Jermaine Clayton

Malkavianer... bah, wie ich sie hasse. Ich begann sie zu hassen, als ich das erste mal einem über den Weg gelaufen war. Schon mal einen Vampir gesehen, der mit einem Baumstamm redet? Nein? Nun... ich kann nur sagen, dass dieser Anblick äußerst lächerlich ist. Hassen ist wohl die falsche Bezeichnung dafür, doch bin ich wirklich nicht gern in ihrer Umgebung. Und ganz besonders: Ich spreche nicht gerne mit ihnen, da sie fast die ganze Zeit über nur irgendeinen Müll von sich geben. Dementsprechend glücklich war ich darüber, dass Jeanette sich zu uns gesellt hatte. Blondes Haar, zu Zöpfen gebunden, die seitlich von ihrem Kopf herab hingen und ein geschminktes Gesicht. Sie selbst hielt sich für unwiderstehlich, aber in meinen Augen war sie nichts als hässlich. Die Mitleidstour, okay, die hatte sie wirklich perfekt drauf, aber sonst...
Jeanette legte eine Hand auf die Schulter Ethans und betrachtete ihn eingehend. Dieser Blick gefiel mir überhaupt nicht.
„Nimm deine Pfoten von ihm, Jeanette“, meinte ich in ruhigem Tonfall, so wie ich meistens sprach, „ich habe ihn bestimmt nicht her gebracht, damit du ihn mit deinem Psycho-Gequatsche verdrehen kannst.“
Die Malkavianerin ließ von Ethan ab und stemmte die Arme in die Hüften, beugte ihren Rücken leicht durch und machte einen Schmollmund. „Ist der kleine Jermaine etwa beleidigt?“
„Halt die Klappe.“ Mehr viel mir nicht ein. Ich konnte diese Frau nicht leiden. Therese besaß wenigstens noch ein wenig von dem, was die Sethskinder einen gesunden Menschenverstand nannten. Und obwohl sie eine Kratzbürste war, war mir ihre Anwesenheit lieber als die Jeanettes. Jeanette war nicht dumm, das möchte ich nicht einmal behaupten, aber in meinen Augen waren sie und Therese schon etwas zu „normal“ für Malkavianer. Und alle Mitglieder dieses Clans könnten perfekt unter der Bezeichnung „Spinner“ reklamieren. Die Schwestern machten da bestimmt keine Ausnahme, in irgendeiner Weise mussten sie einfach verrückt sein. Es sollte mich einen Dreck scheren. Hauptsache, Jeanette ließ Ethan in Ruhe. Aber wie nicht anders zu erwarten tat sie das nicht.
„Ist da also ein frisches, kleines Küken aus dem Ei geschlüpft und hat sich in die Menge der Untoten gemischt? Süßer, ich könnte dir ein paar Geheimnisse verraten, wenn du sie gern wissen willst...“ Sie grinste. „Na? Habe ich dich neugierig gemacht, mein kleiner Frischling?“
Ethan wollte tatsächlich etwas antworten, aber ich sah schon, worauf das Ganze hinauslaufen würde: Jeanette war im Begriff, herauszuposaunen, wie es den Vorgängern des Jungen ergangen war. Meine Güte – was machten eigentlich immer alle einen Wirbel darum, wenn ein Küken mal nicht so ganz mit seinem Unleben klar kam? Ich nenne das Pech. Ich hatte mir eben die falschen Kinder Seth’ ausgesucht, um sie auf die andere Seite zu ziehen. Jeder macht mal Fehler, oder? Und mit Ethan hatte ich bestimmt keinen weiteren gemacht. Er lernte begierig, wollte immer mehr wissen, stellte Fragen um Fragen um Fragen. Einfach wunderbar. Es störte mich zwar schon ein wenig, dass er oftmals in Gedanken versank und meinen Worten keine Aufmerksamkeit mehr schenkte, aber das fiel nicht weiter ins Gewicht. Wieso musste jetzt Jeanette daher kommen und sich anmaßen, mir alles kaputt zu machen? Ich legte Ethan eine Hand über den Mund.
„Nein, Ethan. Lass’ es“, sagte ich herrisch. Dann, etwas leiser, sodass kein Sterblicher mithören konnte: „Sie gehört dem Clan der Malkavianer an, die man einfach mit dem Wort Spinner umschreiben kann. Sie sind verrückt – ausnahmslos. Die Metamorphose in einen Vampir hat ihren Verstand angegriffen. Man spricht am besten nicht mit ihnen.“
Jeanette wollte meine Worte mit Hohn überziehen, doch bevor sie etwas sagen konnte, hatte ich meine Hand von Ethan fortgezogen und sie ihr über den Mund gelegt. Sie war nicht verwirrt, und wenn doch, dann ließ sie es sich nicht anmerken und grinste nur. Tja, das war ich nun einmal, wie sie mich kannte.
„Ach was!“, kam es plötzlich von Ethan, „sie scheint mir überhaupt nicht verrückt zu sein. Du musst dich bestimmt irren.“
„Tse...“ Es war unfassbar. Aber was hatte ich schon erwartet? Ethan war ein blutjunger Vampir, ein Küken. Er war noch nie in Berührung mit dem Wahnsinn der Malkavianer gekommen. Ich war sein Lehrer, aber es gehörte nicht zu meinen Aufgaben, ihn vor Fehlern im zwischenvampirischen Bereich zu bewahren. Sollte er ihr doch in die Arme rennen. Es hatte keinen Sinn, noch weiter zu sprechen. Ethan konnte ein rechter Dickkopf sein.
Ich erhob mich und verließ wortlos das Asylum. Hauptsache, er kam nach Hause, mehr wollte ich gar nicht. Denn morgen musste ich ihn dem Prinzen vorstellen. Es war spät genug dafür. Die frische Nachtluft tat mir gut. Selbst der laute Verkehr auf den Straßen störte mich nicht mehr. Und der Durst zerrte an meiner Brust. Es war nun auch für mich Zeit, diesem Verlangen nachzukommen.

Aber was konnte ich anschließend tun? Die Nacht war noch jung und ich machte mir Sorgen um Ethan. Ans Schlafen gehen war also nicht zu denken.
Ich entschied, dem Tremere Max einen Besuch abzustatten.