Ravana hatte einige Zeit auf den Goronen gewartet. Sie hatte einige Händler um die Mittagszeit in die Taverne gehen sehen und nach einer guten Weile, wie sie wieder heraus kamen. Sie war ungeduldig, sie hasste es, zu warten. Sie war es aus der Wüste gewohnt, sich ihren Tagesablauf selbst einzuteilen, und nicht, ihn nach anderen Personen zu richten.
So nutzte sie die Zeit, ihren gewonnenen Spiegelschild zu bewundern. Er war sehr leicht und hatte eine so blankpolierte Oberfläche, dass man wirklich sein Spielgelbild darin betrachten konnte. Sie war verziert mit dünnen eingeritzten Linien, die das Wappen der Gerudo formten. Ravana war unendlich stolz darauf, dieses wunderschöne Stück gewonnen zu haben. Sie nahm sich vor, Bumara nach dem Schild auszufragen. Auch Bumara würde stolz sein, den Schild wieder im Besitz des Volkes der Gerudo zu wissen.
Als Daru nach einer halben Ewigkeit, wie es ihr vorkam, noch immer nicht kam, wurde sie ungeduldig.
Ravana wollte schon aufstehen und sich alleine auf den Weg machen, als sie den Daru, den Goronen, doch noch durch das Tor rollen sah. Als Daru sich aufrichtete, hatte sie den Eindruck, dass ihm seine Verspätung peinlich war, doch er sagte nichts.
Unhöflicher Kerl, dachte sie und grüßte ihn ein wenig unwirsch.
„Hoffentlich hast du dir Proviant besorgt, die Reise zum Tal der Gerudo ist lang und anstrengend“, sagte sie.
Daru verzog ein wenig die Lippen und sagte mit seiner seltsamen tiefen Stimme: „Oh, keine Sorge. Wir Goronen finden überall etwas zu essen. Und besonders im Gerudo-Tal, wo es sehr felsig sein soll, wie man so hört.“
Ravana überlegte, was er damit meinte und erinnerte sich dann daran, wie Milo vermutet hatte, dass Goronen Steine essen. Essen sie wirklich Steine? dachte sie entsetzt. Bah, dieses Volk ist wirklich seltsamer, als ich dachte...
„Also schön, machen wir uns auf den Weg“ sagte sie schnell, um über ihre Verwunderung hinweg zu täuschen.

Als sie das Gerudo-Tal verlassen hatte, war sie zur Lon-Lon-Farm gegangen, ein kleiner Umweg, wie sie in Kakariko erfahren hatte. Kara, die Frau, die sie am Tag nach der Schlacht versorgt hatte, hatte ihr gesagt, dass der kürzeste Weg zum Gerudo-Tal rechts an der Farm vorbei führte.
Ravana hatte einen sehr guten Orientierungssinn, ohne den sie in der Wüste oft verloren gewesen wäre, und sie traute sich zu, problemlos den Weg zum Eingang zum Gerudo-Tal zu finden.
Daru war im Gegensatz zu Milo ein ruhiger Typ, er sagte kaum etwas. Ravana war es Recht, sie wusste auch nicht, über was sie mit ihm reden sollte, und so gingen sie schweigend nebeneinander her.
Als sie die steinerne Brücke über den Fluss erreichten, sagte Daru plötzlich: „Kennst du einen Kokiri namens Milo?“
Ravana blieb stehen und starrte ihn überrascht an. Woher wusste er von Milo? Zögernd setzte sie sich wieder in Bewegung. Dieser Gorone war wirklich seltsam. Irgendwie schien ihr Triforce-Anhänger auf ihn zu reagieren, dann wollte er, dass sie ihn zum Tal der Gerudo begleitete, und nun wusste er auch von Milo...
„Jaa,“ sagte sie langsam. „Ich kenne ihn. Bis vor kurzem hat er mich begleitet. Woher weißt du von Milo?“
„Oh – ich war vor kurzer Zeit im Kokiri-Dorf, wo ich von einem verbannten Jungen gehört habe. Und eine Gerudo in Beleitung eines Kokiris spricht sich schnell herum in einem kleinem Land wie diesem.“
Wie konnte Daru das Kokiri-Dorf betreten? fragte sich Ravna. Milo hatte ihr gesagt, dass niemand außer den Kokiri das Dorf und überhaupt den ganzen Wald betreten konnte. Bestimmt log Daru sie an. Niemand konnte in das Dorf. Sie ließ sich nichts anmerken und sagte: „Leider musste ich Milo in Hyrule zurücklassen. Er hat dort eine Lehre bei einem Gastwirt begonnen. Aber erzähl mir doch vom Kokiri-Dorf. Leben dort wirklich nur Kinder? Wie sieht es dort aus?“
Und Daru begann zu erzählen – von den vielen kleinen Kokiri, von denen jeder eine Fee besaß, von dem satten grün, das die vorherrschende Farbe in den Wäldern war, von leise gluckernden Bächen und umherschwirrenden Insekten.
Gespannt hörte Ravana ihm zu. So, wie er erzählte, war Daru wirklich dort gewesen, und der Wald hörte sich an wie die Beschreibung des Paradieses. Sie konnte Milo nun verstehen, warum er so traurig gewesen war bei dem Gedanken, seine Heimat nie wieder zu sehen.

Als die Sonne die fernen Felswände am Rand der Steppe erreichte und langsam hinter ihnen verschwand, hatten die beiden ungleichen Reisenden schon gut die Hälfte des Weges durch die Steppe geschafft. Zu ihrer Linken lag in einiger Entfernung auf einem felsigen Hügel die Lon-Lon-Farm, ein paar Gehstunden entfernt.
Bis sie den Eingang zum Gerudo-Tal erreichen würden, wäre es wahrscheinlich schon nach Mitternacht, und so schlug Ravana vor, hier ein Lager für die Nacht aufzuschlagen. Ein großer runder Felsen, neben dem einige dicke Büsche wuchsen, erwies sich als ideal. Ravana breitete ihren Umhang auf dem weichen Gras aus, setzte sich darauf und aß eine paar Happen von ihrem Proviant. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie Daru, sie wollte sehen, ob er tatsächlich in den Felsen hineinbeißen würde, wurde aber enttäuscht. Er setzte sich nur auf den Boden und rollte sich zusammen.
Merkwürdige Wesen, diese Goronen, dachte sie achselzuckend und wickelte ihren Umhang um sich.

Die Nacht verlief ohne Zwischenfall. Nur einmal wachte Ravana auf, weil sie in der Nähe seltsam trippelnde Schritte gehört hatte. Sie hatte sich aufgerichtet und in die Dunkelheit gespäht. Ihr war, als hätte sie in Richtung der Schritte zwei rote Punkte auf Augenhöhe gesehen, und ihr war es kalt über den Rücken gelaufen, doch kurz darauf waren die Schritte verklungen und Ravana hatte sich wieder hingelegt. Knochengänger... Milo hatte ihr davon erzählt. Er hatte sie auch noch nie gesehen, doch Balon hatte ihm haarsträubende Geschichten von wandelnden Skeletten in der Steppe erzählt...
Am nächsten Morgen wachte sie ausgeruht aus, und auch Daru sah recht gut gelaunt aus. So konnten die beiden ihren Weg zum Tal der Gerudo fortsetzen.