Die gigantische Explosion nahm ihr für eine Sekunde die Sicht, aber nach ein wenig Blinzeln stellte sie mit Befriedigung fest, dass zwei der Doppel-Hacker sie nicht überlebt hatten. Damit waren die meisten Zauberer einmal ausgeschaltet. Aber der Grande Arlo hatte offenbar bemerkt, dass ihm und seinen Kumpels Gefahr drohte und wob seinen angeborenen „Schweigen“-Zauber. Wütend bemerkte Quistis, dass sich ihre Möglichkeiten zu kämpfen einschränkten. Als sie den Mund aufmachte, kam nur ein leises Flüstern heraus.
Der Blitzer schien sie triumphierend anzugrinsen, als er vorsprang und ihr seine geladene Waffe entgegenhieb. Quistis funkelte ihn an und zahlte ihm die Unverschämtheit mittels Konter zurück. Der Blechmann klirrte, als er zusammenbrach.
Nun waren nur noch der letzte Doppel-Hacker und der Grande Arlo übrig, beide schon angeschlagen. Nein, korrigierte sie sich, als das zweite Flugwesen wieder aus dem Haus herauskam. Wieso hatte Edea den Doppel-Hacker leben lassen? Aber sie verschob den Gedanken auf später und sprang vor. Sie schwang die Peitsche über dem Kopf und ließ sie dem Doppel-Hacker auf den Ko... das obere Ende krachen. Er taumelte kurz in der Luft und sackte dann tot zu Boden. Hätte Quistis momentan reden können, hätte sie dem Grande Arlo „Und nun zu uns beiden“ zugerufen, auch wenn es theatralisch war. Aber schließlich hatte sie ja auch Publikum, wie ihr einfiel. Sie lächelte.
Das Wassermonster schien zu begreifen, dass Quistis ihm überlegen war, aber es gab dennoch nicht auf. Als es die junge Frau mittels Aqua-Zauber in die Luft hob und auf den Boden krachen ließ, waren vereinzelte Angstschreie aus dem Haus zu hören, aber Quistis stand sofort wieder auf und grinste. Der Wasserangriff hatte ihr nicht nur nichts ausgemacht, er hatte sie sogar geheilt. Als sie wieder zu handeln in der Lage war, gestatte sie sich rasch eine Mega-Pille und seufzte erleichtert auf, als sie ihre Sprache wiederfand. Der Grande Arlo wurde nun anscheinend wütend, denn er sprang sie an und versetzte ihr einen harten Schlag mit seinen Klauen. Quistis ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie wartete seelenruhig auf ihren Zug und ließ das Monster noch ein letztes Mal ihre Peitsche kosten, bevor es starb und verschwand.
Etwas außer Atem fuhr sich die SEED durchs blonde Haar und faltete die Peitsche zusammen. Dann hielt sie nach dem letzten hier verbliebenen Monster Ausschau, dem Doppel-Hacker. Sie konnte nur mit Mühe ihre Kinnlade vom Boden fernhalten, als sie sah, was der gerade tat. Das Monster, dem auch nur die elementarsten Kenntnisse vom Drawen fehlten, leerte gerade den Holy-Drawpunkt, der hier auf freiem Feld entstanden war! Danach blickte der Doppel-Hacker sich nach seinen Kollegen um und zischte, als er merkte, dass sie nicht mehr unter den Lebenden weilten. Aber statt sich auf Quistis zu stürzen, trat er den Rückzug zum Stand an!
„He, du!“, schrie das blonde Mädchen. „Stop!“
Der etwas unzuverlässige Zeit-Zauber tat zum Glück seine Wirkung und ließ das fliegende Biest erstarren. Quistis rannte los und holte ihre Peitsche wieder hervor, aber bevor sie es erreichen konnte, flog plötzlich etwas Großes und Langes an ihr vorbei und traf das wehrlose Monster. Die SEED drehte sich verwundert um, aber in dem Moment rasten schon zwei Gestalten an ihr vorbei. Die eine wirkte ziemlich massig und holte sich lediglich ihre Harpune zurück, mit der man locker auf Walfang hätte gehen können, die zweite, geschmeidigere ließ ihre Klingenwaffen an den Händen einige Male auf den Doppel-Hacker niedersausen, bis er tot zu Boden sank.
„Kiros!“, rief Quistis überrascht aus. „Ward! Sollt IHR uns etwa abholen?“
„Sicher.“ Kiros, der braunhäutige, schlaksige Mann grinste. „Wem, glaubst du, würde Laguna denn sonst solch hohen Besuch anvertrauen?“
Ward bemühte sich nach Kräften, nicht Quistis oder seinen Freund anzusehen, was auf den Wahrheitsgrad dieser Meldung schließen ließ. Da er bei einem Gespräch ohnehin nicht viel beitragen konnte, seitdem ihm ein Klingenhieb den Kehlkopf verletzt hatte, verstaute er lieber wieder die Waffen in dem geräumigen Hovercraft, mit dem er und Kiros gelandet waren. Vermutlich war Quistis zu sehr mit dem Kampf beschäftigt gewesen, um sie zu hören.
„Könnte es nicht viel eher sein, dass ihr euch aus dem Palast davonstehlen wolltet, weil euch Laguna schon wieder Arbeit aufhalsen will?“, fragte eine strenge Stimme hinter ihnen.
Kiros blickte geschauspielert schuldbewusst drein. „Verzeihen Sie uns, Madame Kramer“, entschuldigte er sich bei Edea, die gerade mit den Kindern herauskam. „Aber Esthars Präsident ist ein furchtbarer Sklaventreiber geworden, seitdem er mit den Hochzeitsvorbereitungen beschäftigt ist.“
„Warum habt ihr nicht Mama geholt?“, fragte Aniery keck. Er war mit Tinill das einzige der Kinder, das sich nicht unmittelbar bei Edea oder Quistis aufhielt. Alle anderen blickten die beiden etwas wild aussehenden Gestalten ängstlich an. „Sie sagt, dass der Präsident Angst vor ihr hat.“
„Das wollten wir ihm nun auch wieder nicht antun, nicht wahr, Ward?“ Der stumme Riese nickte verhalten grinsend. „Schließlich sind wir ja seine Freunde, jedenfalls solange er uns keine Arbeit aufbrummt.“
„Wieso habt ihr so lange gebraucht, um hierher zu kommen?“, hakte Edea nach. Sie wirkte noch immer etwas verstimmt. Nun wurde auch Kiros ernst.
„Tut uns Leid“, bekannte er. „Aber uns sind mitten auf dem Weg zwei Blitzer entgegengekommen, die uns angegriffen haben, obwohl wir im Auto saßen. Zum Glück hatten wir unsere Waffen dabei, ich bin mir nämlich nicht sicher, ob wir die Typen abhängen hätten können. Seltsam, oder?“
„Ja, stimmt. Habt ihr gesehen, wie der Doppel-Hacker vorhin den Draw-Punkt geleert hat?“, fragte Quistis.
Ward zuckte zusammen und Kiros war ihm einen schnellen Blick zu. „Nein, haben wir nicht. Aber wir dachten uns schon so was. Squall und Rinoa sind vorhin auch mit so einer ähnlichen Geschichte aufgetaucht. Sie haben sich nicht mal Zeit genommen, auf Ell zu warten, sondern sind gleich zu Odyne gerannt, wegen irgendeinem komischen Phänomen. Haben nur gesagt, dass sich diesmal Xell und die anderen um die Sache annehmen, nicht sie.“
„Squall und Rinoa sind in Esthar?“, fragte Quistis etwas unsicher.
„Klar. Wieso bist du eigentlich in letzter Zeit nie aufgetaucht? Ich bin sicher, die anderen...“
„Lassen wir das Thema“, bemerkte Edea bestimmt, als sie merkte, dass Quistis unwohl war. „Wir sollten doch besser einsteigen, bevor noch mehr Monster kommen, nicht wahr?“
Kiros sah nun wirklich schuldbewusst aus. „Äh, sicher. Steigt ein, Leute. In einer Stunde sind wir in Esthar, da können wir uns weiterlöchern. Ward, starte schon mal! Will einer von euch vorne sitzen?“
Beinahe alle Kinder verloren bei diesem Angebot ihre Scheu vor den beiden Ex-Soldaten und drängelten sich in die vordere Seite des solarbetriebenen Gefährts. Nur Eclisa und ein Junge in Veshores Alter zogen es vor, bei Quistis und Edea im hinteren Teil des Fahrzeugs zu sitzen. Ward wartete seelenruhig ab, bis Kiros sich fluchend einen Platz zwischen den wuselnden Kindern gesucht hatte, dann glitt der Wagen immer schneller werdend über die Landschaft. Die Kleinen kreischten vor Freude, nur dem kleinen Jungen bei Edea schien es etwas zu schnell zu sein. Er und Eclisa waren noch nie in einem von Esthars futuristischen Gefährten unterwegs gewesen, deshalb war ihnen etwas unwohl. Edea legte dem Jungen mütterlich lächelnd ihre Hand über die Schultern und hielt ihn fest, bis er sich etwas entspannte. Zögernd machte Quistis dasselbe bei Eclisa.
„Tante Quistie“, flüsterte die Kleine plötzlich. „Ist die Hexe in Esthar wirklich tot?“
„Ja“, versicherte ihr diese. „Squall und wir anderen haben sie besiegt. Keine Sorge, Präsident Laguna ist bei weitem nicht so furchterregend wie sie.“
Eclisa nickte. „Sind die beiden da wirklich seine Freunde?“, wollte sie wissen. Da sie im Trabia Garden vor seiner Zerstörung aufgewachsen war, wusste sie nicht viel über Esthar. „Sie sehen nicht aus wie Freunde eines Präsidenten.“
Quistis kicherte kurz. „Sie waren früher mal Soldaten“, gestand sie dem Mädchen. „Dann kamen sie nach Esthar, um ein kleines Mädchen vor Adell zu retten. Dieses kleine Mädchen, Ellione, war früher wie ich und die anderen im Waisenhaus, als unsere große Schwester. Jedenfalls wurde Laguna zum Präsidenten gewählt, obwohl er eigentlich gar nicht wollte. Kiros, Ward und er waren eigentlich viel zu freiheitsliebend für einen solchen Job. Aber um die Leute in Esthar nicht zu enttäuschen, blieben sie dort.“
„Also gibt es keine bösen Zauberer in Esthar?“
„Nein.“ An diesem Punkt erinnerte sich Quistis an etwas. „Mama“, wandte sie sich an Edea. „Was hat der Doppel-Hacker eigentlich im Haus gemacht?“
„Er hat meine Lampe kaputtgemacht!“, beklagte sich auf einmal der kleine Junge. „Jetzt strahlt sie kein Licht mehr ab.“
„Deine Lampe?“, wiederholte Quistis verwirrt.
„Der Vigra-Draw-Punkt im Keller, Quistis“, erklärte Edea. „Er benutzt ihn als Leselampe, und da wir den Punkt nicht brauchten, habe ich ihn gelassen. Das Monster hat alle Zauber gezogen und ist dann wieder abgehauen.“
„So was Ähnliches hab ich mir schon gedacht“, brummte Quistis. „Die anderen SEEDs haben offenbar auch so etwas erlebt. Squall und Rinoa haben ja schon drüber gesprochen.“
Edea lächelte plötzlich und fuhr Quistis mit einer Hand über die Wange. „Siehst du“, flüsterte sie. „Jetzt hast du einen offiziellen Grund, um mit ihnen zu reden. Jetzt brauchst du dich nicht mehr davor fürchten, Liebes.“
„Mama...“
„Ähem, ich störe ja nur ungern“, meldete sich Kiros plötzlich zu Wort. „Aber könntest du deine verzogenen Bälger nicht von Wards Harpune fernhalten, Frau Aufpasserin? Ich hab den Eindruck, sie wollen damit bei voller Fahrt Jagd auf Monster machen.“
Grinsend stand Quistis auf, fuhr Eclisa noch einmal aufmunternd durchs Haar und ging nach vorne, um Ordnung zu schaffen. Das blieb wohl immer ihr überlassen. Und im nächsten Moment spürte sie das Ziehen. Bevor sie reagieren konnte, lösten sich ihre gekoppelten Zauber und flogen wie eine Wolke aus Licht Richtung Strand davon. Sie hörte nur noch die überraschten Aufschreie der Kinder, bevor sie der Schock einknicken und das Bewusstsein verlieren ließ.
„Das sei eine noch nie da gewesene Situation, oder?“ Dieser unverkennbare Satzbau stammte von Professor Odyne, der gerade wie verrückt auf eine Computertastatur einhieb. Die Begeisterung des Forschers schien ihn wie schon so oft völlig gepackt zu haben. „Das werde eine Pioniertat auf dem Felde der Magie-Wissenschaft, oder?“
„Professor“, bemühte sich Squall den Mann am Boden zu halten. „Wenn ich Sie darauf hinweisen darf, Rinoa und ich wollen in Kürze heiraten. Wir haben nicht sehr viel Zeit, um herauszufinden, was mit uns geschieht.“
„Natürlich, natürlich.“ Der kleine Mann riss sich sichtlich zusammen. „Ich denke, ihr beide solltet vorführen, wie die Verschmelzung geschehen ist, oder?“
„Sofort“, antwortete Rinoa sarkastisch. „Haben Sie zufällig einen Rubrum-Drachen im Haus? Oder einen Klon von Ultima Weapon?“
„Durchaus nicht“, wehrte der geschäftige Wissenschaftler ab und bediente einige weitere Kontrollen. Squall hatte, obwohl er wohl mit seinen Freunden die meiste Kampferfahrung auf dieser Welt hatte, keinen blassen Schimmer, was der Professor vorhatte, um Rinoa und ihn in den Limit-Status zu versetzen. „Ich bitte euch, mir zu folgen, oder?“
Die drei durchquerten den Vorraum des riesigen Magie-Forschungszentrums und gelangten in eine nicht ganz so große Kammer, die Squall verdächtig an das Hexen-Mausoleum außerhalb von Esthar erinnerte. Überall standen technische Geräte und in der Mitte des Raumes war eine Vorrichtung, die so ähnlich aussah wie die, in die Adell gebannt worden war und die ihn auch beinahe Rinoa gekostet hätte. Allerdings war sie etwas größer und schien sehr viel stabiler zu sein. Auch Rinoa war sichtlich nicht wohl bei diesem Anblick. Sie fasste nach Squalls Arm.
„Was soll das, Professor?“, fragte sie argwöhnisch. „Wollen Sie mich etwa versiegeln und Squall so dazu bringen, seine Kräfte hier einzusetzen?“






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