gemeinschaft - Charaktere ändern und entwickeln sich. Und wenn man dann am Ende des Spiels den Endboss mit einer Combo von Vater und Sohn, vielleicht noch mit Opa oder Mutter einheizt, dann ist das schon ein großartiges Gefühl.
Besonders toll finde ich auch die Hauptcharaktere. In jeder der fünf Generationen, die jeweils relativ autonome Geschichten im großen Kontext erzählen, hat man es mit völlig unterschiedlichen Protagonisten zu tun. Der Vater war vielleicht ein Denker und Taktiker, der Sohn eher ein übermütiger Hitzkopf. Schön, wenn dann die Party merkt, dass irgendwas bei der Erziehung des Kinds schief gelaufen ist!

Nun zum Gameplay:

Ich finde das Gameplay großartig, da es genau so ist, wie ich mir ein JRPG wünsche. Zuerst sei gesagt, dass es nur Sinn macht, dieses Spiel auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad zu spielen. Ich will das jetzt nicht weiter ausführen, aber es hat etwas damit zu tun, dass nur so gewisser Bonus-Content verfügbar ist.
Dann muss erwähnt werden, dass das Item Creation System und alles was damit zusammenhängt (Skills erfinden, Monster züchten etc.) groß, komplex und lohnenswert ist. Und es funktioniert perfekt und ist genau richtig balanciert. Man kennt das zum Beispiel in der Atelier-Serie: Man schaut sich neue Gebiete an, findet neue Rezepte, stellt Super-Items her und freut sich. Aber es hat sich nicht gelohnt. Man wird sie ohnehin nie einsetzen, weil das Game eh viel zu leicht ist.
Agarest aber ist höllisch schwer und schont nichtmal in den ersten Spielstunden. Man ist immer gezwungen, das System so weit auszureizen wie es geht. Super-Items herzustellen so früh es geht, denn diese Items sind grundlegend für das weitere überleben. Herrlich motivierend, fordern und vor allem aber immer fair. Man muss nie einen Guide konsultieren, das Spiel ist in seiner Komplexität trotzdem übersichtlich und nicht zufallsabhängig. Ich finds toll!


So, jetzt hab ich mehr geschrieben als ich eigentlich wollte. Zum Schluss will ich nochmal auf den Ecchi-Faktor von Agarest zu sprechen kommen, da ja Teil 1 damals eigentlich nur damit beworben wurde. Agarest leidet unter dem gleichen Schicksal wie die meisten Hentai-Spiele: Ein Writer schreibt eine tolle Story und von oben wird beschlossen, dem Spiel noch ein paar Hentai-Szenen zu spendieren, damit es sich besser verkauft. Dann setzen sich irgendwelche Honks daran (sicherlich nicht der Originalautor), diese Szenen zu schreiben und sie an möglichst unpassenden Stellen in die Geschichte einzubetten. (Utawarerumono, lol?)

In Agarest verhält es sich ähnlich. Zwischen zwei epischen Cutscenes sehen wir dann wie sich das kleine Mädchen ein Eis kaufen lässt und sich damit bekleckert. Der Spieler fragt sich zurecht an der Stelle: Wut? War das die CG jetzt wert? Hätte man eine CG vielleicht nicht eher zur Illustrierung einer wichtigeren und sinnvolleren Cutscene verwenden können? Lol, ja. Aber was solls. Nach 30 Sekunden ist sie vorbei und und es gibt ja insgesamt auch nicht mehr als 20 von diesen sinnlosen Sequenzen. Keine davon macht die Story kaputt, länger als ne Minute gehen die nicht. Was ist das schon bei 60h Story?
Aber es sei explizit noch einmal erwähnt. Im Gegensatz zu zB Ar tonelico ist Agarest keine Fanservice-Story, egal was irgendwelche Trailer suggerieren. Die Story wird niemals für den alleinigen Zweck des Fanservice irgendwelche Facepalm-würdigen Twists liefern.
Böse Zungen könnten behaupten, das Spiel wäre eine Dating Sim, getarnt als RPG. Ich sehe das anders. Das Spiel baut auf eine epische zeitliche Breite und einen großen Stammbaum auf. Natürlich will ich als Spieler da einen möglichst großen Einfluss drauf haben. Und wenn dann der Protagonist mit dem Mädchen seiner Wahl vor dem Traualtar Liebesschwüre austauscht und danach die Hochzeitsnacht angedeutet wird und damit die Entstehung des neuen Protagonisten, dann sehe ich das nicht als stupiden Fanservice sondern als konsequente Umsetzung des Generationen-Konzepts. Und wie ich es schon so oft beschrieben habe, es ist einfach episch.


Kann ich dir Agarest empfehlen? Ich denke, entweder man kann mit dem Spiel gar nichts anfangen oder man wird es für das perfekte Gameplay und die schöne Story lieben. Dazwischen kann ich mir schwer vorstellen. Zero ist mehr vom Gleichen, wenn man Teil 1 mochte, kommt man um Zero nicht herum und wird auch an diesem Teil viel Spaß haben.

Die Frage ist jetzt nur, ob dir die 30$ im PSN-Store zu viel sind oder nicht, um es mal auf gut Glück auszuprobieren
Ich würde es dir empfehlen, aber mach mich nicht verantwortlich, wenn es dir nicht gefällt. Beides ist gut möglich, dazu kenne ich leider deinen Geschmack zu wenig um das gut beurteilen zu können. Wenn du im Zeitalter von großen cineastischen 3D-Blockbustern noch den Charme von 2D-Sprites und VN-artigen Cutscenes spüren kannst und zu schätzen weißt, dann probier es einfach; du wirst aktuell nichts vergleichbar Gutes finden.