Die beiden drehten sich verwundert um. Dann fluchte Rinoa höchst undamenhaft.
„Xell! Was zur Hölle denkt sich dieser Kerl dabei, einfach bei der Forschungsinsel auszusteigen? Er hat keine Kopplungen!“
„Egal, was er sich gedacht hat, jetzt müssen wir ihm erst mal helfen. Laufschritt!“, befahl Squall. „Ich hoffe, er hat gute Gründe, um mir das zu erklären!“
Xell fühlte sich absolut nicht wohl in seiner Haut, so ganz ungekoppelt allein auf einer Insel voll von Monstern, aber er hoffte, Squall würde ihn verstehen, wenn er erfuhr, was Selphie und er gesehen hatten. Sie hatten mit der Ragnarok, ihrem Raumschiff estharischer Abstammung, Dollet überflogen und dem Kampf ihrer Freunde zugesehen, bis sie sicher waren, dass nichts mehr passieren konnte.
Dann hatte er Selphie angewiesen, näher zur Forschungsinsel heranzufliegen, um vielleicht Genaueres herausfinden zu können. Niemand wusste, wer die Forschungsinsel gebaut hatte, die sie vor ihrem Kampf mit der Esthar-Hexe Adell weit draußen im Meer entdeckt hatten, aber Xell wusste aus den Erzählungen seines Großvaters von einer Art riesigem Draw-Punkt im Meer, wo geheime Experimente mit GF und unnatürlichen Zaubern stattgefunden hatten. Aus unerfindlichem Grund war das Projekt schließlich eingestellt worden, vermutlich waren die Monster auf der Insel zu stark für weitere Versuche geworden. Xell erinnerte sich noch gut daran, wie er, Squall und damals noch Quistis in die Kammern eingedrungen und schließlich auf Bahamut gestoßen waren, den König der GF.
Es war ein harter Kampf gewesen, aber sie hatten Bahamut so sehr beeindruckt, dass er sich ihnen anschloss und sogar andeutete, dass es noch viel größere Geheimnisse auf der Insel gab. Und tatsächlich, als sie durch eine Felsspalte noch tiefer eindrangen, entdeckten sie neben zahlreichen Monstern auch eine Art Tresortüre, die durch die richtige Anzahl von Dampfeinheiten geöffnet wurde. Es hatte lange gebraucht, bis sie dieses Rätsel gelöst hatten, aber die Belohnung war es wert gewesen: Ultima Weapon, eins der stärksten Monster, und bei ihm die unsagbar starke GF Eden!
Jetzt allerdings fragte sich Xell, ob diese Insel noch weitere Geheimnisse verbarg. Damals waren sie wieder abgehauen, weil sie nicht hatten glauben können, dass noch etwas stärker sein konnte als Ultima Weapon, aber sie hatten seither nicht wenige Gegner besiegt, die stärker gewesen waren...
Jedenfalls hatte Selphie registriert, dass die seltsame Säule, in der Bahamut gefangen gewesen war, wieder pulsierte, und diesmal so stark, dass man den Widerschein sogar hier bei Tageslicht sehen konnte! Da sie beide nicht wussten, was das bedeutete, hatte er entschieden, auszusteigen und das Geheimnis zu ergründen, ohne sich in Gefahr zu begeben. Ihm war mulmig zumute, auch wenn er das nicht zugegeben hätte, und er hielt das Funkgerät, mit dem er mit Selphie in Verbindung stand, fester, als es nötig war.
„Xeeeeell!“, klang auf einmal die laute Stimme des Mädchens aus dem Lautsprecher. „Ich hab grade Squall und die aaaanderen bemerkt! Sie...“
„Selphie, sei um Himmels Willen ein bisschen leiser“, wisperte er erschrocken ins Funkgerät. „Dir geht’s da oben ja ganz gut, aber ich befinde mich auf einer monsterverseuchten Insel, die wir nie völlig erforscht haben!“
„Tschuldigung.“ Er registrierte beruhigt, dass die Stimme des Mädchens tatsächlich leiser war – was hieß, dass sie ungefähr die normale Lautstärke jedes anderen Menschen erreicht hatte. „Iiiich wollte dir nur mitteilen, dass Squall und die anderen auf die Insel zulaufen. Hoffentlich hast du ein paar gute Ausreden für den Chef, warum du ausgestiegen bist. Ooooover!“
„Ja, danke. Aber hör mir zuliebe mit diesem Over-und-out-Quatsch auf. Wir sind doch nicht beim Militär!“
„Okay“, gab das Mädchen nach. Er wollte das Funkgerät gerade ausschalten, als sie ein kicherndes „Ende“ von sich gab. Fluchend drückte er die „Aus“-Taste. Einmal wollte er einen Tag erleben, an dem diese kleine Göre ernst blieb, nur einmal! Aber das würde wohl ein frommer Wunsch bleiben.
Leise bewegte er sich auf den Eingang zur großen Halle zu. Jetzt sah man das pulsierende blaue Licht, das von der seltsamen Säule im Inneren abgegeben wurde, ganz deutlich. Es war tatsächlich noch intensiver als damals, außerdem blinkte es schneller. Er wusste nicht, was das hieß, aber es bedeutete sicher nichts Gutes. Leise stellte er sich vor den Felseneingang und lugte hinein. Beinahe hätte er den Kopf wieder zurückgerissen.
Im Inneren befanden sich zwei Quale, ein Galchimesära, ein Wild Hook, vier Heckenschlangen und ein alle anderen überragender Rubrum-Drache. Die furchtbaren Monster standen alle um die Säule herum und schienen auf irgendetwas zu warten. Xell wagte kaum zu atmen. Schließlich hörte das Pulsieren auf, das Licht blieb. Der Junge kniff die Augen zusammen. War das hell, verdammt! Dann wuchs auf einmal ein Schatten im Inneren der Säule heran. Ein Schatten, der schnell größer wurde. Und der Xell Furcht einflößte. Er konnte zwar keinen „Analyse“-Zauber aussprechen, aber er fühlte, dass dieses Etwas sehr stark war.
Ein Qual und der Galchimesära traten beziehungsweise hoppelten vor und verharrten vor der Säule. Dann zuckten die beiden plötzlich zusammen und mehrere Lichtkugeln lösten sich von ihren Körpern und schossen auf die Lichtsäule zu. Zauber, dachte Xell erschrocken. Irgendetwas da drinnen entzieht den Monstern Zauber! Als die beiden Monster sich wieder beruhigt hatten, hatte das Pulsieren wieder eingesetzt und der Schatten war verschwunden. Und im selben Moment hörte Xell Schritte hinter sich. Erschrocken sah er sich um.
„Ich glaube, ich muss dir eine runterhauen!“, verkündete ein ziemlich wütend aussehender Squall. „Was fällt dir ein, einfach hier abzusteigen, obwohl du vollkommen wehrlos warst?“
„Natürlich nur in Bezug auf die Monster hier“, fügte Rinoa hinzu, als sie Xells empörtes Gesicht wahrnahm.
„Das war wirklich äußerst leichtsinnig“, schloss sich Irvine den beiden an. „Und ich dürfte da eigentlich nicht reden. Aber das hier übertrifft alles.“
Xell hob beruhigend die Hände. „Ruhig, Leute, ruhig“, flüsterte er. „Da drinnen sind ein Haufen Monster, also seid leise. Ich weiß selbst, dass das unverantwortlich war, aber es hat sich gelohnt. Ich hab war Seltsames gesehen.“
Squall legte die Stirn in Falten (darin war er Meister) und fragte misstrauisch: „Und was?“
„Habt ihr schon bemerkt, wie stark das Licht hier pulsiert?“, fragte Xell aufgeregt. „Selphie hat es bemerkt, und ich wollte es mir aus der Nähe ansehen. Die Säule, in der Bahamut eingeschlossen war, ist immer noch aktiv! Ein komischer Schatten war darin und hat einem Qual und einem Galchi- ach, ich merk mir diesen blöden Namen ja doch nie, so ein zauberndes Rattenvieh halt, jedenfalls hat er den beiden Zauber entzogen! Und dann ist er wieder verschwunden und ihr seid aufgetaucht!“
„Ein Qual und ein Galchimesära? Bist du sicher?“, fragte Irvine überrascht.
„Ja“, antwortete Xell. „Wieso fragst du?“
„Weil solche Monster in Dollet alle Draw-Punkte geleert haben“, erwiderte Rinoa angespannt. Sie schien sehr nervös zu sein. „Frag uns nicht wieso, aber diese Monster sind fähig, Zauber zu ziehen.“
„Aber kein Monster auf der Welt kann so was!“, protestierte Xell und vergaß völlig, leise zu sein. „Auch hier konnten sie es vor einem Jahr noch nicht! Was machen wir jetzt, Squall?“
Der Anführer dachte einen Moment lang nach und hob dann den Kopf. „Ich denke, wir sollten erst einmal zum Garden zurückkehren“, entschied er mit einem Seitenblick auf Rinoa. „Es ist besser, wenn wir uns jetzt noch nicht in Gefahr begeben. Wir können die Insel mit der Ragnarok später schnell wiederfinden, wenn es nötig sein sollte.“
„Squall, ich hab dir schon mehrmals gesagt, dass du auf mich keine Rücksicht nehmen sollst!“, brauste Rinoa auf. „Nur weil ich...“
Squall packte sie so schnell am Arm, dass sie viel zu perplex war, um sich zu wehren. Mit sehr ernstem Gesicht sah er sie an. „Rinoa“, sagte er sanft, „ich KANN dich nicht so behandeln wie die anderen, versteh das doch! Seit ich mit dir zusammen bin, lebe ich in ständiger Angst, dass du in einem Kampf verletzt werden könntest. Ich habe das unterdrückt, weil mir klar ist, dass du so behandelt werden willst wie jeder andere Kämpfer auch. Aber verzeih mir, ich kann dich nicht gegen einen Feind schicken, von dem wir nichts wissen! Ich kann es nicht!“
Rinoa war völlig fassungslos, und auch den anderen standen die Münder offen. So einen Gefühlsausbruch hatte sich Squall in der Öffentlichkeit noch nie geleistet! Wenn sie allein waren, zeigte er seine Unsicherheit und Liebe zu ihr offen, aber vor ihren Freunden wollte er der starke Anführer bleiben, auf den sich alle verlassen konnten. Seine Ängste hatte er außer ihr niemandem anvertraut. Als sie sein gequältes Gesicht sah, wurden ihre Augen feucht.
„Squall...“, flüsterte sie, aber sie wurde unterbrochen.
„Squall hat völlig Recht, Rinoa“, bemerkte Irvine. „Wenn er sich nicht diesen zugegebenermaßen ziemlich beeindruckenden Auftritt geleistet hätte, dann hätte ich euch geraten zu gehen. Ihr wollt bald heiraten, und verdammt noch mal, ich will, dass ihr dann noch bei bester Gesundheit seid! Und deshalb werden wir zurückfliegen und ihr werdet euch aus diesem Kampf raushalten! Es gibt noch andere SEEDs, die ihn übernehmen können!“
Sein Gesicht war so entschlossen wie selten. Rinoa wusste, dass er nicht mit sich handeln lassen würde. Auch Xell schlug seine Handschuhe zusammen.
„Genau“, stimmte er zu. „Was glaubst du, was für eine Standpauke Mama uns halten würde, wenn sie erführe, dass wir euch so kurz vor eurer Hochzeit kämpfen lassen? Ihr werdet das schön uns überlassen. Außerdem könntet ihr so unser Hochzeitsgesch- aua!“
„Quasselstrippe!“, zischte Irvine und funkelte den auf einem Fuß hüpfenden Xell an. „Warum erzählst du ihnen nicht auch gleich deine persönlichsten Geheimnisse?“
„Ist schon gut, Irvine“, warf Rinoa ein. Ihre Augen waren voller Tränen, aber sie lächelte glücklich. „Ich... lass mich bitte los, Squall... ich bin einverstanden. Fliegen wir zurück. Squall und ich werden uns aus diesem Kampf heraushalten. Squall“, flüsterte sie, „das war... so lieb von dir. Danke.“ Sie umarmte ihn und der Junge mit der Narbe auf der Stirn erwiderte die Umarmung impulsiv.
„Ähem“, bemerkte Irvine und bemühte sich, nicht in die Richtung der beiden zu sehen. „Xell, wir wär’s, wenn du Sephie anfunkst? Wir sollten abhauen, oder?“
„Oh! Sicher.“ Xell hielt das Funkgerät ans Ohr. „Selphie, kannst du mich hören? Du kannst jetzt landen und uns an Bord nehmen.“
„Das glaube ich nicht“, entgegnete das Mädchen ungewohnt finster. „Sieh mal hinter dich.“
Im selben Moment schrie Irvine warnend auf. „Squall! Rinoa! Die Monster haben uns entdeckt! Passt auf!“
Squall zog mit beeindruckend schneller Reaktion seine Löwenherz und drehte sich zum Eingang der Forschungsstation um. Tatsächlich! Die beiden Quale, der Galchimesära und der Wild Hook waren herausgekommen und beäugten die Eindringlinge mordlüstern. Die Heckenschlangen und der Rubrum- Drache waren nicht zu sehen, wahrscheinlich bewachten sie die Lichtsäule, aber er hatte nicht vor, auf sie zu warten.
„Xell!“, rief er. „Bleib hinter uns! Du bist am verwundbarsten von uns!“
„Alles klar!“ Der blonde Junge hüpfte an ihnen vorbei und duckte sich hinter einen Felsen. Bei diesen Monstern war das zwar auch kein großartiger Schutz, aber besser als nichts. Die anderen drei gingen in Kampfstellung, bereit, es den Gegnern zu zeigen.
Squall war dank „Erstschlag“ der erste, der an die Reihe kam. Sein Schwerthieb fügte dem Galchimesära schweren Schaden zu. Diese lästigen kleinen Biester konnten äußerst ungemütliche Zauber sprechen, und dazu wollte er ihm keine Gelegenheit geben. Irvines „Auto-Hast“-Ability ließ ihn als nächsten an die Reihe kommen. Er entschied sich für eine GF. Rinoa ließ ihre „Shooting Star“ fliegen und fügte einem der Quale eine schmerzhafte Wunde zu.






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