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Abenteurer
Irgendwo bei Pelagiad
Mit leerem Kopf betrachtete Kurenai das sinnlose Ringen des Rothwardonen um sein armseliges Leben. Was war es nur, das ihn dazu bewegte, seinen Hass auf sie zu nähren, den Flammen in seinem Herzen neues Futter vorzuwerfen und ein weiteres Mal den Versuch zu starten, die Stumme zu vernichten, obgleich er längst am Ende seiner Kräfte angelangt war? Die Frau selbst bewegte sich kaum. Umso mehr sie sich bewegte, desto erschöpfter wurde ihr Körper. Ohnmächtig zu werden konnte sie sich in ihrer gegenwärtigen Lage einfach nicht leisten. Falls sie nicht einfach verblutete… wer wusste schon, was dieser Rothwardon noch an Kraftreserven aufbringen konnte? Geschweige denn, was er unter diesen Umständen dann mit ihr anstellen würde? Wie immer galt es, einen kühlen Kopf zu behalten. Bei diesen pochenden Schmerzen, welcher unter der Schädeldecke zu liegen schien, noch einen klaren Gedanken zu finden, war kein sonderlich leichtes Unterfangen, aber wenn sie hier nicht drauf gehen wollte – und das wollte sie wirklich nicht – musste sie sich an dieses kleine Gebot halten. Nach Pelagiad zurück zu kehren war völlig undenkbar. Dank dem letzten Ausraster des Rothwardonen konnten die beiden sich dort schlecht noch einmal blicken lassen. Wenn man es so betrachtete, konnten sie sich ohnehin in keine Stadt mehr trauen ohne Gefahr zu laufen, von den dortigen Wachen ums Leben gebracht zu werden. Verdammt, hätte er nicht ein wenig unauffälliger sein können? Auf diese Art und Weise hatten sie nun überall Feinde, egal wo sie hingingen. Wer war er überhaupt, dieser namenlose Mann, welcher so kopflos einen Kampf gegen sie und die Wachen ausgetragen hatte? Dieser Schatten des Wahnsinns über seinen Augen hatte seine Waffe eine tiefe Schneise in die Reihe der Gegner fahren lassen. Doch wie Kurenai ihn so beobachtete, schien er langsam zu verschwinden. Ganz verblasste er nicht, die Stumme meinte einen Hauch von Nichts in seinem Blick zu erkennen. Doch beherrschend war er nicht. Furcht? Die Frau war beinahe belustigt, als sie darüber nachdachte, dass dieser Mann dort Angst vor dem Tod haben sollte. Ein solch irrsinniger Schlächter und Angst vor dem Tod? Eine verwundete Bestie verschwendet keinen Gedanken an den Tod. Sie greift an mit doppelter Kraft, ohne zu wissen, dass sie sterben wird. Oder schlummerte tief im Inneren dieses Monstrums doch das Herz eines normalen, vielleicht gar liebevollen, freundlichen und zuvorkommenden Mannes? Sie konnte es sich nicht vorstellen. Nein, sie wollte es nicht. Er durfte keine gute Seite an sich haben. In ihrer Welt existierte er als eine rücksichtslose, erbärmliche Kreatur ohne jedwede Daseinsberechtigung. Er und sie waren der Abschaum dieser Welt. Ein schönes Paar gaben sie doch ab, diese seelisch Zerstörten, wie sie dort auf dem Boden lagen und einander noch in Gedanken bekämpften, wo ihre körperlichen Kräfte längst versiegt waren. Ist es nicht komisch?, fragte sie sich, wir spüren den Tod auf leisen Sohlen in unsere Richtung schleichen, wir Lebenden, und genau dies ist der Moment, in dem wir den krankhaften Wunsch verspüren, so viele Leben wir möglich mit uns zu reißen. Sollte dies Kurenais letzte Stunde sein, so wollte sie nicht ohne ihn gehen. Wenn sie starb, musste auch er sterben. Und wenn er starb, dann wollte sie nicht mehr leben. Er hatte ihrem Leben einen Sinn gegeben: An seiner Seite zu stehen und einen Kampf auf Leben und Tod gegen ihn auszufechten, sollte der rechte Zeitpunkt gekommen sein. Selbst dem Tod wollte sie es nicht erlauben, dieser ihrer Planung im Wege zu stehen.
Krampfhaft presste sie die blutroten Unterzähne auf die oberen, versuchte hierdurch neue Kraft, geboren aus dem Schmerz heraus, zu finden. Wenn sie erst einmal saß, konnte sie eine weitere Pause einlegen und darüber nachdenken, wie vorzugehen war. Gleich einer schleichenden Krankheit bahnte sich die Ohnmacht ihren Weg ins Kurenais Bewusstsein. Die Umgebung wurde dunkler, weiße Pünktchen tanzten vor ihren Augen. Es dauerte nicht mehr lange und sie würde zusammen brechen. Und wenn dies geschah, dem war sie sich sicher, würde sie nie wieder erwachen.
Komm schon… nur noch ein kleines bisschen. Beweg deinen faulen Hintern und setz dich auf. So schwer kann das doch nicht sein! Wenn du jetzt nicht handelst, werdet ihr beide sterben. Du bist eine Niete. Mach endlich. Oder willst du lieber tatenlos hier herum liegen und verrecken? Das passt zu einem feigen Mischlingsweib wie dir. Versteckst dich hinter einer Maske der Rechtschaffenheit und weißt doch selbst, was für ein verdorbenes Biest du bist. Hast du die Augen der Elfe gesehen, die deine Wunden versorgte? Sie hat das wahre Gesicht hinter dieser Fassade gesehen. Und der Rothwardon auch. Sie alle hassen dich für das, was du bist. Nein, sie hassen dich einfach nur dafür, dass du überhaupt existierst. Eine ekelerregende Kreatur wie dich dürfte es nicht geben. Und alle wissen das und trachten dir nach dem Leben. Schon mal darüber nachgedacht, dass deine Schönheit nicht der Spiegel deiner Seele ist? Schau tief in dich hinein und du wirst ein altersschwaches, nicht lebensfähiges Etwas sehen, entstellt und verkrüppelt. Ja, das bist du!
Die Stumme stachelte sich selbst an. Sie brachte ihren Geist dazu, all die hässlichen Gedanken, die sie über sich selbst hegte, in ihr Bewusstsein zu spucken. Sie hasste sich, sie hasste ihr verdammtes Leben.
Aber sie konnte jetzt nicht einfach sterben. Nein, sie durfte nicht sterben. Sollte denn ihr Leben auf diese Weise und gar so schnell ein Ende finden? Nur schwerlich und unter größten Anstrengungen schaffte sie es, sich aufzusetzen, kreuzte schließlich, als sie es geschafft hatte, die Beine übereinander und schlang die Arme um ihren Körper. Die Person, die sich dort befand, war nicht mehr als ein Häufchen Elend, ein Schatten ihrer selbst. Langsam klang das Stechen in ihren Gliedern ab und sie nahm sich die Zeit, den Rothwardon etwas genauer zu betrachten. Seine muskulösen Arme waren mit Stofffetzen abgebunden. Im Endeffekt hatte der Idiot sich selbst die schlimmsten Wunden zugefügt. Sie lehnte sich an seinen liegenden Körper und bettete bewusst ihren rechten Ellenbogen auf die Fleischwunde an seinem Rücken. Er sollte ruhig noch ein wenig leiden. Nicht sterben, aber das Quälen ließ sie sich nicht nehmen.
„Ich sagte dir doch“, schickte sie ihm ihre Gedanken, „dass du mich nicht einfach los wirst. Tritt’ und schlag’ mich ruhig, das macht mir nichts aus. Ich bin’s gewohnt. Aber umbringen wirst du mich nicht. Das wär selbst für dich etwas hinterhältig, was?“ Ein kurzweiliges Lächeln zuckte über ihre Lippen, gefolgt von einem weiteren, kleinen Rinnsal Blut aus ihrem rechten Mundwinkel. Lange würde sie es nicht mehr machen. „Lass’ uns doch mal überlegen, wie wir das hier schaffen können. Ich bin fix und fertig. Wir werden sterben, weißt du?“ Er antwortete nicht, bewegte sich nicht. Doch… Als Kurenai seine rechte Hand betrachtete, zuckte diese gefährlich als wolle er erneut seine Kräfte sammeln. Seine wirklich letzten, unwiderherstellbaren Reserven. Oder irrte sie? Kleiner Dreckskerl. Merkst du denn nicht, wann es vorbei ist? Überleg’ lieber mal, in was für einer Situation du dich befindest. Ich könnte dir mein Schwert in den Rücken rammen und dein Leben beenden. Du würdest einsam sterben in dieser Wildnis und niemand würde sich deiner erinnern. Wäre dir das wirklich lieber? Tse… wieder dieses flüchtige Lächeln. Vergänglich wie das kurze Aufblühen einer zarten, schwarzen Knospe. Genauso schnell wie beim ersten Mal war es bereits wieder erloschen. An seine Stelle trat Wut. Sie brauchte sie, die Wut. Nein, nicht die Wut an sich – sie brauchte ihre Gefühle. Immer hatte sie sie versteckt aus Angst, in sich selbst das zu sehen, was sie war. Doch sie waren wichtig geworden. Wie sollte eine gefühllose Puppe hassen können? Und hassen musste sie, wenn ihr Leben weiterhin einen Sinn behalten sollte. Ansonsten wäre ihr das eigene Leben egal. Ansonsten wäre ihr das seine egal. Irgendwie musste sie es schaffen, sich selbst wie auch den Rothwardonen zum nächstgelegenen Tempel zu schaffen. Almsivi Intervention… ein einfacher Zauber. Er frisst kaum Mana und bringt einen an das gewünschte Ziel. Ob sie ihn auch überlebte, war eine völlig andere Frage. Aber wenn sie erstmal beim Tempel waren… Noch konnte die Kunde, dass der Rothwardon gar so viele imperiale Soldaten in den Tod geschickt hatte, nicht weit gereicht sein. Noch hatten sie eine fünfzig zu fünfzig Chance, lebend dort anzukommen und nicht gleich getötet zu werden. Noch… konnte sie die Kraft aufbringen, gleich zwei Personen zum Tempel zu teleportieren?
Darüber nachzudenken hatte sie nun keine Zeit.
„Zum nächsten Tempel?“, fragte sie ihn, wusste aber gleich, dass sie keine Antwort erhalten würde. Worte zu denken war einfacher als sie auszusprechen. Und es sparte Kraft. „Ich sehe dein Schweigen einfach mal als ein Ja an. Etwas Besseres fällt mir nämlich eh nicht ein.“ Sie tätschelte ihm den Rücken, dieses Mal nicht die Wunde. Es reichte einfach. Noch ein wenig mehr Erniedrigung und er würde sich wahrscheinlich genötigt fühlen, ihr zu zeigen, wie man einen Menschen das Fürchten lehrte.
Die Gedanken der Frau konzentrierten sich auf eine einzige Sache – den Zauber zu formen. Formeln konnte man erdenken, man brauchte keine Stimme, um sie zu sprechen. Das war ihr großes Glück. Wäre es anders gewesen, hätte sie zum ersten Mal ihre Entscheidung bereut, sich selbst die Stimme genommen zu haben.
Du stirbst mir nicht so einfach davon, darauf kannst du wetten, waren ihre letzten hasserfüllten Gedanken, bevor sie den Zauber wirkte und die beiden Gestalten in gleißendem Licht erstrahlten.
Zurück blieb nur der seichte Wind, welcher über noch warmes Blut auf dem Erdboden strich.
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