Verloren. Ganz und gar in sich verloren. War er vom Wahnsinn verzehrt worden oder war es er der ihn verzehrte? Verlangte er nach dem Redguard oder der Redguard nach ihm?
Wer war er überhaupt?
Er war ein Redguard adeligen Blutes. Er war beliebt unter Seinesgleichen, stolz auf seine Herkunft und sein Vaterland. Er hegte einen unbändigen Hass gegen die Imperialen, die seine Heimat ihr Eigen nannten und seine Brüder und Schwestern knechtete. Er sehnte sich nach der vollkommenen Freiheit, die sein Volk immer wieder aufs Neue anpriesen. Er führte eine Rebellion gegen jene, die ihn diese zu nehmen wagten.
Und er verlor. Er verlor seine Heimat, seine Frau, sein früheres Leben und seine Freiheit.
Er war nun der Guildmaster der Fighters Guild. Er liebte das Geld und den Reichtum und sehnte die Rückkehr in sein Heimatland herbei.
Er war ein Mann, mit dunkelbrauner Hautfarbe, grünen Augen und einer freien Seele.
Er war ein Redguard.
Aber wer war er...wirklich?
"Schlaft nun."
Schlafen...? Schlafen und Vergessen. Gehen lassen...alles einfach verschwinden lassen.
Das knacken einer Tür war zu hören. Sie öffnete sich. Sie schloss sich. Ein leises, undefinierbares Geräusch ertönte. Sie war geschlossen. Die Gestalt war verschwunden. Die Gestalt, die er für all das verantwortlich machte, nein, die für all das verantwortlich war.
Mit leeren Augen starrte er auf die hölzerne Tür. Still schweigend saß sie in ihrem Schloss. Sie schien alt. Er war sich nicht sicher wie er zu der Annahme kam. Sie schien eben einfach alt. Erst recht als sie anfing zu einem schweren Klopfen zu vibrieren. Es schien als würde sie jederzeit zerbrechen, doch sie hielt den immer heftigeren Schlägen stand. Schreie einer Person erklangen am anderen Ende. Schmerzenschreie. Doch die Person hielt nicht ein. Sie schlug immer weiter auf das alte Holz ein. Er war sich sicher dass die Tür in wenigen Sekunden aus ihren Verankerungen brechen würde, als ein leises Knacken ertönte und für einen Moment die Schläge einhielten. Der Anblick des unbeschädigten Holzes ließ Deregar den Schmerz geradezu spüren. Die Person musste sich etwas gebrochen haben, die Tür stand noch. Erneut hämmerte es gegen das Holz, noch vehementer als zuvor. Erneut ertönte ein Knacken. Erneut fielen die Schläge gegen die Tür stärker aus als davor. Er hoffte innerlich dass das Holz auch weiterhin standhalten würde. Er wollte die Gestalt am anderen Ende nicht sehen. Ja, er fürchtete sich vor ihr.
Ein lauter Knall nahm ihm all seine Sinne. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf den türlosen Eingang. Sein Blick viel auf das Blutverschmierte Gesicht des Wahnsinns. Seine milchig weißen Augen, sein verzerrtes Grinsen, sein zitternder Leib. Er sah sich selbst blutend vor der niedergerissenen Tür stehend.
War es das, was er wirklich war?
Ein lauter Schrei ließ ihn erwachen. Zumindest musste er geschlafen haben. Die Tür stand noch. Wenig später kam ein mehr oder weniger aufgebrachter Tempelpriester in sein Zimmer und betrachtete den aufrecht sitzenden Söldner mit erstaunen. Rasch rief er einige weitere Ordensmänner herbei, die mit neuen Bandagen und dergleichen herbeigeeilt kamen.
Müde sah er den Männern bei ihrer Arbeit zu ehe er ihn mit einem etwas lauterem, forschen Ton Einhalt gebot. Entsetzen und Empörung strömten auf ihn ein.
"Es gibt doch sicherlich einen schnelleren Weg um mich wieder heile zu machen. Heiltränke zum Beispiel. Bringt mir ein halbes Dutzend eurer besten und teuersten, das sollte doch schon etwas helfen."
Der Priester sah den Redguard forschend an.
"Ich kann mir kaum vorstellen, dass ihr das Geld dafür habt. Seid froh dass wir euch überhaupt aufgenommen haben!"
"Habt ihr schon mal den Namen Deregar Ragnar gehört?"
"Was für eine dumme Frage. Er hat ein Gildenhaus direkt in der Nachbarschaft, wie soll ich noch nicht von ihm gehört haben."
"Würdet ihr dann so freundlich sein, ihm ein halbes Dutzend eurer besten Heiltränke zukommen zu lassen?"
Der Glaubensmann musterte ihn misstrauisch bis er scheinbar etwas Markantes an ihm wieder erkannt hatte. Eine entschuldigende Gebärde und einige Anweisungen an seine Glaubensbrüder später wurden ihm die viel versprechenden Heilsbringer an sein Bett gebracht. Eine Flasche nach der anderen kippte er in sich hinein, bis ihm von dem Kräutergeschmack gänzlich übel wurde und er die sechste Flasche beiseite legte. Die Wirkung, so hatte man ihn erklärt, beschränkte sich vorerst nur auf die Grobe Heilung und Schmerzlinderung. Bei solch starken Wunden, wie sie der Söldner davon trug, wurde der eigentliche Heilprozess lediglich vorangetrieben.
"Ich danke euch. Die Fighters Guild wird zum Dank dem Tempel eine großzügige Spende entgegenkommen lassen."
Der Priester grinste breit und versuchte den Redguard dazu zu überreden, noch einige Tage im Tempel zu bleiben, doch er war entschlossen schnellstmöglich zu verschwinden. Zu viel hatte in letzter Zeit verrückt gespielt, zu viel war schlichtweg falsch gelaufen. Er musste versuchen wieder Ordnung in seinem unkontrollierten Verhalten zu schaffen.
Wenn er sein Leben nicht gänzlich verwerfen wollte, dann musste er sich erst um die Sachen kümmern, die ihm wichtig waren und erst dann um sich selbst.
Solange er ein Schwert in der Hand hielt konnte er von Nutzen sein. Er konnte nur hoffen das er dem Rausch nicht ein weiteres mal verfiel, nein, vielmehr das er dem, was danach auf ihn zukam nicht ein weiteres Mal verfiel.
Der Tempel ließ ihn eine Stütze in Form eines günstig geformten Wanderstocks zukommen und geleitete ihn vorsichtig durch den Tempel. Er kam an diverse "Krankenzimmer" vorbei in denen einige Bewohner Balmoras gegen allerhand Krankheiten ankämpften. Doch unter all den Kranken befand sich lediglich eine Verletzte. Ihr von Bandagen bedeckter Leib ließ ihn kaum etwas von der Person dahinter erkennen, doch allein der starre, auf ihn gerichtete Blick, ließ keinen Zweifel darüber offen, das es sich dabei um die Mischlingsfrau handelte. Sein Herz fing an zu rasen und ermahnte ihn das Gleiche zu tun, doch er erwiderte lediglich ihren Blick.
Ein Krüppel kam nicht gegen sie an. Nicht einmal mit einem Schwert in der Hand.
Die kleine Tempelschar schien den Blickaustausch bemerkt zu haben und hielt Inne. Der Priester klatschte in die Hände und wies seinen Dienern etwas an, worauf sie in ihr Zimmer eilten.
"Ahh...eure Begleiterin. Wir werden uns sogleich um sie kümmern, damit sie euch auch weiterhin begleiten kann."
Als der alte Dunmer sich jedoch zu dem Redguard umdrehte, blickte er ins Leere. Verwundert sah er sich um, ehe er Deregar aus dem zerstörten Tempeleingang humpeln sah.