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Teresa wippte vor und zurück. Wie in Trance. Karin versuchte immer wieder sie anzusprechen. Keine Reaktion. Sie war in ihrer eigenen, dunklen Welt gefangen.
Das Spital war schon eine komische Einrichtung, dachte Karin. Kranke Menschen waren im oberen Geschoss des Neubaues untergebracht. Die anderen Patienten, wo man nicht wusste, welche Krankheit sie hatten, waren im unteren Geschoss. Irgendwie wirkte alles isoliert. Den Beruf übte sie nicht freiwillig aus. Das liebe Geld zwang sie dazu. Obwohl, man konnte es nicht einmal als besseres Taschengeld bezeichnen. 250 Dollar. Sie war einfach nur eine Aushilfskraft im St. Victoria Hospital. Sie durfte nicht einmal die Patientenakten betrachten.
Karin schnellte hoch, als plötzlich die Tür aufging. Ein großer Mann betrat das Zimmer, mit schweren, dumpfen Schritten. Die Neonröhren, spiegelten sich auf seiner Glatze wieder. Zwei Knöpfe, seines blauen Mantels waren geöffnet und man konnte sein speckiges, verschwitztes Unterhemd sehen. Er blickte skeptisch zu Karin. „Hat unser kleiner Rauschgoldengel wieder nicht gut geschlafen?“. Ein breites, widerliches Grinsen kam zum Vorschein. Es war die pure Verachtung, die man erkennen konnte. „Ich hörte sie schreien, da bin ich zu ihr gegangen. Sie reagiert aber nicht, wissen sie wie man ihr helfen kann?“ erwiderte Karin.
Der Mann kramte in seiner Hosentasche. Nun konnte man seinen dicken, blassen Bauch sehen. Er holte ein silbernes Päckchen hervor und öffnete es mit seinen Zähnen. Eine Spritze viel heraus. „Diese Teresa, macht uns immer Ärger. Ständig plärrt sie herum“. Dabei rollte er genervt mit den Augen. Er wandte sich zum Waschbecken, an dem eine Plastikflasche mit einer durchsichten Flüssigkeit hing und füllte die Spritze.
Er ging langsam zu Teresa und schob die weißen Ärmel des Nachhemdes hoch. Sie zuckte nicht einmal, als die Spritze ihren dünnen Arm durchbohrte. Der Kerl blickt auf die Uhr.
„Nun dürfte sie bis vier Uhr schlafen“, und verließ das Zimmer so schnell, dass Karin nicht mehr Antworten konnte.
Das Mädchen kippte nach vor und schlug mit dem Kopf gegen das Holzbett.
Karin kam alles unwirklich vor. Wie konnte dieser Kerl nur so mit dem Mädchen umgehen?
Mit großer Anstrengung zerrte sie Teresa auf das Bett. Ihr regungsloser Körper hatte sicher das Doppelte an Gewicht gewonnen. Karin verdunkelte das Zimmer und setzte sich neben das Mädchen. Langsam streichelte sie ihr durch das Haar und über das Gesicht. Heute weis sie es nicht mehr genau, aber sie glaubte ein kleines Lächeln gesehen zu haben.
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Es war dunkel. Ich versuchte die Augen zu öffnen, aber ich bekam sie nicht auf. Was war das nur für eine Nacht. Mein Kopf schmerzte, dass ich mich beinahe übergeben musste. Ich schob den Vorhang bei Seite und grelles Licht durchströmte den Raum. Immer diese Alpträume. In letzter Zeit denke ich wieder zu sehr an meine Familie.
Gerade als ich aufstehen wollte, schoss mir ein Schmerz durch den Körper. Fluchend sah ich, dass ich den Aschenbecher zerbrochen hatte und jetzt einen großen, schimmernden Splitter im Fuß stecken hatte. Ich biss die Zähne zusammen und zog an dem Eindringling. Er steckte ziemlich fest und das warme Blut strömte vorbei und spiegelte sich im Splitter wieder. Ich humpelte langsam durch das Vorhaus, verlor vor dem Arzneikasten den Halt und flog der Länge nach auf den schmutzigen Fußboden. Meine Wohnung war dreckig, wie noch nie zuvor. Habe ich bereits von der Wohnung erzählt? Als mich meine Familie verließ, verkaufte ich unser Haus und tauschte es gegen eine kleine Wohnung ein. Die Erinnerungen ließen mir keine ruhige Minute.
Für einen einsamen, alten Mann reichten die paar Zimmer vollkommen aus.
Mit einem kräftigen Ruck, zog ich den Splitter heraus und verband die Wunde.
Der Schmerz hielt sich in Grenzen. „Scheiss Aschenbecher“. Aber ich war selbst Schuld, warum musste ich auch jeden Tag, mindestens 40 Zigaretten rauchen? Meine Lunge war vermutlich schon so schwarz, wie das Loch in meinem Herz.
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Es war bereits 14.00, als Karin noch mal zu ihrer Patientin blickte. Sie schlief noch immer. Hatte ihre traurigen Augen geschlossen. Was wohl mit ihr geschehen ist? Warum redet sie nichts? Was hat sie am Abend geträumt? Warum will ihr niemand helfen, sondern nur ruhig stellen? Sie versuchte behutsam, Teresa zu wecken. Sie reagierte nicht. Kann sie sich überhaupt noch an ihren Namen erinnern? Karin rüttelte an der Bettdecke und kleine, rote Schmetterlinge kamen zum Vorschein. Sie bewegten sich und schienen davonfliegen zu wollen, ehe sie einen Kreis bildeten und verstummten.
Blut tropfte auf den Fußboden. Auf dem Nachttisch, stand noch das Frühstücksgeschirr und die Semmel war etwas angenagt. Das Frühstücksmesser war blutverschmiert. Karin riss die Bettdecke bei Seite und war wie gelähmt. Der Fuß von Teresa war überseht mit Schnittwunden und das Blut sickerte bereits in die Matratze. Eine schrille Glocke hallte durch das Spital, welche sich an jedem Krankenbett befindet. Kurz darauf stürmte ein kleiner, unscheinbarer Mann in das Zimmer. Dr. Emmer, wie sein Namensschild preisgab. Sein weißer Kittel wehte wie ein Papier im Aufwind, als die Tür in die Angeln flog. „Was ist hier passiert?“. Seine stimmte klang besorgt. „Endlich jemand, der sich um das Mädchen Sorgen macht“, dachte sich Karin.
Er blickte hastig zu dem Mädchen und sah das blutverschmierte Messer. „Nicht schon wieder“, murmelte er. Karin assistierte bei der Wunddesinfektion und Dr. Emmer nähte die Wunden. „Das ist schon das zweite mal diesen Monat. Hat ihnen niemand gesagt, dass sie keine scharfen Gegenstände hier liegen lassen dürfen!?“. Seine Stimme klang diesmal richtig wütend. Karin fing an zu stottern. War es tatsächlich ihr Fehler? Nein. Niemand hat ihr etwas mitgeteilt. Sie trifft keine Schuld. „Aber warum fühle ich mich dann so schlecht? „Ich… Ich wusste es nicht. Mir hat niemand etwas mitgeteilt...“, würgte sie hervor. Ihre Stimme war staubtrocken und hörte sich an wie ein krächzen.
„Schon gut. Ich werde ihnen ab jetzt helfen“, murmelte er in seinen Vollbart, welcher beinahe sein gesamtes Gesicht umgab. Während der gesamten Operation, gab Teresa keinen Laut von sich. Ihr Körper war noch von den Medikamenten betäubt. Aber wie konnte sie sich dann selbst verletzen? Emmer wandte sich Karin zu. „Autoaggression ist eine furchtbare Krankheit. Frau Hamlinton ist erst seit kurzen in unsere Klinik gekommen und das ist schon der zweite Vorfall der sich ereignete. Man fand sie in einem Waldstück, in der nähe von Michigan. Sie war mehr tot als lebendig und völlig verstört. Sie wurde mit einer massiven Kopfverletzung zu mir gebracht. Was sie genau durchgemacht hat, wissen wir nicht. Es gibt keine Vermisstenanzeigen, keine Familie und sie hat noch nie ein Wort gesprochen“.
„Dadurch, dass man sie unter Drogen setzt, wird es aber auch nicht besser“, erwiderte Karin in derselben Sekunde. Dr. Emmers Miene verfinsterte sich. „Das ist nur eine Vorsichtsmaßnahme, bis wir einen geeigneten Psychologen gefunden haben.
Ja, es gibt genügend Psychologen. Doch die meisten sind nur am Profit interessiert und scheren sich einen Dreck um ihre Patienten. Ich will, dass sich jemand gut um sie kümmert.
Jemanden, bei dem sie geborgen ist. Sie zum Beispiel machen einen guten Eindruck. Sie sind einfühlsam, geduldig und intelligent. Nicht so wie dieser Erick.
Karin horchte auf. „Dieser dicke Kerl, der Teresa das Medikament verabreichte?“.
„Korrekt. Er ist der schlechteste Arzt, den dieses Spital je gesehen hat. Leider ist er an einen speziellen Vertrag gebunden, der ihn unkündbar macht. Bedanken sie sich bei der Verfassung“.
Die Stunden vergingen und die Sonne wich der Nacht. Dr. Emmer war wieder in seine Abteilung im oberen Neubau zurückgekehrt. Er war eigentlich Chirurg, kümmerte sich aber trotzdem auch um andere Patienten. Karin saß am Bett und beobachtete das Mädchen. Langsam öffnete es die Augen. Beide verharrten einige Minuten und starrten sich an. Teresas Augen hatten einen melancholischen Ausdruck. Bemitleidenswert. Sie schienen Karin mit Fragen zu durchbohren. „Warum hilfst du mir nicht?“ „Warum lässt du mich nicht nach Hause“ „Ich will doch nur Ruhe haben“.
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[I]Dennoch schien sich eine angenehme Stille im Raum auszubreiten. Endlich war Teresa nicht mehr alleine, wenn sie aufwachte. Vorsichtig, richtete sie sich im Bett auf und berührte mit der Handfläche Karins Wangen. Dabei spielte sich ein kleines Lächeln um ihre Lippen. Ihre Pupillen waren noch erweitert, doch man hatte das Gefühl, dass sie endlich wieder in der Realität war. Der künstliche Albtraum war endlich beendet. Teresa starrte auf ihre Füße, die mit einem dicken Verband eingebunden waren. Ihr Blick war unwirklich, als wüsste sie gar nicht, was geschehen war.
Karin wollte ihr keine Vorwürfe machen und bereitete ihr das Abendessen vor. Die Selbstverletzung, wollte sie nicht mehr erwähnen. Es gab Haferbrei mit einem Pfirsichkompott. Nicht besonders lecker, doch die Kleine musste bereits einen furchtbaren Hunger haben. Teresa nahm selbstständig den Löffel und versuchte zu essen. Der Haferbrei tropfte ihr aus dem Mund. Anscheinend war der Kopfbereich noch immer etwas taub. Karin nahm den Löffel selbst und begann sie zu füttern. Es schien ihr zu schmecken.
Die nächsten Wochen gestalteten sich, wie in einem Traum. Karin bekam von Dr. Emmer die Bestätigung, dass sie nun alleine für Teresa verantwortlich sei. Bei Problemen, könnte sie sich immer an ihn wenden. Durch die Einzelbetreuung, bekam sie nun auch das volle Gehalt. 1500 Dollar. Endlich konnte sich Karin etwas leisten. Sie zog in eine neue Wohnung mit einem hübschen, kleinen Garten. Seit Ewigkeiten war sie endlich wieder zufrieden. Wenn sie die Haustür öffnete, stieg ihr sofort der Geruch des Herbstes in die Nase und sie konnte sehen, wie sich die Bäume im Wind bewegten.
Auch Teresas Zustand verbesserte sich merklich. Die dunklen Augenringe, wichen zurück und endlich konnte man Farbe im Gesicht erkennen. Karin war für sie, wie eine Freundin geworden. Sie half ihr beim Anziehen, spielte mit ihr und unterstützte sie, wo sie nur konnte.
Dieses Unterfangen gestaltete sich schwieriger, als man denken würde. Bis jetzt hat sie noch nie gesprochen, jedoch konnte man alle Wünsche anhand ihrer Mimik und Gestik ablesen.
Auch die Albträume wichen zurück, wie die Dunkelheit aus Teresas Gesicht.
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Heute habe ich den ganzen Tag ferngesehen. Dumme, Muskelbepackte Helden retten im halbstündigen Rhythmus die Welt. Neben mir, lag mein treues Notizbuch um Ideen für mein Buch aufzuschreiben. Ideen? Geklaute Inhalte aus Filmen, trifft es eher. Aber es gibt immer Menschen, die sich an Altbewehrtes halten und den Unterschied nicht merken. Zumindest hoffte ich es.
Lydia war so weit weg, wie noch nie zuvor. Ich dachte kaum noch an sie. Auch Teresa war verschwunden. Aber es tat gut, zu vergessen. Den Schmerz loszulassen. Alleine zu sein.
Ich möchte vergessen…
Vergessen….
Für immer.
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So. Hab noch weiter geschrieben, aber ich muss es noch bearbeiten
Geändert von Leon der Pofi (15.10.2006 um 17:09 Uhr)
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