Cloud sprang mit Leichtigkeit von Trümmerberg zu Trümmerberg, während es Aeris mit ihrem Kleid und ihrer geringeren Körperkraft schon bedeutend schwerer fiel. Cloud war im Moment nur darauf aus, aus diesem Trümmerfeld rauszukommen und beachtete Aeris einige Minuten lang gar nicht, bis sie ihn keuchend anhielt.
"Cloud, Cloud, warte doch mal, mit dir ist überhaupt nicht Schritt zu halten!"
"Komisch, es sieht wohl so aus, dass du doch nicht der Typ für S.O.L.D.I.E.R bist.", meinte Cloud lachend.
"Oh, du bist wirklich schlimm!", sagte Aeris beleidigt.
Cloud kicherte in sich hinein.
"Warst du früher mal bei den ShinRas?", fragte Aeris.
"Wie kommst du darauf?", fragte Cloud zurück.
"Deine Augen, sie haben diesen eigenartigen Glanz, das ist das Zeichen, dass man dir Mako eingeflöst hat, das ist das Zeichen von S.O.L.D.I.E.R."
"Du bist ja gut informiert, woher weißt du das?", fragte Cloud erstaunt.
"Ist nicht so wichtig, erzähl ich später.", sie winkte ab und dann machten sie sich daran, weiter voran zu kommen. Nach einigen Minuten des Kletterns und Springens waren sie endlich auf einem Pfad zwischen den Bergen aus verbogenem oder rostigem Metall und anderem Müll, den man sich nur vorstellen konnte.
"Wir sollten hier nicht lange herum trödeln, hier verstecken sich viele Verbrecher.", warnte Aeris, "wir müssen dem Weg weiter folgen, okay?"
Sie gingen zwischen den Trümmerbergen hindurch und hatten das Glück, nicht von Dieben oder Mördern überfallen zu werden. Sie wanderten so lange, bis sie an eine Stelle zwischen Trümmerbergen kamen, die in zwei Wege mündete. Der eine Weg führte zu einem Loch in einer großen Steinmauer, die mit Graphiti-Krakeleien übersäht war. Der andere Weg führte in einen weiteren Pfad zwischen Trümmerbergen.
"Diese Mauer ist die Begrenzung zwischen den Slums von Sektor Nr.5 und Nr.6.", erklärte Aeris, "der andere Weg führt zu dem Haus, in dem ich wohne."
Cloud schaute nach oben und sah jetzt den schmalen Spalt zwischen den Platten der beiden Sektoren Nr.5 und 6, durch den man den schwarzen Himmel über Midgar sehen konnte. Sie gingen an der Steinmauer zu Sektor Nr.6 vorbei und folgten dem Weg Richtung Aeris´ Heim. Nach kurzer Zeit führte sie der Weg auf einen Platz voller aus metallischem Schrott gebastelter Hütten. Unweit davon stand ein alter grauer Bus, dessen Fenster zertrümmert waren und in dem sich ein Händler eingenistet hatte, der mit verschiedenstem Krimskrams handelte.
"Das hier ist der Marktplatz der Slums von Sektor Nr.5.", sagte Aeris.
"Toller Marktplatz.", kommentierte Cloud sarkastisch.
Sie gingen über den verroteten Marktplatz und kamen wieder auf einen Pfad zwischen den Trümmerbergen der Slums, der sie an einen wunderschönen Platz führte: Cloud sah vor sich einen kleinen Teich mit dem reinsten Wasser, das er je gesehen hatte. Um den Teich herum wuchsen wunderschöne Blumen, darunter auch die, die Aeris oben in Sektor Nr.8 verkauft hatte, als er sie erstmals getroffen hatte. Neben diesem Teich und den Blumen stand ein kleines gemütliches zweistöckiges Häuschen mit weißen Holzwänden und einem roten Holzdach. Dieser Platz bildete einen krassen Kontrast zu den dreckigen Slums drum herum. Cloud hätte es nie für möglich gehalten, dass Blumen in den Slums wuchsen, wenn das schon oben auf den acht Platten nie vorkam.
"Hier wohne ich.", sagte Aeris stolz und sah dabei glücklich die Blumen und das klare Wasser an. Sie betraten das kleine Haus und standen in einem kleinen Wohnzimmer. An der Wand stand ein Regal, voller Geschirr, das durch die Glastüren des Regals zu sehen war. Daneben stand ein kleiner Fernseher und auf der anderen Seite des Raumes stand ein hölzerner Schrank, auf dem eine Vase stand, in der Cloud dieselben Blumen wie draußen vor dem Haus bewundern konnte. In der Mitte dieses Raumes stand ein runder Holztisch, der auf einem grünen Teppich ruhte und um den herum mehrere Holzstühle standen. Eine Tür führte in die Küche des Hauses und eine Holztreppe an der Wand führte nach oben in den zweiten Stock.
"Mutter!", rief Aeris, "ich bin zuhause!"
Eine zierliche Frau mittleren Alters kam die Treppe hinunter. Sie hatte hellbraunes Haar und trug ein grünes Kleid, darüber eine weiße Schürze.
"Aeris, warst du wieder in der Kirche?", fragte die Frau.
"Ja, Mutter."
"Wer ist denn der junge Mann, den du da mitgebracht hast?", fragte Aeris´ Mutter und schaute Cloud dabei verwundert an. Da wurde Cloud bewusst, dass er immer noch total verschwitzt vom Angriff auf Reaktor Nr.5 und von der Flucht vor Renos Leuten sein musste. Und die Explosion des ShinRa-Roboters vor Reaktor Nr.5 hatte bestimmt auch Rus an ihm hinterlassen.
"Das ist Cloud Strife, ein Söldner, der mich sicher hierher gebracht hat.", stellte Aeris vor.
"Oh, Sie haben sich um Aeris gekümmert, das war aber nett von Ihnen, Herr Strife. Ich bin Elmyra Gainsborough.", Aeris´ Mutter schüttelte Clouds Hand, "Sie sehen ja schrecklich aus, Ihre Uniform ist voller Rus, wo waren Sie bloß?! Geben Sie mir die Sachen, ich werde sie reinigen."
Aeris gab Cloud eine schlichte graue Hose und ein ebenso schlichtes weißes Hemd, in das er sich provisorisch einkleidete. Sein schwert lehnte er an eine Wand des Wohnzimmers. Aeris setzte sich an den runden Tisch des Wohnzimmers und Cloud nahm ebenfalls Platz.
"Wo willst du eigentlich hin?", fragte Aeris, "hast du gleich wieder einen neuen Job als Söldner?"
"Ich muss in die Slums von Sektor Nr.7, dort befindet sich eine Bar, in der ein paar Leute leben, die mir noch Geld schulden.", antwortete Cloud.
"Wartet da auch ein Mädchen auf dich?", fragte sie erwartungsvoll.
"Da lebt ein Mädchen namens Tifa Lockheart.", bestätigte Cloud.
"Oh.", murmelte Aeris enttäuscht, dann setzte sie ein gezwungenes Lächeln auf, "ist ja toll! Ich kann dich zum Sektor Nr.7 bringen, ich kenne den Weg durch die Slums von Sektor Nr.6 auswendig!"
"Das kommt gar nicht in Frage!", Cloud machte eine ablehnende Handbewegung, "ich schaff das locker allein und außerdem will ich dich nicht in irgend etwas mit rein ziehen. Die Slums sind gefährlich."
Aeris lächelte keck. "Ich bin in den Slums aufgewachsen, was kümmert mich ein bisschen Gefahr?"
"Ich gehe allein.", sagte Cloud fest. Da kam Elmyra herein.
"Herr Strife, Ihre Sachen sind jetzt wieder sauber."
"Danke, Frau Gainsborough.", Cloud stand auf und ging in die Küche, in der auch eine Waschmaschine stand. Auf einem Tisch lag seine lila Uniform, sorgfältig zusammengelegt. Er nahm sie vom Tisch.
"Sie können sich oben umziehen, Herr Strife.", bot Elmyra an.
"Danke." Cloud ging die Holztreppe nach oben und zog sich schnell wieder seine Uniform an. Unten gab er Elmyra das Hemd und die Hose zurück.
"Mutter, ich begleite Cloud noch zum Sektor Nr.7.", sagte Aeris, wobei sie Clouds protestierenden Blick überging.
"Ich weiß ja, dass du alles tust, was du dir in den Kopf setzt, Schatz,", sagte Elmyra, "aber es ist spät und jetzt sind die Slums noch gefährlicher als gewöhnlich. Erledige das doch Morgen. Herr Strife, Sie können gern die Nacht hierbleiben."
Mit einem leichten Widerwillen nahm Cloud die Einladung an und Aeris ging nach oben, um die Betten zu machen. Das obere Stockwerk des kleinen Hauses bestand aus drei kleinen Schlafzimmern und einem Flur, in dem drei Türen, in diese mündeten. Ein Schlafzimmer für Aeris, eins für Elmyra und ein Gästezimmer, das diese Nacht Cloud gehörte.
Als es bereits spät nachts war, lag Cloud noch immer wach in dem kleinen Zimmer. Er hatte nicht das geringste Interesse, Aeris durch die Slums mitzuschleppen und sie in weiteren Gefahren zu bringen. Er stand auf und schnallte sich sein Schwert um den Gürtel. Vorichtig öffnete er die Tür des Gästezimmers und stahl sich nach draußen in den Flur. Dann ging er die Holztreppe hinunter und befürchtete jede Sekunde, dass ihn das Knarren des Holzes verraten könnte, aber weder Aeris noch Elmyra ertappten ihn bei seiner Flucht. Als er aus dem Haus war, rannte er auf den Pfad, der zurück zum verroteten Marktplatz führte.
"Sektor Nr.7 ist gleich hinter Sektor Nr.6, das schaffe ich locker allein.", sagte Cloud sich.