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Waldläufer
So jetzt bin ich fertig:
Das letzte Bad der Karla Schnikof
Es war einer der seltenen warmen Sommertage in der vom Wetter nicht gerade verwöhnten Kleinstadt Pirna. Da fand der alte Volker Putt die Leiche einer vielleicht 45-jährigen Frau am Ufer der Elbe. Er kannte die Tote. Es handelte sich um die reiche Karla Schnikof. Volker diente seit über 50 Jahren bei den Schnikofs und Karla kannte er seit ihrer Geburt. Er ging zurück ins Schloss und rief die Polizei. Als Kommissar Phil Liale mit zwei Männern am Strand eintraf, hatte sich der Tod schon wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Die Gerüchteküche begann zu kochen. Wie schon damals, vor zwei Jahren, als dieser Kai Nesau hier aufgetaucht war. Karla Schnikof hatte damals nichts Eiligeres zu tun, als den dubiosen, fünfzehn Jahre jüngeren Mann zu ehelichen. Wie konnte sie diesen Mann nur heiraten? War sie wirklich ertrunken...?
Kommissar Liale sah die Sache anders. Es war bekannt, dass Karla schon morgens im Fluss zu baden pflegte – trotz gefährlicher Strömungen. Allerdings gab es Ungereimtheiten. Karla war nackt, als Volker sie fand. Normalerweise würde sie nie ohne entsprechende Kleidung baden. Dem Kommissar entgingen auch nicht die dunklen Stellen auf ihren Schultern. Deshalb ließ er die Leiche ins Institut für Gerichtsmedizin nach Dresden bringen. Da Nesau laut Auskunft des Dienstmädchens schon am frühen Morgen nach Röhrsdorf gefahren war, um seine Schwester zu besuchen, konnte Liale erst nach seiner Rückkehr am Nachmittag mit ihm sprechen. Als er Nesau aufsuchte und ihm sein Beileid aussprach, winkte dieser ab.
„Wir müssen uns nichts vormachen, Kommissar“, sagte er. „Sie wissen sicher schon, wie ich zu meiner Frau stand.“
„Wenn ich recht verstehe, meinen sie, dass ihr Verhältnis zu Karla nicht das Beste war.“, meinte Liale.
„Ich war nichts anderes, als ihr Liebhaber, ein Sklave. Ich musste mir jeden Cent, den ich bekam, hart verdienen“
„Aber nun werden sie doch die nicht unerhebliche Hinterlassenschaft erben, wenn ich richtig informiert bin?“ Nesau grinste. „Sie sind richtig informiert. Aber jetzt behaupten sie bloß nicht, ich hätte meine Frau umgebracht. Ich habe Zeugen, dass ich den ganzen Tag in Röhrsdorf war.“
„Sie meinen Lilli Putaner, ihr Dienstmädchen, nicht wahr?“
„Ja, sie hat gesehen, wie meine Frau zum Fluss ging. Meine Schwester wird ihnen auch bestätigen, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon bei ihr in Röhrsdorf war“
Liale nickte bedächtig. „Ich werde das prüfen.“ Er wandte sich zur Tür. „Ich wäre ihnen dankbar, wenn sie Pirna nicht verlassen, bis ich die Ergebnisse der Obduktion habe.“ – „Obduktion?“ Für einen Moment stutzte Nesau, dann grinste er wieder. „Ich weiß zwar nicht, was das soll, aber ich werde mich zu ihrer Verfügung halten“
„Danke“, nickte Liale. „Ich hoffe noch heute Abend Nachricht aus Dresden zu bekommen. Entschuldigen sie die Störung.“
Kai Nesau nahm das Abendessen zu sich, als Volker Putt die erneute Ankunft von Liale meldete. „Er soll warten“, sagte er unwirsch und zwinkerte Lilli Putaner zu, die ihm gerade eine Hummerschere auf den Teller legte. In diesem Moment wurde die Tür geöffnet und Kommissar Liale kam herein. Ihm folgte ein Mann, der seinen zerknitterten Hut abnahm und abwartend neben der Tür stehen blieb.
„Wer hat ihnen erlaubt, hier einzutreten?“, polterte Nesau. „Es tut mir Leid“, sagte Liale. Hauptkommissar Volker Racho ist extra von Dresden hier her gekommen, um mit ihnen zu sprechen.“ „Nun Gut!“ Nesau schob den Teller mit dem Hummer beiseite und lehnte sich zurück. „Was wollen sie also?“
„Danke Liale“, sagte Racho. „Wie sie wissen, Herr Nesau, wurde die Leiche ihrer Frau im Institut für Gerichtsmedizin untersucht. Es wurde Wasser in der Lunge festgestellt. Das bedeutet, dass Karla Schnikof ertrunken ist.“
Nesau lachte. „Ja, und? Das hätte ich ihnen auch sagen können.“ Hauptkommissar Racho nickte. Sicher, Herr Nesau, aber Sie hätten uns kaum verraten, dass sich nicht Flusswasser der Elbe, sondern Leitungswasser mit Badezusatz in den Lungen der Leiche befand.“ Nesau erbleichte. „Sie ist nicht im Fluss, sondern in der Badewanne ertrunken“, fuhr er fort.
„Das ist doch absurd. Lilli kann bestätigen, dass meine Frau heute Morgen allein zum Fluss gegangen ist. Volker hat sie ja da gefunden.“
“Nachdem sie in der Nacht von ihnen dort hingeschafft worden war. Und zwar mit Hilfe ihrer Geliebten.“ Racho zeigte auf Lilli. „Wir haben uns vorhin erlaubt, uns im Bad umzusehen, und dabei...“ Er griff in seine Manteltasche und zog eine blaue Plastikflasche heraus. „...habe ich diesen Badezusatz gefunden. Es handelt sich genau um das Mittel, dass sich in den Lungen ihrer Frau befand. Außerdem konnten wir in Höhe beider Schlüsselbeine Druckstellen ausmachen. Karla Schnikof muss sich stark gewehrt haben, als Sie ihre Schultern packten und sie unter Wasser drückten.“ Nesaus Oberkörper war zusammengesackt.
“Blödsinn“, presste er hervor. Doch es gab keinen Ausweg mehr. Lilli hatte sich schluchzend auf einen Stuhl fallen lassen.
Kommissar Liale trat an Nesau heran und zog Handschellen aus der Jacke.
„Schade um den Hummer...“, sagte er.
Geändert von ranger04 (30.01.2005 um 18:29 Uhr)
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