Wie versprochen, mit ein wenig Verspätung, hier Teil zwo.


Ich schaute aus dem großen Wohnzimmerfenster hinein in die Nacht und dachte nach. Hermanns Entdeckung war ungewöhnlich, äußerst ungewöhnlich, denn obwohl Herodots Geschichten und Erkenntnisse recht gut erforscht waren, hatte es niemals auch nur einen Hinweis auf den Turm von Babel gegeben, selbst ich, der sich generell als weltoffen betrachtete, der sich sonst für jede Verschwörungstheorie interessierte, hatte den Turm bis dato eigentlich immer als das Hirngespinst irgendeines fanatischen Kirchen-Propagandisten betrachtet. Nun war da dieses Pergament, das nicht nur die weltliche, sondern auch die geistliche Geschichte auf den Kopf stellte, würde man seinem Wortlaut glauben. Mehrmals in den letzten Stunden hatte ich die Möglichkeit einer Fälschung in Betracht gezogen, denn wenn es eine Profiarbeit gewesen wäre, könnte auch das Labor sich einmal irren. Aber so gern ich mich dieser einfachen Vorstellung hingegeben hätte, das Pergament war echt. Ich kann so etwas nicht erklären, manchmal sehe ich eine Quelle wie diese, und sofort spüre ich die Anziehung des Vergangenen und die Jahrtausende, welche diese Worte überstanden hatten, kribbelten in meinem ganzen Leib. Zudem hatte ich sofort Herodots Stil des Erzählens erkannt, trotz der Vergewaltigung durch Hermanns Übersetzung hatten die Sätze nichts von ihrer Faszination verloren. Nur eine Sache verunsicherte mich. Der Text war nicht auf die nüchterne, nahezu langweilig trockene Art verfasst, welche die Geschichtsschreiber damals ihr Eigen nannten, vielmehr wurde von nahezu phantastischen Dingen erzählt, und mit Wortbildern, von welchen sich besagter Autor für gewöhnlich lieber fernhielt. Der Text im Ganzen kam mir irgendwie wie ein seltsames Experiment vor, als sei Herodot vom Neid befallen worden und hatte nun krampfhaft versucht, auch mal etwas Irrealistisches zu verfassen. Beim erstmaligen Lesen musste ich unwillkürlich eine Augebraue in die Höhe ziehen, eigentlich hatte ich nur noch auf den zweiköpfigen Drachen gewartet. Aber er blieb aus. Kein Drache, keine wunderschöne Jungfrau, keine Minotauren, nur der eine Gott, und den hatte Herodot sogar noch angezweifelt. Vom ersten bis zum letzten Satz hatte ich das Gefühl, der Geschichtsschreiber würde sich über jene lustig machen, die diesen Text vor sich hatten. Lesen sie einfach mal selbst.

„ ... und so kam es, dass ich die Grundfesten der Idee sah. Überall aus der Welt hatte man die Steine herangetragen, wie als wollte man ein riesiges Mosaik zusammensetzen. Auch die Menschen dachten, sie würden ein Rätsel lösen, doch in Wirklichkeit bauten sie einen Turm in den Himmel. Der König wollte das Paradies mit der Hand berühren, diese aber, wenn ihm beliebte, auch wieder herausziehen, er wollte auf einer Stufe mit seinem Gott stehen. Der Turm wuchs anfangs tatsächlich in die Höhe und die Menschen sahen nur den hohen Bau. Keiner von ihnen wusste, dass der König zu den Göttern aufbegehrte, sonst hätten sie wohl ein Teil des Paradieses gefordert. Im goldenen Babylon gab es dieser Zeit nur die babylonische Sprache, doch nach dem Ereignis, von welchem ich nun berichte, waren viele Sprachen dieser Welt dort vertreten. Der König nährte sich dem Paradies auf der Spitze seines Berges, seines Experimentes, bald würde er selbst ein Gott sein. An dieser Stelle berichteten die Einheimischen danach, der Allmächtige hätte ihren König gebändigt, doch tatsächlich waren es die Sprachen, welche den Bau des Turmes verhinderten. Sie formten ihre schrecklichsten Worte und warfen sie dem babylonischen König entgegen. Sein Turm brach zusammen und der König fiel in die Tiefe herab. In einem Moment stand er vor der Pforte des Himmels, im nächsten landete er im Höllenschlund.
Rätsel löst jeder Mensch einmal, doch die Gründe, warum es diese überhaupt gibt, sind zumeist weit mehr verworren.“


Der letzte Satz ließ mich noch einmal die Stirn runzeln. Ein Rätsel? Was für ein Rätsel denn nun wieder? Mir kam die ganze Sache wie ein Topf auf einer Herdplatte vor, man weiß, dass etwas Leckeres darin ist, aber wenn man es rausholen will, könnte man sich die Finger verbrennen. Hermann reichte schon der Wortlaut, um seine nicht sonderlich phantasievollen Schlüsse zu ziehen, schließlich stellte eine nüchterne Betrachtung der Überlieferung simpel und einfach einen Beweis für die Existenz des Turmes dar, und obwohl es keinem Esoteriker bedurfte, um die kryptische Bedeutung der Worte festzustellen, war mein breiter Kollege einfach nicht im Stande, weit genug zu denken, um über seine kindliche, sture Entdeckerfreude hinaus zu kommen. Aber mein Kopf würde sich damit nicht zufrieden geben, mochte Hermann doch an alles Mögliche glauben, was den Geschichtsschreiber dazu verleitet haben mag, den Text auf diese Art und Weise zu schreiben, seien es antike Drogen oder die Visionen des kompletten griechischen Pantheons, aber ich spürte, dass mehr hinter der Sache steckte, und ich würde sie nicht ruhen lassen, bis ich wusste, was es damit auf sich hatte.
„ ...die Grundfesten der Idee.“
Wieso sollte man eine Idee als Synonym für einen Turm verwenden? Ich verstand es nicht, auch der Vergleich mit dem Mosaik war ungewöhnlich, vor allem für diese Zeit. Ich tat unruhig einige Schritte. Wieso hatten die Sprachen den Turm zerstört? Selbst die Bibel berichtete nur davon, dass man den Turm nicht weitergebaut hatte... Mein Gang stoppte auf dem Weg vor dem kleinen Mietshaus und ich schaute mich um. Der Mond warf seine Strahlen auf den grauen Asphalt, der dadurch wie Silber glänzte, und obwohl mir ein kleiner Spaziergang meistens beim Ordnen meiner konfusen Gedanken half, hatte dieser seine Wirkung bis dahin verfehlt. Die weltlichen Gänge schienen mich wohl mal wieder nicht zu dem gewünschten Ergebnis zu führen, und so bog ich leise grummelnd in eine Seitengasse ein. Nach wenigen Schritten sah ich das große Gebäude, das mein Ziel gewesen war. Mit einem schweren Ächzen öffnete sich die Kirchentür und mit einem schrägen Blick betrat ich das Gebäude, welches ich im Normalfall eher mied, denn Religion und Wissenschaft vertragen sich so gut wie zwei zehnjährige Schwestern. Gar nicht. Der Christ starrte mich wie immer von seinem goldlegierten Kreuz herab an, als würde ich zu dem winzigen Personenkreis gehören, der für all das Elend in der Welt verantwortlich gewesen wäre, und wenn ich so nachdenke, hatte er wohl gar nicht so Unrecht. Wissenschaftler hatten selten mit nächstenliebenden Hintergrundgedanken geforscht, allerdings muss man hinzufügen, dass der zweite Teil dieses Personenkreises aus korrumpierten Pfarrern, Predigern und dem übrigen Gesocks bestand. Mein Weg führte mich in ein Seitenschiff und bevor ich ihn erkannte, hatte sich der Pfarrer schon umgedreht und realisiert, mit wessen Anwesenheit er gesegnet war. Der ältere, dickliche Mann, der die Todsünde der Völlerei gewiss schon hunderte Male mit den Füßen getreten hatte, ließ die Schultern hängen, zog einen Mundwinkel nach unten und wies mich genervt zu der Beichtkammer. Er schien über diesen Besuch mindestens ebenso erfreut wie ich. Widerstrebend nahm ich in der Kammer Platz und musterte sein Gesicht durch das Gitter, welches wohl in Wahrheit nur verhindern sollte, dass die Sünden des gewöhnlichen Volkes auf die Geistlichen übersprangen.
„Mullen. Haben sie mir etwas zu sagen?“
„Nun ja, Vater, “, stammelte ich ein wenig unbeholfen und kratzte mir am Hinterkopf, „wenn ich ehrlich sein soll, ich bin, wie sie sich vielleicht schon denken, nicht hier, um die Beichte abzulegen.“
Ich vernahm ein genervtes Ausatmen und der Pfarrer erhob sich.
„Dann kann ich ihnen nicht helfen, mein Sohn. Möge Gott…“
„Ich habe gesündigt, Vater.“, platzte es aus mir heraus, denn eigentlich hätte ich mir denken können, dass ich mit fairen Mitteln nicht an den Rat des Pfarrers kommen würde, und so hatte ich mir etwas zurechtgelegt.
„Ach ja?“, erklang die genervte Stimme noch einmal, „Dann legen sie los, Mullen. Als hätte ich nicht genügend andere Probleme…“
Die letzten Worte verschwanden im Dunkel der Kammer, aber ich fasste neuen Mut.
„Ich habe zu Gott aufbegehrt… wie die Menschen damals in Babylon.“
„So?“
„Nun ja, nicht in diesem Ausmaß. Aber dennoch fürchte ich mich nun vor… Gottes Strafe.“
Der Pfarrer schwieg, wahrscheinlich hatte ich wieder einmal übertrieben. Erst nach wenigen Sekunden ergriff er wieder das Wort.
„Nun ja. Sie haben also etwas gefordert, dass ihnen nicht zustand?“
„Äh.. ja, genau. Ich wollte… ins Paradies kommen. Und zwar so schnell wie möglich, aber ohne zu sterben.“
Verdammt. Ich hatte es wohl wieder versaut, der Vater kicherte belustigt und ich spürte sein hämisches Grinsen. Dann klapperte es und die Tür auf der anderen Seite öffnete sich. Vor dem Herausgehen drehte sich der Geistliche noch einmal um.
„Mullen, macht euch nicht über mich lustig, Gott sieht es nicht gern, wenn seine Abgesandten veralbert werden. Lasst mich zu eurem Problem nur eines sagen: Gott bestrafte nicht den Wunsch des babylonischen Königs, in den Himmel zu kommen, er bestrafte den Weg, welchen der Monarch eingeschlagen hatte. Hätte er einfach seine Sünden gebeichtet und ein gesegnetes Leben geführt hätte, wäre das Paradies sein Lohn gewesen. Geht mit Gott.“
Ich saß noch lang in der Kammer, lehnte an der Rückwand und dachte über die Worte des Pfarrers nach. Das ergab Sinn. Gott verwehrte den Menschen nicht das Paradies, aber er verwehrte es jenen, die eine Abkürzung nehmen wollten. Aber kam man mit einem riesigen Turm tatsächlich bis nach Eden…? Der Gedanke in mir, Herodot hätte nie von einem echten Bauwerk geredet, ergriff abermals die Übermacht, aber ich konnte mir nicht denken, von was seine kryptischen Worte dann berichtet hatten. Es musste etwas Ungeheuerliches gewesen sein, eine Begebenheit, so schrecklich, dass der Allmächtige selbst eingegriffen hatte. Und warum…?
Ich musste lächeln.
Eigentlich glaubte ich nicht an Götter.


Fortsetzung folgt...