Kurenai setzte sich auf und lehnte ihren schmerzenden Körper gegen eine Wand. In ihrem Blick lag Leere, doch tief in ihr drin kochte es. Sie hatte sich auf das Sterben vorbereitet, ihren eigenen Tod akzeptiert, und dann ging einfach diese Frau dazwischen und lenkte den Rothwardon von seiner eigentlich Arbeit ab: Das Erschlagen Kurenais. Das war einfach nicht fair. Ja, ihre Anschauungen mochten verrückt klingen, aber dies hier war bis eben noch ein Zweikampf zwischen vollkommen Fremden gewesen. Und nun wagten es drei eigentlich Unbeteiligte, sich einzumischen. Einer von ihnen, ein Dunmer, stand am Rande des Geschehens und betrachtete die Hochelfin, welche sich durch wendige Eleganz dem Kontrahenten gegenüber behauptete. Vorerst benötigte sie keine Hilfe, das war offensichtlich. Und noch ein weiterer Dunmer war in den Raum getreten. Kurenai kannte ihn. Er sah immer noch genauso erbärmlich aus wie damals, als sie ihn hatte entkommen lassen. Oder war er ihr unter der gezogenen Klinge hindurch entwischt? Die Stumme erinnerte sich nicht. Sie wollte es auch gar nicht, denn der Mann war ihr vollkommen egal. Mit dem rechten Daumen wischte sie sich ein wenig Blut vom Mundwinkel und betrachtete es versonnen. Sie musste vielleicht aussehen… Wie ein geschlagener Köter mit eingezogenem Schwanz. Morgen würde ihr Gesicht grün und blau gefärbt sein. Die Farbe Schwarz gefiel ihr eigentlich besser, aber wahrscheinlich würde auch dieser Ton sich zu den anderen gesellen. Eine Platzwunde am Kopf bereitete ihr höllische Kopfschmerzen, jede einzelne Extremität war leicht taub geworden. Uninteressant.
Ihr Blick schwenkte in Richtung der Dielen, betrachtete eingehend jede einzelne Rille und Unregelmäßigkeit im Holz. Schließlich war sie bei ihrem Ebenerzschwert angelangt. Es lag vielleicht nicht direkt griffbereit, aber es sollte ebenfalls keiner großen Anstrengung bedürfen, es sich schnell zu schnappen und dem wüsten Treiben ein Ende zu bereiten. Der süße Duft des Blutes stieg ihr einmal mehr in die Nase und verursachte eine leichte Übelkeit. Es war der Geruch des Todes. Die Stumme versuchte, sich zu erheben. Ein gewaltiger Fehler. Dank der Anstrengung hatte ihr Kreislauf es scheints erstmal für rechtens empfunden, auf stur zu stellen und einige Stunden erhebliche Beschwerden hervorzurufen. Tja, da konnte man nun auch nichts dran ändern, denn sie wusste, was sie zu tun hatte. Davon hing ihr Seelenheil ab. Der Rothwardon mochte ja stark sein, aber bei seiner gegenwärtigen Lage konnte er unmöglich gegen drei gestärkte, vollkommen gesunde und – wie unschwer zu erkennen war – auch starke Gegner gewinnen. Nicht nur Kurenai war am so ziemlich am Ende ihrer Kräfte angelangt, ihm ging es nicht besser. Doch anstatt aufzugeben wie sie, trieb der Wahnsinn ihn auf dem letzten Stückchen dieses kurzen Marathonlaufs namens Leben immer weiter in Richtung Zielgerade. Nur, dass dort keine Medaille auf den Mann wartete, sondern das unweigerliche Ende seiner Existenz.

“Wenn ein Gegner stärker ist als du… dann kämpfe. Kämpfe einfach weiter. Mehr als sterben kannst du nicht, merk’ dir das. Dein Gegner wird dir schon nicht den Kopf abreißen“, Malukhat legte einen Zeigefinger an sein Kinn und dachte kurz nach. Er runzelte die Stirn. Dann: „Na ja, er könnte schon, aber – das ist ja jetzt nicht das Thema, verdammt!“ Die kleine Kurenai betrachtete den Mann mit schief liegendem Kopf. Sie sagte: „Und wenn ein Gegner zu stark für mich ist? Ich meine, nicht einfach nur stärker, sondern so stark, dass ich mir sicher bin, dass er mich töten wird?“
„Na, weiterkämpfen! Was dachtest du denn? Schau mal in das Buch hier“ – er reichte ihr einen einfachen, roten Einband, mit schwarzen Lettern versehen: Die Ehre des wahren Kriegers. – „Auf Seite hab’ ich vergessen steht, dass ein wahrer Krieger sich nicht unterkriegen lässt, das wäre ein Schande für sein Heimatland. Verstehst du? Du müsstest dir die Zunge raus schneiden und dich töten, um die Ehre deiner Familie wiederherzustellen. Immerhin hast du ihren Stolz beschmutzt und musst dementsprechend über dich selbst richten.“ Der hochgewachsene Dunmer verschränkte die Arme hinter seinem Kopf und ließ sich mit dem Rücken auf das vom Tau bedeckte Gras fallen. Er machte einen nachdenklichen Eindruck, während er so in den wolkelosen Himmel starrte. Heute würde ein schöner Tag werden, Kurenai freute sich schon. Papa hatte versprochen, mit ihr zum See zu gehen, sollte die Sonne scheinen. Sogar Rydag und Marsheval durften hingehen, da konnte sie ja natürlich nicht fehlen! Die Vorfreude aber verebbte, als sie Malukhat zuvor gesprochene Worte vernommen hatte. Welchen Sinn hatte es, sich für sein Heimatland zu opfern, nur weil dessen Ehre dann beschmutzt würde? Und die Ehre der Familie? Was war das denn überhaupt für eine Ehre, die das Leben vieler Menschen für sich beanspruchte? Das war eine dumme Regel, die Malukhat ihr da einzuprägen versuchte. Und erklären konnte er es ja auch nicht. Es stand in dem Buch; es war nicht logisch vertretbar oder so, aber es war so. Doofes Buch.
„Und“, begann Kurenai vorsichtig und sah den Mann von der Seite an, „was würdest du tun, wenn du einer Übermacht gegenüber stehst und weißt, dass du nie, nie, nie, nie, nie, nie, nie, nie, nie, nie, nie, im Leben nicht, auf gar keinen Fall, vollkommen unmöglich siegen kannst?“
Malukhat setzte sich auf und betrachtete das Mädchen eingehend. Dann tätschelte er ihm grinsend den Kopf und sagte: „Weglaufen natürlich. Ich bin doch nicht bescheuert.“
Sie lachten, obwohl beide wussten, dass er es ernst meinte. Er sagte immer über sich selbst, er sei ein ehrloser Bastard. Und obwohl sein Mund lachte, trat ein Ausdruck in seine Augen, welcher dem Funken einer schwarzen Flamme gleich kam. Dieser Mann besaß zwar ein ausgereiftes Ego, aber keinerlei Stolz. Das, was die meisten mit letzterem verwechselten, war einfach nur seine Art, seinen eigenen Weg zu gehen.
„Wenn du etwas wirklich willst“, sagte er plötzlich, „dann musst du alles dafür tun. Du musst dein Leben dafür aufs Spiel setzen. Und selbst, wenn du weißt, dass es falsch ist – tu immer nur das, was du vor dir selbst vertreten kannst. Was alle anderen denken, ist egal. Manche mögen dich für total durchgeknallt halten und die Männer mit der weißen Jacke beordern, aber lass’ dich davon nicht abschrecken. Glaub’ mir: Die schlimmste Sünde ist, sich selbst zu belügen.“


Wenn du etwas wirklich willst… Kurenai erinnerte sich des Mannes mit Trauer. Wie viele Jahre vergangen waren seit ihrer letzten Begegnung vermochte sie nicht zu sagen. Er hatte ihr einiges beibringen können und ihr immer wieder gesagt, dass nur sie selbst ihr Leben bestimmen könne. Und wenn sie dies tat, indem sie sich selbst belog, triebe sie ihre eigene Seele dem Verderben entgegen. Das wollte sie nicht. Die Stumme wollte sich niemals eingestehen müssen, dass alles, wofür sie gelebt hatte, eine einzige Farce gewesen war. Sie hörte auf den Rat des alten Freundes.
Der schmerzende Körper wirbelte herum, ergriff das Schwert und richtete sich ruckartig auf. Sie musste handeln – und zwar schnell. Mit drei Schritten war sie zwischen die Kämpfen gelangt und parierte das Schwert der Altmer. Die zerbrochene Klinge des Rothwardonen sauste an ihrem Kopf vorbei, verfehlte diesen knapp und durchschnitt das weiche Schulterfleisch. Die einzige Stelle, an der Kurenai nicht durch ihre Rüstung geschützt war. Das Metall wurde nicht tief in ihre Schulter getrieben, aufgrund der bereits vorhandenen Taubheit spürte die Frau es kaum. Der Schmerz würde erst später kommen. Mit einem Ruck riss sie Klinge der verwirrten Altmer herum und versetzte ihr einen harten Faustschlag mit ihrer stahlbekrallten Faust ins Gesicht. Derweil holte sie mit einem Fuß aus und trat dem Rothwardon mit voller Wucht in den Magen.
Stille.
Die beiden Kämpfenden taumelten nach hinten, die Altmer hielt sich verwundert das Gesicht. Nur die Augen des Rothwardonen blieben starr auf die Halbelfe gerichtet.
„Du darfst noch nicht sterben“, sagte sie ihm durch ihre Gedanken, „ich will das nicht. Werde gesund und lebe das erbärmliche Leben einer Ratte. Und dann werden wir abermals kämpfen. Du willst mein Blut sehen? Dann hol es dir.“