Kapitel 5
„Sag mal, Cifer“, flüsterte Rai-jin ihm zu. „Willst du mal wirklich die Menschen opfern, um die SEEDs zu besiegen?“
Cifer sah ihn kalt an. „Was würdest du tun, wenn ich ja sagen würde?“, fragte er. Als Rai-jin zusammenzuckte, lachte er leise. Seine Gesichtsmuskeln entspannten sich. „Ruhig, Rai-jin, ruhig. Ich hab nicht vor, das Spielchen dieser GF bis zum Ende durchzuziehen.“
„Betrug?“ Selbst dieses negative Wort klang hoffnungsvoll aus Fu-jins Mund. Auch ihr war die Erleichterung anzusehen, und das war äußerst selten der Fall.
„Was soll es mir bringen, wenn ich Squall besiege und es nachher niemandem sagen kann?“ Cifer grinste. „Darauf hättet ihr ruhig selbst kommen können?“ Er blickte rasch zu Condenos hin, aber die abtrünnige GF war noch immer mit dem Drawen der Zauber des Kontinents beschäftigt.
Er und die beiden anderen hatten sich das Spektakel ein paar Minuten angesehen, aber der Centra- Kontinent war dermaßen zerstört, dass nur alle halben Minuten eine einzige Zauber-Kugel zur Insel flog und mit der Säule verschmolz, die jedes Mal hell aufstrahlte. Wenn etwas so im Schneckentempo dahinging, wurde es schnell langweilig, darum hatten sie sich wieder ins Innere der Insel zurückgezogen.
„Vorhaben?“, wollte Fu-jin wissen. Man musste schon Jahre mit ihr zusammengewesen sein, wenn man aus ihren kargen Vorgaben etwas Verständliches herauslesen wollte.
Der blonde Junge zuckte mit den Schultern. „Was wohl? Wir werden warten, bis Squall hier irgendwann eintrudelt... denn das wird er, darauf könnt ihr euch gefasst machen. Dann werden wir ihn und die anderen SEEDs besiegen... und zum Schluss machen wir diese GF dort fertig. Dann haben wir’s endlich jedem gezeigt, dass die SEEDs nicht unschlagbar sind.“
„Puuuh. Ich bin mal echt froh, Cifer, dass du die Menschen nicht opfern willst. Denn bei wem sollten wir sonst unser restliches Geld ausgeben?“
Einen Moment sah Cifer den stämmigen Jungen verdutzt an, bis er das Glitzern in dessen Augen sah. Dann begannen beide wie auf Kommando schallend zu lachen. Fu-jin zog es vor, mit den Augen zu rollen, aber als sie den Kopf wegdrehte, verzog sich auch ihr Mund zu einem Lächeln. Sie kicherten noch eine ganze Weile, bis sie dann wieder still wurden und jeder seinen eigenen Gedanken nachhing. Plötzlich hörten sie ein Sirren in der Luft, wie sonst auch, wenn ein neuer Zauber reinschneite. Aber diesmal war es wie die Flügelschläge einer Armee von Vögeln: beim Einzelnen kaum wahrzunehmen, aber in der Masse unüberhörbar.
„Was?“, verlangte Fu-jin zu wissen und sah scharf zum Eingang hin.
„Wahrscheinlich haben sich ein paar Zauber unterwegs getroffen und haben beschlossen, gemeinsam hierher zu fliegen“, scherzte Cifer, aber auch er lächelte nicht. Das war beileibe nicht die normale Anzahl von Zaubern, die sich in einem Lebewesen befand.
„Sollen wir mal nachsehen?“, fragte Rai-jin, der den Kampfstab fest gepackt hielt. Als ob das etwas gegen derartig geballte Magie helfen würde!
„Kannst du’s mit derart vielen Geschossen gleichzeitig aufnehmen?“, fragte Cifer. „Ich glaube nicht. Also bleib lieber da. Wir haben schließlich keinen Erzengel-Spruch da, mit dem wir dich wieder aufwecken können, und die Phönix-Federn werden auch schon kna...“
Bevor er das Wort vollenden konnte, fegte ein wahrer Sturm von Lichtkugeln durch den schmalen Eingang und blendete sie. Allerdings bei weitem nicht so sehr wie die Lichtsäule, die beim Kontakt mit den Zauberkugeln jedes Mal aufleuchtete und den ganzen Raum in strahlende Helligkeit tauchte. Fu-jin stieß eine Reihe von Flüchen aus, die Cifer erstaunten und Rai-jin knurrte wütend. Der Gunblade-Kämpfer selbst beobachtete durch die Handfläche vor Augen, wie Dutzende von unterschiedlichsten Magien auf die Lichtsäule trafen, in ganzen Hunderterpacks. Niemand besaß so viele Zauber auf einmal... ausgenommen die SEEDs!
Nach einer Minute Dauerbombardement hörte der Zustrom an Zauberformeln schließlich auf und die Helligkeit im Raum normalisierte sich wieder. Cifer nahm die Hand wieder von den Augen und zischte wütend.
„Was ist mal?“, fragte Rai-jin verwundert. „Was hast du?“
„Kapiert ihr nicht? Was glaubt ihr, wer eine solche Menge an Kopplungszaubern bei sich hat? Die paar Doppel-Hacker, die hier rumschwirren?“
„SEEDs?“, vermutete Fu-jin grimmig.
„Genau. Ich weiß nicht wie, aber Squall hat uns aufgespürt. Wir müssen jetzt sofort gegen ihn kämpfen.“ Cifer erhob sich und schwang die Gunblade. „Gar nicht schlecht. So ist unser verehrter Verbündeter noch nicht fertig mit seinem Teufelswerk.“
„Äh, Cifer? Ich glaube, das sind mal gar nicht die SEEDs.“
„Wer denn sonst?“
„Weißt du nicht mehr? Edea hat doch mal auf der Feier in Esthar verkündet, dass Quistis Trepe zu ihr ziehen wird. Glaubst du denn mal, die wäre ohne ihre Kopplungen gegangen?“
„Stimmt, daran hatte ich nicht gedacht“, gab Cifer zu. „Und für fünf Leute hätte die Menge an Zaubern nicht ausgereicht. Du hast wahrscheinlich Recht.“ Der Junge setzte sich wieder.
„Was jetzt?“, fragte Fu-jin, wobei sie eine unüblich hohe Zahl von Worten verwendete.
„Ich denke mal, ich werde unseren Gastgeber fragen, wie lange seine Lichtshow noch dauert.“ Cifer stand auf und ging zu Condenos hinüber, der inzwischen wieder ruhig atmete. Die Kanonade von Zaubern vorhin hatte ihn gewaltig angestrengt, das bewiesen die Schweißtropfen an seiner Stirn, aber jetzt schien er wieder alles unter Kontrolle zu haben.
„He, Meister“, wandte sich Cifer an ihn. Das Wesen öffnete die Augen und sah ihn an, nahm jedoch noch nicht die Hände von der Säule. „Dürfen wir mal erfahren, wie lange das noch dauert? Inzwischen müsstest du doch jeden Zauber dieses verdammten Kontinents abgesaugt haben, oder?“
„Nein“, knurrte das riesige Wesen. „Nicht ganz. Die Monster, die ich losgeschickt hatte, sollten eigentlich die Draw-Punkte des Kontinents leeren, aber bis jetzt kann ich die neuen Zauber nicht spüren. Dabei müssten sie die Punkte schon längst erreicht haben.“
„Wenn ich du wäre, würde ich nicht auf die Viecher warten“, empfahl Cifer. „Sind sie zufällig zum Waisenhaus geflogen? Das einzige intakte Gebäude auf dem ganzen Landstrich?“ Als die GF mit zusammengekniffenen Augen nickte, fuhr er fort: „Dann sind sie wahrscheinlich tot. Dort lebt eine von den SEEDs, von denen wir dir erzählt haben. Für die sind deine stärksten Monster nur Frühmorgensport, wenn überhaupt.“
„Auch, wenn ich ihr sämtliche Zauber gezogen habe?“ Condenos hob die Augenbrauen. „Dann müssen sie wirklich unglaublich stark sein.“
„Mit den GF sind die Monster auch ohne Zauber mal kein Problem“, meldete Rai-jin.
„Ah ja, meine verehrte Familie“, meinte Condenos nickend. „Nun, für uns sind die Monster natürlich kein Problem. Gut, dann sollten wir wohl verschwinden. Von welchen Teilen der Welt droht noch Gefahr? Außer dem Kontinent, von dem wir gerade gekommen sind und Centra?“
„Esthar“, entschied Fu-jin wie aus der Pistole geschossen.
„Der Erdhaufen, der in Sicht kommt, wenn du dieses Gebirge entlang fährst und die Kashukbaar-Wüste umrundest“, half Cifer weiter. „Angeblich sind in Esthar die letzten Überlebenden deines Infernos von früher gelandet.“
„Dann wird es mir eine größere Freude sein, mein Werk nun zu vollenden“, entgegnete die GF. „Wollt ihr euch des SEEDs hier annehmen oder besuchen wir Esthar?“
Cifer sah zu seinen Freunden hin. Die beiden zuckten mit den Schultern. „Nein, Quistis kommt später dran“, bestimmte er. „Sehen wir lieber zu, dass es keine Zauber mehr auf der Welt gibt, der die SEEDs stärker machen könnte, dann können sie kommen.“
„So soll es sein“, stimmte Condenos zu. „Dann auf nach Esthar. Ich bin gespannt, ob die alte Rasse etwas aus sich machen konnte.“
Langsam nahm die Forschungsinsel wieder Fahrt auf.
„Ist das waaaahr?“, staunte Selphie. „Irvie hat neben dir noch dreeeei weitere Freundinnen gehabt?“
Crys nickte. „Ja. Damals war ich so verliebt in ihn, dass ich ihn gewähren ließ. Wenn er heute auch noch mein Freund wäre, hätte ich ihn wohl schon längst zum Duell gefordert.“
„Ja, ja“, knurrte Irvine. Der Scharfschütze hatte bereits drei hochprozentige Cocktails intus, und sie waren erst seit zwanzig Minuten hier. „Gebt es mir ruhig. Immer weiter, ich bin es schließlich gewöhnt, dass meine besten Freunde über mich herziehen.“
„Ach, Irvie, du nimmst das viel zu eeeernst!“, verkündete Selphie aufmunternd. Ihre immerwährend gute Laune stand momentan in starkem Kontrast mit Irvines Weltuntergangsmiene. Dann runzelte sie geschauspielert die Stirn. „Es sei denn, du hast jetzt auch mehrere Freundinnen. Raaaaaus mit der Sprache! Was war denn gestern, als du mit Xelllll so lange in der Bibliothek warst?“
Das riss den Jungen aus dem Sessel. Xell nahm sich vor, diesen Tag rot im Kalender anzustreichen, weil Irvine tatsächlich verlegen aussah.
„Keine Sorge, Selphie“, beruhigte Xell sie. „Er war ganz brav. Hat nur einmal mit der zweiten Bibliothekarin geredet, als ich mit Reeval beschäftigt war.“
„Ach, tatsächlich?“ Selphie kniff die Augen zusammen. „Sollen wir jetzt gleich in die Bücherei gehen, Irvine Kinneas?“ Sie war tatsächlich im Begriff aufzustehen.
„Das war doch nur harmloses Getratsche“, versicherte Irvine mit resigniertem Blick. „Wir haben uns über Squalls und Rinoas Hochzeit unterhalten, weiter nichts.“
„Nuuuuun, ich werde bei Gelegenheit noch mal darauf zurückkommen.“ Selphies Kopf ruckte wieder zu Crys, die anscheinend großen Spaß hatte. „Also, wo waren wir?“
„Ich wollte gerade erzählen, was passierte, als ich Irvine einmal in flagranti mit einer anderen außerhalb des Gardens ertappt habe.“
„Grundgütiger“, murmelte Irvine, trank sein halbvolles Glas leer und hielt es dann Xell hin. „Hol mir noch einen.“
„Ich weiß nicht, Mann“, wehrte Xell ab. „Du siehst gar nicht gut aus, weißt du das?“
„Ich würde noch viel schlechter aussehen, wenn ich nicht alles, was heute schon über mich ans Licht gezerrt wurde, ertränkt hätte“, blaffte Irvine ihn an. „Hol mir noch einen!“
„Schön, ist ja deine Gesundheit. Aber mach nicht mich dafür verantwortlich, wenn du auf der Hochzeit noch immer nicht nüchtern bist.“
„War Irvine denn nicht ein einziges Mal treu?“, wunderte sich Niida, der bis jetzt still gelauscht hatte. „Warum hatte er dann so viele Freundinnen?“
„Das ist Teil meines umwerfenden Charmes“, verkündete Irvine. Offenbar zeigte der Alkohol langsam seine Wirkung, denn seine Augen glänzten bereits. „Die Mädchen haben sich damals förmlich um mich gerissen.“
„Uuuund wirkt dieser Charme auch jetzt noch?“, fragte Selphie zuckersüß.
Irvine sah durch den Alkoholschleier vor seinen Augen die Falle nicht kommen. „Natürlich!“
„Ahaaaaa!“
Erst jetzt kam dem Scharfschützen in den Sinn, was er grade gesagt hatte. „Nein, so war das nicht gemeint. Ich würde dich doch niemals...“
„Erzähl weiter, Crys!“, unterbrach ihn das braunhaarige Mädchen. Einen Augenblick lang sah Irvine sie noch flehend an, dann sank er wieder brummelnd zusammen.
„Ja, ich muss zugeben, ich hätte ihn wohl zur Rede stellen sollen“, gab Crys zu. „Aber stattdessen versuchte ich, seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Aber ich war jünger als er, unerfahren, also langweilte er sich schnell und wandte sich der nächsten zu.“
„Uuuund du hast das einfach toleriert?“ Selphie war fassungslos.
„Du musst ihn wirklich sehr geliebt haben“, flüsterte Niida. Sein Ton war ziemlich bissig. Als Crys ihn erstaunt ansah, bemerkte sie, dass er Irvine böse Blicke zuwarf.






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