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Abenteurer
Balmora / Tempel
„Weglaufen, ja?“, schickte Kurenai ihm einen letzten Gedanken. „So gut, wie du das machst, hast du das bestimmt schon immer gut drauf gehabt. Wie wir beide wissen, sind deine animalischen Instinkte in jeder Hinsicht besser ausgereift als dein dagegen minderwertiger Verstand.“ Der Mischling hoffte, die Worte würden ihn treffen, seinen Stolz ankratzen. Vielleicht taten sie das auch, aber die Worte waren von ihr gesprochen worden. Blieb also abzuwarten, welche Wirkung sie hatten. Vielleicht würde sie es auch niemals heraus finden. Aber das war jawohl egal, oder? Dass er jetzt schon wieder humpeln konnte, ließ Kurenai den Schluss ziehen, dass er die bestmögliche Behandlung genossen hatte. Das wiederum musste bedeuten, dass er Geld hatte. Und wenn er Geld hatte, dann konnte es ihr schnuppe sein, dass er einfach so vor ihr davon lief. Sie würde ihn eh finden. Reiche Leute fand man auf irgendeine Weise immer wieder, denn im Mund des gemeinen Volkes war immer das ein oder andere Gerücht zu finden.
Verwirrt blickte der Tempelpriester zu ihr hinüber und zuckte mit den Schultern, als hätte er keine Ahnung, was tun. „Hol mich aus dem Bett!“, wollte Kurenai schreien. Wenn sie ihm jetzt folgte, wäre das besser, als ihn suchen zu müssen. Aber sie besann sich eines Besseren. Bei ihm sein würde sie immer. Und sie würde ihn spüren lassen, dass sie ihm auf den Fersen war. Ein bisschen Angst – das hatte er einfach verdient. Sie winkte mit einer Geste ab, die so viel bedeutet, dass sie sich in ihrem Krankenbett recht wohl fühle und auch nicht vorhatte, es sobald zu verlassen. Wieder zuckte der Priester mit den Schultern und schickte scheinbar seine Diener, dem Humpelnden zu helfen. Den Anblick hätte Kurenai gerne gesehen, wie der von Schmerz, Angst und Verzweiflung gebeutelte Rothwardon halbwegs aus dem Tempel kroch, um ihr zu entgehen. Das musste ein Anblick sein.
Kurenai blieb still liegen und wartete ab, was passierte. Dann kam der Tempelpriester zu ihr rein.
„Entschuldigt bitte... ich verstehe nicht ganz...“, setzte er dann, hielt aber inne. Er hatte die Frau untersucht und ihm war sehr wohl bewusst, dass sie nicht sprechen konnte. Irgendwelche Erklärungen zu fordern war daher völlig sinnlos. „Also... Euer Begleiter hat sich kurzerhand... abgesetzt, möchte ich fast sagen.“
Als er sah, dass die Frau ihm eine Frage stellen wurde, ließ er Zettel, Feder und Tintenglas heran schaffen und es ihr in die Hand drücken. Sie schrieb ein paar Worte darauf und zeigte es ihm: Wer war dieser Mann?
Der Priester verstand nicht. Nun, er hatte sie auch für die Begleiterin des Rothwardonen gehalten, woher konnte er da wissen, dass sie dessen Identität nicht bewusst war? Er grübelte kurz nach, entschloss sich dann aber, einfach zu antworten und die Sache nicht länger so schwer zu nehmen.
„Deregar Ragnar, der Gildenmeister der Kriegergilde. Also, meine Dame – Ihr müsst doch von ihm gehört haben!“
Der Name brannte sich in Kurenais Gehirn. Was der Mann hier nicht sagte – ein Gildenmeister war dieser Irre also. Das kam überraschend. Wie konnte solch ein Tier eine Gilde führen? Das war schon verwunderlich. Aber, in Ordnung... Kriegergilde. Deregar war ein Krieger, das war nicht zu verhehlen. So, wie er es geschafft hatte, sie zu zurichten, auch ein ziemlich guter. Dennoch wollte der Gedanke einfach nicht in das Hirn des Mischlings. So wie sie Deregar kennen gelernt hatte, besaß er keines Falls die Geschmeidigkeit und Eleganz eines überragenden Mitgliedes der Kriegergilde, sodass es ihm möglich sein konnte, Gildenmeister zu sein. Kurenai brachte seine Art zu Kämpfen eher mit der Wucht eines Schlachtschiffes in Verbindung.
Die Welt war schon ein merkwürdiger Ort...
Nachdem der Priester sie allein gelassen hatte, lag Kurenai noch eine Weile so herum, bevor sie eine Entscheidung ins Auge fasste. Sie wollte nicht länger hier bleiben, das war verschwendete Zeit. Jeden Tag hatte sie am Bett Deregars gesessen und manchmal auch nur aus dem Grund, ihm beim Schlafen zu beobachten. Das waren die einzigen Momente, in denen sie zu zweifeln begonnen hatte. Der Mann – in ihren Augen eigentlich ein Monster – hatte so unschuldig ausgesehen, so hilflos und zerbrechlich. Aber auch nur im Schlaf. Der Ausdruck in seinen Augen, wenn er aufgewacht war und sie entdeckt und erkannte hatte, war Gold wert gewesen. Er konnte sich nicht bewegen, sie schon. Das war ihr Vorteil gewesen. Und das war ihm augenscheinlich auch nicht entgangen. Der gehetzte Blick... es hatte die Mischlingsfrau amüsiert. Doch noch etwas anderes hatte aus seinen Augen gesprochen. Sie konnte es nicht genau beschreiben, doch wenn er nur mit den Lidern gezuckt hatte, hatte sie sofort wieder gewusst, dass dieser Mann getötet werden musste.
Kurenai erhob sich schwerfällig und nahm sich selbst die Verbände ab. Auf dem Körper zeichnete sich die Erinnerung an den Kampf mit Deregar ab. Kleine Kratzer, Platzwunden, aufgescheuerte, rote Stellen, Schnitte... aber die verheilten. Ebenso wie ihr Gesicht heilen würden. Die Haut um das rechte Auge war noch angeschwollen, sie konnte kaum da durch gucken. In der Unterlippe war ein Ziehen, sie war aufgesprungen. Oh man... wie hatte sie sich nur zu einem solch vernichtenden Kampf hinreißen lassen können? Das war doch verrückt.
Mit vorsichtigen Schritten tapste sie zu dem Spiegel, den man erst vor kurzem hier aufgestellt hatte, nahm einen der übrig gebliebenen Pfeile zur Hand und fragte sich nun, wieso sie nicht einfach aus der Ferne auf ihn geschossen hatte, anstatt hinterher zu rennen und sich direkt mit ihm anzulegen. Die Frau brach ein ganzes Stück ab, bis sie nur noch den eisernen Kopf des Pfeils an einem Hölzchen in der Hand hielt. Damit fuhr sie zu ihrem Auge und schnitt vorsichtig die Schwellung auf. Es blutete und brannte wie Feuer, doch sie machte weiter, bis das letzte bisschen Flüssigkeit den Weg durch die kleine Schnittwunde gefunden hatte. Eine andere Art, eine Schwellung „abzuheilen“, wenn man gerade weniger Zeit hatte und beide Augen brauchte. Hoffentlich eiterte die Wunde nicht allzu sehr...
Kurenai entledigte sich des leichten Gewandes, welches man ihr statt ihrer Rüstung und der üblichen Kleidung übergezogen hatte. Sie suchte ihre eigenen Sachen heraus, zog sie über und zog die schwarze Kapuze des Umhanges tief in ihre Stirn.
Die Rüstung war schwer. Die Frau konnte gar nicht fassen, dass sie mit diesem Ding überhaupt hatte gerade stehen können. Ein weiterer Schritt zur körperlichen Heilung: Das Geschehene akzeptieren, es als gegeben hinnehmen, und so bald wie möglich in die Realität zurückkehren. Und dabei war es vollkommen egal, dass Deregar verschwunden war. Ihre Wege würden sich abermals kreuzen. Aber vorerst musste sie fachgerechte Heilung erfahren.
Sie hatte einen Freund bei der Geisterpforte... dort wollte sie hingehen.
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