Boko sah ihn eine Zeitlang an, dann nickte er, sprang einige Male hin und her und hüpfte Squall schließlich auf den Kopf. Bevor sich der Junge wundern konnte, flog der kleine Chocobo bereits wieder in den Himmel. Squall glaubte fast, dass die Laute jetzt spöttisch klangen. Plötzlich kam ihm eine Eingebung und er durchsuchte fluchend seine Taschen.
„Das kleine Biest hat mir mein ganzes Geld geklaut!“, heulte er. „Wie damals im Wald, nur noch viel gieriger!“
Rinoas Lachen war hell, aber momentan freute sich Squall nicht darüber. „Mach dir nichts draus, Squall“, kicherte sie. „Ich leih dir was, wenn du was brauchst. Dafür bist du mir dann was schuldig.“
Bevor Squall etwas Giftiges erwidern konnte, glühte plötzlich der Himmel über ihm auf. Er konnte nicht vermeiden, dass er zusammenzuckte, als vier Schwerter plötzlich herabfielen und sich mit einem knirschenden Geräusch in den steinharten Boden bohrten. Dann wuchs aus diesem Boden die rotgewandete Gestalt Gilgameshs empor. Der riesige Krieger blickte sich einmal um und fixierte seinen Blick dann auf die beiden Menschen vor ihm.
„Wieso habt ihr mich gerufen?“, donnerte er. „Es war mein Wille, nur aus eigenen Stücken zu euch zu kommen!“
„Der macht eine ziemliche Schau, findest du nicht?“, flüsterte Rinoa ihrem Freund zu. Squall nickte kurz und trat dann vor.
„Wir haben dich gerufen, weil wir deine Hilfe brauchen, Gilgamesh!“, rief er.
„Hilfe?“ Die GF kniff die strahlenden Augen zusammen. „Du und deine Gefährtin, ihr seid sehr stark. Noch dazu kenne ich diese Welt nicht. Was sollte ich tun?“
„Nicht im Kampf“, versicherte Squall. Allmählich bekam er einen steifen Hals. „Erinnerst du dich noch, als du Odins Axt bekamst?“
„Ah“, erinnerte sich Gilgamesh. Seine Hand strich über den Griff der Waffe. „Eine hervorragende Klinge, fürwahr! Das tödlichste Eisen, welches ich je führen durfte!“
„Odin wurde von dem Kämpfer getötet, den du in unserer Welt als ersten bezwungen hast“, erklärte Squall. „Aber wir benötigen dringend Odins Rat. Es geht um die Regeln des Kampfes unserer Welt.“
Gilgameshs Augen wurden schmal. „Wie?“, schrie er. „Ein schwächlicher Menschenwurm hat es gewagt, den Wächter eurer Welt zu töten? Welch ein Dummkopf! Ist er tot?“
„Nein“, gab Rinoa zu, die an die Seite ihres Freundes trat. „Aber wir haben ihm und seiner Herrin ganz schön Feuer unterm Hintern gemacht.“
„Wir haben ihn und seine Gebieterin besiegt und gedemütigt“, übersetzte Squall auf den fragenden Blick der GF hin.
„Das ist gut.“ Gilgamesh hob den „Eisenschneider“ hoch und wog ihn in seiner gewaltigen Faust, als wäre er ein Spielzeug. Er wirkte nachdenklich, soweit man das seinem steinernen Gesicht ablesen konnte. „Wobei benötigt ihr mich?“
„Wir wollen versuchen, Odin wiederzuerwecken“, erklärte Squall. Sein Puls begann zu rasen. Was war, wenn Gilgamesh nicht mitmachte? Er wollte nicht gegen diese unberechenbare GF kämpfen. Und noch weniger wollte er Rinoa in Gefahr wissen. „In einer alten Legende haben wir eine Möglichkeit gefunden. Dazu müssen wir an Odins Heimatort sein Bildnis, einen G-Returner und seinen wertvollsten Besitz platzieren und einen Wiederbelebungszauber darauf sprechen. Und der „Eisenschneider“ ist Odins unschlagbare Waffe – sein wichtigster Besitz.“
„Ich verstehe.“ Gilgamesh blickte zunächst Squall, dann die Axt, dann Rinoa an. Er seufzte. „So muss ich denn wieder weitersuchen. Führt mich, kleine Kämpfer! Wo wollt ihr euren Wächter wiedererwecken?“
„Diabolos!“, murmelte Rinoa. „Bitte keine Gegner jetzt, ja?“ Die höllische GF fauchte aus ihrer Welt, gab die „Gegner 0%“-Ability jedoch frei. Sie schien in den letzten Tagen noch gereizter zu sein als sonst. Dann schloss sich das Mädchen Squall an, der in die Centra-Ruinen hineinrannte. Sie sah nicht nach hinten, aber gelegentlich hörte sie schwere Schritte, die auf Gilgamesh hindeuteten. Allerdings hörte sie keinen Atem. Das beunruhigte sie etwas.
Squall führte sie in Odins Kammer. Zum Glück war die geheime Tür noch immer geöffnet, seit Odin diesen Wohnsitz mit ihnen verlassen hatte. Vor dem riesigen Thron der mächtigen GF legte Squall die Triple-Triad- Karte von Odin und einen G-Returner ab, dann trat er zurück. Wortlos kam Gilgamesh herein, sah sich eine Weile lang um und legte dann ohne ein Wort den „Eisenschneider“ zu den beiden Dingen. Dann sah er Squall fragend an. Dieser gab Rinoa einen Wink. Das Mädchen grinste und hob gebieterisch die Hand.
„Erzengel!“, rief sie laut aus.
Göttliches Licht erstrahlte, als drei Federn auf die drei Dinge herabschwebten. Die Spielkarte begann zu leuchten und der G-Returner pulsierte in blauem Licht. Der „Eisenschneider“ fing plötzlich an, einem Meter über dem Boden zu schweben. Und dann, von einem Moment auf den anderen, verschwanden die Karte und der G-Returner und eine gepanzerte Hand griff nach der mächtigen Waffe. Squall blinzelte. Er hätte schwören können, dass vor einer Sekunde noch nichts an dieser Stelle gewesen war, wo jetzt Odins Pferd mit den Hufen scharrte. Auf ihm thronte mit steinerner Miene der Wächter selbst, die wiederbelebte GF Odin!
„Was ist geschehen?“, verlangte er zu wissen. Er blickte Rinoa und Squall fragend an, erst nach einigen Sekunden glomm Erkennen in seinen uralten Augen. „Ihr... ihr seid die nicht ganz so schwachen Menschen, denen ich mein Schwert darbot“, erkannte er. „Habt ihr mich hierher zurückgerufen?“ Dann erst bemerkte er Gilgamesh, der hinter ihm stand. „Und du?“, verlangte er zu wissen. „Du scheinst ein Wesen wie ich zu sein... und dennoch weiß ich, dass du nicht mein Bruder bist. Wer bist du?“
„Mein Name ist Gilgamesh“, sprach die GF so würdevoll wie möglich. Es schien ihr schwer zu fallen, mit jemandem zu sprechen, der mächtiger war als sie selbst. „Ich habe dein Schwert verwahrt.“
Odin sah ihn prüfend an. „Ich danke dir“, bekannte er schließlich. „Es fiel mir schwer genug im Jenseits zu akzeptieren, dass ein Mensch mich besiegte, aber der Gedanke, jemand könnte in meiner Abwesenheit die Regeln brechen, war mir unerträglich. Meine Herrin und ich schulden dir viel,... Gilgamesh.“
„Ihr könnt mir aber nichts geben“, entgegnete der Krieger düster. „Wenn ich nicht vier Schwerter sammle, darf ich nicht in einer Welt bleiben. Nun fehlt aber wieder eines. Ich muss weiterziehen und ein neues suchen.“
„Nur Schwerter?“, fragte Rinoa. „Schwerter gibt’s doch wie Sand am Meer, oder nicht?“
„Es muss das Schwert eines wahren Kämpfers sein“, belehrte sie Gilgamesh. „Diese zwei Klingen gehören mir“, erklärte er, während er auf Excalibur und Excalipoor deutete, „diese hier fiel mir zu, als ein starker, aber fehlgeleiteter Krieger in einer noch seltsameren Welt als der euren starb“, sagte er und deutete auf Masamune. „Aber das vierte Schwert wurde zurückgegeben. Nun muss ich wieder mit meiner Suche beginnen.“
„Solltest du das vierte Schwert finden, Bruder“, verkündete Odin mit seiner volltönenden Stimme, „dann gewährt dir meine Herrin das Recht, hier zu leben. Leb wohl.“
Im selben Moment löste sich Gilgamesh in Luft auf, genau so schnell, wie Odin vorher aufgetaucht war. Einen Moment lang starrte die GF noch auf die Stelle, wo der unglückliche Krieger verschwunden war, dann wendete er das Pferd und sah wieder Squall und Rinoa an. In seiner Stimme lag nicht das kleinste bisschen Demut.
„Weshalb habt ihr mich wiedererweckt, Menschenkrieger?“, verlangte er zu wissen.
Beinahe wäre Squall bei diesem stählernen Befehlston zusammengezuckt, aber er beherrschte sich. „Rinoa... meine Gefährtin und ich haben etwas entdeckt, das uns kein Mensch erklären kann“, fing er an, den schrägen Blick Rinoas ignorierend. „In einem unserer Kämpfe erreichte sie ihr Limit. Bevor sie es jedoch anwenden konnte, verband uns plötzlich ein weißes Band. Meine Waffe wurde mit starken Zaubern aufgeladen und meine eigene Spezialtechnik dadurch enorm verstärkt. Diese Kraft war so immens wie nichts anderes, das wir kennen.“
Odin ließ den starren Blick seiner alten Augen lange auf Squall ruhen, bevor er sprach: „Ist dies Menschenmädchen deine Erwählte?“
Rinoa griff nach Squalls Arm und hängte sich demonstrativ daran. „Wir lieben uns“, rief sie. „Ich würde Squall um nichts in der Welt verlieren wollen!“
„Ist es möglich, Herrin?“, fragte die GF scheinbar zu niemandem. „Kann es sein, dass diese unscheinbaren Menschen dieses Geheimnis des Kampfes schon so früh gelöst haben?“
„Redest du etwa... mit der Göttin Hyne?“, fragte Squall vorsichtig.
„Göttin?“ Odin runzelte die Stirn. „Ja, für euch ist sie das wohl. Für mich ist sie die Herrin, denn sie hat mich und meine Geschwister erschaffen. Sie beobachtet euch schon lange, kleiner Mensch, wusstest du das nicht? Dich und deine Gefährten. Sie sagt, dass ihr Vertrauen, die Menschen würden eines Tages alle Geheimnisse des Kampfes beherrschen, durch euch wieder gestärkt wurde.“ Odins Augen strahlten das erste Mal nicht überheblich, sondern erstaunt, ja, sogar respektvoll. „Ja, ihr habt wahre Großtaten vollbracht, wie ich höre.“
„Odin“, wandte sich Squall wieder an die GF. „Dieses Geheimnis... wir wissen, dass unsere Kräfte verschmolzen, als einer von uns in Gefahr war. Aber warum passierte das ausgerechnet uns? Und warum jetzt?“
„Was ihr mir beschrieben habt, war die KI-Fusion“, erwiderte Odin gewichtig. „Es bedarf einiger Voraussetzungen, damit sie geschehen kann. Als erstes müssen diese beiden Menschen große magische und körperliche Kräfte verfügen. Sehr mächtige Magie ist vonnöten, um die Regeln der Herrin beugen zu können und zwei Kräfte zu vereinen. Es kann weiters nur dann gelingen, wenn zwei Menschen einander so sehr vertrauen, dass sie alles miteinander teilen... ja, alles“, bestätigte er, als Rinoa und Squall beide erröteten. „Auch die Körper. Eure Art der körperlichen Vereinigung ist doch auch ein Vertrauensbeweis, oder?“
Squall glaubte nicht, dass er schon jemals so verlegen gewesen war. Er nickte.
Odin fuhr fort, als ob er nicht wüsste, welch heikles Thema er für die beiden Menschen gestreift hatte: „Ich glaube, bei euch nennt man dieses Gefühl... Liebe. Wenn die Seelen dieser zwei Kämpfer sich so nahe sind, dann kann ihre Limitkraft das Gefängnis des Körpers auf kurze Distanz verlassen und dem geliebten Menschen zu Hilfe eilen, wenn er in Gefahr ist. Dieser wird dann fähig, schier unglaubliche Leistungen zu erzielen. Noch nie in der Geschichte eures Volkes gab es ein solches Ereignis!“
„Odin“, fragte Rinoa laut. Am leichten Zittern ihrer Stimme merkte Squall schon im Vorhinein, welche Frage sie stellen wollte. „Squall und ich... wir wollen heiraten.“ Auf den fragenden Blick der GF fügte sie rasch ein: „Wir wollen vor vielen Menschen den Eid schwören, immer zusammen zu bleiben und dem anderen beizustehen. Ist es möglich, dass die Kräfte unserer Verbindung auch ohne Kampf frei werden und unsere Freunde verletzen?“
„Habt ihr mich etwa deshalb zum Leben erweckt?“ Odin zog eine Augenbraue hoch. „Meine Meinung war es immer, dass euer Volk gerne seine Macht vor anderen demonstriert.“
„Nicht alle Menschen wollen über andere herrschen“, widersprach Squall. „Und wenn wir jemanden verletzen wollen, dann nur durch die Kraft in uns, die wir kontrollieren können!“
„Wie konntet Ihr nur ein derartig schwieriges Volk auswählen, Herrin?“, beklagte sich Odin. Sein Blick war wieder in die Ferne gerichtet. „Nach einigen Jahrhunderten glaubt man, alles über sie zu wissen... und dann kommen zwei Kinder und demonstrieren mir meine Torheit!“
Zwei Sekunden schien er einer fremden Stimme zu lauschen, die nur er hören konnte, dann sah er Rinoa nachdenklich an. „Um deine Frage zu beantworten, Menschenmädchen“, redete er schließlich weiter. „Nein. Die KI-Fusion kann, wie der Name schon sagt, nur in einer Fehde eingegangen werden, bei der die Regeln der Herrin über die Kräfte der Kontrahenten gelten.“
Squall fühlte unbeschreibliche Erleichterung in sich aufsteigen, aber er kam nicht dazu, sie zu zeigen, weil sich Rinoa um seinen Hals warf. Dann nahm sie ihn bei den Händen und drehte sich wie ein Kreisel an ihm herum. Squall konnte ansatzweise die Verwunderung in Odins Augen erkennen, aber gleich wurde er weitergewirbelt. Als sie schließlich stehen blieb, standen Rinoa Freudentränen in den Augen. Sie fasste mit der Hand um die beiden Ringe an ihrem Halsband.
„Jetzt können wir endlich heiraten, Squall. Nichts steht mehr zwischen uns.“