Xell gab eine Reihe von nicht jugendfreien Flüchen ab. „Glaubt ihr nicht, dass euch so was eher von der Mission ablenkt?“, fragte er zynisch. „Man möchte meinen, gewisse... Praktiken wären eher erschöpfend.“
Irvine hob den Kopf und sah seinen Freund ernst an. „Xell, ich bin dir äußerst dankbar für das, was du vorher für mich getan hast, wirklich. Ich schulde dir mehr, als ich je wiedergutmachen kann. Aber wenn du jetzt nicht SOFORT verschwindest, dann geb ich dir den Schlag von vorhin zurück!“
Xell sah aus, als ob er gleich hochgehen würde, aber beide bemerkten, dass die Mundwinkel des Jungen verdächtig in die Höhe zuckten. „Na schön“, sagte er ruhig, aber es fehlte nicht viel zu einem lauten Lachen. „Dann habe die Ehre. Wenn ihr FERTIG seid, dann meldet euch. Der Garden fährt gleich los und landet in ein paar Stunden in Esthar, dort sind Squall und Rinoa glaub ich schon wieder angekommen. Viel... Spaß. Und macht nicht zu viel Krach.“
„Tür zu“, murmelte Selphie, als Irvine ihren Kopf nahm und zu sich herunterzog. An ihren Liebsten gewandt flüsterte sie: „Weißt du... eigentlich bin ich ganz froh, dass du vorhin so ausgerastet bist. Sonst wären wir sicher nicht so bald so weit gekommen.“
Irvine löste seine Lippen von ihrem Hals. „Willst du das wirklich, Selphie?“, fragte er beinahe feierlich. „Das ist nicht mehr rückgängig zu machen, wie du hoffentlich weißt.“
Einen Moment lang überlegte das Mädchen wirklich. Vieles würde sich ändern, wenn das hier vollzogen wurde. Ihre Kindheit würde dann endgültig vorbei sein... auch wenn viele das wahrscheinlich nicht sehen würden. Aber die Unsicherheit wurde sofort weggefegt, als Irvine ihr das Haar zurückstrich. Sie wollte es. Sie liebte ihn, schon im Waisenhaus wie ihren teuersten Bruder, dann als charmanten Kollegen und schließlich mit aller Inbrunst, mit der ein Mädchen einen Jungen lieben konnte.
„Ja“, hauchte sie, als er ihre Haut sanft streichelte. „Ich will. Mit dir. Jetzt. Ich liebe dich, Irvie.“
„Ich dich auch, Sephie. Du bist das erste Mädchen, das ich wirklich liebe.“
Als der Garden in Esthar ankam und Irvine und Selphie von Bord gingen, um sich mit Laguna zu beraten, wunderten sich viele, dass die beiden sich immer wieder bedeutungsvolle Blicke zuwarfen und dann zu kichern begannen. Außerdem schienen die beiden einen ziemlich harten Kampf in der Trainingshalle hinter sich zu haben, ihrem zerzausten Aussehen nach zu urteilen. Aber da die meisten Schüler nur noch an die Hochzeit ihres Schulsprechers dachten, achtete beinahe niemand darauf.

Quistis achtete zuerst nicht auf den Lärm, der unterhalb der Residenz erschallte. Es war Esthar, es waren einige Tage vor dem größten gesellschaftlichen Ereignis seit der Feier nach dem Kampf gegen ihren Vater. Die Leute hatten Gründe, sich lauthals darüber zu äußern. Aber als die Tür von Lagunas Arbeitszimmer schließlich energisch aufgestoßen wurde, fuhr sie von dem Brief, den sie gerade gelesen hatte, auf.
Ungefähr zwei Dutzend Männer, vereinzelt auch Frauen waren eingedrungen, Kiros und Ward vor sich herschiebend. Wenn die beiden wirklich gewollt hätten, wären die Leute nie so weit gekommen, aber sie zögerten, ihre Waffen gegen Bürger von Esthar einzusetzen. Quistis sprang auf und ließ ihre „Königinnenwache“ erscheinen. Die Waffe erzeugte einen lauten Knall, der durch den gesamten Raum hallte und ließ in einem Moment alle verstummen. Die SEED blickte die Leute herausfordernd an, aber Edea schüttelte kurz den Kopf.
Denn Laguna stand gerade auf. Er musterte die Meute, die in sein Zimmer eingedrungen war, ruhig. „Was hat dieses... unerwünschte Erscheinen zu bedeuten?“, verlangte er zu wissen. „Warum haben Sie mich nicht um einen Termin gebeten, wenn Sie unbedingt mit mir sprechen wollten?“
„Wir brauchen keinen Termin, Loire!“, verkündete eine mit Triumph gewürzte Stimme aus der Menge. „Sie haben uns lange genug mit Ihren Lügen hingehalten.“
„Crannox Jeed“, meinte der Präsident von Esthar kopfschüttelnd. „Lasst die Leute rein“, befahl er Kiros und Ward. „Sie sollen sagen, was sie mir sagen wollen. Aber bleibt im Raum, damit sich niemand hier unglücklich macht. Was wollen Sie, Jeed? Wieder ein bisschen Unfrieden stiften?“
Als Kiros und Ward zögernd bis zum Schreibtisch Lagunas zurückwichen, trat ein ungefähr 40-jähriger Mann aus der Menge. Seine Augen waren stechend und er hatte ein schadenfrohes Lächeln aufgesetzt, das sein fettes Gesicht nicht unbedingt verschönerte. „Sie sind der Unruhestifter, Loire“, behauptete er. Man sah, wie er seine Macht genoss. „Oder wollen Sie leugnen, was Sie zu tun beabsichtigten?“ Er sah Laguna herausfordernd an.
„Oh, ich beabsichtige eine Menge Dinge zu tun“, entgegnete Laguna ruhig. „Zum Beispiel richte ich gerade eine Hochzeit aus. Die Hochzeit meines Sohnes, über die Sie so nett schreiben, dass sie nur eine Farce sei. Wollen Sie nicht kommen und sie sich ansehen?“
Quistis hatte Mühe, ein Grinsen zu unterdrücken, aber Edea, Ward und Kiros war nicht nach Lachen zumute. Sie fanden diese Eindringlinge offenbar nicht so harmlos wie Quistis. Sie besah die Meute noch mal genauer. Sie wirkte entschlossen, ja. Aber Entschlossenheit konnte mit Ruhe und sachlichen Argumenten zerschlagen werden, und das machte Laguna gerade. Und auf sie losgehen würden diese verhinderten Revolutionäre auch nicht. Was also befürchteten sie?
„Lassen Sie Ihre Anschuldigungen, Präsident!“ Er betonte das letzte Wort wie eine Beleidigung. „Wir wissen ganz genau, was Sie vorhaben!“
„Schön“, kommentierte Laguna. „Ich nämlich nicht. Erklären Sie’s mir doch!“
Der ältere Mann sah aus, als würde er sich nur noch mit äußerster Mühe beherrschen. Einer seiner Anhänger machte einen Schritt auf Laguna zu, trat aber erschrocken wieder zurück, als Kiros ihn drohend anblickte. Dann begann Crannox Jeed wieder süffisant zu grinsen.
„Nun, dann will ich Ihr Gedächtnis mal etwas auffrischen, Loire. Sagen Sie uns, was Sie mit dieser Insel vorhaben, die gerade an der Küste unseres Kontinents geankert hat. Sagen Sie uns, wieso sie Esthar vernichten will.“
„Vernichten?“ Quistis runzelte die Stirn. „Was meinen Sie damit?“
Der Politiker sah sie hasserfüllt an. „Oh, noch eine weitere Verschwörerin“, behauptete er, als hätte er sie erst jetzt bemerkt. „Sind Sie nicht die junge Dame, die noch vor einem halben Jahr Esthar angegriffen hat? Zusammen mit diesem Verrückten, Feyjar Trepe?“
Quistis biss sich auf die Lippen und hob unwillkürlich die Peitsche. Am liebsten hätte sie sich sofort auf diesen aufgeblasenen Wichtigtuer gestürzt, aber Ward legte ihr die Hand auf die Schulter und schüttelte den Kopf. Sie nickte und atmete aus. Ihr Zorn war noch immer da, aber sie musste sich unter Kontrolle halten, sonst schadete sie Laguna.
„Das ist lange vorbei, Jeed“, erwiderte Laguna eisig. Auch ihn hatte diese Anschuldigung aufs Höchste erzürnt. „Und falls Sie es vergessen haben, Quistis war es, die dieses Monster von einem Rubrum-Drachen erledigt hat... mitsamt ihrem Vater!“
„Aber sie ist schon einmal gegen Esthar gezogen!“, beharrte der ältere Mann stur. Er schien gar nicht zu wissen, in welcher Gefahr er schwebte. „Und just jetzt, wo sich Esthar einer weiteren Gefahr gegenübersieht, finde ich sie hier bei Ihnen. Welch ein ZUFALL!“ Die Anhänger des Mannes murmelten zustimmend, aber niemand traute sich, laut etwas zu sagen.
„Dann erklären Sie uns endlich, womit Esthar angeblich bedroht wird, Jeed!“, verlangte Kiros, dem offensichtlich die Geduld ausging. „Wir haben nicht ewig Zeit für Sie!“
„Werden Sie nicht unverschämt!“, polterte Jeed. Dann beruhigte er sich wieder und verschränkte die Arme vor der Brust. „Vor ziemlich genau einer Stunde landete diese seltsame Insel vor der Küste von Esthar. Als einige Abenteurer sie genauer in Anschein nehmen wollten, wurden ihnen auf einmal die gekauften Zauber entzogen. Sie schafften es mit Müh und Not hierher zurück, weil auf einmal Monster sie von überall her bedrängten, aber sie brachten keine Neuigkeiten: Denn auch in der gesamten Stadt, Loire, ist jeder einzelne Zauber, mit denen wir die Kreaturen dieses Planeten bis jetzt ferngehalten haben, verschwunden!“ Er blickte die Freunde eine Sekunde lang triumphierend an, dann fügte er hinzu: „Und erschwerend kommt noch die Botschaft dazu.“
„Botschaft? Welche Botschaft?“
„Tun Sie nicht so dumm! Schalten Sie ihren Computer ein und lesen Sie die E-Mail. Sie kam vor einer halben Stunde in jede Mailbox von ganz Esthar. Und sie bestätigt Ihre Schuld!“
Laguna sah ihn wütend an, öffnete jedoch demonstrativ ruhig den Laptop auf seinem Tisch und tippte einige Male darin herum. Er las ein paar Sekunden, in denen Jeeds Anhänger aufgeregt zu murmeln begannen, dann wurde er käsebleich. Edea trat sofort zu ihm hin und las ebenfalls. Auch sie begann zu schlucken und las für Quistis, Kiros und Ward vor:

Bürger von Esthar!

Meine Freunde und ich haben Kontrolle über die Forschungsinsel, die ihr inzwischen sicher bemerkt habt. Mit ihr war es uns möglich, sämtliche Zauber eures gesamten Kontinents abzusaugen und zu speichern. Ihr seid nun wie beinahe alle Kontinente hilflos den Monstern ausgesetzt. Aber wir wollen nicht euren Tod.
Wir bieten euch eine Chance, allen Schutz wiederzuerlangen. Alles, was ich will, ist Squall Leonhart, euer Nationalheld! Ich will mit ihm kämpfen und ihn besiegen, auf dass ein für alle Mal geklärt ist, wer der Stärkere von uns ist. Ich weiß, dass er bei euch ist. Squall, wenn du das hier liest... komm und lass es uns ein letztes Mal austragen! Ohne Zauber wird unser Kampf endlich so fair sein, wie ich es mir wünsche.
Ich bin sicher, du wirst bald kommen. Ich erwarte dich in Balamb.

Cifer Almasy

P.S. Bring ruhig deine Freunde mit. Fu-jin und Rai-jin werden sie beschäftigen, während wir beide unseren Kampf austragen.

„Cifer?“, flüsterte Quistis entsetzt. „Wieso um alles in der Welt tut er das?“
„Verkaufen Sie uns nicht für dumm!“, fiel ihr Jeed ins Wort. Der Mann wurde ihr von Sekunde zu Sekunde unsympathischer. „Wir wissen, dass diese Aufforderung nur ein Trick ist. Dieser Cifer hat doch in Ihrem Auftrag gegen den Monsterbeschwörer gekämpft?“
Da Laguna die Nachricht offensichtlich immer noch nicht glauben konnte, antwortete Edea, obwohl auch ihr der Schreck ins Gesicht geschrieben stand. „Und was soll das beweisen?“, fragte sie mit einem leichten Zittern in der Stimme. „Squall ist Lagunas Sohn. Was sollte er davon haben, ihn zu opfern?“
„Seien Sie still!“, rief der Mann aus und deutete wie wild mit seinem Finger auf sie. „Sie haben schon früher ganze Staaten manipuliert, um Macht zu bekommen! Ich bin sicher, dass Sie auch hier mit drin stecken! Vielleicht kontrollieren ja auch Sie die Monster, die in diesem Moment schon auf Esthar zusteuern...“
„Das reicht!“, schrie Quistis und erhob ihre Peitsche zum Schlag. Crannox Jeed zuckte rückwärts, als ein Probeschlag haarscharf über seinem Kopf hinwegzischte. „Wagen Sie es noch einmal, meine Mutter zu beschuldigen und von Ihnen bleibt nicht genug übrig, um eine Urne zu füllen! Edea war damals vom Geist Artemisias besessen und wusste nicht, was sie tat! Seitdem hat sie sich bemüht, ihre Fehler, die nicht mal ihre eigenen waren, wieder gut zu machen, indem sie Waisenkinder bei sich aufnahm, sehr viele davon übrigens aus Esthar! Also hüten Sie Ihre Zunge!“
„Habt ihr das gesehen?“, wandte sich Jeed zitternd an seine Anhänger. „Sie hat mich angegriffen! Sie wollte mich töten!“
„Wenn Quistis Sie hätte töten wollen, wären Sie es jetzt, zusammen mit all diesen Leuten hier“, berichtigte Kiros eisig. Für den Blick, mit dem er den Politiker bedachte, hätte ihm Shiva Respekt gezollt.
„Und Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet“, schloss sich Edea ihm an.
Jeed zitterte noch immer, sah die Hexe jedoch trotzig an. „Das ist doch sonnenklar“, behauptete er. „Dieser Cifer steht in Ihrem Dienst! Er saugt die Zauber der Welt doch nur ab, damit Sie und Ihre SEEDs den anderen Staaten den Krieg erklären können. Niemand kann Ihnen dann widerstehen! Und Sie können sich endlich an Galbadia rächen! Schließlich hassen Sie das dortige Militär, jeder weiß das!“