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General
#2
Die Suche nach dem Weißen
„Hmmm ...Mir scheint als hätte ich etwas gehört. Bestimmt wieder nur Einbildung bei dem Wetter!“. Wir schreiben das Jahr 2004 und es Weihnachtet sehr, denn das kann Knecht Ruprecht mit Fug und Recht behaupten. Es scheint wirklich weiß zu werden und die Menschen in ihren warmen Häusern beklagen sich nicht über diese Pracht. Darum liebe ich es, nach draußen zu gehen, mir meine warme Mütze über den Kopf zu ziehen und mit Musik durch die fast leeren Waldwege zu laufen. Im Wald lässt es sich nämlich einfach laufen. Dort fällt der Schnee meist nicht so stark oder wird vom Geäst aufgehalten. Wenn man dann einmal nicht aufpasst, fällt einem das ganze weiße Übel auf den Kopf und verteilt sich in Nacken, Ohren und überall, wo es sonst noch hinkommen kann. Darum nehme ich immer einen prüfenden Blick mit in den Wald und achte immer genau auf solche gefährlichen Stellen. Manchmal lasse ich es auch absichtlich, damit ich mich später noch mehr auf mein Zuhause freuen kann. Ein warmes Kissen und die schützende Decke macht es einem so gemütlich, wie an kaum einem andren Fleckchen.
Nun stehe ich da, lausche Leise nach dem verdächtigen Geräusch und stelle fest, dass es ein junger Mann mit Schneeschaufel war. Kinder lieben es, ohne Grund Schnee zu schaufeln und ihn dann zu einem großen Haufen zusammen zu pferchen. Dann werden die Schlitten aus der verstaubten Ecke geholt und man freut sich über den Schwung des kalten Weißes. Ich denke mir immer, so was möchtest du auch noch mal gerne erleben. Diese Freude und Lebenslust erleben. Ich besinne mich, so was gepflegt sich doch nicht für einen Mann wie mich. Aber manchmal kommt das berüchtigte Kind im Manne doch zum Vorschein.
Nun gehe ich Richtung des Sees, der wunderbar gefroren ist. Wenn sich die Sonne während der wenigen Augenblicke am Tag sehen lässt, dann glänzt die große Eisplatte wie ein Lichtermeer. Ja, man kann sogar die Wärme auf ihr spüren, wenn man nur fest genug daran glaubt. Ich setze mich auf eine Bank, die Gott sei Dank nicht so feucht ist, wie seine Nachbarn. Ich glaube die Menschen wären wohl etwas zu sehr damit beansprucht, sich ein Tuch von Zuhause mitzubringen. Dabei wäre es doch viel praktischer. Ich bemerke, dass ich wieder Unmögliches von der Menschheit verlange, wo doch selbst ich ein Tuch vergessen habe, oder besser gesagt erst gar keins mitnehme. Wenn ich so dasitze und mir die Umgebung anschaue, gefällt mir der Winter viel besser als der Sommer. Der Winter besitzt eine solch unheimliche, mystische Aura, dass man sich verlieben könnte. Verlieben… Ich bin 19 und habe immer noch keine Freundin. Wäre der Winter nicht grade perfekt für eine Liebe? Ich denke, über dieses Thema werde ich später nachdenken, wie ich es immer mache.
Ich nehme mir ein bisschen Eis in die Hand und warte darauf, dass es schmilzt. Es ist immer schön anzusehen, dass sich etwas verändert. Ich lasse das Wasser bis zum Schluss auf der Hand und merke, dass ich meine Handschuhe vergessen habe. Wie auch das Tuch… Ich wedle mit der Hand um das Wasser von der Hand weg zu bekommen und trockne mich an meiner Hose. Nun stecke ich beide Hände in die warmen Taschen. Komisch, das Gras bleibt grün, obwohl andere Pflanzen verdorren und eingehen. Ist das Gras etwa magisch? Du Idiot, denkst du etwas an Magie? , besinne ich mich. So etwas wie Magie gibt es nicht. Aber dieses Gras das völlig mit Weiß bedeckt ist, lässt mich fast träumen. So eine Schicht aus Schnee, die völlig zart und leicht auf der Oberfläche liegt, muss ein herrliches Gefühl für die Haut sein. Aber sich nackt auf das Gras zu legen, wäre wohl eher die Lieblingsbeschäftigung anderer Leute. Heute würden wir dafür eingesperrt werden. Wir sind ja seriös und gesittet. Bei diesem Gedanken mache ich eine Handbewegung, die wie ein adeliger Gruß aussieht. Ich würde mich gerne mal selbst sehen, nicht nur im Spiegel. Spiegel? Wohnzimmer? Zuhause? Mich behängt ein Gefühl der Sehnsucht nach meinem Zuhause. Jetzt im warmen Jogginganzug auf der Couch zu liegen, ist in der jetzigen Situation ein unabdingbares Gefühl der Sehnsucht. Ich mache mich lieber auf und zieh mich um. Die Nase fängt auch schon an zu laufen. Dabei habe ich mir vorgeschrieben, dieses Jahr nicht krank zu werden…
Auf dem Weg zurück durch den Wald, sehe ich noch einmal den Jungen mit seiner Schneeschaufel. Spaß ist das, was man am meisten im Leben haben sollte. Plötzlich merke ich, dass mir jemand zu nahe gekommen ist. Ich schaue zum Jungen und ich erkenne noch grade, dass der Jemand nach oben schaut, um auf den Schnee zu achten. Unglücke passieren halt. Ich richte mich schnell auf und sage perplex: „Oh, das tut mir sehr leid ich sollte etwas besser auf…“. Der Jemand war eine Sie und ich war noch perplexer als vorher. Ich gab ihr hastig die Hand. Mein Herz donnerte wie wild. Kann denn so etwas wirklich mir passieren? „Ist schon in Ordnung, ich habe genauso wenig auf…!“. Auf einmal spürte ich den Blick von ihr. Dieser Blick strahlte etwas aus, das ich nur von meiner Wohnung kannte. Es war Wärme. Einladende Wärme, die ruhig und geschmeidig wandert. Mein Herz donnerte heftiger als jemand zuvor. Ist das etwa? Sie streckte die Hand aus und gab mir mit roten Gesicht und verlegendem Lächeln die Hand. Sie hatte ihre Handschuhe auch vergessen dennoch spürte ich die Wärme… diese Wärme. Scheint Weihnachten weißer zu werden als sonst?
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