Die Weihnachtsgans


Emma hatte Angst. Sie hatte geahnt, dass es dieses Jahr sie treffen
würde. Schon als die ersten Schneeflocken fielen, überkam sie ein
ungutes Gefühl. Wie sich nun zeigte, nicht zu Unrecht.
Sie saß nun schon etwa einen Tag in diesem dunklen, kleinen Raum. Vor
Angst hatte sie den Inhalt ihres Darms in den Ecken dieses Zimmers
entleeren müssen und der Hunger, der sie seit einigen Stunden plagte,
verringerte ihre Angst nicht im Geringsten.
Doch der Hunger war längst nicht so schlimm, wie das Warten. Warten auf
etwas Unbekanntes. Wann würde sich der Horror wandeln und geschähe
überhaupt noch etwas, ehe sie vor Hunger und Erschöpfung elendig ins
Gras beißen müsste?
Das einzige was sie wusste war, dass sie geholt wird, was ja nun
geschehen ist, und nie wieder in das traute Heim zurückkehren würde.
So geschah es mit Gerda letzten Winter und mit Ellie vorletzten.
Plötzlich erbebte der Raum. Er wankte hin und her und Emma hatte große
Mühe, nicht in die stinkenden Klumpen in den Ecken zu steigen, während
sie ihr Gleichgewicht balancierte. Irgendwann kam das dunkle Zimmer mit
einem Ruck wieder zum Stillstand. Die Decke öffnete sich von der Mitte
nach außen und das eindringende Licht stach in Emmas Augen, als würden
sie mit Säure bespritzt werden.
So schnell und laut wie jetzt hatte ihr Herz noch nie geschlagen.

¤ ¤ ¤

Marie arbeitete nun schon fünf Jahre auf dem Hof. Sie war froh drum,
denn die Familie war freundlich und hatte Kinder. Hans und Inge hießen
sie. Sie waren zwar manchmal wirklich frech, aber dennoch liebte Marie
die zwei, als wären es ihre eigenen Nachkommen. Aber das, was sie an
ihrer Arbeit absolut nicht ausstehen konnte, war Weihnachten. Nicht,
weil sie gern bei ihrer Familie gefeiert hätte, nein. Sie feierte sogar
viel lieber hier, denn mit ihrer Mutter hatte sie sich schon lange
zerstritten und wollte diese nie wieder sehen. Das ging nun schon seit
über sieben Jahren so.
Das, was sie an Weihnachten nicht mochte, war ihre Aufgabe, eine
Weihnachtsgans zu backen.
Sie kochte gern und war auch im Stande, eine Gans wirklich gut
zuzubereiten. Aber sie hatte Mitleid mit dem armen Tier, dass sie doch
schon so lange kannte und ins Herz geschlossen hatte.
Vor allem diese Qualen, die das Tier erleiden musste, bevor es starb.
Marie hielt davon zwar wenig, aber die alte Magd Helga meinte, man müsse
das machen, damit das Fleisch zart ist und der Darm leer.
Wenn Helga etwas meinte zu wissen, war es zwecklos, sich dagegen zu
widersetzen. Selbst bei den märchenhaften Geschichten, die sie den
Kindern oft erzählte, war sie immer der Ansicht, dass diese Märchen wahr
wären. Auch wenn kein Kind in der Nähe war, beteuerte sie stets die
Wahrheit der Geschichten. Wenn man Helga mit einem Wort beschreiben
müsste, wäre es ‚Stur’.
Deshalb hatte Marie, wie ihr geheißen worden, die Gans in einem
Umzugskarton einen Tag lang weilen lassen müssen.
Nun war es soweit, ihr Schicksal zu beenden.
Marie hatte den Karton in die Küche getragen und machte ihn auf.
Vom beißenden Gestank ließ sie sich nicht stören, den kannte sie noch
von den vorigen Weihnachtsfesten.
Sie sah in den Karton und es stießen ihr unwillkürlich Tränen in die
Augen, als sie die zusammengekauerte, weiße Gans mit dem goldigen
braunen Streifen auf der Stirn im Karton erblickte. Es war immer ihre
Lieblingsgans gewesen. Und nicht nur ihre. Die Kinder hatten sie auch
geliebt.
Marie hob die Gans auf die Arbeitsfläche der Küche, wo schon das Beil
bereit lag, um der Gans den Kopf abzutrennen.
Zitternd nahm sie das Beil in die Hand, doch kurz darauf legte sie es
wieder an ihren Platz zurück. Sie wischte sich die Tränen aus ihrem
Gesicht und sah die Gans an, die so schwach schien, als würde sie gleich
zusammenbrechen.
Nein! Sie konnte gerade keine Gans schlachten! Sie musste sich erst
sammeln. Also nahm sie den stinkenden Karton und brachte ihn hinaus.
Immer wieder sagte sie sich, die Gans sei nur ein gefühlloses Tier und
der Tod ist das beste, was ihr nun passieren könnte. Als sie zurück kam
und sich genügend Entschlossenheit eingeredet hatte, öffnete sie
schwungvoll die Tür der Küche.
Doch voller Entsetzen sah sie: Nichts!
Die Gans war verschwunden!

¤ ¤ ¤

‚Haha! Welch ein Glück, dass das Fenster offen stand!’, dachte Emma, als
sie fröhlich flatternd, blindlings irgendwohin steuerte.
Doch nach den ersten euphorisch wärmenden Gedanken merkte sie, wie kalt
es hier draußen doch war. Außerdem war Emma noch immer hungrig. Gerade
war sie dem tödlichen Beil entkommen, blickte sie nun dem Hunger- und
Kältetod ins Auge. Könnte sie doch besser fliegen, dachte sie sich. Sie
hatte den Sommer über geübt, aber sie schaffte stets nur ein paar Meter.
Sonst würde sie sich jetzt mit ein paar Wildgänsen über das gute Wetter
unterhalten.
Aber nun war sie noch immer hier im Kalten. Der Wind wirbelte die immer
dichter werdenden Schneeflocken um Emma herum, die sich von ihnen
treiben ließ. Das Weiß vor ihr wurde immer greller, sodass man kaum noch
die Konturen von Baum und Buschwerk erkennen konnte. Emma lief weiter
und während dessen wechselte das blendende Weiß vor ihren Augen immer
wieder kurz in schwarz um.
Nach einer Weile wurden die Flocken weniger und sie konnte unweit vor
sich einen Hof erkennen.
‚Das ist die Rettung!’, dachte sie sich. Sie könnte sich im Stall
verstecken und wärmen. Und vielleicht würde sie ja auch irgendwo etwas
Essbares finden.
Als sie das Tor des Hofes erreichte, sah sie einen Schatten in einiger
Entfernung vorbeihuschen.
Ihrer unheilvollen Ahnungen ungeachtet watschelte sie vorwärts.
Nach ein paar Schritten räusperte sich jemand hinter ihr. Emma drehte
sich um und fuhr zusammen. Ironischer Weise war das Erste, was sie
dachte, die Erkenntnis, wie viele Gesichter doch der Tod habe.
Sie hätte schon umkehren sollen, als sie den Schatten sah. Jetzt aber
war es zu spät.

¤ ¤ ¤

Doch der schwarze Kater stand nur da und sah Emma aufmerksam an. Sein
Fell war recht lang und weich. Dennoch wirkte er sportlich, denn im
Gesicht, wo ihn zwischen Augen und Schnauze eine Narbe schmückte,
brachte kurzes Fell ein markantes Gesicht zum Ausdruck. Außerdem hatte
sein linkes Ohr seltsame ausgefranste Einschnitte, durch die der Kater
noch bedrohlicher auf Emma wirkte.
Jeden Moment würde er auf Emma springen. Sollte sie rennen? Nein. Das
wäre ohnehin zwecklos. ‚Also gibt es nur noch eins zu tun’, dachte sie...
„Was tust du hier, Gans?“, unterbrach der Kater Emmas Gedanken.
Da sie so direkt nach dem gefragt wurde, was sie gerade im Begriff war
zu denken, antwortete sie spontan: „Auf den Tod warten.“
„Ich finde, dafür hast du dir den falschen Tag ausgesucht.“, erwiderte
der Kater, „Komm doch lieber mit ins warme Haus.“
Der Kater wandte sich von Emma ab und schlenderte gemächlich zum Haus.
Emma blieb erst einmal irritiert stehen. Der Kater hat Emma eine
Einladung gemacht, anstatt sie zu zerfleischen? Das konnte doch nicht
mit rechten Dingen zugehen! Bestimmt war das eine hinterlistige Falle.
Sollte sie ihm vertrauen?
Warum eigentlich nicht? Immerhin hätte das Raubtier sie schon längst
töten können.
Emma gab sich einen Ruck und folgte ihm mit starkem Herzklopfen durch
die Klappe in der Tür, die wohl extra für den Kater eingerichtet worden war.
„Komm mit in den Keller. Dort wird man uns nicht stören.“, sagte der
Kater während er schon die ersten Stufen hinabstieg.
Emma fürchtete Schlimmstes. Der Keller war wohl die Metzgerei des
Schlächters vor ihr. Aber ohne sich dagegen wehren zu können, trugen sie
ihre Beine schon die Treppe hinab.
Das Zimmer, in dem sie sich nun befanden war eine Art Schlauch.
Gegenüber des Treppeneingangs war eine Tür. Spärliches Licht von einer
Petroleumlampe an der Decke ließ große regalartige Möbel an den Wänden
erkennen. Diese dienten scheinbar nur dazu, eine Unmenge an Flaschen zu
tragen.
Der Kater wandte sich Emma zu und sagte: „Darf ich mich vorstellen? Ich
heiße Gottfried. Mit wem habe ich die Ehre?“
„Äh... Em- Emma“, stotterte die Gans mit zittriger Stimme.
„Du bist wohl nicht für diese Temperaturen da draußen geschaffen.“,
meinte Gottfried, „Du zitterst am ganzen Leib.“
Der Kater hatte Recht, merkte Emma plötzlich. Aber sie war sich nicht
sicher, ob die Kälte oder die Angst daran Schuld waren.
„Setz dich zu dem Wassernapf dort in der Ecke und trink einen Schluck.
Das wird dich wärmen. Ich hole dir geschwind etwas zu essen.“
Und schon war der Kater die Treppe hinaufgesprungen.
Von ihrem unvorhersehbaren Schicksal gebeutelt, begab sich Emma zum
Napf. Aber statt dem erwarteten Wasser befand sich eine seltsame rote
Flüssigkeit in dem Behälter.
‚Blut!’, schoss es Emma durch den Kopf. Ihre Befürchtungen wurden also
doch wahr. Gottfried holte wohl gerade Salz und Pfeffer, um Emma zu würzen.
Aber Moment. Blut roch anders. Sie konnte sich zwar nicht an den Geruch
erinnern, aber es roch nicht so, wie das Zeug im Napf.
Mutig steckte sie ihren Schnabel in die Flüssigkeit und trank einen
Schluck. Unwillkürlich musste sie sich schütteln.
‚Das brennt ja fürchterlich!’, dachte Emma, die intensiv nach Luft hechelte.
Dann wurde es dunkel um sie herum.

¤ ¤ ¤

Scheinbar hatte die Petroleumlampe den Geist aufgegeben.
„Da bin ich wieder.“, kündigte sich Gottfried an.
Emma sah nichts als Dunkelheit, bis vor ihr die Augen der Katze funkelten.
Sie konnte ein Knurren vernehmen und ehe sie sich versah, war der Kater
schon auf sie gesprungen.
Reflexartig flatterte Emma mit den Flügeln und watschelte so schnell es
ging hinter das Regal, bevor der Kater ihr den tödlichen Biss geben
konnte. Sie rannte über die Flaschen, die nacheinander gen Boden vielen
und mit einem lauten Klirren ihren Inhalt darauf vergossen.
Eine Etage höher tat es ihr der Mörder gleich. Als Emma merkte, dass sie
überholt wurde sprang sie auf den nassen Boden, um schneller zur Treppe
zu gelangen. Doch als sie gerade die erste Treppenstufe erreichte,
spürte sie, wie Gottfried ihr in den Rücken fiel und seine scharfen
Zähne in den Hals bohrte.
Emma versuchte, einen letzten tiefen Atemzug zu tun und riss ihre Augen
so weit wie möglich auf.
Sogleich wurde sie von warmem Licht umhüllt.

¤ ¤ ¤

Vor ihr erkannte sie nun zwei Katzenaugen. War sie in die Hölle gekommen
und der Teufel stand nun vor ihr?
Emma sah sich um. Es war nicht die Hölle. Es war der gleiche Raum, in
dem sie die ganze Zeit schon war. Die Augen gehörten Gottfried, das
Licht kam von der Zimmerdecke und der Boden war trocken.
„Bist du endlich aufgewacht?“, meinte der Kater. „Ich hab’ dir ein paar
Brotreste besorgt.“
Der Kater deutete auf den Boden, wo einige Streifen lagen, die von
Semmeln abgeschnitten worden waren. Auf einmal merkte Emma wieder, dass
sie kurz vor dem Verhungern war.
Sie stürzte sich gierig auf die Krumen.
„Frohe Weihnacht!“, wünschte Gottfried.
„Bischt du Chrischt?“ fragte Emma entgeistert mit vollem Mund.
„Ein wenig.“, war die Antwort, „Ich glaube nicht an alles, was von den
Menschen gesagt wird, aber gäbe es kein Christentum, würde ich nicht
mehr leben. Ich war einst ein Streuner. Nach einem wilden Kampf war ich
so verwundet, dass ich nicht mehr lange hätte leben können, doch eine
christliche Familie nahm mich auf. Sie lehrten mich, deinen Nächsten zu
lieben und den Schwachen zu helfen. Ich bin ihnen sehr dankbar und
vertrete viele Aspekte des Christentums. Wohlgemerkt aber nicht alle.“
„Chrischten schollen den Schwachen helfen? Isch hab’ bischher nur
mitbekommen, dasch schie schich scheit deiner Geburt um dich kümmern und
wenn du gerade den Punkt erreicht hascht, dasch du die Welt verstehscht
und das schöne vom häschlichen unterscheiden kannscht, wollen schie dir
den Kopf abhacken und dich freschen.“, Emma schluckte, „So haben sie es
zumindest mit mir versucht. Wie du siehst, konnte ich ihnen aber noch
entkommen.“
Gottfried überlegte kurz. „Die Menschen haben dir ein schönes Leben
gewährt. Als Gegenleistung wollten sie dich essen.
Das, was die Menschen dabei nicht beachtet haben ist, dass du dafür
nicht bereit warst.
Wenn du etwas bekommst, solltest du dem, der dir etwas gegeben hat, ein
bisschen mehr zurückgeben als du bekamst. Das sollte aber auf
freiwilliger Basis geschehen und nicht erzwungen werden. Also solltest
du dir etwas überlegen, was du den Menschen zurückgeben kannst. Dann
werden sie kein Verlangen mehr sehen, dich zu schlachten.“
Diese Worte klangen einleuchtend. Ob das wirklich funktionieren würde,
konnte man zwar nicht vorhersehen, aber Emma überlegte. Der Kater auch.
Nach einer Weile fiel Gottfried etwas ein: „Du musst durstig sein. Trink
ruhig.“
„Nicht ohne zu wissen, was das ist.“, antwortete Emma.
„Du wirst es mir nicht glauben. Mein Herrchen füllt seinen Schnaps in
Weinflaschen und streckt ihn mit Rotwein, da Frauchen etwas gegen
Schnaps hat.
Schmeckt doch aber gar nicht schlecht, oder?“
Emma konnte sich nicht mehr an den Geschmack erinnern, also nippte sie
skeptisch. Wieder dieses Brennen. Doch seltsamerweise gefiel ihr das
Gefühl, wie das Gesöff ihr den langen Hals herunterbrannte und an den
Geschmack konnte sie sich auch gewöhnen...

¤ ¤ ¤

Eine Stunde später saßen die zwei wie Kumpels, die sich noch aus dem
Sandkasten kennen, um den Napf und diskutierten fröhlich und betrunken
über Gott und die Welt.
Und das Problem mit dem Geschenk für die Menschen war auch schon gelöst.
In einem Sack lag es vor ihnen.
„Eine Sache fehl dir noch“, meinte der Kater der schon wieder die Treppe
hinaufhuschte, um etwas zu holen.
Er kam mit einer Roten Zipfelmütze mit weißer Krempe und Bommel zurück
und setzte sie Emma auf.
„Dir steh- steht die viel besser als meiner Schoffmaus, äh, Stoffmaus.“,
befand er lallend lachend. „Wir können auch langsam losgehen. Der
Gottsdienst is bestimmt bald fertig.“
Also machten sich die beiden auf den Weg.
Als sie den Hof erblickten legte Emma den Sack, den sie im Schnabel
trug, auf den Boden. „Meinst du wirklich, dass das eine gute Idee ist,
Gottfried“, fragte sie.
Der Kater sah die Gans an, als hätte sie gefragt, welche Zahl nach der
eins kommt. „Natürlich Emma! Ich hab dir doch gesagt: die Menschen
werden sich an das letzte Abendmahl erinnern und ganz entzückt von der
mystischen Stimmung sein. Danach werden sie einsehen, dass sie falsch
gehandelt haben. Vertrau mir.“
Emma wäre am liebsten umgedreht um ihren Lebensabend mit Gottfried in
diesem Keller zu verbringen, doch konnte sie das nicht sagen, also nahm
sie wieder den Sack in den Schnabel. Kaum war das geschehen rief
Gottfried: „Und nun flieg!“
Beim letzten Wort machte er einen großen Sprung mit ausgefahrenen
Krallen in Emmas Richtung, die panisch losflatterte.
Was? Sie sollte ihm vertrauen? Einem vorgetäuschten Freund, der im
letzten Augenblick sich doch noch überlegt einen zu fressen. Sie wusste
es: Man darf keiner Katze trauen. Erst recht nicht, wenn man schon eine
Vision hat, von ihr getötet zu werden.
Während Emma noch darüber nachdachte, merkte sie gar nicht, wie weit sie
schon geflogen war. Erst als sie das Dach des Hauses unter sich sah,
fiel ihr ein, dass sie eine so weite Strecke noch nie zuvor geschafft
hatte und prompt stürzte sie auf das alte Storchennest auf dem
Schornstein. Seit Emma denken konnte, gab es dieses Nest. Aber nie hat
sie einen Storchen darauf hausen gesehen.
Das Nest bog sich nach innen und die Gans rutschte samt der Matratze aus
Heu langsam den Schornstein hinab.

¤ ¤ ¤

Es war Weihnachten! Warum musste Marie ausgerechnet an Weihnachten so
etwas passieren.
Kaum war die Familie aus der Kirche zurück bemerkte Herbert, dass es
nicht nach gebackener Gans roch. Die Magd stand nun schon etwa fünf
Minuten im Wohnzimmer und musste sich anhören, dass ein Weihnachtsfest
ohne Weihnachtsgans wie ein Osterfest ohne Osterhase wäre. Zumindest so
etwas ähnliches. Marie hörte dem Geschimpfe schon längst nicht mehr zu.
Gedankenverloren schweifte ihr Blick zum Kamin. Ihr fiel sofort ein,
dass sie diesen vergessen hatte anzuheizen. Sie war einfach zu lange
damit aufgehalten gewesen diese Gans zu suchen, wegen der es nun ganz
danach aussah, als ob sie ihren Arbeitsplatz verlieren würde.
„Nun Marie, hast du eine Erklärung dafür, wohin die Gans verschwunden
sein könnte?“, fragte Herbert mit markerschütternd strenger Stimme.
Marie konnte nicht antworten. Sie war zu sehr davon abgelenkt, was da in
den Kamin rutschte.
„Marie, wo ist die Gans?“, wiederholte Herbert noch schärfer.
Verduzt antwortete die Magd, „Im Kamin!“
„Red doch kein...“, Herbert wurde von den Kindern unterbrochen, die
aufgeregt, „Der Weihnachtsmann kommt!“, riefen.
Herbert sah verwundert zum Kamin.

¤ ¤ ¤

Emma war es sehr unangenehm, wie sie von allen angestarrt wurde.
Vorsichtig entstieg sie ihrem Nest und setzte den kleinen Sack, der ihr
langsam viel zu schwer und lästig wurde, vor dem Kamin ab.
Ehe sie sich versah, fand sie ihren Hals in den Händen von Herbert
wieder, der sie hochzog und teuflisch lachte: „Haha! Da haben wir die
Gans ja. Wie lange dauert es, sie zuzubereiten?“
War letztendlich alles umsonst? Nein, gewiss nicht. Immerhin hat Emma
noch vor ihrem entgültigen Ableben einiges erlebt. Sie hätte sich denken
können, dass man nicht immer der kalten Hand des Todes entfliehen
konnte. Von den Menschen verspeist zu werden, war der Sinn ihres Lebens,
erkannte Emma nun.
„Erkennst du sie denn nicht, Herbert?“, fragte Helga, die alte Magd.
„Unsere Emma wurde vom Weihnachtsmann als Gehilfin gewählt. Sie ist
verschwunden, weil der Weihnachtsmann sie mitnahm, damit sie ihm helfe.
Wir dürfen sie nicht schlachten, denn sie hat noch viel zu tun heute Abend.“
Helga war in vielerlei Hinsicht unausstehlich. Aber für die Art, wie sie
die Kinder mit erfundenen Geschichten faszinieren konnte, beneidete sie
Marie. Wie fern diese Geschichte der Wahrheit war, war sich Marie
diesmal aber gar nicht sicher.
„Dankt der Gans für ihr Geschenk in dem Sack, Kinder, und dann lassen
wir sie weiterziehen, damit der Weihnachtmann heute nicht alles allein
machen muss.“, beendete Helga.

¤ ¤ ¤

„Und was war in dem Sack?“, fragte die recht junge Gans Irmgard, nachdem
Emma die ganze Geschichte in ihrem alten Gänsehaus den Gänsen erzählt hatte.
„Brot und Wein. Wie beim letzten Abendmahl. Aber natürlich haben wir den
speziellen Wein genommen.“, erwiderte Emma.
Sie war nun wirklich erleichtert. Sie hatte Weihnachten überlebt.
Zumindest in diesem Jahr. Kalte Luft wehte herein und mit ihr kam
herzliches Gelächter von der Familie im Haus. Die Gänse wandten sich zur
aufgegangenen Klappe des Häuschens.
„Darf ich euch Gesellschaft leisten?“, fragte Gottfried in die Runde.



- Ende -