„Ich hab keine Zeit, Ihnen alles zu erklären!“, wehrte Laguna ab. „Sie müssen Sie finden, hören Sie? Ich schätze, Ell wird den Kindern das Einkaufszentrum gezeigt haben, schließlich verbringt sie dort fast ihre gesamte Freizeit... Edea wird wahrscheinlich auch dort sein. Ich verlass mich auf Sie, Cid! Finden Sie sie und bringen Sie sie in Sicherheit.“
„Natürlich“, murmelte Cid etwas benommen. Was machte Edea bloß hier? „Und viel Glück.“
„Danke, kann ich brauchen, gleichfalls. Aber dass Sie mir ja keine unerfreulichen Meldungen schicken, ja?“
Als der Kontakt abbrach, fasste sich Cid an den Kopf. Edea tauchte anscheinend überall dort auf, wo etwas außer Kontrolle geriet. Flüchtig verzog er die Lippen, als er daran erinnert wurde, dass auch das ein Grund gewesen war, warum er sie geheiratet hatte. Dann wurde er ernst. Er schaltete auf Außenlautsprecher um.
„An Niida und Crys!“, rief er ins Mikrofon. „Es gibt einen Notfall! In der Stadt befinden sich meine Frau Edea, Ellione und einige Waisenkinder, die nichts vom Monstereinfall wissen! Sie beide begeben sich bitte sofort zum Einkaufszentrum und holen sie! Wenn sie dort nicht sind, suchen Sie im Magieinstitut und kommen dann zurück, mit oder ohne ihnen! Sofort!“
Jetzt wusste er, wieso Squall die Verantwortung, Schulsprecher zu sein, überhaupt nicht zusagte. Man musste eine Menge herumschreien, Leute anpflaumen, die man mochte und immer auf unliebsame Überraschungen gefasst sein. Er lehnte sich seufzend zurück. Nun konnte er nur noch warten, ob alle anderen Erfolg hatten...

„Ruhig, Kinder“, flüsterte Ellione und versuchte, sich noch weiter in die dunkle Ecke des Geschäfts zu drängen. Sie war gerade mit den Kindern dabei gewesen, einige Dinge online zu bestellen, als plötzlich abscheuliche Wesen im Vergnügungspark für Esthars Erwachsenenwelt aufgetaucht waren. Jetzt schlichen die Bestien durch die verwaiste Straße. Fast alle Passanten waren geflohen, aber Ell konnte noch immer den Schrei eines Bürgers hören, der nicht schnell genug gewesen war.
„Ich hab Angst“, wimmerte eines der Mädchen und klammerte sich an Ells Rockzipfel fest. Das ältere Mädchen wusste nicht, wie die Kleine hieß, aber das spielte keine Rolle. Sie nahm es in die Arme und versuchte, es zu beruhigen. Auch die anderen Kinder hockten zitternd in ihrer Nähe. Nur Aniery und Tinill wagten es, hie und da auf die Straße zu spähen, aber beide waren schreckensbleich. Natürlich schwärmten alle Kinder von Heldengeschichten... aber den Monstern daraus selbst gegenüberzustehen, war was Anderes!
„Wenn nur Tante Quistie hier wäre“, flüsterte Eclisa Veshore zu. Der kleinere Junge hielt sein Spielzeugschwert so fest umklammert, dass das Hartplastik ächzte. Aber auch Eclisa war übel von den Lauten, die diese Monster von sich gaben. „Sie könnte die Monster allein besiegen.“
„Wird sie uns finden?“, fragte Aniery Ellione. Aus seinen Augen sprach große Hoffnung. Ell zögerte. Niemand wusste genau, dass sie hier waren. Und es konnte noch dauern, bis bekannt wurde, dass das Einkaufszentrum besetzt war. Aber sie konnte die Kinder nicht enttäuschen. „Vielleicht“, schloss sie einen Kompromiss. „Aber wir müssen tapfer sein und uns bis dahin gut verstecken.“
„Und wenn eins der Monster uns findet?“, fragte Tinill mit schriller Stimme. Vor nackter Panik überschlug sie sich ein paar Mal. Ell gab keine Antwort darauf.
Einige Minuten vergingen quälend langsam, während die Geräusche draußen immer näher kamen. Nun krochen auch Aniery und Tinill zurück zu den anderen. Ell betete zu allem, was ihr einfiel, dass keine der Bestien genug Verstand besaß, um hier herinnen jemanden zu vermuten.
„Keine Angst“, wisperte sie noch einmal. „Es wird nicht mehr lange dauern, bis uns jemand hier findet.“
Bevor jedoch eins der Kinder antworten konnte, knarrte die Tür. Alle hielten unwillkürlich den Atem an, als sie langsam aufschwang. Dann tappte die kleine Teufelsgestalt eines Galchimesära herein. Ell war gleichzeitig erleichtert wie erschrocken. Onkel Laguna hatte einmal erwähnt, dass diese kleinen Biester zwar lästige Zauber sprechen konnten, aber im Gegensatz zu anderen Monstern sehr schwach waren. Die dämonisch gelben Augen wanderten im Raum umher und zischelnde Laute klangen durch die Dunkelheit. Und ehe Ell es verhindern konnte, stieß eins der Kinder einen erschrockenen Schrei aus.
Die Augen erstarrten. Dann erklangen wieder Schritte in ihre Richtung. Ell setzte das wimmernde Mädchen ab und stand langsam auf. Sie durfte das Monster nicht provozieren. Das Biest sah sie dennoch misstrauisch an und zischte ungehalten. Offenbar betrachtete es einen Haufen Kinder und eine junge Frau nicht als Gegner, sonst hätte es schon einen seiner berüchtigten Zauber angewandt.
„Seid ruhig“, flüsterte sie und faltete die Hände. „Bewegt euch nicht.“ Sie vergewisserte sich nicht, ob die Kinder den Rat befolgten, sondern weckte ihre Hexenkraft. Sie war niemals so stark gewesen wie Rinoa, Adell oder gar Artemisia. Aber immerhin war sie auch ohne GF in der Lage, die Magien anderer Lebewesen zu spüren. Dadurch konnte sie gezielt in die Gedanken anderer eindringen... und mit einiger Hilfe von Rinoa sogar Zauber drawen und einsetzen!
Sie atmete tief durch und schickte ihre geistigen Fühler zum Bewusstsein des Galchimesäras aus. Sie hatte noch nie ein nicht-menschliches Selbst berührt, aber im Grund war das gar nicht so anders als sonst. Aber als sie den Kontakt hergestellt hatte, wusste sie, warum das Vieh keinen Zauber angewandt hatte. Es besaß keinen. Nicht einen einzigen angeborenen Spruch! Ell wurde blass. Dann konnte sie dem Monster auch nichts entgegensetzen.
Der Galchimesära schien zu wissen, was sie versucht hatte. Er ließ ein höllisches Lächeln sehen und tappte wieder einen Schritt vorwärts, seine Krallen weit ausgestreckt, der Schwanz wild umherpeitschend. Die Augen des Monsters leuchteten auf, als einige der Kinder zu weinen anfingen.