Villon sah Salia in die Augen und erkannte keine wirkliche Feindschaft. Tatsächlich erkannte er keine anderen Gefühle, als stures Desinteresse. Villon wunderte das schon sehr. Als das Mädchen seinen Blick auf sich ruhen fühlte, nahm sie die Okarina von den Lippen, doch die Musik verklang noch nicht.

„Wirklich, es ist nicht persönliches, jedoch ist es zu gefährlich, dich leben zu lassen. Ich bin mir sicher, irgendwann wirst du es verstehen.“

Villon verzog keine Miene, als Salia wieder die Okarina ansetzte und die Musik fortsetzte, die wie ein Schatten auf dem Platz lag und langsam aber sicher ihre Magie entfaltete. Villon spürte, wie der Wind auffrischt, die Erde ein wenig erzitterte und selbst die Bäume ihre Starre teilweise ablegten. Über allem herrschte eine Aura des Hasses und der Gewalt, als die Eindrücke Villons Hirn endgültig erreichten. Aus Reflex suchte er Schutz hinter einem grossen Stein und wartete, was passieren würde. Vor allem aber überlegte er, wie er da wieder heil raus kommen sollte. Immerhin hatte er keine Waffe und seine Magie setzte einen Stab in seiner Hand vorraus. Nichts hatte er und das Mädchen auf der Steintreppe, die dieses grausame Lied zu immer höheren Tönen aufschwingen lies, war hier mehr als nur eindeutig im Vorteil.

Der Wind wurde stärker und stärker, während sich der Himmel über dem Wald verdunkelte und Regenwolken aufzogen. Das Rauschen der Blätter hatte nun nichts natürliches mehr und die Bewegungen der Bäume konnten nicht vom Wind herrühren. Als dann auch noch das schaurige Heulen von Wölfen durch den dämmrigen Wald erschallte, geriet Villon völlig in Panik. Die Auswirkungen der Angst, die nötig gewesen war, um Villon aus der Starre zu befreien, hatte zur Folge, dass Villons Zustand recht unstabil war und seine Konzentration schwächer war als sonst in diesen Wäldern. Doch um eines musste er sich eine Sorgen machen: Die Magie des Waldes war, zumindest für den Augenblick, aufgehoben. Denn kein Angriff auf seinen Geist wurde unternommen und auch das Gefühl der Starre konnte er nicht empfinden. Immerhin etwas...

Ein Blitz schlug ein, spaltete den Felsen, hinter dem er Zuflucht gesucht hatte und schleuderte den kleinen Jungen einige Meter weit. Er landete hart auf dem feuchten Boden und zog sich Schürfwunden und Prellungen zu. Doch dies war erst der Anfang, wie Villon mit Schrecken feststellen musste. Denn sein Flug hatte ihn in die Nähe der Bäume gebracht, die sich unruhig bewegten und dabei nicht dem Wind gehorchten. Villon konnte sich noch rechtzeitig wegrollen und entging so einen niedersausenden Ast, der ihm sicherlich den Schädel zermatscht hätte, wäre Villon nicht im letzten Augenblick ausgewichen. Doch der zweite Ast folgte sogleich und schrammte haarscharf an seinem rechten Arm vorbei. Villon wusste, dass er nicht ewig ausweichen konnte und so musste er sich schnell etwas einfallen lassen. Die Panik wich nicht, gab ihm jedoch Kraft und der kleine Teil seines Geistes, der noch erwachsen war, schaffte es, diese Kraft umzusetzen und für sich zu gebrauchen. Es war unter anderem dieser Kraft zu verdanken, dass ihm plötzlich die rettende Idee kam. Nun, sie war die naheliegenste und so schallt sich Villon einen Narren, als er sie endlich erkannte. Wieder wich er einer Attacke aus, diesmal jedoch aus dem Boden. Eine Wurzel schoss plötzlich hervor und peitschte nach dem Jungen. Jedoch ins Leere. Ohne weitere Gedanken daran zu verschwenden rappelte er sich auf und rannte los. Immer wieder schossen Wurzeln aus dem Boden, oder schnellten Äste und Ranken hervor, um ihn zu Fall zu bringen, doch jeder konnte er ausweichen. Die einzige Möglichkeit, diesen Wahnsinn hier zu entkommen, lag darin, Salia die Okarina aus der Hand zu schlagen und auch wenn Villon nicht an sie herankam, so hatte er ein Leben lang bei den Gerudos verbracht. Und so was kann man nicht, ohne die eine oder andere Sache zu lernen. Reiten hatte er zwar nie gelernt, doch im Bogenschießen war er immer recht gut gewesen. Und das sollte nun die Lösung sein.

Im Rennen schätzte er die Entfernung ab, suchte sich einen passenden Stein und rechnete alles einmal durch. Seine Chancen standen denkbar schlecht, da ihm beinahe alles weh tat und der Wind stärker denn je war. Dazu kamen noch immer die Waffen der Bäume und das Geheul im Hintergrund war erschreckend nahe gekommen. Nichtsdestotrotz musste er es versuchen, ihm blieb keine andere Wahl. Also sprang er über eine weitere Wurzel, rollte sich am Boden ab, nahm den Stein an sich und schmiss ihn, sobald er die Möglichkeit dazu bekam. Villon musste zugeben, dass es ein ziemlich guter Wurf war. Zu seiner Zufriedenheit und seinem Erstaunen, machte Salia keine Anstalten auszuweichen, sondern sah Villon ruhig an und schloss danach wieder die Augen.

Der Stein flog auf das Mädchen zu. Unaufhaltsam und tödlich sauste er der Weisen entgegen und... flog durch sie hindurch! Villon konnte es nicht fassen. Mit weitaufgerissenen Augen starrte er sie an und vergaß für einen Moment die Gefahr in der er schwebte. Salia nutzte diesen Moment um Villon wieder anzugreifen. Die Töne schienen von allein zu kommen und befahlen den Bäumen jetzt zuzuschlagen. Wurzeln, Ranken und Äste gehorchten, schnellten hervor und fesselten Villon innerhalb weniger Sekunden.

Geschockt stand er da, von der Natur in Schach gehalten und Salia völlig ausgeliefert. Er konnte nun nichts mehr ausrichten, da war er sich sicher. Diese Gewissheit machte irgendwie frei. Er verspürte keine Angst oder Furcht. Er hatte auch den Willen dazu verloren. Das Leben war zwar immer noch wichtig, so was konnte man nicht einfach ignorieren, doch es stand nicht mehr im Mittelpunkt. Villon sank in sich zusammen und hörte wie die Luft knisterte. Immerhin ging er mit einem Knall von der Welt. Sowas wünschte sich eigentlich jeder. Still und heimlich war ja recht nett, aber ein Knall... Ja, das hatte was... Etwas... befreiendes...

Als Villon wieder die Augen öffnete und bemerkte, dass alles still war, nahm er an, dass er bereits tot war und hier im Jenseits eine neue Existenz aufbauen konnte. Er war jedoch nicht tot. Im Gegenteil. Er war quicklebendig, ganz ruhig und Herr seiner Sinne. Er konnte klar denken und seine Fesseln lösen. Er machte einige Schritte nach vorwärts und lies die Ranken hinter sich. Blitze schlugen nur noch um ihn herum ein, ohne ihn zu beeinflussen. Seine rechte Hand schloss sich um seinen Stab und der Topas flammte wieder auf. Seine grauen Augen blickten Salia gewinnend an, und sein Lächeln verhieß nichts Gutes. Das Dreieck leuchtete in seiner gewohnten Aura aus Finsternis und Hitze und leichter Sprechgesang hallte in Villons Ohren.
Er schloss die Augen und konzentrierte sich kurz. Der Topas flammte heller denn je auf. Sein Licht vertrieb die Geister, die Salia gerufen hatte und bannte die Magie dahin, wohin sie gehört: in den Äther.

„So, meine Kleine... Was reicht, das reicht. Und es reicht wirklich. Dein Versuch war nicht schlecht, wirklich. Aber es ist aus. Du kannst mir nicht entkommen und wirst mir sehr dienlich sein.“

Villon richtete seinen Stab auf sie und sprach schnell einige Formel, die wie Wasser aus seinen Gedanken, über die Zunge in die Welt flossen und Salia an den Ort bannten, den sie sich ausgesucht hatte: der Tempel. Zwar wand sie sich und versuchte den Zauber abzuschütteln, doch Villon lies nicht locker und verstärkte seinen Griff. Mit Augen, die nicht die seine waren und mit einer Stimme, die nicht seine hätte sein können, beschwor er das Dreieck, seinem Befehl zu gehorchen und einen weiteren von Villons Brüder zu holen.

Besser gesagt: eine Schwester. Die dunkle Priesterin Suëss. Gesegnet mit der Gabe ihre Feinde gegeneinander auszuspielen und schwächen frühzeitig zu erkennen, galt sie gemeinhin als gefährliche Gegnerin. Ihre Waffe war jedoch auch weniger subtiler Natur. Mit sich brachte sie ihren treuen Bogen, der ihr schon bei so mancher Gefahr beistand.

Ihr Element war die Natur, ihre Verbündeten die Geschöpfe des Waldes, die sie korrumpiert und verunstaltet hatte, ihre Heimat war die Finsternis.

Salia schrie, als Suëss’ Essenz in ihren ätherischen Körper floss und ihre eigene Persönlichkeit tilgte. Ihr Körper veränderte sich. Ihre Augen wurden hart, ihre Züge grausam, ihre Ausstrahlung hässlich. Sie war nun in eine lange schwarze Robe gewandet, eine Kapuze bedeckte ihren Kopf und der Bogen hing um ihre Schulter. Sie verbeugte sich vor Villon und lächelte ein kaltes, herzloses Lächeln.