„Los, Squall, streng dich an!“, feuerte Cifer seinen Kontrahenten an, während er ihm einen weiteren Schwerthieb verpasste. „Ich will nicht so leicht gewinnen!“
Squall taumelte, blieb jedoch stehen. Seine Augen sprühten, aber er tat seinem Rivalen nicht den Gefallen zu antworten. Statt dessen griff er ihn an. Er richtete bei weitem nicht so viel Schaden wie Cifer, aber immerhin hatte er einen anderen Trumpf.
Rinoa seufzte. In den letzten Minuten hatte sie fast nichts anderes getan, als ihren Geliebten zu heilen, wenn es nötig war und ansonsten Cifer anzugreifen. Allerdings waren die Schläge des blonden Kämpfers so groß, dass sie beinahe jedes Mal Squall wieder auf die Beine helfen musste. Wieso ließ er sich nur auf so etwas ein? Das war doch hirnrissig!
Dennoch zog sie gehorsam ein weiteres Elixier aus der Tasche und warf es Squall zu. Dieser nickte ihr zu und konzentrierte sich dann wieder auf den Kampf. Wie lange kann er das... können wir beide das noch durchstehen?, fragte sich die Hexe und sah Cifer an. In diesem Moment sah sie wieder, warum sie einmal mit ihm zusammengewesen war. Er strahlte tödliche Ruhe aus, seine eigene Art Charme, diese Kälte gepaart mit seinem überragenden Selbstbewusstsein. Aber jetzt widerte sie das nur noch an.
Squall hatte das Glück, etwas schneller zu sein als sein Gegner, aber viel nutzte das auch nicht. Wenn das so weiterging, würden ihnen die Elixiere und Final-Elixiere ausgehen, bevor Cifer auch nur in den kritischen Bereich kam. Und selbst wenn sie reichen würden... dann würde er einfach sein Limit ausführen und sie damit töten.
Warum riskiere ich das alles für dich, Squall?, fragte sie sich nicht zum ersten Mal. Und verfluchte sich gleichzeitig dafür, dass sie sich selbst mit Fragen ablenkte, auf die sie die Antworten längst kannte. Weil sie diesen Jungen liebte, der sie beschützt hatte, als alle anderen nur die Hexe in ihr gesehen hatten. Der wegen ihr sein Leben im Weltraum aufs Spiel gesetzt hatte. Und der schließlich, einige Tage nach der Geschichte mit Quistis’ Vater, der Esthar hatte zerstören wollen, um ihre Hand angehalten hatte.
Sie lächelte unwillkürlich, als sie daran dachte und hätte beinahe vergessen, Squall nach einem erneuten Angriff Cifers wieder zu heilen. Es war so süß gewesen. Squall war den ganzen Tag gegenüber ungewöhnlich verschlossen gewesen. Sie hatte sich beim besten Willen nicht denken können, wieso und wollte gerade die anderen Fragen, ob sie wussten, was ihn bedrückte, als er plötzlich über den Pausenhof marschiert kam.
Es war gerade große Pause gewesen und ungefähr hundert Kadetten hatten sich dort versammelt. In der Mitte standen plötzlich nur sie. Die Gespräche waren verstummt und alle, eingeschlossen Quistis, Irvine und Selphie, mit denen Rinoa geredet hatte, starrten Squall an. Nur er blickte tief in ihre Augen und sein Gesicht sah aus, als wäre er zu allem entschlossen. Und auf einmal ging er vor ihr in die Knie.
Sie war sich ganz sicher, dass die Gesichter der Kadetten in diesem Moment göttlich ausgesehen hätten, aber damals hatte sie keine Augen dafür gehabt. Sie hörte nur hinter sich undeutlich Quistis ächzen und Irvine und Selphie miteinander tuscheln, aber das war auch alles. All ihre Sinne waren auf Squall gerichtet, der ihre Hand nahm und sie so ernst ansah, dass sie eigentlich schon im Vorhinein gewusst hatte, was er sagen würde.
„Rinoa“, waren seine Worte gewesen. Es war so still gewesen, dass seine Stimme überall auf dem Hof zu hören war. „Wir sind nun schon seit einem Jahr zusammen. Wir haben so ziemlich alles durchgestanden, was einem Paar passieren kann, von deinen Hexenkräften bis zu Irvines Tanzeinlage mit dir.“ An dieser Stelle hatten die meisten der Kadetten zu lachen begonnen und Irvine hatte empört nach Luft geschnappt. Aber er sagte nichts. Als sich die Leute wieder beruhigt hatten, fuhr Squall fort: „Seit ich klein war, habe ich mich bemüht, mich von den Menschen abzuschotten, weil ich dachte, so stärker zu werden. Aber als ich dich getroffen habe, habe ich erkannt, dass das ein Irrtum war. Dass du mit mir zusammen warst, hat mein Leben mehr ausgefüllt als jeder Kampf.“ Er fasste ihre Hand fester. „Wenn du meinen Ring nicht bereits hättest, würde ich ihn dir jetzt an die Hand stecken. Rinoa... willst du meine Frau werden?“
Sie war regelrecht geschockt gewesen, während alle Kadetten um sie herum in so lautes Jubelgeschrei ausbrachen, dass der Ordnungsdienst anrückte. Auch ihre Freunde hinter ihr waren völlig überfordert von dieser Situation. Niemand hatte sich vorstellen können, dass Squall hier in aller Öffentlichkeit einen Heiratsantrag machen würde. Sie am allerwenigsten. Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt bei dem Gedanken, dass sie vermutet hatte, er wäre böse auf sie gewesen.
„Ja“, hatte sie mit fester Stimme erklärt. „Ja, ich will deine Frau werden.“
„Und ich dein Mann“, hörte sie plötzlich Squalls Stimme. Verwirrt kam sie zu der Erkenntnis, dass sie den Satz wohl laut ausgesprochen hatte. Squalls Augen blitzten ihr belustigt zu. „Nichts auf der Welt wünsche ich mir mehr, Rinoa. Aber jetzt müssen wir diesen Kampf gewinnen.“
Sie wurde tiefrot und begab sich wieder in Kampfposition. „Entschuldige. Aber du hättest mich ruhig schon früher aus meinen Tagträumen wecken können. Was wäre, wenn Cifer dich getötet hätte? Dann würde ich mich zu Tode grämen, bevor Cifer mich töten könnte!“
Squall belohnte sie mit einem amüsierten Grinsen. „Tut mir Leid“, antwortete er. „Kommt nicht wieder vor. Heil mich bitte, ich möchte etwas probieren.“
Als sie dem zögernd nachkam, griff Cifer wieder an und verletzte Squall erneut schwer. Dieser ließ sich jedoch nicht beirren, sondern griff in die Tasche und förderte einen Aura-Stein zutage. Eine Sekunde später erstrahlte goldenes Licht um ihn herum und seine Spezialtechnik wurde verfügbar. Rinoa heilte ihn schnell und bevor der verblüffte Cifer reagieren konnte, sprang Squall auf ihn zu und bearbeitete ihn mehrere Male schnell mit der Gunblade. Dann sprang er zurück und bereitete sich auf den Finishing Move vor. Bitte, betete Rinoa inbrünstig, lass es den Herzensbrecher sein!
Aber der Hieb von Cifer hatte Squall wohl zu sehr verletzt, als dass er sich darauf hätte konzentrieren können. Statt dessen hob er seine Gunblade in den Himmel, die sich daraufhin zu einer kilometerhohen Energieklinge umwandelte. Dann ließ er die Energiewaffe mittels „Blast Zone“ auf Cifer herunterfahren.
Dieser erholte sich jedoch sehr schnell davon. „Uh, gar nicht schlecht, Squall“, gab er zu und schüttelte rasch den Kopf. „Aber für den ganz großen Kick hat’s nicht gereicht, was? Nun, ich kann nicht darauf warten, tut mir Leid.“ Er förderte ebenfalls einen Aura-Stein zutage, woraufhin auch er in hellem Licht erstrahlte. „Aber wenn du unfair wirst... bitte, das kann ich auch!“
„Squall!“, schrie Rinoa angsterfüllt auf.
„Kümmere dich nicht um mich!“, herrschte er sie an. „Flieh aus dem Kampf!“
„Red nicht so einen Blödsinn!“, rief sie zurück. „Du weißt ganz genau, dass ich nicht ohne dich gehen werde!“
Squall führte ein weiteres Mal seine Spezialtechnik aus und dieses Mal konnte er den Herzensbrecher glücklicherweise einsetzen. Aber gleich danach erlosch das goldene Leuchten um ihn. Er fluchte und drehte den Kopf wieder zu Rinoa. „Bitte“, flehte er. „Ich will nicht, dass du für mich stirbst, Rinoa. Hol die anderen, damit sie dir helfen können.“
„Du spinnst wohl!“, brauste sie auf. „Wenn ich jetzt fliehe und du stirbst, bist du für immer tot! Meine Kräfte sind nicht mehr so stark, dass ich dich wie Irvine damals noch mal ins Leben zurückholen könnte! Ich lass dich nicht allein!“
„Seid ihr jetzt bald fertig?“, dröhnte Cifers Stimme über den Platz. „Ich muss dich beglückwünschen, Squall. Unter anderen Umständen hätte ich neidlos anerkannt, dass ich nie ein schöneres Paar gesehen habe als euch beide. Aber er hat Recht, Rinoa. Ich gebe dir eine letzte Chance: Geh jetzt! Noch einmal werde ich dich nicht verschonen!“
„Du kennst meine Antwort, Cifer.“
„Dann sterbt ihr beide! TEUFELSKLINGE!“
Die furchtbare Wucht von Cifers Angriff wirbelte Squall und Rinoa hoch in die Luft. Beide schrieen, als die namenlose Klinge ihres Gegners sie wieder und wieder traf, bis sie wieder zu Boden fielen. Squall versuchte, wieder hoch zu kommen, aber er schaffte es nicht, also blieb er knien und sammelte seine Kraft. Noch so einen Angriff überlebte er niemals. Keuchend sah er zu Rinoa hin. Und sein Atem stockte. Das Mädchen, das er über alles liebte, war tot.