Ich finde es ein guter Vergleich, das mit dem Staudamm. Mir geht es sehr ähnlich, auch ich habe so eine Art Staudamm um die Seele gebaut. Ich bin sehr vorsichtig und vorallem misstrauisch gegenüber anderen Menschen, ich habe Mühe jemanden zu vertrauen und ehrlich gesagt finde ich das gut, denn dann kann man mich nicht übers Ohr hauen. Vielleicht bin ich ja gerade deswegen so, weil ich zuviel gesehen habe, wie Leute von Scharlatanen und Lügnern reingelegt wurden.

Des weiteren finde ich es von Vorteil, zuerst zu beobachten und dann zu handeln. Und vorallem möchte ich nicht, dass andere Leute mich "lesen" können, ich will undurschaubar erscheinen und gleichzeitig die anderen durschauen, denn dadurch gewinne ich einen Vorteil gegenüber meinen Mitmenschen.

Interessanterweise bin ich nicht introvertiert, weil ich mich schwächer gegenüber meiner Umwelt fühle, sondern weil ich mich eben stärker fühle. Viele Leute haben das Gefühl, wenn sie mir begegnen, dass ich kein Interesse an Menschen zeige, sondern nur das Ziel vor Augen habe, also extrem sachorientiert bin. Das hat übrigens auch mein Persönlichkeitstest ergeben, wonach ich eine gewissenhaft-dominante Persönlichkeit bin (ich schaffe gerne alles bis ins Detail aus und überprüfe alles, doch gleichzeitig will ich selber alles kontrollieren).

Kontrolle ist so ein weiteres Stichwort, wieso ich introvertiert bin. Ich will die Kontrolle haben, über mich selber und meine Umwelt. Gefühle sind etwas, das man nicht kontrollieren kann, mein Verstand hingegen, der ist logisch und kontrollierbar. Deshalb habe ich Mühe, Gefühle zu zeigen, denn sie zeigen etwas und dadurch habe ich einen Teil meiner Kontrolle verloren. Das bedeutet also, dass ich sehr selbstdiszipliniert bin.

Interessanterweise wäre ich gar nicht so introvertiert, dies ist eine Maske, die ich anderen Menschen gegenüber aufsetze, um eben die Kontrolle zu behalten. Das ich eigentlich gar nicht introvertiert bin, wie ich mich gebe, merkt man vorallem dann, wenn ich etwas erkläre. Ich liebe es, Dinge zu lehren und zu erklären, ich liebe es, wenn ich jemanden etwas beibringen kann und so dazu beitragen kann, dass sein Wissen und sein Verständnis sich vergrössert.

Also könnte man wirklich von einem Staudamm reden, denn meine Introvertiertheit ist künstlich und nicht natürlich, genauso wie ein Staudamm künstlich ist. Dass der Staudamm bricht, habe ich in den letzten Jahren sehr gut gemerkt, weil ich immer mehr bemerkte, dass die anderen Menschen und meine Umwelt nicht unbedingt meine Feinde waren. Ich hatte immer im Glauben gelebt, die ganze Welt sei gegen mich, ich war unglaublich pessimistisch und überkritisch und extrem aggressiv und kämpferisch. Das hat sich verändert, doch habe ich versucht, immer noch kritisch und hinterfragend zu bleiben, was von mir aus gesehen ein Vorteil ist. Auch meine Kämpfernatur habe ich nicht verloren, denn das ist wirklich etwas natürliches an mir, etwas das mir "in die Wiege gelegt wurde".

Eine wichtige Schleuse war für mich das Schreiben und ich glaube, damit hat der Damm auch zu brechen begonnen. Denn um wirklich gut schreiben zu können, musste ich mich wohl oder übel mit den Menschen befassen, um sie verstehen zu können und dann über sie zu schreiben. Und das war das Ende meines Staudamms