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Puppet Vampire
Vielen Dank für die Kritik 
@ Chipo:
Die Überhäufung dieser Geschichte mit Klischees war für mich erklärtes Ziel, um den Zynismus stärker hervor heben zu können. Nichts ist einfacher, als mit Klischees zu arbeiten
Und wie sich die Story entwickelt: lies selbst 
Na ja, hier dann mal der nächste Teil.
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„Groß“, das war zwar das erste Wort, was mir für das Teil einfiel, jedoch hätte „recht groß“ es viel besser beschrieben; das Ding war gute 3 Meter hoch und 2 Meter breit. Hinter diesem Pult, wahrscheinlich auf einem sehr hohen Stuhl oder einer Masse von Telefonbüchern, saß ein ulkiger Kerl. Ulkig, weil sein ganzes Gesicht so aussah, als hätte ein Kind mit Knetmasse versucht, einen von diesen lustigen Elfen des Weihnachtsmannes nachzustellen; Gott, ich hasse diese Weihnachtswichtel!
Der Knetwichtel schien keinerlei Notiz von mir zu nehmen und ich hatte auch nicht vor, mir sonderlich viel Mühe zu geben, dass er Notiz von mir nahm. Ich sah mich also in der Gegend um – einfach nur ein großer, dunkler Raum mit einer langen Reihe von schwarz gekleideten Menschen, die alle zu dem Pult wollen, was vor der scheinbar einzigen Tür steht – und dachte darüber nach, wo zum Arschgebrechen ich eigentlich war. Ich wusste, ich war auf dem Weg zur Arbeit, wo mein heiß geliebter Chef mich freundlich empfangen hätte (JAMESON! SIE SIND ÜBER 4 STUNDEN ZU SPÄT! SIE SIND ENTLASSEN!!), wäre da nicht dieser nette Herr mit der üppigen Gesichtsbehaarung und den Armen, deren Bizeps so groß war wie mein Kopf allein gewesen. Ich wusste, dass es eine verbale Auseinandersetzung gegeben hatte und ich mit einem Schuldbekenntnis (Ach leck mich doch, Besenfresse…) von dannen ziehen wollte und dabei von einem Fahrradkurier zu Tode gefahren wurde. Na ja, besser gesagt vom Bus, vor den mich dieser Depp auf seinem Fahrrad gestoßen hat. Oder bin ich doch eher an den Folgen des Aufpralles mit dem Kopf auf dem Kantstein gestorben?
Na ja, eh egal, die Tatsache war, DASS ich nun tot war. Anfangs eigentlich ziemlich ernüchternd – mit einer Flasche Whiskey hätte sich das Problem der „Nüchternheit“ schnell lösen können, aber ich konnte ja nicht ahnen, dass ich an diesem Tag sterben sollte, denn sonst hätte ich eine Flasche mitgenommen –, aber mit jeder Minute die verging, wurde mir der Gedanke sympathischer. Kein lästiger Chef, der einem in aller Herrgottsfrühe – 11:00 Uhr! – aus dem Bett klingelt und dann einen Höllenlärm veranstaltet, so dass einem ein lautes Rockkonzert dagegen wie Flüstern vorkommt; keine Hundehaufen mehr auf der Straße, die nur darauf warten, dass ich in sie rein trete! So viele Dinge, die ich nie mehr wieder sehen und erleben musste. Ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, warum einige Menschen einen solchen Bammel vor dem Tod haben, der ist das Entspannteste, was es gibt!
„Name?“ quakte plötzlich eine nasale Stimme vom oberen Ende des Pults zu mir herunter. Anscheinend hatte der Knetwichtel mich nun doch bemerkt. Na ja, sei’s drum. „Mike Jameson.“ antwortete ich und zum ersten Mal in meinem Leben, pardon, Tod war ich wirklich gut gelaunt. Wenn die Menschen nur wüssten, wie toll der Tod wäre, hätten sich die Bevölkerungsprobleme und die Sache mit der Welternährung in Null Komma Nichts gelöst!
„Aha. Mike… Mike… Ich finde keinen Mike, Jameson.“. Der Wichtel aus Knetmasse sah mich argwöhnisch an. Der glaubte wohl, ich würde ihn verarschen! „Nein, nicht Mike, Jameson. Jameson, Mike.“ berichtigte ich den lustigen Kerl mit dem zerknautschten Gesicht und versuchte sogar, zu lächeln. Dumm nur, wenn man seit Jahren keinen Grund mehr dazu gehabt hatte und die Muskeln im Gesicht diese Bewegung verlern haben. So kam nicht mehr als ein Zeigen meiner Zähne dabei raus, die auch schon mal bessere Tage gesehen hatten. Aber das konnte mir egal sein, denn ich war ja nun tot!
„Hmm… ah ja, hier haben wir ihn. Jameson, Mike. Tod durch diverse Frakturen am Schädel, sowie multipler Brüche der Halswirbel und anderer Knochen.“. Im Klartext: mein Kopf war Brei, mein Hals ein Gummischlauch und der Rest meiner Knochen konnte als Tierfutter herhalten. Großartig! „Gut, gehen sie in den Fahrstuhl und drücken sie den Knopf. Wünsche angenehmen Aufenthalt.“ quakte der Wichtel und mit einem freundlichen, militärischen Salut verabschiedete ich mich von dem Männchen.
Als ich an dem Pult vorbei ging, sah ich mir ganz schnell mal an, wie denn so ein lustiges Kerlchen hinter so einem Pult ordentlich sitzen kann. Er saß auf einem großen Kinderstuhl, an dessen Rückseite eine Leiter angebracht war. Toll, da ist man im Jenseits und das ist das Beste, was sie dafür aufbringen können? Ist ja schon enttäuschend. Hoffentlich war das, was mich nach meiner Fahrstuhlfahrt erwarten würde, besser, denn langsam wollte ich meinen Tod endlich genießen.
Schon lebendig hasste ich Fahrstühle und tot hatte sich daran auch nicht viel geändert. Auch wenn die kleine Kabine aus matt schimmerndem Metall einen ordentlichen und robusten Eindruck machte, hätte ich doch lieber die Treppe benutzt. Aber ich bezweifelte, dass sie extra für mich eine Ausnahme machen würden. Also stieg ich in die Kammer und drückte den Knopf; oh ja, es war „der Knopf“, denn einen anderen, außer ihn, gab es nicht.
Eine gute Sache hatte der Fahrstuhl aber: es war leise, absolut still, kein Mucks war zu hören. Keine nervtötende – obwohl das bei einem Toten auch nicht viel gebracht hätte – Fahrstuhlmusik, die sich anhört, als hätte sie ein Debiler im Vollsuff auf einem Kinderxylophon eingeklimpert und jeden Reisenden in dem Fahrstuhl zum völligen Nervenzusammenbruch bringen konnte. Bis auf das leise Summen der Neonlame – haben die im Jenseits noch nichts von Energiesparlampen gehört? – herrschte absolute Stille. Nicht mal das Fahrgeräusch des Fahrstuhls war zu hören und das beruhigte mich ungemein. Seitdem ich immer als Kind in jedem Kaufhaus und in dem Haus, in dem unsere Wohnung war, mit dem Fahrstuhl fahren musste, kriege ich allein schon beim Gedanken an diese Dinger nen Hautausschlag. Dem Herrn sei’s gedankt, dass ich in meinem Leben nie mit dem Fahrstuhl stecken geblieben bin – ein plötzliches Rucken riss mich aus dieser Erinnerung. Das Licht der Lampen verblasste ein wenig und die Anzeige, die immer die freundliche Nachricht „Viel Vergnügen im Jenseits“ hatte aufblinken lassen, zeigte nur noch „Fehler“ an. Ich merkte schon, wie es mich an allen Stellen des Körpers leicht zu jucken begann. Der gottverdammte Fahrstuhl war stecken geblieben! Warum? Warum musste der erste Fahrstuhl, den ich seit meinem Ableben betreten hatte, einen Defekt haben? Das war nicht fair, ganz und gar nicht fair.
Bevor mich jedoch die Panik wie ein Verrückter zu zittern und, so sinnlos es war, nach Hilfe schreien ließ, tat ich das lieber aus eigenem Antrieb heraus. Ich brüllte mir die Stimmbänder wund, rannte wie ein Bekloppter im Kreis und hämmerte gegen die Metalltüren des Fahrstuhls. Dass auf diesen Anfall hin dennoch nichts passierte, außer dass die Anzeige sich auf „Hör auf zu schreien, es hört dich eh niemand!“ umgesprungen war, hätte ich eigentlich wissen sollen. Tat ich auch, aber mir war’s egal; Hauptsache, ich hatte meinen seelischen Zustand aufgrund dieser Reiseverzögerung lautstark kundgetan, auch wenn sicher kein Schwein etwas gehört hatte (dass die dumme Anzeige auch Recht behalten musste…).
Anstatt jedoch in stille Apathie zu verfallen, wie es die Natur der meisten Menschen mit einem Schaden ist, tat ich etwas vollkommen Untypisches für mich: ich untersuchte die Decke des Fahrstuhls. Kling zwar komisch, aber wenn man sich mal überlegt, dass in jedem Film – ob nun gut oder schlecht –, in dem ein Fahrstuhl stecken bleibt, immer einer auf die Idee kommt, den Notausgang in der Decke zu suchen, war die Idee gar nicht mal so dumm. Natürlich haben sich die Leute in den Filmen nie die Pfoten an den verdammt heiß gewordenen Lampen in der Decke verbrannt; wer jetzt auf die Idee kommt, zu meinen, dass man tot eh keine Schmerzen empfindet, irrt gewaltig! Schon dumm, dass man die einfachsten Dinge des Lebens vergisst, sobald selbiges beendet ist.
Nachdem ich einen kleinen, aber feinen Schmerzensschrei von mir gegeben hatte (VERDAMMTE SCHEISSE, IST DAS HEISS!), ging ich vorsichtiger zu Werke und riss mir dazu etwas Stoff von den Hosenbeinen aus; jedenfalls versuchte ich das, aber für einen, der nicht mal fünf Blatt Papier zusammen zerreißen kann, ist das schon ein Ding des Unmöglichen. Trotzdem versuchte ich es weiter…
Bestimmt ne halbe Ewigkeit später (hätte ich ’ne Uhr gehabt, wäre mir aufgefallen, dass gerade mal ne halbe Stunde vergangen war) war es dunkel im Fahrstuhl. Ich hatte es endlich geschafft, die Lampen rauszudrehen und mir dabei die Hände schön gut durchbraten lassen. Meine Hose in Fetzen zu reißen habe ich schon nach dem zweiten Versuch aufgegeben; etwas oft zu versuchen frustriert mich sehr schnell, daher zog ich es vor, mir lieber meine Hände ein wenig zu verbrennen. Da ich, als ich noch am Leben war, ein großer Fan von Gegrilltem und Kurzgebratenem war, störte mich der Geruch, der von meinen Händen ausging, wenig, im Gegenteil, ich bekam sogar ein wenig Hunger.
Mit den schmerzenden Händen stieß ich dann immer wieder – während ich lächerlich aussehende Sprünge in Richtung Decke vollzog, die mich an meine Schulzeit erinnerten, wo mir in der großen Pause immer mein Pausenbrot von den Großen geklaut wurde und ich es mit eben solchen Sprüngen versucht habe, wiederzubekommen – gegen die Decke und versuchte so per Zufall die richtige Stelle zu treffen, an der sich dann der Notausgang befand; jedenfalls hoffte ich inständig, dass sie im Jenseits daran gedacht hatten, einen Notausgang im Lift einzubauen, sonst säße ich ganz tief in der Tinte…
Na ja, auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt die Spannung eliminiere (wobei mir das auch Suppe ist, schließlich werde ich hier NICHT BEZAHLT!), aber der Fahrstuhl hatte einen Notausgang. Die Dachluke war eng, die Scharniere hatten so ausgesehen, als wäre sie noch die die liebliche Bindung mit Öl eingegangen und im Fahrstuhlschacht war es dunkel, muffig und äußerst dreckig. Mein „Glück“ war ja nun, dass es in dem Fahrstuhlschacht eine Notleiter an der Wand gab, die ich dann hochklettern durfte. Mann, ich war so was von gut gelaunt, als ich mit versengten Händen eine elendig lange Leiter hochklettern konnte. Ich war ja schon immer der begeisterte Kletterer gewesen – schon wenn ich auf einem Stuhl stand, bekam ich Schwindelanfälle und musste mich übergeben – und DAS war nun wirklich das Nonplusultra für mich, großartig!
Wie dem auch sei: ohne, dass der Fahrstuhl wieder in Gang geraten war (was bei meinem Glück bisher durchaus hätte geschehen können, wenn nicht sogar MÜSSEN), erreichte ich endlich das Ende der Notleiter. Seltsamer weise öffnete sich die Tür für das letzte Geschoss von selbst und ich konnte, geblendet von einem extrem hellen und weißen Licht, aus dem verdammten Schacht klettern. Nachdem das Brennen der Augen und die temporäre Blindheit verzogen hatten, stand ich vor einem großen Pult… mal wieder…
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DJ n
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