Dreckig

Die Sonne scheint und der Wind fällt angenehm durch das weit offene Fenster, die Geräusche der Baustelle sind versiegt und endlich ist Ruhe eingekehrt. Eigentlich ist man guter Dinge, aber etwas bedrückt einen doch. Man fühlt sich dreckig. Man weiß nicht, warum, denn man hat sich nicht sonderlich angestrengt und stinkt auch nicht, die Kleidung ist sauber und die Haare gewaschen. Trotzdem fühlt man sich unwohl. Nach einem kurzen, schnell wieder verdrängten Gedanken an die Wasserrechnung nimmt man sich einen Haufen neuer Klamotten aus dem Schrank und bewegt sich ins Bad. Ein Strumpf fällt zu Boden, was aber egal ist, denn man braucht ihn jetzt eh nicht. Schnell wird der Wasserhahn aufgedreht und der Finger zögernd in das Nass gehalten. Nach einigem Rumprobieren stimmt die Temperatur und man wartet. Man wartet lange, schreckliche 5 Minuten, bevor die Wanne endlich voll ist, denn in ein halbvolles Becken möchte man nicht, unterbewusst hat man wohl Angst, nicht ganz sauber zu werden. Dann ist es soweit. Man setzt den Fuß langsam ins Wasser und die Hitze sendet heftige Emotionen durch das ganze Bein. Langsam taucht der ganze Körper ein und man gewöhnt sich an die Temperatur. Was sich erst zu heiß und unangenehm anfühlte, erscheint nun beruhigend, wunderschön und beinahe wie ein Segen. Nach einigen Minuten in einem Zustand zwischen Schlaf und Glückseligkeit schließlich überwindet man sich, ergreift die Dusche und wäscht sich Haare. Man spürt förmlich, wie die ersten Unannehmlichkeiten den Körper verlassen. Dann der Griff zum rauen Lappen und man wäscht sich. Es ist nicht nur angenehm, in dem Moment, in welchem man spürt, wie der Dreck den Körper verlässt, meint man, sich auf ewig rein halten zu können, als würde das Wasser wie ein ewig schützender Schirm auf uns liegen. Man wäscht die Sünden vom Körper. Dann ist es vorbei und man fühlt sich gut, man ist der festen Überzeugung, niemals wieder in diese Wanne zurückkehren zu müssen, denn trotz ihrer Wohltat ist es eine Beleidigung der Seele, dass man sie benutzen muss. Wie konnte man nur dreckig werden…? Man verdrängt und taucht tiefer in das angenehm warme Wasser ein. Wenn man ehrlich ist, würde der Körper wohl am liebsten ewig in diesem Becken schweben, in welchem er vor jeglichem Dreck beschützt ist. Denn insgeheim weiß man, dass nichts gut ist, man kennt es vom letzten Besuch in diesem Bad, wie auch von dem davor. Kaum hat man die Wanne verlassen, kaum ist man in frische Kleidung geschlüpft, überkommt einen das Gefühl schon nach kurzer Zeit wieder. Es wird nicht lange dauern, bis man wieder vor dem Schweiß der Sünde tropfen wird, bis das Bad - abermals - die letzte Rettung der Seele ist.




Interpretationen erwünscht, vielleicht liest es ja tatsächlich noch jemand.