Trotz (oder gerade wegen) fehlenden Feedbacks hier mal das nächste Kapitel...

Szenario II - Eis


Daß es so einfach werden würde, hatte Chiam nicht vermutet. Sicher, sie kannte das Sicherheitssystem in- und auswendig. Innerhalb von 16 Jahren war es kein einziges Mal geändert worden. Trotz allem hatte sie mit Komplikationen gerechnet. Bei einem Coup ging nie alles glatt. Irgend jemand wachte garantiert zur falschen Zeit auf, ein Wachmann hatte ganz sicher einen plötzlichen Anfall von Arbeitswut, oder der Nachbarshund war ein wenig zu aufmerksam...
Aber sie hätte es sich denken können. In diesem Haus verlief immer alles nach Plan. Und wenn auf dem Terminplan stand: "Donnerstag, 01:00 Uhr: Einbruch. Aufgaben: Fest schlafen.", dann wurde auch fest geschlafen, basta.
Chiam drückte sich an einer Hauswand entlang und spähte um die Ecke. Die Luft war rein - wie zu erwarten. Sie ließ den Rucksack von den schmalen Schultern gleiten und schlüpfte aus ihrem hautengen nachtschwarzen Ganzkörperanzug. Diese Aufmachung war nicht nötig, ganz und gar nicht, aber Chiam wußte, daß in ihrem Inneren noch immer ein Teil ihrer romantisierten Vorstellung von Dieben steckte. Und da gehörte so ein Anzug eben dazu. Basta.
Sie löste das Haarband aus ihren blonden Haaren und schlüpfte in bequemere Kleidung: Eine Hose aus blauem Baumwollstoff, unter den Knien abgeschnitten; ein enges weißes T-Shirt; abgetragene braune Lederschuhe. Sie stopfte den Anzug hastig in den Rucksack, schulterte ihn und machte sich auf den Weg zu ihrer Unterkunft.
Ihre Behausung war eine Bretterhütte in jenem Teil Trenos, der von den Adligen gemeinhin das "Armenviertel" genannt wurde, meist begleitet von einem abfälligen Naserümpfen. Die Bewohner des Viertels selbst bezeichneten es als "die Grube". Sie hatten recht damit: Wer einmal hineingeraten war, kam nur schwer wieder hinaus; in jedem Fall mußte er (oder sie) damit rechnen, ziemlich dreckig zu werden.
Chiams Hütte war nach den Verhältnissen der Grube fast luxuriös eingerichtet: Ein runder Tisch mit drei wackligen Stühlen; ein Bett mit Matratze und echtem Bettzeug; ein großer Schrank und ein Bücherbord; eine große Zimmerpflanze; ein Plumpsklo - schließlich floß der Trenofluß direkt darunter. Und die Krönung: Ein unbeschädigter Kohlegrill. Hinter der Tür lag eine Fußmatte - Chiam mochte keinen Dreck in der Wohnung.
Natürlich war dieser Bretterverschlag kein Vergleich zu ihrem vorherigen Heim. In ihr Zimmer hätte er drei- oder viermal hineingepaßt. Es gab keine Bediensteten, keine Swimmingpools, keine Heizung. Ab und zu regnete es durchs Dach, im Winter war es eiskalt, nie hatte man wirklich Ruhe. Aber Chiam war zufriedener als je zuvor.
Nie hätte jemand die gefürchtetste High-Society-Diebin Trenos in einer Holzhütte in der Grube vermutet. Und nie hätte jemand diese Diebin in Chiam vermutet - einem zerbrechlich schlanken, zierlichen, 16jährigen Mädchen mit einer grünen Strähne in den blonden Haaren, einem zarten Gesicht und großen grünen Augen. Wenn es regnete und sie eine Kapuze tief in ihr hübsches Antlitz zog, wurde sie fast immer übersehen.
Und noch etwas hätte niemand vermutet: Chiam war das einzige Kind einer der reichsten Familien Trenos. Sie hatte alles gehabt, was man mit Geld kaufen konnte. Doch die High-Society und ihre Konventionen paßten ihr nicht. Viel lieber verbrachte sie ihre Zeit auf der Straße, mit Taschendiebstahl und Kartentricks. Und zum ersten Mal fühlte sie sich frei...
Doch jetzt war keine Zeit für Nostalgie. Vielmehr war ein weiterer Kleiderwechsel angesagt. Diesmal war das Outfit "verwöhnte reiche Göre" an der Reihe. Schließlich hatte sie vor, im besten Stall Trenos einen Chocobo zu mieten - einen goldenen noch dazu. Als Unterklassen-Mädchen hatte sie da keine Chance. Schnell in die entsprechende Kleidung geschlüpft, Handtasche gepackt - als Dame von Welt war dieses Accessoire unverzichtbar -, und es konnte losgehen.
Als sie aus der Hütte trat, wurde sie von einigen Augenpaaren unverhohlen angestarrt. Doch die meisten ihrer "Nachbarn" kannten ihr Faible für wechselnde Bekleidung und hatten sich daran gewöhnt, ständig scheinbar verschiedene Personen aus Chiams Behausung spazieren zu sehen. Jeder in der Grube hatte seine Ticks, und solange diese harmlos waren und niemand dadurch zu Schaden kam, störte sich keiner daran.
So verwunderlich es auch war, das Nobelviertel Trenos grenzte direkt ans Armenviertel. Eine Mittelschicht gab es in dieser Stadt der Extreme nicht. Wer sich aus der Grube befreien konnte oder wer den beschämenden Sturz aus der Oberschicht erleben mußte, der verließ Treno so schnell wie möglich. So kam es, daß man sich in einen Torbogen stellen konnte und links von sich Baracken, rechts Villen sah oder umgekehrt. Auf der einen Seite lagen Betrunkene mit blutenden Wunden im Rinnstein, auf der anderen flanierten vornehme Damen in Kleidern, mit deren Gegenwert man ein kleines Dorf hätte kaufen können. Wirklich, eine Stadt der Extreme.
Chiam war gerade durch einen dieser Torbögen geschritten und verfiel jetzt in das Gehabe der High-Society: Nase hoch, Handtasche an sich raffen, hastiger Gang, ich bin wer, ich habe es eilig. Niemand nahm besondere Notiz von ihr. Glück gehabt.
Am Stadtrand kam schließlich der nobelste - und beste - Chocobo-Mietstall des Ortes in Sichtweite. Schon von weitem konnte man die großen, mehr als mannshohen Vögel krähen hören. Chiam beschleunigte ihren Schritt noch ein wenig. Hoffentlich war noch ein goldener Chocobo da, ansonsten würde die Reise wenig angenehm werden.
Kaum war sie durch das Eingangstor getreten, kam auch schon der Eigentümer auf sie zugestürmt und begrüßte sie überschwenglich.
"Willkommen in meinem bescheidenen Mietstall! Mein Name ist Hal! Kann ich Euch irgendwie behilflich sein?! Soll ich Euch vielleicht herumführen?!"
Chiam winkte kühl ab: "Ich suche einen golden Chocobo", erwiderte sie herablassend und kramte demonstrativ in ihrer Handtasche. "Und ich brauche ihn jetzt."
Hal überschlug sich beinahe vor Eifer: "Aber natürlich, selbstverständlich! Ihr werdet mehr als zufrieden sein! Bitte folgt mir!"
Chiam stolzierte hinterher und überlegte bei sich: "Wie schafft der Kerl es bloß, jeden Satz mit einem Ausrufezeichen zu beenden?"
Tatsächlich hatte Hal nicht zuviel versprochen. Der goldene Chocobo war ein ausgezeichnetes Tier, das sein Geld zweifellos wert war. Nachdem sie einen Vertrag unterzeichnet hatte, führte sie ihn aus dem Stall und aus Treno heraus. Alles, was wichtig war, hatte sie in ihrer Handtasche. Sie schwang sich in den Sattel und trieb den Vogel an. Er schlug mit den Flügeln und stieg auf. Chiam spürte den Wind, der ihre Nase umwehte. Mit einem Lachen trieb sie den Chocobo an, noch höher und schneller zu fliegen, bis Treno nur noch ein kleiner Fleck in der Ferne war, ein unbedeutender Punkt auf der Landkarte. Nun strebte sie neuen Zielen entgegen, neue Abenteuer warteten auf sie. Sie jubelte und klammerte sich im Sattel fest. "Lindblum, ich komme!"