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Die Halle hatte sich verdunkelt. Die magische Decke stellte nun einen klaren Sternenhimmel ohne Mond dar. Am Boden blühten kleine, weiße Blumen und badeten im Licht des nichtvorhandenen Mondes.
Die Sterne am Himmel waren aber nicht die einzigen Lichtquellen in der Halle. Ein sanftes Strahlen ging von der Person, die in der Mitte der Wiese saß, aus. Lira war in Trance, ihre Augen starrten offen in eine andere Dimension und strahlten dabei ein kaltes Licht aus.
Mit einem Mal schlossen sich die Lider, die sichtbare Aura der Frau verschwand und Lira huschte ein Lächeln über das Gesicht.
"Sie sind tatsächlich erwacht, Elion." Ein Junge von sieben Jahren erschien an der Seite der Herrin und reichte ihr einen Kelch gefüllt mit einer dunklen Flüssigkeit. Lira nahm sichtlich durstig einen großen Schluck.
"Ehrenwerte Kentari, ist die Zeit nun gekommen?" fragte der Junge vorsichtig.
"Ja, Elion, die Engelsarmee ist erwacht. Der alte Hiob weiß ja nicht, welche Macht er in den Händen hält." Erneut huschte ein Lächeln über ihre Lippen. "Es wird Zeit meinen Peinigern einen Besuch abzustatten. Ich kann diesen Ort nicht verlassen, ohne dass der Orden es bemerkt, aber du, mein lieber Elion, kannst diese Aufgabe für mich übernehmen und die, die ich sehen will hierher führen."
"Sehr wohl, Herrin…aber, Herrin, wird dieser Priester es nicht bemerken, wenn ihr eure zurück gewonnene Macht benutzt?"
"Sehr aufmerksam von dir, Elion. Du bist wahrlich einer der letzten aus dem Priestergeschlecht der Kentari. Deine Weitsicht ehrt dich."
"Vielen Dank, Mylady."
"Sie werden nichts merken. Sie haben auch nicht gemerkt wie ich wieder zu Kräften gekommen bin, noch dass ich hier die letzten der Eryner versammelt habe. Die Priester haben ja nicht einmal gespürt, dass ich Varnards mögliches Avatar und die letzte der Drow hier bei mir hatte. Es bedarf nicht meiner ganzen Kraft die magische Barriere zum Kloster zu öffnen und keiner dieser Priester – auch nicht alle zusammen – sind meiner Macht ebenbürtig."
"Wisst ihr denn, wo sich das Kloster befindet? Zu den Besucher hab ihr gemeint, ihr könntet es nicht finden."
"Elion, selbst du musst die Schwingungen spüren, die die Wiedergeburt der Engel vom Kloster ausgehen lassen. Selbst ein blinder Mensch könnte zurzeit den Weg zum Kloster ohne Probleme finden – er muss nur seinen Kopf frei machen für das wesentliche."
Der Junge nickte. "Ich verstehe, Herrin."
"Geh und mach dich bereit. Komm in einer Stunde wieder, dann hab ich alles organisiert."
"Wie ihr wünscht, Mylady." Elion drehte sich um und verließ mit schnellen Schritten die Halle, während hinter ihm Lira wieder in Trance verfiel.
Sie wanderte durch die Dimensionen, weg von ihrem Gefängnis, den Schwingungen nach zum Standort des Klosters. Eine bestimmte Person war in der Lage sie aus den Fängen der Priester zu befreien, und diese Person musste sie kontaktieren. Vor Liras innerem Auge erschien eine kleine Halle, die Wände mit Mosaiken geschmückt und der Boden aus grauem, kalten Stein. Dort, ganz allein, saß der junge Engel, dem sie ihre Freiheit verdanken würde.
Das Engelsmädchen war in Gedanken versunken. Immer wieder zuckten Erinnerungen durch ihren Kopf. Zu schnell, um sie sich zu merken, aber trotzdem hinterließen sie eine deutliche Spur je öfter sie auftraten. Ganz deutlich sah der Engel rotes, langes Haar vor sich, aber sie konnte sich nicht erklären warum. Ihr eigenes war dunkel, fast schwarz mit einem rötlichen Schimmer, aber das lange, schöne Haar in ihrem Kopf war leuchtend rot. Irgendetwas verbannt sie mit dieser Farbe, doch sie konnte sich nicht erinnern, was.
Plötzlich riss eine Stimme sie auch den Gedanken.
"Ich heiße dich Willkommen unter den wachen Lebenden, meine Liebe. "
"Wer ist da?" Erschrocken blickte sich das Mädchen um. Wo war die Person, die mit ihr sprach?
" Aresha'arim, so ist dein Name. Hab keine Angst."
"Wo seit ihr? Zeigt Euch!" Der Engel fuhr herum, in der Hoffnung den Standort ihrer Gesprächspartnerin zu entdecken.
"Mir ist es leider noch nicht möglich mich dir zu zeigen. Dazu müsstest du dich schon auf meine Ebene begeben. Aber du kennst meine Stimme. Einst haben wir zusammen gearbeitet, erinnerst du dich?"
"Ich erinnere mich an gar nichts!"
"Die Nachwirkungen des Zaubers und deines langen Schlafes. Es ist wichtig, dass du mir zuhörst." sprach Lira weiter beruhigend auf sie ein. Sie hätte sich zeigen können, zumindest eine Projektion ihrer selbst, aber es war zu gefährlich. So kurz vor dem Ziel würde sie nichts mehr riskieren.
"Nennt mir Euren Namen!" verlangte Aresha.
"Lira'Nacshie Maranda, die letzte Kentari der Eryner. Frischt das deine Erinnerung auf?"
"Ich kenne den Klang Eures Namens…Woher kenne ich Eure Simme?"
"Wir dienten derselben Herrin, der einen Göttin."
"Ihr sprecht von Narea!" Aresha wurde aufgeregt. Der Priester wollte nur in Rätseln sprechen, jetzt aber hatte sie vielleicht die Gelegenheit, mehr herauszufinden.
"Ich kenne deine Vergangenheit, junger Engel. Ich kann dir helfen, deine Erinnerungen zurückzuerlangen. Doch zuerst müssen wir dafür sorgen, dass du dem schädlichen Einfluss dieses Priesters Hiob entkommst. Er will nichts Gutes mit euch, glaube mir!"
"Meine Herrin vertraut ihm." Ein dunkles Licht flackerte in den Augen des Engels auf. "Sie haben uns gehütet, warum sollte ich dem Priester und seinen Dienern misstrauen?"
"Er will euch für seine Pläne benutzen. Vertrau mir. In diesem Stadium ist euer Geist noch formbar. Wenn er euch jetzt unter seine Kontrolle bringt, dann werdet ihr nicht mehr von ihm loskommen! Du musst fliehen! Ohne dich hat er auch keine Macht über die anderen!"
"Gibt mir ein Zeichen dafür, dass ich dir vertrauen kann!"
Lira begann zu überlegen. Sollte sie ihr eines der geheimen Zeichen der Göttin zeigen? Nein, ihr fiel ein viel besserer Beweiß ihrer Loyalität ein.
"Du erinnerst dich an langes, rotes Haar, hab ich recht?" Die Augen des Engels weiteten sich. Das konnte sie unmöglich wissen! "Ich weiß, warum du diese Erinnerungen hast, und wer der junge Mann ist, den du im Zusammenhang mit dem Haar siehst." An Areshas Gesichtsausdruck erkannte Lira, dass sie ins Schwarze getroffen hatte.
„Mag sein, Ihr habt recht, aber deshalb bin ich nun wirklich nicht bereit, Euch zu vertrauen. Ihr müsst mir schon einen stichfesten Beweis liefern.“ Lira begann angestrengt zu überlegen. Was konnte sie dem Engel zeigen, damit er ihr vertraute? Dann kam ihr die Idee.
„Nun gut, ich sehe, du bist nicht sehr leicht zu überzeugen. Ich muss wohl andere Mittel anwenden…Folge meinen Anweisungen, ich führe dich zu den Gemächern eures edlen Hausherrn. Er hat bald eine Besprechung, deshalb sollten wir uns beeilen, damit du hörst, welche Pläne er mir euch hat.“
Unter Liras Führung gelangte der Engel sicher durch das Wirrwarr der Gänge des Klosters, immer weiter drangen sie in das Allerheiligste vor. Je höher sie kamen, desto weniger Schwestern und Priester kamen ihnen in den Weg, als sie die letzte Etage erreichten, sahen sie niemanden mehr. Aresha schritt leise und vorsichtig den langen Gang entlang. Der graue, kalte Stein gab ihr ein Gefühl der Sicherheit, denn mittlerweile war sie sich ganz und gar nicht mehr sicher, ob es klug gewesen war, der Stimme zu folgen. Immer öfter wurde ihr schwindelig, die Erinnerungen an ihr Leben und auch an ihr Sterben als Engel tanzen in ihrem Kopf einen flotten Walzer. Zusätzlich war da noch Liras drängende Simme, die nie still zu sein schien.
„Dort vorne, hinter der Ecke, sind Hiobs Gemächer. Er bespricht derzeit euer Schicksal…“ Liras Worte gingen unter, denn Aresha hörte nicht zu. Ihr war übel, alles drehte sich, und sie konnte sich nicht konzentrieren. Zu allem Überfluss hörte sie hinter sich auch noch näherkommende Schritte, die Lage konnte also nicht mehr schlechter werden.
„Verbirg dich hinter dem Vorhang dort an der Wand! Schnell! Sie dürfen dich nicht sehen!“
„Denkst Ihr wirklich, es fällt nicht auf, wenn ich mich hinter den Vorhang stelle?“ meinte der Engel gereizt.
„Tu was ich dir sage!“ Aresha seufzte. Sie würde viel zu erklären haben, wenn man sie hier erwischte, also war es einen Versuch wird. Mit eiligen Schritten brachte sie sich in Sicherheit. Als sie den schweren Brokatvorhang zur Seite zog, entdeckte sie einen Geheimgang, in den sie schnellstens huschte. Die Schritte gingen an ihrem Versteck vorbei, Aresha sank erleichtert zu Boden.
„Das war knapp. Und wie bitteschön soll ich denn in diesen Raum kommen, in dem die Besprechung abgehalten wird? Habt Ihr euch das auch schon mal überlegt?“
„Wer hat denn etwas davon gesagt, dass du in diesem Raum sein musst. Geh bis zum Ende dieses Ganges und pass auf, dass du keinen Lärm machst. Von hier aus dürftest du alles ganz gut mitverfolgen können.“ Aresha schlich langsam bis ans Ende und horchte dort. Tatsächlich hörte sie den Priester aufgeregt mit jemand reden.
„Wo bin ich hier?“
„Ein alter Teil des Dienstbotentrakts, der früher die Abkürzung für die Diener dargestellt hat. Heute sind diese Wege aber fast schon in Vergessenheit geraten.“
„Und dort ist…“
„Schhhh!“ unterbrach Lira den Engel „Hör zu, was sie reden!“
Hiob saß an seinem Schreibtisch und gestikulierte wird mit den Armen.
„Meint Ihr nicht, Herr, dass sie ein Risiko darstellt. Was, wenn sie sich an den Verrat erinnert und beginnt fragen zu stellen, ich kann nicht jede ihrer Ideen im Keim ersticken.“
„Du wirst es aber müssen. Ohne sie hast du keine Gewalt über die anderen. Sie ist die Heerführerin, ihr allein folgt die Armee und sie muss eben dir folgen, damit du sie alle in der Hand hast.“
„Ihr wisst genauso gut wie ich, dass Aresha’arim nur den einen Zweck verfolgt, ihre Herrin und Göttin Narea zu befreien und erneut an die Macht in dieser Ebene zu bringen. Wie soll ich sie bitte davon abbringen?“
„Hab keine Sorge, Hiob. Bereite sie nur gut vor, am Ende wird auch sie so wie du mir folgen. Nimm die Phiole da und verabreiche ihr dieses Mittel so bald wie möglich. Danach dürftest du keine Probleme haben, ihr alles so zu verdeutlichen, dass sie dich als ihren Herrn ansieht. Ihre Erinnerungen werden dadurch blockiert, sie wird nur das wissen, was du ihr erzählst.“
„Habt Dank, Mylord.“
„Wir werden uns schon bald wieder sehen.“ Die rätselhafte Gestalt schien den Raum zu verlassen, da eine Tür geöffnet und mit Schwung wieder geschlossen wurde. Hiob atmete hörbar aus.
Aresha lehnte an der Wand und traute ihren Ohren nicht mehr. Dieser verfluchte Priester hatte vor sie zu seiner Sklavin zu machen, diese Lira’Nacshie Maranda hatte ihr von Anfang an die Wahrheit gesagt. Wenn sie jetzt hier blieb, musste sie teuflisch auf der Hut sein um nicht doch auf irgendeine Weise dieses Serum abzubekommen.
"Wer...Mit wem hat Hiob gesprochen?" kam es dem Engel zögerlich über die Lippen.
"Tut mir leid, ich weiß es selbst nicht.Vertraust du mir jetzt?" Aresha seufzte und schien kurz zu überlegen. "Wohin soll ich gehen?"
"Zurück den Weg, den wir gekommen sich. Wenn dich am Hof draußen jemand fragt, dann sag ihm, du würdest einen kleinen Spaziergang machen. Überquere den Hof und geh zu den alten Ruinen. Durch einen getarnten Durchgang kommst du zu einer Treppe, die tief nach unten führt. In der kleinen Halle, die dort anschließt, wartet mein Diener Elion auf dich. Beeil dich, das Tor kann ich nur während Sonnenaufgang öffnen. Sage zu niemanden ein Wort was du vorhast, hörst du! Du würdest damit nicht nur dich, sondern auch mich verraten! Ich erwarte dich hier an meiner Seite, in einer Stunde."
"Ich beeile mich." Aresha verließ die Halle.
"Endlich…" Lira lächelte triumphierend. Endlich lief alles so, wie sie es sich wünschte.
Eine Stunde später kehrte Elion in Begleitung des Engels in die Halle zurück. Lira hatte seit Jahrhunderten keinen Engel mehr gesehen und war mehr als begeistert von dem Auftreten Areshas.
"Herzlich Willkommen in meinem bescheidenen Gefängnis. Geh und bring uns etwas zu trinken, Elion, es wird ein langes Gespräch werden."
"Lira'Nacshie Maranda. Ich erinnere mich nun vollends an mein früheres Leben. Und ich erinnere mich auch daran, wer du bist.“
„Tatsächlich?“
„Du warst die Geliebte von Varnards Avatar Argus, nicht?"
"Ich war verliebt, doch ich nie wurde ich geliebt. Das ist ein Unterschied."
"Vorweg möchte ich euch fragen, was die Erinnerungen an mein menschliches Leben für einen Preis haben. Damals habt ihr mir auch nicht ohne eine Gegenleistung die Schwäche Arugus verraten, ich denke nicht, dass euch Jahrhunderte in Gefangenschaft geändert haben." Lira lächelte, doch das Lächeln war nichts als eine Fassade.
"Deine Erinnerung an dein Leben als Aresha'arim sind ja schon fast wieder hergestellt…" bemerkte Lira nebenbei. "Meine Freiheit ist der Preis. Ich kann hier nicht weg und niemand bisher konnte mir den Schlüssel bringen. Du bist jedoch nicht an mich gebunden und kannst dich mit ein bisschen Magie frei bewegen."
Aresha nickte. "Ich verstehe. Der Schlüssel besteht aus Magie, wenn ich richtig liege."
"Genau, und mein Wächter träg ihn in sich. Töte ihn und bring mir den Schlüssel als Gegenleistung für deine Erinnerung!"
"Ein fairer Handel…" stimmte Aresha nickend zu.
Geändert von Alexiel (07.03.2003 um 00:22 Uhr)
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