Sie legte unter dem Tisch ihre Hand auf die des Garden-Steuermanns. Als er aufschreckte, lächelte sie ihn verschmitzt an. „Das ist lange her“, versicherte sie. „Wir sind trotz alldem Freunde geblieben, obwohl mir das oft genug schlaflose Nächte bereitet hat. Aber ich habe eingesehen, dass ich nicht die richtige für ihn bin.“
Niida erwiderte ihr Lächeln nervös. Selphie, die von dem stummen Gespräch der beiden nichts mitbekommen hatte, knuffte Irvine an. „Was bist du doch für ein heeeerzloser Klotz gewesen, Irvine“, schimpfte sie. „Unsere Mama müsste sich für dich schääääämen!“
„Unsere Mama wusste wahrscheinlich schon, was für ein gefühlloses Monster aus mir werden würde, als wir beide noch mit Rasseln spielten“, nuschelte der Scharfschütze tonlos. „Darum hat sie mich nach Galbadia geschickt, um mich von euch fernzuhalten. Danke.“
Xell setzte sich, als er den neuen Drink vor Irvine abgestellt hatte. Besorgt musterte er das gleichgültige Gesicht Irvines, das auf dem Plastiktisch lag. „Nun macht ihn doch nicht alle derartig nieder, Leute“, versuchte er ein gutes Wort einzulegen. „Glaubst du wirklich, er würde dich betrügen, Selphie?“
„Das versuuuuchen wir ja gerade herauszufinden“, erwiderte diese ungerührt. „Und wie du siehst, ist sein Lebenslauf ja nicht gerade fehlerfrei.“
„Lasst nur kein gutes Haar an mir“, lallte Irvine zynisch, nachdem er das Viertelglas beinahe in einem Zug geleert hatte. „Vergesst nur nicht, dass ich auch Rinoa bei unserer ersten Begegnung angemacht habe.“
„Hat er das tatsächlich?“, fragte Crys amüsiert.
„Oh ja“, versicherte Selphie, sichtlich froh über dieses neue Gesprächsthema. „Und zwar ganz offen vor uns allen. Und davor ist er über mich hergezogen, bis Squall ihn von mir weggeholt haaaaat!“ Irvines leises Stöhnen ignorierte sie völlig. „Und nachher hat er uns offen erklärt, dass er das alles nur tut, weil auf ihm die Veraaaaantwortung des einsamen Schützen läge!“
„Mit diesem Quatsch hast du auch einige im Galbadia-Garden eingewickelt, Irvine“, stellte Crys fest. „Hast du dir noch immer nichts Neues ausgedacht?“
„Was hassst du überhaupt für ein Recht, dich in meine Priw... Privatangelechenheiten zu mischen?“, fuhr Irvine sie kraftlos an und leerte das Glas. „Sind wir nun getrennt oder nicht?“
„Irvine, lass sie in Ruhe“, mischte Niida sich ein, ohne auf Xells warnende Blicke zu achten. Irvine war auch ohne Kopplungen einer der stärksten Menschen dieser Welt, und in seinem Zustand momentan daher mehr als gefährlich. „Du hast ihr schließlich das Herz gebrochen! Sie hat ein Recht, dir das zu sagen!“
„Ach, unser großer Held“, höhnte Irvine und schwenkte sein Glas. „Und weil ich sie mal enttäuscht habe, darf sie ungestraft mein Leben hier rue... ruinieren?“ Schwankend stand er auf. „Warum musssest du bloß auftauchen?“, fragte er düster, an seine ehemalige Freundin gewandt. „Alles war gut, bevor du hier reinscheschneit bist! Und jetzzz hassen mich alle...“
„Irvine, nimm das zurück!“, verlangte Niida und stand ebenfalls auf.
„Setz dich hin, du Idiot!“, zischte Xell ihm zu, während er nervös zu Irvine sah und die Muskeln spannte. Wenn das hier so weiterging... „Provozier ihn nicht!“
Niida ignorierte ihn. „Entschuldige dich bei Crys! Sie ist unser Gast und ich dulde nicht, dass du sie beleidigst!“
Auch Crys sah nun sehr angespannt aus. „Niida, ich glaube auch, dass du dich besser setzen solltest“, flüsterte sie, aber der Junge blieb stehen.
„Ach, unser Gast?“ Irvines schlechte Laune war auf dem Höhepunkt. „Seit wann hat ein Gast das Recht, den Gastgeber zu beleidigen? Ich sag dir mal was: Wenn sich der Gassst schlecht benimmt, dann darf der Gastgeber ihn rausschmeißen!“
Die nächsten Dinge geschahen innerhalb von Sekunden. Irvine machte einen drohenden Schritt auf Crys zu, die nun käsebleich war und Niida stellte sich ihm entgegen und packte den Scharfschützen an der Schulter. Der betrunkene Junge ließ seine ganze Wut in einem lauten Schrei heraus und schleuderte Niida mit so viel Kraft von sich, dass der Garden-Steuermann gegen den nächsten Tisch geschleudert wurde, wo gottseidank niemand saß. Dann, als er sich wieder Crys zuwenden wollte, krümmte er sich plötzlich, verdrehte die Augen und sackte zusammen.
„Ich sorg schon dafür, dass du dich nicht unglücklich machst, Mann“, meinte Xell und zog seine Faust aus Irvines Magengegend. „Du schläfst dich jetzt erst mal aus, und dann sehen wir, was wir dem Direktor erzählen.“ Dann funkelte er Niida an, der wieder heranwankte, immer noch mit einem kampflustigen Ausdruck in den Augen. „Und du“, fuhr er ihn an, sodass der braunhaarige Junge zusammenzuckte. „Was denkst du dir eigentlich dabei? Wenn Irvine noch etwas mehr Zeit und Alkohol intus gehabt hätte, hätte er dich vielleicht erschossen! Du hast überhaupt Glück gehabt, dass Selphie und ich da waren. Weißt du überhaupt, wie viel stärker Irvine ist als du?“
Niida war etwas zusammengeschrumpft unter Xells wütendem Wortschwall, aber ein trotziger Zug war noch immer auf seinem Gesicht. „Er hätte Crys nicht angreifen dürfen“, verteidigte er sein Handeln und deutete auf den Jungen, der stöhnend auf dem Boden lag. „Hätte ich ihn vielleicht gewähren lassen sollen, wenn er einen Gast des Gardens bedroht?“
„Nein“, gab Xell zu. „Aber das hättest du uns überlassen sollen. Wenn du das nächste Mal den Wunsch verspürst, jemanden zu verteidigen, dann tu mir einen Gefallen: Schalt deine Hormone vorher aus und dein Gehirn ein!“
Dann drehte sich der blonde Faustkämpfer zu Selphie und Crys um, die seine Rede mit Staunen verfolgt hatten. Derartig in Rage hatten sie den fröhlichen Jungen noch nie gesehen. „Und jetzt zu euch: Ich hab ja nichts dagegen, wenn Irvine mal ein bisschen zurechtgestutzt wird, mir geht er oft genug auf den Wecker. Aber dass ich ihn deinetwegen niederschlagen musste, verzeihe ich dir nie, Selphie!“
„Es tut mir Leid“, versicherte das Mädchen, dem die Tränen in den Augen standen. „Ich wollte doch nur...“
„Ich kann mir ziemlich genau vorstellen, was du wolltest“, entgegnete Xell. „Aber ihr habt ihn bis aufs Blut gereizt, und das, obwohl er schon ziemlich aggressiv war! So, ich bring ihn jetzt mal auf sein Zimmer und schließ ihn ein. Aber wir alle werden uns noch vor dem Direktor verantworten müssen, das kann ich euch versichern.“ Xell nahm Irvines Arm und legte ihn sich über die Schulter. Dann stemmte er den etwas größeren Jungen unter unfeinen Bemerkungen hoch und schleifte ihn Richtung Ausgang davon. Niida setzte sich wieder auf seinen Platz.
„Es tuuuut mir Leid“, wiederholte Sephie schluchzend. „Ich hätte wissen müssen, dass er so reagiert. Ich weiß, dass Irvine mir treu ist, aber ich wollte ihn ein wenig provozieren...“
„Das muss dir nicht Leid tun“, begehrte Niida wütend auf. „Wenn Irvine so wenig vertragen kann, dann hätte er nicht mitgehen sollen!“
„Nein, Niida“, wiedersprach Crys leise. „Irvine hat es verletzt, wie abfällig wir über ihn geredet haben. Er hat für Selphie alle anderen Mädchen aufgegeben, das weiß ich seit dem letzten Mal, an dem wir uns getroffen haben. Dass wir seine echten Gefühle so in den Schmutz ziehen, wie er glaubt, hat ihn ausrasten lassen, nicht deine Worte.“
Niida sah sie hilflos an. „Aber er hätte dich vielleicht angegriffen!“, sagte er. „Das konnte ich doch nicht zulassen!“
Jetzt lächelte ihn Crys an. Sie legte ihre Hände auf die seinen und antwortete sanft: „Das war sehr ritterlich von dir, Niida. Aber du hättest mir nicht geholfen, wenn Irvine dich im Vollrausch getötet hätte. Bitte, versprich mir, dass du das nicht wieder tust.“ Nun stahl sich eine verlegene Röte auf ihre Wangen. „Ich hab einen Mordsschreck bekommen, als Irvine dich weggeschleudert hat“, flüsterte sie.
„Ich... ich geh jetzt mal besser“, bemerkte Selphie, die sich gerade ihre Tränen von den Wangen wischte, dabei jedoch die beginnende Romanze zu beobachten versuchte. Sie war momentan zwischen Heulen und wissendem Lächeln. „Ich möchte bei Irvie sein, wenn er aufwacht. Ich muss mich bei ihm entschuldigen. Nein, Niida, sag nichts! Du hast ohnehin schon erreicht, was du woooolltest!“
Sie wartete nicht mehr ab, bis dem Jungen die Röte ins Gesicht gestiegen war, sondern hastete aus dem Lokal. Einige Augenblicke lang sagte keiner von beiden was, dann brach Crys das verlegene Schweigen.
„Sie sind trotzdem ein schönes Paar“, versicherte sie Niida. „Auch nach diesem Zwischenfall. Außerdem kriselt es in jeder Beziehung einmal.“
„Ich möchte jetzt ehrlich gesagt nicht über die beiden reden“, entgegnete Niida und sah sie aufmerksam an. „Hast du vorhin echt... um mich Angst gehabt?“
Crys brachte diese Antwort nicht heraus. Das Blut schoss ihr in die Ohren, als sie nickte. Sie kam sich vor wie eine Jungfrau, der gerade von Casanova erklärt wurde, woher die kleinen Babys wirklich kamen. „Ja“, murmelte sie beinahe unhörbar. Nun wurde Niida auch wieder rot.
„Scheint so, als hätten deine Kameraden aus Galbadia Erfolg gehabt, was?“, bemerkte er völlig verlegen. Verdammt, wieso fühlte er sich auf einmal wie ein Opernsänger auf der Bühne, dem gerade eingefallen war, dass er den falschen Text gelernt hatte? „Jetzt haben sie’s wirklich geschafft, dich zu verkuppeln.“
„Ja.“ Crys sah sich verstohlen um. Nein, zum Glück war keiner von ihren Kollegen da. Die Röte in ihrem Gesicht nahm ein bisschen ab, von blühende Rose auf Sonnenuntergang. „Scheint wirklich so. Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, das nicht zuzulassen.“ Ihr Lächeln wirkte ein bisschen gequält. „Ich hab anscheinend immer Pech.“
„Wie kannst du das sagen?“, empörte sich Niida theatralisch. „Wo du doch an mich geraten bist, den Herausforderer wildgewordener Übermenschen?“
Diesmal wirkte ihr Lachen echt und befreiend. „Tja, da es nun einmal geschehen ist... möchtest du mich jetzt nicht auf ein Getränk einladen?“
Seine Lippen verzogen sich gequält. „Reicht es denn nicht, dass ich dich vor allem Übel beschützt habe?“, fragte er.
„Nein. Schließlich werde ich bald das blöde Gekicher meiner Kollegen überall hören... also möchte ich wenigstens, dass es sich lohnt.“

„Aufwachen, Quistis! Aufwachen, wir sind da!“
Nach einigen nicht ernst gemeinten Ohrfeigen kam Quistis wieder zu sich. Brummend versuchte sie die angreifende Hand von sich fernzuhalten, aber diese ließ nicht locker, bis sie die Augen wieder aufschlug.
„Na, hast du gut geschlafen, Liebes?“, fragte Edea. Quistis’ Kopf ruhte auf dem Schoß ihrer Mutter und das offenbar schon ziemlich lange. „War es denn so ein Schock?“
„Mama“, murmelte Quistis verlegen und setzte sich rasch auf. „Was sollen denn die Kinder von mir denken, wenn du mich behandelst wie ein Baby?“
„Kiros hat ihnen schon erklärt, was dich so umgehauen hat“, entgegnete Edea ungerührt. „Und außerdem bist du wie sie mein Kind, das ich großgezogen habe. Also ist das nichts Unanständiges.“
„Schon gut“, gab Quistis nach und sah sich nach den anderen um. Ward hatte das Hovercraft bei einem neuen Händler abgestellt, der diese Dinger offenbar mit großem Erfolg vermietete. Momentan waren er und Kiros gerade dabei, die Kinder daran zu hindern, sich sofort in das Leben der Großstadt zu stürzen. „Es war schön, ich gebe es ja zu... aber es ist ein wenig peinlich, Mama.“
„Schade“, meinte Edea schulterzuckend und stand auf. „Na schön, steigen wir aus. Laguna erwartet uns bereits. War es übrigens wirklich so schlimm?“
„Es war furchtbar“, bestätigte Quistis und schauderte. „Noch viel schlimmer als damals im Kampf gegen Griever. Der hat uns ja wenigstens nur einen Zauber vollständig gezogen, und das war schon unangenehm. Aber den gesamten Magievorrat auf einmal zu verlieren... dagegen war Griever sanft wie ein Lamm.“
„Vielleicht weiß Laguna ja mehr darüber“, tröstete Edea sie. „Kiros und Ward sind ja verdächtig verschwiegen.“