Ninièl wusste nicht mehr genau, wie lange sie jetzt schon kreuz und quer durch Vvardenfell zog. Es mussten an die drei Jahre sein. Doch wenn jeder Tag wie der vorige verlief und sich lediglich an der Anzahl der getöteten Banditen oder pestkranken Tiere unterschied, verlor man jegliches Zeitgefühl. Irgendwie war sie jetzt in Suran angekommen, Hlaalu-Gebiet, wie sie sich erinnerte und auch schnell beim Anblick der Wachen merkte. Eine weitere Kleinstadt, in der nichts los war und die lediglich für ihr sogenanntes "Haus der Freuden" sowie den hier offen betriebenen Sklavenhandel eher berüchtigt denn berühmt war. Sie verabscheute beides. "Diese Dunmer", dachte sie innerlich seufzend, "an Dekadenz kaum zu überbieten". Jedoch waren es immerhin Elfen, wenn dies auch in Ninièls Augen der einzige Pluspunkt war.
Sie entschied sich, hier nicht lange zu bleiben. Also stockte sie beim örtlichen Alchemisten lediglich ihre Heiltränke auf, liess ihre Waffen beim Schmied reparieren und verliess die Stadt in Richtung Ascadia Isles.
Die lange Brücke knarrte unter ihren Füssen, als ob sie über die erneute Last seufze. Die Sonne ging unter und in der Ferne hörte sie Cliffracer schreien. Unwillkürlich griff ihre Hand zum Wakizashi, doch dieses "Ungeziefer" von Vvardenfell blieb wohlweislich dort, wo es war. Sie kam an einer grösseren Plantage vorbei, die wohl auch einem Hlaalo-Ratsherrn gehören musste und sah in der Ferne eine noch weitaus grössere. Zorn erfüllte sie. Reichtum ohne Grenzen, doch Reichtum, der auf Sklaverei aufgebaut war. Sie würde sich wohl niemals an ein solches Verfahren gewöhnen können. Nun ja, vielleicht würde sie wieder einmal die Gelegenheit bekommen, unauffällig ein paar Sklaven zu befreien. Sie grinste bei dem Gedanken, warf ihre lange schwarze Haarmähne zurück und beschleunigte ihre Schritte, bis sie vor der Riesenplantage stand. "Aha, die Dren-Plantage" durchfuhr es sie. Von Orvas Dren, dem Bruder des sanften, sorgenvollen und gerechten Herzogs Vedam Dren, hatte sie schon vieles vernommen und nichts davon war gut. Sklaverei, Rauschgifthandel und erster Vorsitzender der Camonna Tong, jener rassistischen Vereinigung, für die jeder, der nicht der dunkelelfischen Rasse angehörte, minderwertig und als Sklave galt. Der stand schon lange auf ihrer persönlichen schwarzen Liste. Während sie sich fragte, wie zwei Brüder wohl so unterschiedlich sein konnten wie Orvas und Vedam es waren, bewegte sie sich lautlos mit den Schatten, näherte sich dem Herrenhaus und der davor stehenden Wache. Verführerisch lächelte sie den Mann an. "Orvas Dren erwartet mich", sagte sie. Die Wache starrte sie grossäugig an und genau diesen Augenblick nutzte Ninièl, um an dem Mann vorbei- und ins Haus zu huschen. Was für ein Glück, dass man Frauen hier immer unterschätzte. Der Wächter würde sie wohl lediglich für eine neue "Gespielin" seines Herrn halten. Leise setzte Ninièl ihren Weg fort. Sie wusste nicht warum, aber reiner Instinkt trieb sie zuerst in Richtung des Kellers. Zu ihrem Erstaunen bemerkte sie eine offene Tür. Sofort wandte sie einen Chamäleon-Zauber an und verschmolz mit der Dunkelheit. Dann bewegte sie sich so lautlos, wie sie es von ihrem Ziehvater Revan Baenre gelernt hatte, vorwärts und erstarrte, als sie genau diesen direkt vor sich sah. Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Hatte sie Halluzinationen?