Kapitel 3
„Was Sie mir da erzählen, ist ungeheuerlich, Squall!“
Der junge Anführer hatte Direktor Cid noch nie so aufgeregt gesehen. Aber ihm ging es selbst nicht viel besser.
„Direktor, mäßigen Sie Ihre Lautstärke etwas“, rügte Dr. Kadowaki, die Ärztin des Balamb-Garden ihren Vorgesetzten. „Wenn ich die beiden untersuchen soll, dann müssen Sie Ihre Fragen etwas zurückstellen!“
„Entschuldigung.“
Der etwas untersetzte Mann trat zurück und ließ die Doktorin ihre Arbeit tun, obwohl man ihm ansehen konnte, dass er am liebsten hundert Fragen auf einmal gestellt hätte. Squall wusste auch nicht, was diese Untersuchung überhaupt sollte, auch wenn er so seine Gedanken etwas ordnen konnte. Rinoa und er waren auf der Rückreise zum Garden wieder zu Kräften gekommen und seitdem spürte er nichts Ungewöhnliches. Er bezweifelte, dass Dr. Kadowaki etwas finden würde, denn dieses mysteriöse Ereignis, als Rinoas und seine Kräfte sich vereinten, hatte sich im Kampf zugetragen. Und für den Kampf galten besondere Regeln.
Vor vielen hundert Jahren, wenn man den alten Sagen Glauben schenken durfte, war die Göttin Hyne von den Sternen auf diese Welt herabgestiegen. Wo sie gelebt hatte, wusste niemand so genau (Anm. des Autors: diejenigen, die den Fanfic „Nur geträumt“ gelesen haben, wissen es doch), aber dass sie prägend auf die Zivilisation der Menschen eingewirkt hatte, stand außer Frage. Das wichtigste, das Hyne geleistet hatte, war die Tatsache, dass sich jedes Mal, wenn Mensch und Monster aufeinander trafen, die Begegnung durch ein magisches Feld von der Außenwelt abgeschnitten wurde. Nur drei Menschen und fünf Monster konnten gegeneinander kämpfen, Magie einsetzen und sogar wiederbelebt werden, damit hatte die Göttin den Menschen eine Chance gegen die Übermacht der Bestien dieses Planeten gegeben.
Bald darauf hatten die Menschen die Magie entdeckt, mit der sie erstmals wirklich gegen die Monster vorgehen konnten. Städte wurden auf der Oberfläche der Welt gebaut, und die Menschen vermehrten sich und entwickelten sich weiter. Neue Waffen wurden entdeckt, schwache wurde durch mächtige Magie ersetzt, wie „Feuer“ und „Feuga“, und als letztes wurden die GF entdeckt. Diese mächtigen Wesen waren Hynes letztes Vermächtnis an die Menschheit gewesen, denn seit Jahrhunderten hatte niemand mehr von der Göttin gehört. Aber die Regeln, die sie aufgestellt hatte, und an die sich sogar die dümmsten Monster instinktiv halten mussten, galten noch heute. Und niemand, der nicht selbst kämpfte, verstand, was sich in einem Kampf auf Leben und Tod abspielte.
Deshalb glaubte Squall nicht, dass die Ärztin etwas finden würde. Rinoa und Squall hatten etwas völlig Neues erlebt, vielleicht war es noch nie in der Geschichte dieser Welt geschehen, aber es war im Kampf passiert, und deshalb nicht mit der normalen Welt vergleichbar. Rinoa allerdings schien die Sache nicht so ruhig zu lassen wie ihn.
„Lassen Sie mich in Ruhe, Doktor!“, verlangte sie lautstark. „Was sollen die Leute denn auf unserer Hochzeit denken, wenn sie erfahren, dass ich ein paar Tage vorher wie ein Todkranker hier untersucht wurde?“
„Meine Liebe, wenn es nach mir geht, können Sie den Direktor um Hilfe anflehen, die Staatsoberhäupter von Galbadia und Esthar oder auch Ihre GF... aber diese Heirat wird nicht stattfinden, bevor ich es nicht erlaubt habe! Aber mit Ihnen bin ich auch schon fertig. Wenn Sie sich sofort an mich wenden, sobald Sie etwas Ungewöhnliches spüren, können Sie meinetwegen gehen.“
„Und Squall? Was soll ich ohne Bräutigam in der Kirche?“
„Mir egal! Erzählen Sie Witze oder veranstalten Sie eine Quizshow, aber er kommt hier nicht raus, bevor ich ihn durchgecheckt habe!“
Vom Wartezimmer her hörte Squall ein unterdrücktes Kichern. Er drehte den Kopf und bemerkte Xell, Selphie und Irvine, die sich offenbar köstlich über das Streitgespräch amüsierten. Als Selphie bemerkte, dass er auf sie aufmerksam geworden war, zwinkerte sie ihm zu.
„Rinoa, lass Dr. Kadowaki ihre Arbeit tun”, mischte er sich in die Diskussion. Beide Frauen wandten ihm den Kopf zu. Plötzlich fühlte er sich unwohl. „Wenn ihr hier herumstreitet, dauert es nur länger, bis ich hier rauskomme. Bei Irvine war’s doch auch nach fünf Minuten vorbei und so anders als er bin ich auch nicht gebaut.“
Hinter ihm prustete wieder jemand los, aber er hörte nicht hin. Auch der Direktor hatte sichtlich Mühe, seine ernste Miene zu bewahren. Nur die Doktorin und Rinoa funkelten sich immer noch an. Er lächelte, als ihm plötzlich der Vergleich zu einer Tiermutter einfiel, die ihr Baby gegen Nesträuber verteidigte.
„Ich finde es sehr zu schätzen, dass du dich so sehr für mich einsetzt, aber spar dir deine Energie bitte auf später. Ich verspreche dir, dass ich mich notfalls mit meiner Waffe hier freikämpfe, den Garden entführe und nach Esthar fahre, wenn ich nicht schnell genug rauskomme. Einverstanden?“
„Sag ja, Rinoa“, warf Xell belustigt ein. „So ein höchst gesetzwidriges Angebot bekommst du nur einmal im Leben von ihm.“
„Aber es war seeeehr romantisch, das musst du zugeben!“ Selphie lebte wie immer auf, wenn es um hitzige Diskussionen ging. „Stell dir vor, wir müssten uns gegen ihn steeeellen, und er besiegt uns, weil die Liebe ihm übermenschliche Kräfte verleiht...“
„Lieber nehme ich’s mit der ganzen Armee des Monsterbeschwörers auf als mit Squall, wenn man ihn von dieser Hochzeit fernhalten will!“ Auch Irvine schien sich das Lachen kaum mehr verkneifen zu können.
„Muss Liebe schöööööön sein“, seufzte Selphie. „Nicht wahr, Irvie?“
„Schluss jetzt!“, gellte Dr. Kadowakis Stimme durch den Raum. „Bitte verlassen Sie alle auf der Stelle das Krankenzimmer, sonst wird das hier noch ein Tollhaus! Direktor, sagen Sie doch auch mal was!“
„Schon gut, schon gut“, brachte Cid zwischen zwei Lachanfällen hervor. „Bitte kommen Sie alle hinaus in mein Büro, auch Sie Rinoa, darauf bestehe ich. Sie auch, wenn Sie hier fertig sind, Squall. Ich erwarte einen genauen Bericht von den Ereignissen!“
Squall atmete resignierend aus. „Jawohl, Direktor.“
„Squall, ich warne dich, wenn sie irgendetwas findet, um dich hier zu behalten, dann komm ich wieder und schleife dich höchstpersönlich nach Esthar!“ Rinoa klang sehr bestimmt.
„Ich werd’s mir merken“, erwiderte er, während er sich zurücksinken ließ.
Der Sand knirschte unter seinen Stiefeln, als Cifer den steinigen Boden der Insel betrat und sich mit ausdrucksloser Miene umsah. Er war noch nie hier gewesen, aber wie er beobachtet hatte, Squall und seine SEED-Bande sehr wohl. Hinter ihm vertäuten Fu-jin und Rai-jin das Motorboot, mit dem sie hier angelegt hatten. Die Forschungsinsel lag noch immer vor Dollet, als warte sie auf etwas.
Langsam zog Cifer seine Gunblade hervor. Sie war kein Spitzenmodell, im Gegensatz zu Squall vertraute er mehr auf seine eigenen Kräfte als auf die Waffe. Die „Löwenherz“ seines ehemaligen Trainingspartners mochte sehr beeindruckend aussehen, aber Cifer kam auch gut ohne sie aus. Am Rascheln von Stoff bemerkte er, dass Fu-jin ihren Wurfstern hervorzog. Auch Rai-jins Schritte kamen etwas aus dem Takt, als er seinen riesigen Kampfstab hervorzauberte und ein paar Mal probeweise herumschwang.
„Kommt“, eröffnete er, als die beiden bei ihm angekommen waren. „Stehen wir hier nicht rum. Wenn es etwas zu entdecken gibt, dann da drin.“ Er deutete mit der Waffe auf den Eingang zum Forschungslabor, aus dem wieder das blau-weiße Licht pulsierte.
„Sei mal vorsichtig, Cifer!“, warnte Rai-jin, aber man konnte seiner Stimme anhören, dass auch er aufgeregt war. „Wir wissen mal nicht, was uns da drin erwartet!“
„Schatten!“, erinnerte Fu-jin an die Beschreibung Xells. Da sie hinter der Insel geankert hatten, bis die SEEDs abgeflogen waren, hatten sie jedes Wort mithören können, auch den Kampf hatten sie nicht verpasst. „Zauber!“
„Egal. Wir sind nicht auf Zauber oder GF angewiesen“, entgegnete Cifer selbstsicher. „Wir gehen rein. Entweder wir finden etwas Nützliches... oder wir schlagen diese blöde Säule zu Glasmehl! Das Blinken macht mich wahnsinnig! Los jetzt!“
Langsam, da er die Warnungen seiner Kameraden mehr ernstnahm, als er zugab, näherte er sich dem Eingang. Er kam sich beinahe so vor wie vor einem halben Jahr, als sie den Eingang zur Höhle des Monsterbeschwörers Feyjar Trepe gesucht hatten. Auch damals hatten sie einen Verbündeten im Kampf gegen Squall gesucht... und einen Wahnsinnigen gefunden. Ein Irrer, dessen Pläne zwar Aussicht auf Erfolg gehabt hatten, aber nichtsdestotrotz ein Irrer. Heute, schwor sich Cifer, würde er sofort feststellen, wie es um die geistige Gesundheit seines Mitstreiters, den er zu finden hoffte, bestellt war.
Vorsichtig lugte er durch das steinerne Portal. Nichts außer einigen Gerätschaften und dieser komisch blinkenden Säule war zu sehen. Anscheinend hatten Squall und seine Leute alle Monster von hier vertrieben. Sie hatten zwar noch von einem Rubrum-Drachen und ein paar Heckenschlangen gesprochen, aber die waren nirgends zu sehen. Jedenfalls dort nicht, wo seine Sicht nicht von diesem unnatürlichen Licht behindert wurde.
„Okay, nichts zu sehen“, meldete er. „Wir sollten uns jetzt nach diesem komischen Schatten umsehen. Gehen wir rein.“
Seine Schritte hallten laut, als er mit wehendem Mantel den Raum betrat. Er kam sich fast so vor wie ein Held in einem kitschigen Film. Fu-jins Gang war kaum zu hören, weil sie fast so leise wie ein Raubtier aufsetzte, aber Rai-jin verstärkte die Geräuschkulisse lautstark. Vor der Säule hielt Cifer an. Er musste eine Hand vor die Augen halten, weil sie so hell leuchtete. Aber er konnte den Schatten, von dem der Angsthase gesprochen hatte, nicht erkennen, beim besten Willen nicht.
„Hier ist nichts“, entschied er. „Sehen wir uns noch im restlichen Raum um, wenn wir nichts finden, verschwinden wir. Ich hab den Eindruck, Squall und seine Kumpels haben sich umsonst aufgeregt.“
„Achtung!“
Auf Fu-jins Befehl hin fuhr er sofort herum und streckte die Gunblade nach vorn. Im ersten Moment erkannte er nichts, weil er zu lange auf das helle Licht geschaut hatte, aber er entnahm Rai-jins erschrockenem Keuchen, dass es eine unangenehme Überraschung war. Nachdem er zweimal geblinzelt hatte, konnte er auch einigermaßen erkennen, was die beiden erschreckt hatte. Vor ihnen standen oder krochen vier zischende Heckenschlangen, und hinter ihnen wie ein großer Bruder, ein Rubrum-Drache, dessen Knurren wie eine Einladung aus der Hölle klang.
Cifer fluchte ausgiebig, dann ging er in Kampfstellung. Auch Rai-jin und Fu-jin nahmen ihre Positionen ein. „Räumt zuerst die Blindschleichen weg!“, befahl er. „Um den Riesenlurch kümmern wir uns später!“
Statt einer Antwort sprang Rai-jin vor, schwang seinen Kampfstab und brach einer der Heckenschlangen fast das Genick. Dennoch blieb das Vieh aufrecht und zischelte den braungebrannten Hünen wütend an. Als nächster kam Cifer selbst an die Reihe. Er nahm die Schlange ins Visier, rannte auf sie zu und schnitt sie in der Mitte durch. Er wartete nicht ab, um zu sehen, wie sie verschwand, sondern sprang wieder auf seinen Platz zurück. Der Gegenangriff würde nicht lange auf sich warten lassen.
Eine der Heckenschlangen, die den Tod ihrer Kollegin offenbar nicht lustig fand, kroch an Cifer heran, umringte ihn schnell und drückte mit einer Kraft zu, die einem normalen Menschen wohl alle Knochen gebrochen hätte. Cifer stieß nicht einmal Luft aus. Solche Angriffe waren ja fast unter seiner Würde!






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