„Und was jetzt? Wir können nicht ewig hier bleiben....,“ murmelte Dalyana.
„Vielleicht müssen wir das nicht,“ sagte Sith grimmig. „Nur bis wir tot sind.“
„Über so etwas reisst man keine Witze!“
„Wir müssen etwas tun,“ warf Jack ein. „Das ist nicht normal! Hobgoblins ins solchen Massen, die eine Stadt belagern! Wir können nicht einfach herumstehen und Däumchen drehen....“
„...schließlich sind wir keine Touristen auf Sightseeing-Tour,“ bestätigte Sith energisch. Sie ließ eine nachdenkliche Pause verstreichen und fügte dann an Drafco gewandt hinzu:„Nun, jedenfalls bis auf dich.“

Er versuchte, unauffällig zu sein. Wenn er zuviel zauberte, würde er irgendwann müde werden -außerdem hätte er damit sofort Athanasia auf seine Spur gebracht. Seine Kleidung war zwar schon sehr mitgenommen, aber für einen einfachen Reisenden immer noch zu auffällig. Schließlich hatte er schweren Herzens einem toten Krieger (der sich wohl gerade nochin die Stadt hatte schleppen können) einen schwarzen, bereits ziemlich abgetragenen Umhang abgenommen. Er zog die Kapuze tief ins Gesicht, bevor er sich ins Getümmel Dulgovs wagte.

Meles ging durch die ihm unbekannten Straßen, als ob er sie schon oft betreten hätte. Interessant....Er konnte Jacks Präsenz so deutlich spüren, als stünde er direkt neben ihm. Warum war ihm das nicht schon im ersten Moment ihrer Begegnung aufgefallen?
Um ihn herum gerieten Menschen in Panik, machten sich zum Kampf bereit, oder verschanzten sich in ihren Häusern, aber er achtete nicht auf sie. In Gedanken hatte er einen Plan geschmiedet und einige Male umgestaltet, bis Risiko und Nutzen im Einklang zu sein schienen. Natürlich musste er auch funktionieren, das war das Wichtigste.
Schließlich erreichte Meles die Händlerkarawane.
"..... Göttin, dass ist die Einheit von Hauptmann Justin," hörte er einen fremden Mann sagen.. "Dann muß der Belagerungsring um die Stadt geschlossen worden sein."
Ein anderes kurzes Gespräch ging im Lärm der herumeilenden Krieger unter.
Wie immer war Jack nicht alleine unterwegs. Meles kannte das Katzenwesen -wie hieß sie nochmal?- Sith. Und er kannte Dalyana. Einer der Gruppe fehlte, ein andere war hinzugekommen, doch diesen kannte er nicht.
„Was heißt hier ‚Tourist’?“ empörte er sich echauffiert. „Es ist mein Pflicht, mein Lebenswerk, meine...meine Berufung der Nachwelt detaillierte....“
„Halt die Klappe!“ fuhren ihn Sith und Dalyana fast gleichzeitig an.
Meles trat auf sie zu. Insgeheim dachte er, dass es einfacher wäre, wenn er Jack alleine zur Rede stellen könnte, doch er verscheuchte den Gedanken gleich wieder, denn dafür hätte er Magie anwenden müssen. „Es sieht aus, als würde es bald ungemütlich werden. Man möchte meinen, dass ihr auf Probleme aus seid,“ meinte er leise lächelnd. Er fixierte Jack mit seinem Blick. „Aber zum Glück noch am Leben, wie ich sehe.“
„Meles?“ Jack hätte die Stimme des Magiers unter tausenden erkannt. Sie erinnerte ihn an Ceredrie, vor allem wenn er in diesem Tonfalls sprach. Automatisch griff der Krieger nach dem Griff seines Schwertes. „Du gehst immer noch mit zwei Beinen auf dem Boden, anstatt aus dem Nichts aufzutauchen?“
„So sterblich wie beim letzten Mal,“ antwortete Meles auf die unausgesprochene Frage.
Drafco räusperte sich. “Äh…Du bist....“
„….niemand, mit dem wir uns abgeben,” unterbrach ihn Jack mit schneidender Stimme. „Weil ich nicht glaube, dass wir ihm trauen können.“ Er wandte sich an Sith und Dalyana. „Lasst uns gehen.“
Damit hatte Meles gerechnet. Oder besser: Er hatte mit Schlimmerem gerechnet. Er ließ Jack einige Sekunden Zeit, um sich ein paar Schritte von ihm zu entfernen, bevor er ihm etwas nachrief, das Jack sofort zum Umkehren bewegte:
„Es geht um Saris!“
Sowohl Meles als auch Dalyana konnte deutlich sehen, wie sich etwas an dem Krieger veränderte. Er blickte Meles mit einem starren Gesichtsausdruck an. „Was ist mit ihr? Sprich nicht in Rätseln!“
Dieser Teil des Plans fiel Meles am schwersten, aber es musste sein. Er streifte die Kapuze vom Kopf und atmete tief ein, bevor er antwortete: „Ich fürchte, nun,....Saris ist tot. Ich meine -wirklich tot.“
„Was?…Aber du selbst hast mir doch gesagt, sie wäre nicht...Und Athanasia....“ Jack verstummte. Er sah nicht aus wie ein gebrochener Mann, sondern wie einer, der bereit war einen Mord zu begehen. Jetzt musste Meles nur noch dafür sorgen, dass er damit nicht bei ihm anfing. „Genau, Athanasia. Der Halbengel. SIE hat deine Freundin umgebracht, sie hat Saris kaltblütig ermordet, weil diese eine Gefahr für Athanasias Herrn darstellte. Ich habe sie gesehen und es war...es war grausam....“
Plötzlich spürte er Dalyanas Blick auf sich ruhen. „Wann und wo soll das gewesen sein?“
Meles erwiderte ihrem Blick, doch er antwortete nicht. Augenscheinlich zweifelte die Elfe an seinen Worten, doch Jack tat das nicht. Er war viel zu aufgewühlt, um einen klaren Gedanken zu fassen. „Saris....Zum zweiten Mal habe ich dich....“ Er umfasste das Schwert Emendatus, das nun wieder mit einer Intensität glühte, wie Meles es noch nie gesehen hatte. Diesem Ruf MUSSTE Athanasia einfach folgen -schließlich richtete er sich an sie.

Die Belagerung der Stadt schreitete voran. Nun konnte niemand mehr hinaus -und niemand hinein. Die Verteidigung schien noch längere Zeit standzuhalten. Die Menschen waren viel zu verängstigt und zu beschäftigt, um den gleißenden Blitz zu sehen, der auf die Stadt herniederzuckte und verschwand.
Etwas schleuderte die Wagen der Händler wie welkes Laub in die Höhe und dann gegen den harten Boden. Die erschrockenen Männer ergriffen die Flucht. Selbst Drafco schloss sich ihnen an. Dalyana und Sith gingen in Deckung. Nur Meles und Jack rührten sich nicht von der Stelle.

Im ersten Moment war Athanasia verwirrt. Sie war gegen ihren Willen hierher gebracht worden, was ziemlich ungewöhnlich war. Sie fühlte Hass, der sich gegen sie richtete -zumindest das war normal. Und als sie Jack sah, der das glühende Schwert in den Händen hielt, wurde ihr einiges klar. Sie setzte dazu an, ihm etwas Boshaftes zu sagen, als sich der Krieger plötzlich auf sie stürzte. „Was zum….” Doch weiter kam sie nicht.
“Mörderin!” brüllte Jack aus vollem Hals, bevor er das Schwert auf sie niedersausen ließ. Der Halbengel reagierte schnell, aber nicht schnell genug, denn sie wurde am Arm getroffen. Es war ein tiefer, schmerzhafter Schnitt. Wütend packte sie Jack mit der anderen Hand und schleuderte ihn gegen eine Hauswand. „Du kleiner Bastard!“
„Nein!“
„Lass Jack in Ruhe!” Die Elfe und die Hengeyokai stürzten hervor, um Jack zu Hilfe zu eilen, doch Athanasia war weder träge noch dumm. Mit einer schnellen Handbewegung warf sie beiden zu Boden, sodass sie bewusstlos liegenblieben.
„Glaubtest du ernsthaft, dass du gegen mich eine Chance hast, du Wurm?“ zischte sie, bevor sie dem Krieger drohend ihr Schwert an die Kehle setzte. „Wenn ich wollte, wärst du schon längst tot....“
„Du weißt, dass das nicht stimmt!“
Athanasia drehte sich um und erblickte Meles. „DU! Ich hätte es mir denken müssen! Ich habe dich geschwächt, was willst du in diesem Zustand gegen mich ausrichten? Würde ich dich töten, wäre mein Herr mir auf ewige Zeiten dankbar....“ Sie schleuderte Jack von sich. Er war noch bei Bewusstsein, aber die Landung war so heftig gewesen, dass er sich schwere Verwundungen zugezogen hatte. Er würde auf keinen Fall mehr kämpfen können. Meles musste sich seinen Fehler eingestehen: Jack war noch nicht soweit.
Athanasia lachte. „Ja, ich werde dich töten, Magier. Diesmal bist du zu weit gegangen...Ich dachte, ich hätte dich in der Hand, aber da habe ich mich wohl geirrt. Du bist zu unvernünftig, um zu gehorchen.“
Meles Gedanken rasten „Ein Duell,“ brachte er schließlich hervor.
„Was?” Athanasias Lachen wurde lauter. “Du möchtest gegen mich kämpfen? Du hieltest keine Minute stand!“ Sie hob ihr Schwert. „Aber…Ich nehme deinen Bitte als letzten Wunsch eines sterbenden Mannes an. Lass uns kämpfen. Such dir eine Waffe aus.“
Meles schaute sich um. Er entschied sich für einen am Boden liegenden Kampfstab, der wohl einer von Jacks Begleiterinnen gehörte. Bevor er sich wieder Athanasia zuwandte, sah er hinüber zu Jack. „Aber…du….kannst nicht....,“ brachte dieser angestrengt heraus.
„Bei unserer zweiten Begegnung sagte ich dir etwas -wichtiges,“ flüsterte Meles. „Erinnerst du dich?“
Doch bevor Jack antworten konnte, begann Athanasia ungeduldig zu werden. „Beeil dich, Magier, bevor ich es mir anders überlege!“
Meles sah sich um. Diesmal habe ich das Überraschungsmoment auf meiner Seite, dachte er. „Ich bin bereit.“

Athanasia lächelte innerlich. Wie dumm dieser Magier doch war! Er hatte keine Chance, nicht die geringste. Sie könnte ihn mit einem Schlag niederstrecken, wenn sie wollte. Andererseits wollte sie sich amüsieren, also eine Weile mit ihm spielen. Mal sehen, was er ohne seine Magie gegen sie ausrichten konnte.

Der empflindlichste Körperteil eines Halbengels waren seine Flügel, das wusste Meles. Aus diesem Grund stand Athanasia auch noch, obwohl Jack sie schmerzhaft getroffen hatte.
„Ich bin an einen Eid gebunden, der mir verbietet zu töten oder zu verletzen, wenn es sich nicht um ein faires Duell handelt.“ Das waren die Worte, die er Jack bei ihrer zweiten Begegnung gesagt hatte.
Wie blind doch dieser Halbengel war! Wie überheblich! Sie kannte die Regeln der Magie von Lah’yar und unter normalen Umständen hätte sie sich nie auf ein Duell mit Meles eingelassen. Doch sie unterschätzte ihn in ihrer Blindheit.
Meles sah Athanasia an und dann -Feuer!
Heißes, loderndes Feuer, das ihre schönen Flügeln umschloss und verbrannte....Sie stieß wütende Schmerzenschreie aus. Trotz ihrer Schmerzen raste der Halbengel auf den Magier zu, als wäre ihn zu töten das letzte, was sie vor ihrem Tod noch tun wollte (was wohl auch so war). Meles wollte ausweichen, aber er war nicht schnell genug. Er war geschwächt. Es überraschte ihn selbst, obwohl er es hätte wissen müssen. Er war kein Schwarzmagier -und seine Kräfte waren noch lange nicht wiederhergestellt. Dieser Zauber hatte ihn viel Kraft gekostet.
Er konnte die Hitze des Feuers bereits spüren, und die Klinge, die sich in seine Schulter bohrte, als Athanasia selbst plötzlich vor ihm zusammenbrach, das glühende Schwert Emendatus tief in ihrem Bauch. Ob sie tot war, wusste er nicht. Sie verschwand -und mit ihr ihre Waffe. Emendatus fiel klirrend zu Boden. Meles sah zur Seite und blickte in Jacks Gesicht, aber dieser starrte nur wie in Trance auf die leere Stelle, wo der Halbengel gerade noch gelegen hatte.
Meles war nicht sicher, ob er einen Erfolg feiern konnte, denn die Träne der Göttin blieb verschwunden. Auf jeden Fall durfte er nicht länger bleiben. Für einen Moment überlegte er, ob er Jack die Wahrheit über Saris sagen sollte, doch dann entschied er sich dagegen. Vielleicht konnte er seine Wut noch einmal nutzen, selbst wenn er dafür ein schlechtes Gewissen in Kauf nehmen musste. Bevor Jack sich aus seiner Trance reissen konnte, machte sich Meles mit letzter Anstrengung aus dem Staub. Er musste ruhen, bevor er sich an die nächste Aufgabe wagen konnte, die er sich selbst gestellt hatte.