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General
#3
- A christmas tale -
Sie zündete sich eine Zigarette an und rieb sich die in Handschuhen verborgenen Hände. Die anhaltende Kälte machte alles weiß und kühl, malte gefrorene Blumen auf die Scheiben. Wenn jetzt irgendwer bei ihr wäre... aber so war es nicht. Sie war nur eine unter tausend, eine Unbekannte in der Menge, ein Niemand. Was war das für ein Weihnachten, wenn man alles verloren hatte? All die Ideale vom Glück und der Liebe... alles nur in der Welt der Oberschicht. Jemand wie sie konnte davon nur träumen. Und sie tat es nicht.
Manchmal fühlte sie sich, als würde sie so mancher mitleidig ansehen, aber sobald sie seinen Blick suchte, schien er sich gar nicht für sie zu interessieren. Und so fristete sie ihr Leben... ohne Freunde, ohne Familie, mit erkaltendem Herzen. Sie begann mehr und mehr zu verstehen, dass sie nicht in eine Welt des Mammons passte. Wo war das wirkliche Weihnachten, IHR Weihnachten? Das Weihnachten, das sie sich immer gewünscht hatte? Mit ihren Eltern und Geschwistern in einer warmen Stube, alle lachen und freuen sich. Sie hatte so etwas nie erleben dürfen. Gefangen in einer Welt der Kälte, der Ausgestoßenen, weggeworfen wie ein abgetragenes Kleidungsstück, unbrauchbar... Wie war es wohl, eine Mutter zu haben? Sie stellte sich deren liebevolle Umarmung vor und verkroch sich instinktiv tiefer in ihren Mantel.
Bei dieser Kälte konnte man heutzutage auch gar nicht mehr nachdenken, ohne dass einem auffiel, dass man gerade dabei war, sich Frostbeulen an den Zehen zu holen. Sie warf die Zigarette in den verharschten Schnee und wartete, bis die Glut ein Loch hineingrub, bevor sie sie austrat. Dann lief sie langsam aus der Seitengasse auf eine der Hauptstraßen.
War da nicht ein vertrautes Gesicht? - Wohl nur eine Sinnestäuschung. Sie sah oft ein Familienmitglied in einem fremden Gesicht, obwohl sie sich an keins von deren Gesichtern erinnern konnte. Und dann fragte sie sich meistens, warum man sie ausgesetzt hatte. Die im Waisenhaus hatten immer schlecht über die Eltern von solchen Kindern gesprochen. Aber das war ihr mittlerweile egal.
Sie bekam von den Kioskbesitzern meistens Zigaretten geschenkt, jetzt, wo das Waisenhaus abgebrannt war und sie keine Möglichkeit mehr hatte, irgendwie einen Platz zum Leben oder Arbeiten zu bekommen. Sie hatte wirklich alles gesucht, aber nicht mal im Rotlichtviertel wurde sie gebraucht. Sie kam sich so nutzlos vor...
Was zum Teufel war das für ein Weihnachten?! Sie konnte es nicht fassen. Keine Arbeit, kein Geld, keine Wärme, keine Liebe. Unglaublicherweise hatten die, die nicht bedürftig waren, immer zu viel davon. Ihr größter Wunsch war, einmal mit so jemandem zu tauschen. Aber das würde wohl nicht funktionieren.
Sie war es leid, überall auf Werbetafeln und auf den Straßen die glücklichen Familien zu sehen. Es tat ihr in der Seele weh, die Vorfreude nicht teilen zu können. Fast kamen ihr die Tränen, wenn sie daran dachte, dass nicht einmal mehr ihre liebsten Freunde aus dem Waisenhaus bei ihr waren... alle verschwunden, nur sie zurückgelassen. Und sie machte sich auf den Weg in ihr "Zuhause", ein noch existierendes Zimmer im Rest des Waisenhauses, wo sie mit etwas Glück noch ein halbwegs dichtes Dach hatte errichten können.
Sie hatte gerade die Tür geöffnet, da fiel ihr auf, dass etwas anders war als sonst. Sie wollte etwas sagen, aber da hörte sie hinter ihrem Bett diese Stimme, wie sie ihren Namen rief. Sie umrundete den Schreibtisch und auf dem Boden vor der improvisierten Feuerstelle saß er, mit einer Kerze in der Hand. Sie ließ ihre Handschuhe fallen und fiel auf die Knie. Das konnte nicht wahr sein. Das konnte nicht wahr sein! Er war doch tot, so wie alle anderen aus dem Waisenhaus! Und jetzt saß er vor ihr. Der Mensch, der ihr am meisten von allen bedeutete. Er lächelte und hielt ihr seine Hand hin und ihr wurde klar, dass es so einfach war. So einfach! Sie würde alle wiedersehen! Sie wusste, was sie zu tun hatte. Ihre Hände ergriffen einander, er flüsterte: "Fröhliche Weihnachten." Und dann blies er die Kerze aus.
Geändert von Mopry (22.12.2004 um 18:49 Uhr)
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