„Das sei Unsinn“, erwiderte Odyne. „Dies sei früher wirklich das Versuchsszenario einer Hexen- Versieglungsanlage gewesen, aber ich habe sie umgebaut. Ich kann hier in der Mitte des Raumes ein starkes Kraftfeld erzeugen, oder? Wenn ihr euch diesem Feld aussetzt, eure Körper werden vermuten, sie seien starken Magien oder Druck ausgesetzt, oder?“
„Und Sie glauben, dass dadurch unsere Spezialtechniken verfügbar werden?“, erkundigte sich Squall. Er fühlte sich äußerst unwohl bei dem Gedanken, in diese Höllenmaschinerie zu steigen. „Aber was ist, wenn das nicht passiert?“
„Oder wenn wir hier einfach nicht... verschmelzen?“, fragte Rinoa.
„Es keine andere Möglichkeit gibt, um Daten zu bekommen, oder?“ Der Professor machte eine einladende Geste. „Nur hier wir können erforschen, was mit euch geschieht, oder?“
„Wenn Sie meinen“, stimmte Squall skeptisch zu. „Aber wenn es lebensgefährlich wird, drehen Sie das Ding sofort ab, verstanden?“
„So sei es. Bitte steigt nun in die Mitte des Raumes, oder? Ich dann baue auf das Kraftfeld.“
„Los, Squall“, sagte Rinoa mit rauer Stimme. „Bringen wir das hinter uns.“
Sie balancierten zwischen den hochempfindlichen Apparaten hindurch, bis sie die Plattform erreichten und stiegen hinauf. Squall war nervös. Einen Kampf unter freiem Himmel, Gegner, die er sehen konnte, dagegen hatte er nichts. Aber das hier. Auch Rinoa war zappelig. Dauernd strich sie ihr Haar zurück.
„Ich nehme an, wir müssen unsere Waffen dabei haben“, vermutete er und ließ seine Löwenherz in der Hand erscheinen. Das vertraute Gefühl in der Hand beruhigte ein wenig. Auch Rinoas Shooting Star saß gleich darauf an ihrem Arm, auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, dass sie ihre Waffe für dieses Experiment brauchte. Aber es musste so sein wie im letzten Kampf.
„Squall... ich habe Angst“, gestand Rinoa. „Das alles hier sieht genau so aus wie das Mausoleum, obwohl ich weiß, dass ich hier nicht versiegelt werde. Aber trotzdem...“
„Ganz ruhig“, murmelte er, während er zum Eingang sah. Wieso dauerte das so lange? „Denk an unsere Hochzeit, Rinoa. Fass die Ringe an.“
Das Mädchen atmete tief durch und ballte ihre Faust um die beiden Verlobungsringe. Squalls Ring, den sie sich hatte nachbilden lassen, um einen Teil von ihm immer bei sich zu haben.
„Ihr seid fertig?“, rief Professor Odyne plötzlich über Lautsprecher. „Dann wir beginnen, oder? Gravitation 2... 3...“
Squall keuchte, als sich sein Brustkorb zusammenquetschte. Die viel stärkere Schwerkraft, die von überall auf ihn einwirkte, presste ihm die Luft aus dem Körper und ließ seine Muskeln schmerzen. Obwohl er schwankte, hielt er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht aufrecht, die Löwenherz vor sich gestreckt. Kein Laut, dachte er. Wenn Rinoa stark sein soll, muss ich ein starkes Vorbild sein. Auch von dem Mädchen war nur ein leises Stöhnen zu hören, als ihre Muskeln überanstrengt wurden.
„4... 5...“
Squall wollte schreien, aber er konnte es nicht. Sein Blick verschleierte sich. Die ungeheuren Kräfte zerrten an ihm wie an einer Marionette, die an Millionen Fäden hing. Er spürte, wie sein Leben immer schneller von ihm fortfloss, aus ihm gequetscht vom Gewicht mindestens eines Berges. Stop!, dachte er in wilder Verzweiflung. Stop! Neben ihm konnte er kurze Schluchzlaute von Rinoa hören.
„6...“
Kalte Wut stieg in ihm auf. Odyne musste sie doch verdammt noch mal sehen! Sie starben, wenn er die Schwerkraft noch mehr erhöhte! Seine Lebenskraft sank in den kritischen Bereich und dieser Wahnsinnige machte immer noch weiter. Squall spürte, wie der Zorn die Energien freisetzte, die seine Spezialtechniken benötigten. Gelbe Lichtblitze zuckten auf und plötzlich schien der unglaubliche Druck zumindest erträglich. Nicht weg, aber erträglich. Er wollte gerade losstürmen, um irgendeine Maschine zu zerstören, als er Rinoas Schmerzenslaut hörte. Er war kaum lauter als ein Vogeltrillern.
Seine Freundin, seine Hexe, seine Geliebte hing nur noch in der Luft, weil die Schwerkraft von überall her gleich stark einwirkte. Unerträglicher Kummer und unauslöschlicher Zorn stritten sich um seine Seele, als er den besiegten Ausdruck in ihrem Gesicht wahrnahm. Sie hatte den Kräften nicht trotzen können. Sie war am Ende.
„Rinoa!“, schrie er mit vollem Kraftaufwand. Er konnte nicht zu ihr gelangen, so viel Kraft hatte er nicht, nur ansehen konnte er sie. Darum bemerkte er den Lichtfaden, der sich von seiner Gunblade in ihre Richtung bewegte, erst in dem Moment, da Angel auftauchte. Rinoas Hündin schien von der Schwerkraft auch nicht sonderlich beeinflusst zu sein. Sie blickte Squall mit einem undeutbaren Blick an, nahm den Faden ins Maul und berührte Rinoas Körper damit.
Im selben Augenblick wallte ein gelber Flammenring um das Mädchen auf, als es sein Limit erreichte. Rinoa stand auf und gab Angel einen Befehl. Diese stellte sich an Squalls Seite und sah ihn eindringlich an. Dann lief sie los. Und Squall folgte ihr. Wie eine Sternschnuppe krachte Angel in eine der riesigen und massiven Maschinen. Squall verpasste dem eingedellten Ding einige gewaltige Hiebe seines Limits, bis Angel zurückkam. Wieder und wieder rammte sie die vollkommen demolierte Maschine, während Squall zwischendurch mit der Gunblade darauf einschlug. Als die Hündin das letzte Mal hindurchgerast war, wodurch wieder einige Metallteile davonflogen, rannte Squall noch einmal auf den verbliebenen Rest zu und vollführte seinen „Grobspalter“, der das Ding endgültig explodieren ließ.
Als Squall auf seinen Platz zurückkehrte, verschwand Angel gerade wieder und die Strahlenkränze um Rinoa und ihn erloschen. Eine Sekunde lang verspürte er wieder den unglaublichen Druck der 6-fachen Schwerkraft. Wäre seine Körper-Kopplung nicht so hoch, hätte es ihn schon längst zerquetscht.
„Schwerkraft 1, oder?“, erklang Odynes Stimme wieder. Als der Wissenschaftler kurze Zeit später selbst im Raum erschien, war er völlig außer Atem und aus dem Häuschen. „Fantastisch“, japste er, während er sich einen Weg durch die Metallteile bahnte, die überall herumlagen. „Absolut unglaublich sei das! Ihr habt alle meine Erwartungen übertroffen, oder?“
Er flößte Squall etwas ein, das wohl ein Elixier sein musste, denn die Kräfte des Jungen regenerierten sich wieder völlig. Auch Rinoa ließ ein erleichtertes Seufzen ertönen, stand aber noch nicht auf. Sie war erschöpft.
„Sind Sie wahnsinnig, Mann?“, fuhr Squall den Wissenschaftler an, während er sich in die Höhe arbeitete. Seine Lebenskraft war wieder da, aber den Muskelkater würde er vermutlich übermorgen auch noch spüren, auch wenn er nun wieder erträglich war. „Sie hätten uns beinahe mit diesem Apparat umgebracht! Glauben Sie nicht, dass wir das hier noch einmal machen!“
„Das sei auch nicht mehr möglich“, bemerkte Odyne. „Die Maschine, die ihr zerstört habt, war eines der Kontrollorgane, oder? Ohne sie ist ein weiterer Versuch nicht mehr möglich. Aber alle nötigen Daten haben wir, oder?“
„Schön für Sie“, stieß Rinoa hervor. „War’s wenigstens spannend, uns beim Sterben zuzusehen? Hat es was genützt?“
„Durchaus, durchaus“, antwortete der Wissenschaftler, ohne auf Rinoas Zynismus einzugehen. „Folgt mir bitte wieder in die Vorhalle, oder?“
Squall stand auf. Er zuckte kurz zusammen, als seine Beine zu schmerzen begannen, aber er hielt sich aufrecht. Er bot Rinoa seine Hand an und verzog keine Miene, als ihm wegen ihres Gewichts beim Aufhelfen sein Rücken anfühlte, als würde er fast auseinandergerissen. Die beiden stützten sich gegenseitig in den Vorraum hinein, wo sie sich hinsetzten.
„Mir ging’s nicht mehr so schlecht, seit Papa mir mit 7 Jahren so heftig den Hintern versohlt hat, dass ich den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr sitzen konnte“, gestand Rinoa. Wenigstens kam ihr Sinn für Unterhaltung wieder zurück.
„Erinnere mich daran, ihn zum Duell zu fordern, sobald es mir wieder besser geht“, entgegnete Squall und massierte seine Armmuskulatur.
„Hattest du auch schon mal solche Schmerzen?“
„Ja, einmal“, gab er zu. Er sah sie an. „Als du leblos im Garden lagst und ich nichts tun konnte, um dir zu helfen.“
„Squall, du musst mir nicht beweisen, dass du mich liebst“, meinte Rinoa gequält lächelnd. „Das weiß ich auch so. Wenn ich könnte, würde ich dich jetzt küssen, aber ich glaube, ich würde mir die Zunge vor Schmerz abbeißen.“
„Aber es stimmt trotzdem“, beharrte er.
Bevor Rinoa noch etwas erwidern konnte, kam Professor Odyne zu ihnen herüber. „Das sei erstaunlich“, fing er an, als er sich zu ihnen setzte. Er blickte auf einen Computerausdruck. „Die Messungen und das Auftauchen der Hündin besagen, dass die Hexenkraft dieser jungen Dame absolut nichts mit dem Phänomen zu tun hat, oder?“
„Ist das jetzt gut oder schlecht?“, wollte Rinoa wissen.
„Das sei nicht leicht zu beantworten.“ Der Wissenschaftler kratzte sich am Kopf. „Wenn Hexenmacht verantwortlich gewesen wäre, wir müssten versiegeln die junge Dame, wüssten aber die Ursache der Geschichte, oder?“ Er achtete nicht auf das empörte Keuchen von Rinoa und Squall. „Nun wir keinen Grund haben, sie zu versiegeln, aber nicht kennen die Ursache.“
Squall zwang sich unter Kontrolle. „Wissen Sie denn wenigstens, was überhaupt passiert ist, von der Ursache mal abgesehen?“
„Nun, es sei wie Verbindung eurer beiden Kampfkräfte zu einem neuen Ganzen“, erklärte Odyne, nun wieder eifrig bei der Sache. „Wenn ihr seid nahe beieinander und einer von euch Limitzustand erreicht, seine Kampfkraft fließt zum anderen und verschmilzt mit dessen Kraft. Die neue Kraft dann kann genutzt werden für einen Angriff, der die Kraft beider Spezialtechniken beinhaltet, oder? Das verständlich war, oder?“
„Wollen Sie damit sagen, dass jedes Mal, wenn einer von uns seine Spezialtechnik anwendet, der andere seine Kraft spendet, um den Angriff noch zu verstärken?“ Rinoa sah ihn ungläubig an. „Das klingt aber ziemlich fantastisch.“
„Meine Ergebnisse lassen aber keinen anderen Schluss zu, oder?“
„Und ist diese... gebündelte Kraft nun auch im normalen Leben gefährlich?“, drängte Squall zum Wesentlichen.
Der Professor schüttelte den Kopf. „Nein, ich sei mir ziemlich sicher, nicht. Aber solange wir nicht kennen die Ursache, wir können nie völlig sicher sein, oder?“
„Also sind wir im Grunde auch nicht weitergekommen“, folgerte Rinoa frustriert. „Wir haben uns umsonst fast umbringen lassen.“
„Bitte, Professor“, bat Squall. „Gibt es denn nichts, was Sie tun können, um zu beweisen, dass diese vereinte Kraft ungefährlich für andere Menschen in unserer Nähe ist?”
„Nicht, leider.“ Der Professor dachte konzentriert nach. „Ich kann mich nur erinnern an etwas, das ich einmal gelesen habe, oder?“
Rinoa wurde hellhörig. „Und was?“
Odyne lachte verlegen. „Es sei nur eine alte Legende“, wehrte er ab.
„Heraus damit!“ Rinoa sah ihn gefährlich an.
„Aber es sei nicht bewiesen! Es sei nur ein Mythos, ein Hirngespinst unterentwickelter...“
„Erzählen Sie, Professor“, warnte ihn Rinoa. „Sofort!“
„Na schön“, seufzte Odyne und schloss kurz die Augen. „Es heißt, vor langer Zeit, als die Göttin Hyne kam zur Erde, sie fand die Menschen im ständigen Kampf mit den Monstern, oder? Aber sie sah, dass wir fast immer unterlagen. Sie erschuf die GF, um den Menschen im Kampf zu helfen und sie vor allem den Umgang mit Magie zu lernen, oder?“ Odyne machte eine kleine Pause. „Die erste GF, die Hyne schuf, war ihr Meisterwerk. Sie stellte die Regeln des Kampfes auf und befahl der GF, als Hüter des Kampfes über die Einhaltung zu wachen. Die GF kannte alle Geheimnisse der Kampfkunst, sei also nahezu unbezwingbar, oder? Nun, diese GF müsste doch wissen, wie es sei mit eurer Kraft, oder?“
„Das könnte die Lösung sein“, stimmte Squall zu. Auch er war gespannt wie ein Flitzebogen. „Wie heißt die GF? Wenn wir sie nicht haben, hat sie sicher irgendein anderer SEED, den man ausfindig machen kann. Reden Sie!“
Odyne wand sich unbehaglich. „Der Name der Ur-GF sei... Odin.“
Totenstille trat ein, bis Rinoa wieder sprach: „Professor, Odin ist tot. Er wurde von Cifer getötet, als wir das letzte Mal gegen ihn kämpften.“
„Ich wissen, wie es sei, Miss Rinoa“, entgegnete Odyne. „Aber es steht so geschrieben in der Legende: Odin war die legendäre GF, die über die Regeln des Kampfes wachte und jedes Geheimnis der Kampfkunst kannte, oder?“
„Und wieso gelten dann die Kampfregeln immer noch?“, wollte Rinoa wissen.
„Vielleicht, weil Gilgamesh seine Stelle eingenommen hat“, vermutete Squall. „Gilgamesh hat Odins Waffe... vielleicht wacht deswegen er jetzt über die Regeln.“
„Mal angenommen, Squall, wir glauben diesen Unsinn“, folgerte Rinoa. „Können wir uns dann an Gilgamesh wenden, um zu erfahren, was wir wissen wollen?“
„Nein, das wahrscheinlich nicht geht“, warf Odyne ein. „Gilgamesh sei vermutlich ein Wesen aus einer anderen Welt. Sein Name sei nicht erwähnt in den Legenden von Hyne und den GF, oder? Er also kann euch wahrscheinlich nicht helfen, weil er die speziellen Regeln der Göttin nicht kennt.“
„Und was sollen wir dann machen?“, fragte Squall ratlos. „Wir können Odin doch nicht zurückholen.“
„Vielleicht... doch, oder?“, murmelte Odyne gedankenversunken.
„Ist das auch wieder so eine Legende?“, mutmaßte Rinoa. „Na schön, raus damit?“
Der Professor erklärte es ihnen.