Es war in jenen Tagen, als die drei Göttinen die Welt schufen. Heute lässt sich nicht mehr sagen, welchen von den drei Grossen auf die Idee gekommen war. Din, die immer ein wenig mit sich selbst haderte? Farore, deren mütterliche Fürsorge sprichwörtlich war? Oder Nayru, die zu allem immer ein humorvolles Wort parat hatte? Überliefert ist jedoch, dass alle drei sich darin einig wahren, einen letzten grossen Schutzheiligen zu bestimmen, der über das Leben auf Hyrule wachen sollte. Er sollte - wenn alles nichts mehr half - für die Kinder dieser Welt da sein. Eine Art letztes Bollwerk gegen das Böse. Und sie mussten nicht lange suchen, als sie überlegten, wem sie dieses Amt übergeben sollten.

Ein Raunen ging durch die Nacht und Anja schreckte hoch. Sie hatte geschlafen. Wie lange? Sie wusste es nicht. Seit Tagen schon war sie keiner Menschenseele begegnet. Ihre Haare waren zerzaust und von der schönen Tunika war nur noch eine speckig glänzende und stark in Fransen hängende Körperbedeckung übriggeblieben. Das linke Bein trug frische Wunden, die von starken Klauen herrührten.

Das Wolfsrudel hatte sie überrascht, als sie grade Reisig für ein Feuer zusammensuchte. Sie waren zu fünft, aber Anja war eine Meisterin nicht nur mit Bierkrügen, sondern auch mit dem Dolch, Drei der Bestien konnte sie erlegen, aber sie hatte dafür bezahlen müssen. Die linke Schulter zeigte einen langen Riss, aus dem immer wieder frisches Blut zu sickern schien. Ihre rechte Hand hatte sie notdürftig mit wild wachsendem Hanf umwickelt. Und das Bein schien sich zu entzünden.

Aber das alles bemerkte sie jetzt nicht. Etwas hatte ihren tiefen Schlaf zu stören vermocht, und als sie lauschte, konnte sie ein leises Heulen vernehmen. Die letzten beiden Wölfe hatten zwar bei dem Kampf reisaus genommen, aber sie wussten ihr Opfer geschwächt. Langsam zogen sie ihren Kreis um die hilflose junge Frau. Anja presste sich ganz fest an den warmen, wohligen Waldboden. Sie zog die Beine an und fing leise an zu wimmern.

Sie standen inmitten in einer Waldlichtung. Din machte ein trauriges Gesicht und Nayru knuffte sie liebevoll in die Seite. Farore jedoch war sonderbar still geworden und nickte dann den beiden anderen zu. Einige Sonnenstrahlen durchbrachen das dichte Blätterdach, und wo sie auftrafen, da sah man das frischgeborene Leben pulsieren. In den Wipfeln begannen singend ein paar Vögel ihr Tagwerk. Da legten die grossen Drei ihre Hände ineinander und webten ein letztes grosses Symbol.

Nach wenigen Minuten lag an der Erde eine kleine goldene Pyramide mit vier Seiten. Sie betrachteten zufrieden ihr Werk, murmelten ein paar Worte und das Symbol verschwand langsam im Boden. Es wurde gebrannt in des letzten Beschützers Herz. Dieser Beschützer sollte Trost spenden, wo man keine Zukunft sah. Er sollte Liebe geben, wo Hass die Welt zerstörte. Und dem Guten beistehen gegen das Böse. Und sie hatten ihn erwählt.

Hier inmitten dieser Ansammlung von Bäumen mit knorriger Rinde, deren Alter später jenes der sieben Weisen bei weitem übertreffen sollte, wurde die letzte Bastion geschaffen. Und so verliessen Din, Farore und Nayru den Wald. Und über die Jahrhunderte ging das Wissen über diese letzte magische Zuflucht verloren. Nicht einmal die Kokiri wussten um die Macht, die im Beschützer steckte... in IHM steckte... im WALD.


Sie rannte nicht, sie flog förmlich über den Waldboden. Ihre Augen tränten und sie stolperte immer wieder über kleine Wurzeln. Fluchend richtete sie sich dann auf und jedesmal durchfuhr sie ein heftiger Schmerz, der aus dem verletzten Bein zu kommen schien. Anja hatte nicht wieder einschlafen können und als sie plötzlich ein paar leuchtende Augen nicht weit ihrer Lagerstatt durch einen Busch blitzen sah, da war sie losgelaufen.

Anfangs war sie noch gut vorangekommen. Aber nun war ihr Körper erschöpft und schrie förmlich nach einer Pause. Sie liess sich fallen und als sie hinter sich ein leises Rascheln hörte, drehte sie sich ganz langsam um. Da standen sie. Zwei herrliche Exemplare ihrer Rasse mit weissem langem Fell und einem buschigen Schwanz. Es durchzuckte sie noch kurz der Gedanke, dass sie eigentlich recht friedlich wirkten... da griffen sie an. Sie liefen auf sie zu, kamen immer näher... Anja konnte ihr spitzen langen Zähnen in dem geifernden Maul erkennen... als sie ganz nah waren, warf sie heulend ihre Hände schützend vor ihr Gesicht... und... nichts geschah.

Anja blinzelte ungläubig durch ihre Finger und was sie sah, nahm ihr den Atem. Ein mannshoher Busch schien wie von Geisterhand rings um sie herum zu gehen. Zwei grosse Bäume hatten ihre Wurzeln benutzt, um damit wie mit einen käfig die beide Wölfe an Ort und Stelle festzuhalten. Direkt vor ihren Augen schälte sich ein kleiner Pilz aus dem Boden. Er sah sie freundlich an (zumindest glaubte sie das, schliesslich hatte Anja noch nie einen Pilz mit Gesicht gesehen) , hüpfte auf ihr Bein, besah sich die Wunde und stäubte irgendetwas darauf. Als Anja mit schmerzerfülltem Gesicht zusammenfuhr, murmelte er leise zu Anja: "Die Schmerzen werden gleich vergehen, Kind. Und dann wirst du Linderung verspüren." Und gleich hellte sich auch Anja's Gesicht auf, da der Schmerz tatsächlich sofort nachliess.

Wie magisch versiegte das Blut aus ihren Wunden und als sie die Hand aus dem Verband wickelte, konnte sie ihren Augen nicht trauen. Es war, als wäre nie etwas gewesen. Dann sah sie wieder zum Pilz und hörte noch einmal die leise Stimme: "Du durftest etwas geniessen, was die Göttinen für euch als Schutz mitgegeben haben. Du hast ihn geachtet und gepflegt, beschützt und geholfen. Und nun hat er dir seine Dankbarkeit gezeigt." Und als Anja ihn immer noch verständnislos anblickte, fügte er noch leiser hinzu: "Der Wald, mein Kind!" Anja atmete tief ein und nickte dann. Wieder murmelte der kleine Pilz etwas und sofort fiel Anja in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Als sie erwachte, fühlte sie sich erholt und gekräftig. Sie setzte sich auf und... erstaunte wieder. Sie sass auf ihrer Bank vor ihrer Taverne. Spinnweben hatten sich in die Fenster eingelassen und die Tür knarzte, als sie sie langsam aufstiess. Aber dann übermannte sie grosse Freude und Glücksgefühle. Sie nahm das Geschlossen-Schild ab, richtete alles her, stellte sich hinter den Thresen und harrte der Dinge, die da kommen mögen.