Kapitel 7

„Steuern Sie den Garden zur Airstation“, trug Cid Niida auf. Der Junge war noch immer missmutig, was man ihm ja auch wohl kaum verdenken konnte. Immerhin heiratete einer seiner Freunde, und er durfte nicht dabei sein. „Und passen Sie auf, dass wir keine Passanten erschrecken.“
„Ich bin kein Anfänger, Direktor“, entgegnete Niida und riss das Ruder gekonnt herum. „Ich weiß schon, was ich machen muss.“
„Schön, das zu hören.“
Sanft steuerte der Garden zwischen den riesigen modernen Hochhäusern auf die Esthar-Airstation zu. Cid runzelte die Stirn, als er bemerkte, dass die Ragnarok gar nicht hier war. Dann fiel ihm wieder ein, dass Irvine und Selphie ja bei der Residenz ausgestiegen waren. Vermutlich waren sie bereits unterwegs. Nun, je schneller sie das hinter sich brachten, desto besser.
Als der Junge neben der Plattform anlegte, auf der sonst das riesige Weltraumgefährt der SEEDs stand, atmete Cid erleichtert aus. Ihm war nie richtig wohl dabei, wenn er sah, wie nahe Niida den Garden an die Hauswände steuerte. Aber bis jetzt hatte es höchstens einige Kratzer gegeben. „Sehr gut, Niida“, verkündete er. „Von nun an haben Sie und Crys frei. So lange Sie den Garden nicht verlassen, steht Ihnen alles offen.“
„Ja, Herr Direktor.“ Niidas Miene schwankte zwischen Weltuntergang und Tod eines Verwandten. Dennoch salutierte er gehorsam. „Crys, kommst du?“
„Direktor“, rief die in diesem Moment herüber. Auch wenn das Mädchen sehr bedrückt war, hatte sie es sich nicht entgehen lassen, Esthar ausgiebig vom Rand der Steuerungsplattform zu betrachten. Galbadianer kamen schließlich nicht alle Tage nach Esthar. „Ist es normal, dass hier überall Monster herumlaufen?“
„Ja, davon hat Squall erzählt“, bestätigte der Direktor. „Normalerweise wagen sich Monster nicht in Gegenden, die so dicht von Menschen besiedelt ist. Sie fürchten die Magie. Aber Esthar ist so groß, dass sich immer wieder ein Monster hereinverirrt.“
„Ist es auch normal, dass hier ein gutes Dutzend davon auf einem Fleck herumläuft?“
„Was?“, entfuhr es Niida. „Unmöglich!“ Rasch trat er zum Rand der Plattform. Cid entnahm seinem bleich werdenden Gesicht, dass er nichts Gutes sah. „Oh, oh“, murmelte er. „Sie hat Recht, Direktor. Da unten sind sogar mehr als ein Dutzend Stahlgiganten, Quale, Galchimesäras und Behemoths! Und es kommen immer mehr durch die Schlupflöcher herein!“
„Unfassbar! Wie ist das nur möglich?“ Cid war völlig außer sich. „Ist es hier etwa auch schon soweit?“
„Was ist soweit?“, wollte Niida wissen. Er wirkte erschrocken.
„Ich befürchte, in Esthar gibt es keinen einzigen Zauber mehr“, erklärte Cid. „Squall und die anderen beobachten dieses Phänomen schon eine ganze Weile. Offenbar saugt etwas die magische Energie ganzer Kontinente ab. Galbadia, Dollet, Centra und einige andere Erdteile hat es schon erwischt... und nun auch Esthar. Was sollen wir nur tun?“
„Wir müssen die Behörden verständigen!“, entschied Crys energisch. Ihre militärische Ausbildung machte sich nun bezahlt. „Präsident Loire muss das erfahren! Und Sie müssen den Befehl geben, die Monster hier zurückzuschlagen, Direktor, bevor sie unschuldige Menschen erreichen!“ Sie wirkte so befehlsgewohnt, dass Niida beinahe einen Schritt zurückwich.
Dann straffte er sich jedoch und sagte: „Sie hat Recht, Direktor. Lassen Sie uns kämpfen. Wir müssen die Stadt verteidigen, wenn wir wollen, dass überhaupt noch eine Hochzeit stattfinden kann, von der wir fernbleiben sollen!“
Cid lächelte kurz, wurde aber sofort wieder ernst. „Kommen Sie“, befahl er und trat zum Aufzug. „Wir müssen den Schülern Bescheid geben. Ich rufe sie in der Eingangshalle zusammen und Sie beide erklären Ihnen, was sie zu tun haben.“ Der Aufzug setzte sich in Bewegung und kam im dritten Stock wieder zum Stehen. Cid ging auf seinen Schreibtisch zu, während Crys und Niida zur Tür rannten. „Jetzt haben Sie es also doch noch geschafft, nach Esthar zu kommen, nicht wahr?“, rief er den beiden nach. Bildete er es sich ein, oder hörte er Lachen?
Kopfschüttelnd setzte der Direktor des Balamb Garden sich in seinen Sessel. Wieso musste immer alles so aus dem Gleichgewicht geraten? Er drückte auf die Lautsprecher-Taste und rief angemessen laut: „Hier spricht Direktor Cid. Bitte verlassen Sie den Garden noch nicht! Monster sind in Esthar eingedrungen! Niida und eine Schülerin des Galbadia Garden werden in Kürze in der Eingangshalle eintreffen. Bitte begeben Sie sich ebenfalls dorthin, Ihnen wird gesagt werden, was Sie zu tun haben. Niemand, ich wiederhole, niemand, der nicht krank oder anderweitig kampfunfähig ist, darf fernbleiben! Dies ist ein offizieller Einsatz des Gardens! Sollten Sie im Verlauf des Kampfes auf Truppen aus Esthar treffen, befolgen Sie bitte deren Befehle. Viel Glück Ihnen allen... schützen Sie Esthar, damit Ihr Schulsprecher und Miss Heartilly ihre Hochzeit nicht verlegen müssen.“
Einen Moment zog Cid eine Schnute wegen seines melodramatischen Auftritts. Aber jetzt war es gesagt, und immerhin hatte es doch gar nicht so schlecht geklungen. Gut, Niida und Crys würden schon wissen, was sie zu tun hatten. Nun war es wichtig, dass er Laguna erreichte. Er wählte die Geheimnummer der Residenz, in der der Präsident vermutlich sein würde. Als eine Minute lang allerdings niemand abhob, gab er auf. Wo war Squalls Vater nur?
Dann fiel Cid etwas ein. Laguna hatte Squall bei einem seiner Besuche einmal eine Nummer gegeben, mit der er einen Empfänger erreichte, den der Präsident immer bei sich trug. Squall hatte das Ding ihm gegeben, weil er mit der Ragnarok jederzeit nach Esthar konnte, wenn er sich mit seinem Vater unterhalten wollte... was in letzter Zeit ohnehin ziemlich oft der Fall gewesen war. Hastig suchte er in allen Schubladen, um dann am Schluss festzustellen, dass er den Zettel in der Brieftasche trug. Brummelnd wählte er die 20- stellige Nummer und wartete ungeduldig einige Male. Aber als sich schließlich jemand meldete, war es nicht Laguna.
„Wer sind Sie?“, fragte eine ungeduldige Stimme. „Der Präsident ist momentan beschäftigt!“
„Kiros?“, fragte Cid. „Sind Sie das? Ich bin Direktor Cid vom Balamb Garden!“
„Cid?“ Kiros war einen Moment perplex, aber dann fing er sich wieder. „Woher haben Sie... ach was, scheißegal! Hören Sie, wir haben hier gerade mächtig Probleme! Laguna befürchtet, dass in einige Minuten sämtliche Monster des Kontinents hier sein werden, um Esthar zu stürmen! Sie und Ihre SEEDs wären jetzt echt eine große Hilfe!“
„Sind wir bereits“, korrigierte der Direktor. „Wir sind bei der Airstation, und die wird bereits von den Monstern überrannt. Wir versuchen, sie aufzuhalten, aber dadurch können wir Ihnen woanders nicht mehr helfen.“
„Verflucht! Die Leute haben sich auf der Inneren Straße versammelt. Die Monster dürfen also höchstens bis zum Außenring kommen!“
„Dann bleiben nur die fünf Eingänge zur Straße“, mutmaßte Cid. „Die Außenstraße selbst ist doch hoffentlich abgeschirmt?“
„Selbstverständlich.“ Kiros klang etwas verächtlich. „Die innere Straße ist nur über die Airstation, das Magieinstitut, die Autovermietung und das Einkaufszentrum zu erreichen! Um die Vermietung müssen wir uns keine Sorgen machen, die Tore dort sind ab jetzt nur noch mit einem Code zu öffnen, und ich glaube kaum, dass die Viecher den knacken!“
„Was ist mit dem Palast?“, wollte Cid wissen. „Durch den kommt man doch auch in die innere Stadt, oder?“
„In dem verschanzen wir uns“, erklärte Kiros. „Der Präsidentenpalast ist schwer gepanzert, aus verständlichen Gründen. Das schaffen Laguna, Ward und ich allein. Also müssen wir unsere Soldaten auf das Magieinstitut und das Einkaufszentrum aufteilen... aber die werden erst in paar Minuten so weit sein loszumarschieren. Halten Sie uns wenigstens die Monster bei der Airstation vom Leib, ja? He, Laguna, was...“
“Cid?” Lagunas Stimme klang gehetzt, wie von jemandem, dem was Wichtiges eingefallen ist. „Sagen Sie nichts, hören Sie mir zu! Ell ist noch in der Stadt, zusammen mit einigen Kindern aus dem Waisenhaus! Edea ist grade auf der Suche nach ihnen, aber jetzt, wo die Monster eindringen... Sie müssen unbedingt ein paar Ihrer Leute losschicken, um sie zu suchen! Bringen Sie sie in den Garden, dort sind sie mal eine Weile sicher.“
„Edea?“ Cid erschrak. „Sie ist HIER?“