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Thema: Sambikisaru

Hybrid-Darstellung

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  1. #1
    Kapitel 2 – eine alte Brücke

    1

    Der namenlose Autor saß zweifelnd an seinem unaufgeräumten Schreibtisch.
    Staub bewegte sich träge durch den Raum, der wenig Persönliches erkennen ließ. An der Wand hing ein Bild von einer Afrika-Landschaft, aber es hing schief und ließ abgerissene Tapete dahinter zum Vorschein kommen. Auf dem Fußboden lagen alte Musikzeitschriften und einige leere Chipstüten. Die einzige, in der noch essbare Reste vorhanden waren, stand auf dem Schreibtisch, an einen vernachlässigten Bonsaibaum gelehnt. „Kann ich das wirklich schreiben?“ Der Autor schüttelte den Kopf und stand auf. Er brauchte Ablenkung.

    2

    Es dauerte eine halbe Stunde, bis er die Brücke erreichte, aber vollkommen in Gedanken versunken, merkte er nicht einmal die folgenden zwei Stunden, die er einfach nur am Geländer stand und auf den Kanal hinunterblickte. Das Wasser des Kanals, dessen Namen er nicht wusste, noch nie wusste, war alles andere als sauber und die Spiegelung der roten Metallbrücke auf den leichten, steten Wellen ließ sie noch älter und vergessener aussehen, als sie ohnehin schon war. Doch dieser Platz hatte etwas Heiliges für den Autor. Immer, wenn er Ruhe brauchte, kam er hierher, an diesen kleinen Platz des Friedens. Hatte er vor, diese Geschichte weiterzuschreiben? Er wusste es nicht. Sein langer schwarzer Mantel wog sich in einer leichten Morgenbrise. Die ganze Nacht hatte er geschrieben. Wie spät war es? Vielleicht zehn Uhr? Wie auch immer, es war ihm letztendlich auch egal. „Noch denselben Abend beschlossen die drei, auszubrechen.“ War das ein Satz, den er sich noch vor ein paar Tagen vorgestellt hätte? Sicher nicht. Eigentlich sollte die Geschichte eine ganz andere Richtung einschlagen, aber wie so oft hatte er die Kontrolle über sein eigenes Werk verloren. Das ganze kam ihm mehr und mehr wie eine Knastgeschichte vor, als wie ein psychologisch angehauchtes Drama. Aber er hatte sich nun mal für diesen Weg entschieden. Zurück ging es nicht mehr. Das war eine Erfahrung, die er schon allzu oft gemacht hatte. Wenn du einmal angefangen hast, kannst du dich nicht mehr einfach so umentscheiden. Aber warum? War er nicht der Autor? Eigentlich hatte er doch die Macht über seine Figuren, oder nicht? Plötzlich geisterte ihm ein Text von Pedro Calderón de la Barca im Kopf herum. In letzter Zeit dachte er oft an dieses kleine Stück. Ein Dialog zwischen Autor und der von ihm geschaffenen Welt. „Dein Autor bin ich, und du bist mein Werk, heute vertraue ich dir einen meiner Gedanken zur Ausführung nach deinem Gutdünken an.“, hieß es darin. Also weckt der Autor nur eine Welt, über die er dann jegliche Macht verliert? In dem Falle wäre er ja nicht mehr als ein Berichterstatter. Er beobachtet und notiert. Das war aber doch nicht das, was man als Schriftsteller vorhat, wenn man eine Geschichte zu erzählen beginnt, oder etwa doch? Der namenlose Autor jedenfalls wollte sich nicht so recht abfinden mit der Tatsache, dass seine Figuren plötzlich ein Eigenleben führen, das er nur noch beobachtet, wie ein Puppenspieler, dem seine Fäden wie von Zauberhand entrissen wurden und der danach nur noch staunt, was sein Pinocchio da für neue Bewegungen präsentiert. Elmar, Oskar und Paul hatte er sie genannt. Warum nur? Oskar erinnerte ihn an die "Blechtrommel" und an "ein seltsames Paar", einen seiner Lieblingsfilme. Aber war das wirklich der Grund? Und was war mit Elmar und Paul? Er kannte keinen Paul, geschweige denn, einen Elmar. Waren die Namen zu ihm gekommen? War so etwas möglich? Das wäre doch eigentlich das höchste Maß an Kreativität, das man sich als Schaffender wünschen könnte. Aber der Autor war nicht zufrieden. Er zweifelte an seiner Geschichte, an seinen Figuren. Die Handlung begann zwar in einer Nervenheilanstalt, Erik-Reincke-Haus hatte er sie genannt, aber seine Figuren hatten doch so normale Wesenszüge. Müssten sie nicht irgendwie anders reden, denken und handeln? Als er zu schreiben anfing, dachte er sich nicht viel dabei, sie müssten halt irgendeinen Tick haben, damit er sie in eine Anstalt setzen konnte. Aber wenn er genau darüber nachdachte, musste er sich eingestehen, dass er eigentlich gar nicht wusste, was in einer Nervenheilanstalt passiert, wie es darin aussieht, was dort für Menschen behandelt wurden. Er hatte sich erst gar keine Gedanken darüber gemacht, da er irgendwie das Bild von „Einer flog übers Kuckucksnest“ im Kopf hatte und sich dachte, das würde schon stimmen. Mittlerweile jedoch kamen ihm Zweifel. Der Film war nun schon einige Jahrzehnte alt, und war er überhaupt jemals als realistisch zu betrachten gewesen? Seine Geschichte jedenfalls sollte sich auf Realismus aufbauen. Das war sein Plan, um dem Leser am Ende durch fantastische Begebenheiten die Augäpfel übergehen zu lassen. „Nein. Du darfst nicht an den Leser denken! Das Zerstört dein Werk!“, sagte er zu sich selbst. „Das würde alles zerstören.“ Aber konnte es sich ein Autor, der nicht einmal wusste, ob es jetzt richtig war, seine Geschichte in einer Anstalt spielen zu lassen, oder ob das, was er beschrieb doch eher Psychiatrie genannt wurde, leisten, nicht auf den Leser zu achten? Langsam wünschte er sich, er hätte es doch in einem Gefängnis anfangen lassen. Dann würde der Ausbruch auch mehr Spannung erzeugen, denn er war sich mittlerweile darüber im Klaren, dass seine drei Hauptcharaktere keine großen Probleme haben würden, das Gelände zu verlassen. Wie also wollte er das erzählen, ohne sich selbst zu langweilen? Er beschloss, bei einer Tasse Kaffee weiter darüber nachzudenken. Seine Beine froren langsam.

    Geändert von Serpico (25.08.2004 um 08:45 Uhr)

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