„Und woooomit?“, fragte Selphie schnippisch. „Wenn Squall und Rinoa bewusstlos sind, wie sollen wir sie dann über die Strickleiter bringen? Aaaaaußerdem hat sich die Insel während unseres Kampfes von Balamb entfernt, wenn du das nicht bemerkt hast!“
„Tja, äh...“
„Euer Freund, der Faustkämpfer, ist bereits mit eurem Raumschiff auf dem Weg hierher“, fiel Kaktor ein und deutete mit seinem riesigen Arm auf einen kleinen Punkt, der von Balamb abhob und schnell näher kam. „Beeilt euch, ihr müsst von hier weg! Halt, du nicht“, sagte er, als Quistis den Raum verlassen wollte. „Du musst uns ein letztes Mal helfen.“
„Ich?“, fragte Quistis ungläubig. „Wobei soll ICH denn helfen? Gilgamesh wird Condenos doch besiegen, oder?“
„Das ist nicht sicher“, erwiderte Quetzacotl, der unruhig in der Luft flatterte. „Condenos’ Kraft und Konstitution sind aufgrund seiner verbotenen Kopplung enorm gestiegen. Niemand weiß, wie stark er wirklich ist, wahrscheinlich er auch nicht. Aber es wäre möglich, dass er noch immer stärker ist als unser neuer Bruder, auch wenn dieser all unsere Kraft besitzt.“
„Aber was kann ich dann schon machen?“, rief Quistis verzweifelt. Was erwarteten die GF eigentlich von ihr? „Ich kann doch noch nicht einmal die KI-Fusion. Wie kann ich da gegen dieses Monster helfen?“
„Du bist aber dennoch etwas Besonderes“, fiel Ifrit in das Gespräch ein. Es schien bei den GF eine lästige Angewohnheit zu sein, dass immer eine andere antwortete! „Auch wenn du die KI-Fusion nicht beherrschst, besitzt du eine ungewöhnliche Kraft. Du hast es nicht bemerkt, als du sie erlangtest, weil du ohnmächtig warst, aber wir wussten es. Du musst damit die Säule zerstören, die der Kern dieser Insel ist.“ Er deutete mit seiner Pranke auf die Lichtsäule, die nun enorm schnell pulsierte. „Condenos ist mit ihr verbunden, denn in ihr befinden sich die Zauber der Welt. Du musst sie zerstören, um den Sieg zu garantieren!“
Hilflos blickte Quistis zu den Kämpfenden. Condenos versuchte gerade, Gilgamesh die Füße wegzufegen, aber dieser sprang hoch und stach mit dem Schwert nach der verstoßenen GF, sodass diese zurückwich. Ihr fiel auf, dass Condenos nun schon aus einigen kleinen Schnitten blutete... aber Gilgamesh atmete bereits schwer. Und schon griff Condenos wieder brüllend an und versetzte der Waffe einen Hieb, sodass Gilgamesh wieder zurückweichen musste, damit sie ihm nicht aus der Hand geprellt wurde.
„Setze die Kraft ein“, drängte Ifrit sie. Er schien langsam nervös zu werden. „Du musst dein stärkstes Limit anwenden und die Säule zerstören!“
„Mein Limit?“, fragte Quistis verwundert. „Aber mein stärkstes Limit ist Schock-Pulsor... Grievers Angriff. Glaubt ihr wirklich, dass er reicht?“
„Du besitzt noch ein stärkeres Limit“, entgegnete Diabolos. Er klang sehr angespannt. „Benutze es! Rette diese Welt!“
Einen Moment lang zögerte Quistis noch, dann konzentrierte sie sich. Der Angriff von Condenos hatte sie vielleicht schwer genug verletzt, möglicherweise... ja, ihre Spezialtechnik war erreicht! Hastig durchforstete sie ihr Gehirn nach einem „Blauen Zauber“, der noch stärker war als der „Schock-Pulsor“, aber sie fand keinen. Hatten die GF sie etwa...? Nein, fast unsichtbar schlummerte eine Kraft, die sie noch niemals gesehen hatte, in ihr! Aber woher? Zaghaft berührte die junge Frau sie mit ihrem Geist.
Und das Bild eines weißen Wesens tauchte vor ihr auf. Eines Wesens, dass ihr einmal gegen ihren schlimmsten Feind geholfen hatte... ihren Vater, Feyjar Trepe. Es war das Bildnis der GF Seraphim, die der Mond hervorgebracht hatte und die sie gegen ihren Vater eingesetzt hatte. Aber das Amulett, mit dem sie Seraphim beschworen hatte, war verschwunden... dennoch war diese neue Technik aber unzweifelhaft der „Zorn Gottes“ von Seraphim!
„Schnell, Mensch!“, rief nun Minotaurus, der Kleinere der Brothers. Zum allerersten Mal glaubte Quistis aus einer GF-Stimme Panik herauszuhören. „Beeil dich oder wir alle sind verloren! Gilgamesh verliert!“
Tatsächlich. Die außerirdische GF blockte nur noch mühsam die schnellen Schläge von Condenos ab, der sich nicht mehr darum scherte, dass er dadurch auch selbst getroffen wurde. Gilgamesh zog einen Fuß nach und verschaffte sich momentan mit einem verzweifelten Aufwärtshieb Luft, aber lange hielt er das nicht mehr durch. Condenos wich etwas zurück, um mit größerer Wucht angreifen zu können. Seine Augen waren blutrot.
Quistis hob die Peitsche und drehte sich zur Lichtsäule um. „Zorn Gottes!“, rief sie mit durchdringender Stimme und wartete gespannt. Das Ergebnis übertraf all ihre Erwartungen. Ihr Körper schien federleicht zu werden, so wie Rinoa, wenn ihre Hexenflügel wuchsen. Die Waffe, die ihr vorher so schwer vorgekommen war, lag nun leicht in ihrer Hand und glühte weiß wie damals Seraphims Schwert. Ohne zu zögern riss sie die Waffe hoch, sodass ihr Licht auch von Condenos bemerkt wurde. Die GF riss erschrocken die Augen auf, die sich auf einmal gelb verfärbten und wollte etwas schreien, kam aber nicht mehr dazu. Die „Königinnenwache“ fuhr hernieder, traf das Kristallglas der Lichtsäule und ließ es splittern. Und die Zauber der Welt ergossen sich über Quistis. Sie schloss die Augen und hob die Hände in dem Versuch, diese Macht fernzuhalten, als sie plötzlich gepackt und nach oben gerissen wurde.
„Na, kleiner Mensch“, hörte sie eine mächtige, aber belustigte Stimme über sich. „Wie fühlt man sich als Guardian Force?“
„Odin?“, fragte sie mit schwacher Stimme. Das Schauspiel unten war unglaublich. Gleißende, in allen Farben schimmernde Lichtkugeln schossen zu Dutzenden aus dem Riss, den sie geschaffen hatte und flogen in alle Welt davon. Condenos verfolgte dieses Schauspiel mit ungläubigen Augen, bis Gilgamesh aufstand und ruhig auf ihn zuging. Quistis wandte sich ab, um es nicht sehen zu müssen, aber der kurze Todesschrei der ihrer Kraft beraubten GF sagte ihr alles, was sie wissen musste. Odin hob sie hoch und setzte sie hinter sich aufs Pferd.
„Ist es... jetzt vorbei?“, fragte sie zaghaft.
„Ja“, verkündete die legendäre GF. „Ihr Menschen habt uns diesen Sieg möglich gemacht. Ich hätte das niemals für möglich gehalten... aber wir stehen in eurer Schuld.“ Er trat dem Pferd in die Seite, welches in der Luft auf Balamb zu galoppieren begann.
„Und die anderen?“
„Euer Freund Xell hat sie mit eurem Schiff abgeholt“, versicherte Odin. „Sie sind zusammen mit dem Ritter und der Hexe noch davongekommen. Sie erwarten uns auf Balamb.“
„Werden... werden die Monster jetzt ihre Angriffe einstellen, jetzt, wo die Magie wieder da ist?“, wollte Quistis noch wissen.
„Das werden sie“, bestätigte Odin. „Die Monster spüren besser als jeder Mensch die Magie des Planeten. Sie werden in Panik wieder aus euren Städten flüchten, sei unbesorgt. Und nun ruh dich aus, kleine Kriegerin. Ich bringe dich zu deinen Freunden.“
„Danke“, flüsterte Quistis noch, dann schlief sie, hundert Meter über dem Meer auf einem galoppierenden Pferd ein. Nur Odins schnelle Reaktion rettete sie vor dem Hinunterfallen, aber das merkte sie schon nicht mehr.
Als Squall wieder aufwachte, wurde seine unausgesprochene Frage, ob er tot war, sofort beantwortet: Jemand, der so Kopfweh hatte wie er, konnte nicht tot sein. Er hob die Hand an den Kopf und stöhnte leise. Er erinnerte sich nur langsam an die Dinge, die geschehen waren. Cifer hatte ihn und Rinoa beinahe getötet... dann hatten sie eine KI-Fusion zustande gebracht... Cifer war tot... war er das? Schließlich hatte er nicht mehr nachsehen können, weil er zusammengebrochen war... und dann hatte er im Halbschlaf ein mächtiges Feuerwerk gesehen, so als ob ein Dutzend Feuerwerke wie damals beim Ball gleichzeitig gezündet worden wären...
„He, Leute, ich glaube, er ist endlich aufgewacht“, dröhnte eine vertraute Stimme vor ihm und brachte seinen Schädel zum Schwingen. Protestierend knurrte er und setzte sich auf. Offenbar teilte sein Körper die Auffassung seines Kopfes: Er schmerzte ebenso leidenschaftlich.
„Ihr solltet euch was schämen“, fuhr Rinoas Stimme die anderen, wer immer sie auch waren, an. Gegen seinen Willen musste er grinsen. „Erst lasst ihr uns halb sterben und jetzt, wo er endlich aufgewacht ist, rückt ihr noch nicht mal ein Elixier raus! Alles muss man selber machen...“
„Wiiiiir wollten doch nur wissen, ob er dir noch was bedeutet“, beschwichtigte Selphie, während die heilende Wirkung des Elixiers seine Schmerzen heilte. „Immerhin haaaast du ihn, seit du aufgewacht bist, kaum eines Blickes gewürdigt.“
„Stimmt nicht“, verteidigte sich Rinoa, kniete neben Squall nieder und presste seinen Kopf an sich. Er riss überrumpelt die Augen auf. „Ich wollte nur, dass er ausschlafen kann. Ihr hättet ihn sehen sollen, als er gegen Cifer gekämpft hat. Es war...“
„Das war aber gar nichts gegen uns beide, nicht wahr, Sephie? Wir haben Fu-jin und Rai-jin“
„Ihr habt aber Quistis nicht gesehen. Ich dachte, ich spinne, als sie auf einmal wie ein Engel geglüht hat und...“
„Lass das, Xell. Ich wusste doch selbst nicht, das ich so was kann. Du machst mich noch ganz verlegen...“
„Schluss! Aus! Man versteht ja kein Wort hier!“, rief Squall so laut er konnte und befreite sich zugleich sanft aus Rinoas Händen. Langsam, um nur ja nicht zu straucheln, stand er auf und sah sich das erste Mal seit seinem Erwachen um. Sie befanden sich auf Balamb, das war klar. Den Strand in der Nähe der kleinen Stadt würde er immer erkennen. Neben seinen Freunden hatten sich auch Odin und Gilgamesh eingefunden, von den anderen GF war allerdings nichts zu sehen. Squall runzelte die Stirn, als er sah, dass Odin selbst jetzt nicht vom Pferd stieg, und öffnete den Mund, aber die GF kam ihm zuvor.
„Nun, kleiner Mensch“, dröhnte er und bugsierte sein Pferd etwas nach vorn. Squall kam sich auf einmal ziemlich klein vor. „Bist du wieder unter den Lebenden?“
Squall warf einen kurzen Blick hinaus aufs Meer, aber von der Forschungsinsel war nichts mehr zu sehen. „Ist es... vorbei?“, fragte er vorsichtig. „Habt ihr Condenos besiegt?“
„Wir haben sehr wenig dazu beigetragen“, gestand Odin und ritt etwas zur Seite. „Diejenigen, denen wir den Sieg über Condenos verdanken, sind die Kämpferin Quistis“, proklamierte er und deutete auf die junge Frau, die verlegen den Kopf senkte, „und unser neuer Verwandter, die GF Gilgamesh.“
Der Angesprochene neigte kurz den Kopf. Jetzt erst fiel Squall auf, dass der rotgekleidete Mann eine neue Waffe trug. Es war eine Gunblade, das war eindeutig, aber eine solche hatte er noch nie gesehen. Sie pulsierte am Rand orangefarben und in der Mitte goldgelb und schien eine ungeheure Durchschlagskraft zu haben. Schon vom Ansehen wurde Squall etwas unwohl. Und doch schien sie ihm irgendwie vertraut, so wie...
Er riss alarmiert die Augen auf, im selben Moment, in dem Rinoa sich an seinen Arm hängte und nickte. „Ja, es ist Cifers Gunblade“, bestätigte sie seine Vermutung. „Ich hab auch noch nicht so recht kapiert, was damit passiert ist, sie wollten nämlich mit den Erklärungen warten, bis du aufgewacht bist. Du bist ein ganz schöner Langschläfer.“ Sie grinste ihn an.
Squall sah sie einen Moment lang an, dann zuckte er mit den Schultern und meinte: „... lass mich doch.“ Nachdem sich daraufhin der allgemeine Heiterkeitsausbruch gelegt hatte, deutete Squall auf Irvine. „Irvine Kinneas, ich möchte einen Bericht darüber hören, was ihr auf der Forschungsinsel getan habt.“
„Das würde mich auch interessieren“, meinte Xell, der neben dem Scharfschützen stand. „Aus dir war ja nichts rauszukriegen. Los jetzt, er ist wach, also erzähl.“
Irvine gab in Kurzform wieder, was passiert war, immer wieder unterbrochen von Selphie, die unbedingt ihre Version der Geschichte beitragen wollte. Als der Part kam, in dem der Kampf zwischen Gilgamesh und Condenos begann, erzählte Quistis weiter. Sie sagte nicht sehr viel, da es ihr etwas peinlich war, über derartige Kraft zu verfügen. Danach berichtete Xell noch darüber, was er und Odin in Balamb geleistet hatten, etwas enttäuscht darüber, welche Abenteuer die anderen bestanden hatten.
„Niiiiimm’s nicht so tragisch, Xell“, tröstete ihn Selphie, die sein langes Gesicht gesehen hatte. „Immerhin hast du doch Balamb retten können, ooooder? Jetzt bist du auch ein Anführer, wiiiiiie dein Großvater.“
Xell wurde etwas rot und fasste sich am Hinterkopf. Stimmt, wenn man es so betrachtete... „Danke, Selphie“, sagte er erfreut und strahlte sie an. „Du hast Recht. Also hat sich mein Ausflug nach Balamb doch gelohnt.“
Und schließlich war es an Squall zu erzählen, wie er und Rinoa Cifer besiegt hatten. Er schloss die Augen und erzählte kurz, wie Cifer Rinoa die Chance gegeben hatte auszusteigen. Dann kam sein Angriff und kurz darauf die KI-Fusion, welche sein Schicksal besiegelte. Die Geschichte endete damit, dass Gilgamesh mit einem Kopfnicken bestätigte, dass er Cifers Gunblade nach diesem letzten Kampf an sich genommen hatte.
„Darf Gilgamesh jetzt für immer hier bleiben?“, fragte Squall. Ihm entging nicht, dass Gilgameshs Augen bei dieser Frage leuchteten.
Odin nickte. „Ja, denn er hat ein viertes Schwert gefunden, das Schwert eines wahren Kriegers. Und mit seinem Kampf gegen Condenos hat er sich die Achtung unserer Herrin Hyne erworben. Er wird hier für immer eine Heimat haben.“ Dann wandte sich die legendäre GF zu ihrem neuen Verwandten um. „Gilgamesh, die Herrin sagte mir, dass sie dich nach dem Kampf zu sehen wünscht. Du weißt, wo du sie findest.“ Der rotgekleidete Mann neigte den Kopf und verschwand von einem Augenblick auf den anderen.
„Daran werde ich mich nie gewöhnen“, prophezeite Quistis. Dann runzelte sie die Stirn. „Odin, wann hat die Göttin Hyne mit dir gesprochen? Seit du mich gerettet hast, hast du nie so ausgesehen, als ob jemand mit dir spräche.“
Man sollte es nicht für möglich haben, aber Odins Gesichtsausdruck war nur noch als verschmitzt zu bezeichnen. „Das geschah tatsächlich schon, nachdem mich die junge Hexe und ihr Ritter wiederbelebt haben“, gestand er. „Sie bat mich, Gilgamesh zu ihr zu bringen, damit sie mit ihm reden konnte. Ich glaube, sie wollte ihm... Asyl anbieten würdet ihr es wohl nennen, weil sie dachte, es wäre das Beste für ihn.“ Er schüttelte den Kopf. „Aber mir war klar, dass er so etwas nicht annehmen würde. Er musste dieser Welt einen Dienst erweisen, damit er sich selbst das Recht einräumte, hier bleiben zu können. Deshalb ließ ich ihn kämpfen.“






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