Kapitel 6
Die Kopfschmerzen waren zwar nicht so schlimm, wie er es verdient hatte, aber doch sehr lästig, als Irvine Kinneas erwachte, wogegen sein Bauch beinahe nicht mehr wehtat. Stöhnend hob er seine Hand an die Stirn und brummte etwas Unverständliches, wahrscheinlich aber einen Fluch. Jemand war zwar so umsichtig gewesen, die Vorhänge in seinem Zimmer vorzuziehen, doch das Licht war immer noch zu hell für ihn. Seine Zunge fühlte sich an, als wäre ein Elefant darübergelatscht, so gefühllos war sie. Beiläufig schwor sich der Scharfschütze, niemals wieder solche Drinks anzurühren.
Erst jetzt bemerkte er, dass jemand ihn ausgezogen und seine Sachen zum Trocknen aufgehängt hatte. Danke, Xell, dachte er im Stillen. Aber er hatte dem Faustkämpfer weit mehr als das zu verdanken. Seinem Verhalten nach würde es ihn nicht wundern, wenn er des Gardens verwiesen wurde, aber immerhin hatte er niemanden getötet... jedenfalls, soweit er sich erinnern konnte. Er schauderte, als er an die ungläubigen Gesichter von Selphie und Crys dachte, auf die er losgegangen war. Herrgott, hatte er wirklich so viel getrunken? Er musste wirklich völlig den Verstand verloren haben! Xell hatte ihn bei weitem nicht fest genug geschlagen!
Er seufzte kurz und wartete, bis sich seine Augen an das Halblicht gewöhnt hatten. Dann setzte er sich auf und rieb sich die Stirn. Was war eigentlich noch geschehen? Einiges wusste er mit unnatürlicher Klarheit, aber andere Dinge lagen hinter so dichten Nebeln, dass er Scheinwerfer gebraucht hätte, um sie zu erkennen. Hatte er jemanden ernsthaft verletzt? Nein, wahrscheinlich nicht. Xell war schließlich sofort auf ihn losgegangen, er hätte das nicht zugelassen.
Dann stöhnte er, als ihm Niida einfiel. Er kannte den Jungen nicht sonderlich gut, auch wenn er in Xells und Squalls Klasse gewesen war. Aber dass er ihn geschlagen hatte... noch dazu mit seiner vollständigen Stärke-Kopplung! Jetzt wusste er, wieso ihm seine Freunde auf der Feier nach dem Angriff des Monsterbeschwörers geraten hatten, nicht so viel zu trinken. Dort allerdings hatte er das schönste Erlebnis seines Lebens bis dahin gehabt. Er hatte Selphie gestanden, dass er sie liebte... und sie ihm, dass sie dasselbe empfand.
Fluchend stand er auf und ging unsicher zu seinen Klamotten hin. Fahrig zog er sich an. Wahrscheinlich wartete draußen schon ein SEED, der ihn zum Direktor bringen würde. Egal, das musste er ohnehin früher oder später durchstehen. Aber die Bestrafung war ihm eigentlich egal. Er war nur wütend auf sich selbst, und das nagte an ihm wie ein tollwütiger Biber. Crys und Selphie hatten ihn doch nur ein bisschen ärgern wollen, na und? Sicher, ein bisschen weit waren sie schon gegangen, aber er hätte das auch viel lockerer nehmen sollen. Schließlich hatte er Erfahrung darin, dass Mädchen über ihn lästerten. Aber tief ihm Herzen wusste er, dass er so etwas von Selphie einfach nicht ertragen konnte.
Was würde sie wohl von ihm denken? Würde sie überhaupt noch mit ihm reden wollen? Und sollte er überhaupt noch mit ihr reden? Sie hatte sich, nüchtern betrachtet, ebenso blöd aufgeführt wie er. Zumindest sollten sie sich wohl eine Weile aus dem Weg gehen. Aber wenn Cid ihn tatsächlich des Gardens verwies... was würde dann aus ihnen beiden werden?
Seufzend setzte er seinen Cowboyhut auf und überprüfte die Exetor. Er war sich zwar ziemlich sicher, dass er nicht geschossen hatte, aber er fühlte sich sofort etwas besser, als er alle Kugeln noch darin fand. Erst jetzt, als er jemanden hinter sich aufatmen hörte, merkte er, dass er nicht allein im Zimmer war. Im ersten Moment war er versucht, die Waffe auf den Eindringling zu richten, aber er beherrschte sich. Er hatte schon genug Ärger auf dem Hals. Erzwungen ruhig drehte er sich um.
„Was ist?“, fragte er. „Sollst du mich zu Direktor Cid bringen?“ Er lachte bitter. „Oder willst du gegen mich kämpfen, um die Ehre des Gardens zu schützen?“
„Keines von beiden“, flüsterte ihm eine nur zu bekannte Stimme zu. Die schlanke Silhouette eines Mädchens trat aus den Schatten neben seiner Tür. „Ich wollte mit dir reden.“
„Selphie!“, rief er erschrocken aus. „Wie... wie lange bist du schon hier?“
Fast panikerfüllt sah sie ihn an. „Ich... ich haaaaab dir wirklich nicht beim Anziehen zugesehen, sicher nicht“, versicherte sie. Sie wurde rot. „Ich muss dir was von Direktor Cid sagen.“
„Ach ja?“, fragte er, fast enttäuscht. „Und was?“
Selphie schluckte hart. Irvine bemerkte erst jetzt, dass das Mädchen geweint hatte, und das anscheinend nicht zu knapp. Aber er behielt seine Unerschütterlichkeit aufrecht.
„Wir... wir sollen zur Forschungsinsel fliegen“, erklärte sie. „Und wenn wir es nicht schaffen, das Rätsel aufzuklären, warum sie die Zauber absaugt, dann dürfen wir nicht bei der Hochzeit anwesend sein.“
Irvine gefror innerlich zu Eis, aber er ließ sich nichts anmerken. „Gut“, erwiderte er scheinbar gleichmütig und drehte sich von ihr weg, um sein vor Schreck verzerrtes Gesicht vor ihr zu verbergen. Nicht an Squalls und Rinoas Hochzeit teilnehmen zu können... das war ein schrecklicher Gedanke. Jeder von ihnen hatte sich für die beiden gefreut, als sie ihren Entschluss bekannt gegeben hatten. Sie hatten sich Mühe gegeben, Laguna unter die Arme zu greifen, ein würdiges Geschenk aufzutreiben und, nicht zu letzt, die beiden aus Esthar fernzuhalten, damit sie nichts zu früh sahen. „Solange ich nicht vom Garden geschmissen werde. Ich hätte ja ohnehin niemanden, mit dem ich gehen könnte.“ Seine Stimme klang so bitter, dass sie ihm fremd vorkam.
Selphie gab hinter ihm ein seltsam würgendes Geräusch von sich. Würden Tränen ein Geräusch machen, er war sich sicher, er hätte es gehört. „Irvine“, sagte sie mit zitternder Stimme, die sich wie ein glühender Dolch in sein Innerstes bohrte. „Bitte... hör mir zu. Ich muss dir noch was sagen.“
„Nicht nötig“, erwiderte er, obwohl er sich auf die Lippen beißen musste, um seine eigenen Tränen zurückhalten zu können. „Ich kann verstehen, dass du mich nicht mehr sehen willst. Glaub mir, das ist nichts Neues für mich.“ Er schluckte. „Aber ich bitte dich, mir zu verzeihen. Ich weiß, dass ich mich wie ein Verrückter benommen habe. Und dass du jetzt Angst vor mir hast. Vielleicht gibst du mir ja irgendwann noch eine Chance, auch wenn ich dich enttäuscht habe.“ Seine Hand umklammerte die Exetor so fest, dass er fürchtete, die Waffe würde brechen. Er konnte das Zittern am Körper nicht verhindern, sosehr er sich auch bemühte.
Einen Moment lang war es hinter ihm völlig still. Dann tappte Selphie mit leichten Schritten an ihn heran. Er konnte förmlich fühlen, dass sie ihn anstarrte. Sag es, dachte er. Sag, dass du mich in ein paar Minuten zur Mission erwartest. Dann ist dieser Alptraum endlich vorbei. Aber er wusste, dass damit ein wunderschöner Teil seines Lebens endgültig Vergangenheit sein würde.
Statt dessen fühlte er plötzlich Selphies zarten Körper an seinem Rücken. Er atmete erschrocken ein, als ihre Hände sich vor seiner Brust kreuzten. Er hörte, wie das Mädchen nun wirklich zu weinen anfing. „Bitte, Selphie“, flehte er. „Mach es doch nicht so schwer.“
„Denkst du denn wirklich, dass ich gekommen bin, um Schluss zu machen, du blöder Idiot?“, schluchzte das Mädchen. Sie hämmerte mit ihrem Kopf gegen seine Wirbelsäule und stieß seltsame, lachend-weinende Laute aus. „Ich wollte DICH um Verzeihung bitten, Irvine. Für alles, was Crys und ich dir an den Kopf geworfen haben. Weil ich deinen Glauben an mich zerstört habe. Und weil ich deine Gefühle verletzt habe.“
Der letzte Satz war so leise, dass er ihn kaum mehr verstehen konnte. Fast hätte Irvine das Ausatmen vergessen. Er war so völlig überrascht von dieser Wendung der Geschehnisse, dass er wie ein Baumstumpf dastand, während Selphie seinen Mantel mit ihren Tränen durchnässte. „Du... wolltest mich um Verzeihung bitten?“, fragte er ungläubig. Noch nie, seit er seine erste Freundin sitzengelassen hatte, war ein Mädchen zu ihm zurückgekommen und hatte IHN um Verzeihung gebeten, weil sie die Beziehung versaut hatte. „Aber warum? ICH war es doch, der euch angegriffen hat. Der euch in Lebensgefahr gebracht hat.“
„Weil ich dich liebe, du Hornochse!!!“, schrie Selphie und klammerte sich an ihm fest, als würde er ihr davonfliegen. „Weil ich dich nicht verlieren will! Und weil ich nicht will, dass du dir wegen mir das Leben zur Höööölle machst!“
Irvine ließ diese Worte einen Moment lang auf sich einwirken, dann löste er mit sanfter Gewalt Selphies Arme und drehte sich zu ihr um. Ihre Augen waren rotgeweint, aber dennoch kam ihm ihr Gesicht in diesem Moment schöner vor als in all den Monaten zuvor. Muss was dran sein, dachte er wie betäubt, an dem, was Mama gesagt hat. Dass wir die Dinge erst zu schätzen lernen, wenn wir in Gefahr laufen, sie zu verlieren.
Sanft strich er über ihr Gesicht und wischte die Tränen weg. Sie ließ es stumm über sich ergehen und sah ihn flehend an. Natürlich, er hatte seinen Teil ja noch nicht erfüllt. Mit einer Wildheit, die seine ganzen Gewissensbisse austrieb, umarmte er das kleinere Mädchen und vergrub sein Gesicht in ihren langen Haaren. Jetzt, zum ersten Mal vor einem Mädchen, mit dem er ging, konnte Irvine Kinneas, der Scharfschütze die Tränen nicht mehr zurückhalten.
„Ich liebe dich doch auch, Selphie“, flüsterte er schluchzend. „So sehr. Ich möchte lieber sterben, als dich zu verlassen, das musst du mir glauben.“
Das Mädchen strich beruhigend über seinen Rücken, auch wenn ihr nicht wohl war. Irvine war ihr gegenüber noch nie so schutzbedürftig gewesen. Das war etwas Neues. „Dann höööören wir am besten mit diesen überflüssigen Beteuerungen auf!“, rief sie mit gespielt strenger Stimme. Sie schob Irvine von sich weg und sah ihn bestimmt an. „Du benimmst dich ja wie ein Vierjähriger, Irvie! Versprich mir lieber, dass so etwas niiiiiiie wieder passiert!“
„Einverstanden“, versicherte Irvine grinsend. Er wischte die Tränen aus seinen Augen und drückte Selphies Hand. „Nie wieder. Und keiner ist mehr auf den anderen böse.“
Selphie nickte. „Uuuuund wir werden das Geheimnis der Forschungsinsel aufklären, damit wir noch rechtzeitig auf die Hochzeit kommen“, verlängerte sie den Pakt. Dann warf sie sich urplötzlich an Irvines Hals und riss ihn nach hinten, sodass sie auf dem Bett landeten. „Weißt du“, gab sie zu, „ich habe dich vorhin angelogen.“
„Ach ja?“ Irvines Laune sank. „Wobei denn?“
„Ich hab dich doch beim Anziehen geseeeehen! War echt ein schöner Anblick!“
Bevor der Junge seiner Empörung Luft machen konnte, verschloss ihm Selphie die Lippen mit einem fast aggressiven Kuss. Schließlich gab er resigniert nach und erwiderte ihn. Er war diesem Mädchen einfach nicht gewachsen, dachte er. Aber es war ihm völlig egal.
„BEI HYNE UND ALLEN GF!!!!“, schrie vor dem Zimmer plötzlich eine Jungenstimme Zeter und Mordio. „Kann ich denn nicht einmal, nur EINMAL zu euch kommen, ohne dass ihr grade beim Knutschen seid?“
„Ach, Xell, du Spielverderber.“ Selphie streichelte Irvine neckisch über die Wange und sah dann zu dem auf 100 stehenden Faustkämpfer hin. „Wir müssen uns doch auf unsere Mission gewissenhaft vooooorbereiten, oder nicht? Schließlich hängt auch dein Glück von uns ab.“






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