Kapitel 2
„Was um Himmels Willen soll ich denn mit noch einer Schlangenhaut anfangen, Squall?“, stöhnte Xell, nachdem er die Überreste der Heckenschlange durchsucht hatte. Die Berge um Dollet wimmelten von diesen Viechern, und Squall hatte sich wieder mal von den Bewohnern breitschlagen lassen, für etwas Ruhe zu sorgen.
„Du könntest ja eine Tasche draus machen lassen“, schlug Rinoa vor, während sie ihre Waffe vom Arm nahm. „In den Großstädten gibt’s sicher genug Händler, die Lederhandtaschen verkaufen würden. Hast du überhaupt schon ein Geschenk für mich?“
„Das werde ich dir gerade auf die Nase binden“, antwortete der Faustkämpfer, während er die Schlangenhaut genauer besah. Offenbar dachte er tatsächlich über Rinoas Vorschlag nach. „Außerdem glaube ich nicht, dass du am 24. Augen für Geschenke haben wirst!“
„Schluss jetzt, Xell!“, befahl Squall, der sich langsam etwas überflüssig vorkam. „Brauchst du denn das Geld wirklich so dringend, dass du Items verkaufen musst? Hast du vielleicht doch Geld verloren?“
„Quatsch!“, entgegnete dieser, wurde aber ein bisschen rot. „Höchstens ein paar Hundert Gil. Meinst du nicht, wir sollten vielleicht mal nach Irvine und Selphie Ausschau halten? Am Ende werden sie noch von einem Monster getötet, weil sie es vor lauter Küssen nicht bemerkt haben.“
Rinoa grinste. „Seit wann sorgst du dich denn so sehr um die beiden?“, fragte sie wie beiläufig. „Heute morgen warst du noch froh, als sie weggingen.“
„Dass ich sie nicht mehr mit aneinanderklebenden Lippen sehen kann, heißt noch lange nicht, dass ich ihnen den Tod wünsche“, meinte Xell und stand auf. „Ich seh’ mal nach, ob ich sie finden kann. Geht ihr inzwischen zurück auf die Ragnarok.“
Squall runzelte die Stirn, als der blonde Junge sich entfernte. „Er hört sich langsam an wie ein Kommandant“, bemerkte er ernst. „Ich glaube, er will mir meine Führungsposition streitig machen, findest du nicht?“
Rinoa hob den Zeigefinger und sah ihn herausfordernd an. „Du musst aber auch zugeben, dass du deine Pflichten als Schulsprecher arg vernachlässigt hast“, stellte sie grinsend fest. Sanft nahm sie Squalls Hand und zog ihn Richtung Luftschiff. „In den letzten Wochen hat Xell dich viel öfter vertreten als im ganzen Jahr zuvor!“
„Kunststück“, brummte Squall ein bisschen eingeschnappt. „Wer hat mich denn in letzter Zeit dauernd in Beschlag genommen? Du!“
„Jetzt sag bloß nicht, dass ich dir lästig werde?“ Rinoa sah ihn mit ihrem Verletztes-Reh-Blick an. Squall stöhnte leise. Das war unfair! „So kurz vor unserem wichtigsten Tag im Leben willst du mich verstoßen? Du herzloses Monster!“
Sie legte dramatisch ihre Hand an die Stirn und tat so, als würde sie davonlaufen. Squall tat ihr aber diesmal nicht den Gefallen, sie an der anderen Hand zu packen. Stattdessen schnappte er sich ihre Beine und warf das Mädchen, welches überrascht aufschrie, zu Boden. Unter halb wütendem, halb belustigtem Gezeter drehte er Rinoa auf den Rücken und hielt sie an beiden Armen fest. Sanft legte er sich auf ihren zierlichen Körper und flüsterte ihr ins Ohr.
„Ich habe ein Herz“, wisperte er. „Spürst du, wie es schlägt? Und jeder einzelne Schlag gehört dir, Rinoa. Ich liebe dich.“
Das schwarzhaarige Mädchen lächelte und schlang ihre Arme um seinen Hals. „Ich dich auch, Squall, mein Hexenritter“, flüsterte sie – und warf den Jungen plötzlich mit einem Ruck zur Seite. Bevor er reagieren konnte, lag sie bereits auf ihm und grinste ihn spitzbübisch an. „Aber ich werde nie ein zahmes Kätzchen sein, das all deine Späße mitmacht!“ Sie packte seine Arme und hielt sie am Boden. Natürlich hätte Squall sie abschütteln können, auch ohne Stärke-Kopplung, aber wer hätte das in seiner Situation schon gewollt?
Er bemerkte erst, dass jemand anderer zugegen war, als das Gekicher lauter wurde. Rinoa beendete ihren Kuss und stand auf, nicht, ohne seine Narbe an der Stirn noch einmal liebevoll nachzufahren. Als er sich aufsetzte, saß Selphie bereits auf einem Stein einen Meter neben ihm und starrte Rinoa und ihn wie gebannt an. Irvine hatte seine Arme um sie geschlungen und kniete hinter ihr.
„Wie lange seid ihr schon da?“, fragte Squall resignierend. Es wurde langsam zur Gewohnheit, dass er und Rinoa beobachtet wurden.
„Leeeeider grade erst gekommen“, behauptete Selphie, ohne ihren Blick von ihm abzuwenden. „Ihr hättet eeeeuch ruhig mehr Zeit lassen können!“
„Wieso? Wolltet ihr Nachhilfe?“, erkundigte sich Rinoa, während sie ihrem geliebten Hexenritter eine Hand zum Aufstehen reichte.
„Nein, aber wir spielen Jury“, behauptete Irvine feixend, während er aufstand. „Ein paar Schüler haben uns gebeten, eure romantischsten Szenen auf der Garden-Homepage zu beschreiben. Wollt ihr uns nicht noch was zeigen?“
Squalls Schnauben ging in Selphies Gekicher unter. Im selben Moment hörte er Xells schnell näherkommende Schritte. Anscheinend war der Faustkämpfer auf etwas Interessantes gestoßen.
„Xell, Alter!“, begrüßte Irvine ihn. „Du hast schon wieder das Beste verpasst!“
„Xell, was hast du?“, wollte Rinoa beunruhigt wissen. Ihr war der fassungslose Ausdruck im Gesicht des Jungen aufgefallen. „Ist was passiert?“
„Leute“, keuchte Xell, während er stehen blieb, „ihr werdet nicht glauben, was grade in Dollet vor Anker gegangen ist!“
„Waaas denn?“, fragte Selphie aufgeregt. „Vielleicht ein galbadianisches Kriiiiegsschiff?“
„Unsinn“, meinte Irvine. „Tut mir Leid, Sephie, aber das hätten wir beim Herfliegen bemerkt. War’s ein Fahrzeug aus Esthar?“
„Nein“, wehrte Xell immer noch schnaufend ab. „Weit daneben. Da unten ist die Forschungsinsel! Sie hält auf den Hafen von Dollet zu!“
„Ist dir zufällig ein Konfus zaubernder Galchimesära über den Weg gelaufen?“, fragte Squall stirnrunzelnd, aber er hatte auch bemerkt, dass Xell es ernst meinte. „Na schön. Hast du jemanden gesehen, der sie steuert?“
Xell schüttelte den Kopf. „Nein. Aber die Leute in Dollet sind in Panik! Wir müssen ihnen helfen, Squall!“
„Schon gut, Xell, beruhige dich“, wandte Rinoa ein. „Hat ein Monster die Bewohner angegriffen?“
„Nein, bis jetzt noch nicht.“
„Aaaaber Chef!“, begehrte Selphie auf. „Vielleicht passiert daaaas noch, wenn wir nicht eingreifen! Wir müssen den Leuten helfen!“
„Selphie hat Recht, Squall“, bekannte Irvine und legte ernst seine Hand auf ihre Schulter. „Es könnte gefährlich für die Leute werden.“
„Schön, ihr habt wahrscheinlich Recht“, gab Squall nach. „Selphie, Xell, ihr beide lauft zur Ragnarok und untersucht die Lage aus der Luft! Irvine, Rinoa und ich sind gekoppelt, wir besuchen die Stadt und sehen nach, was wir ausrichten können. Los!“
„Tante Quistie! Fang!
Quistis konnte gerade noch dem Ball ausweichen, der sonst in ihrem Gesicht gelandet wäre. Das Mädchen, das ihn geworfen hatte, Tinill, sah enttäuscht drein.
„Jetzt musst du ihn aber wieder holen! Du hast ihn nicht gefangen!“
„Moment, ich bin schon unterwegs“, beruhigte Quistis. „Los, Eclisa, geh noch ein bisschen spielen. Wir müssen ohnehin bald wieder rauf zum Essen.“
Das Mädchen sah sie missmutig an, ging aber langsam auf die anderen spielenden Kinder zu. Quistis hoffte, dass Eclisa trotz allem etwas Spaß am Spielen finden würde. Was sollte denn aus ihr werden, wenn sie die ganze Zeit nur drinnen hockte und malte?
Suchend blickte sie sich um. Der Ball war von den Felsen abgesprungen und im hinteren Teil des Strandes gelandet, der nur schwer zugänglich war. Viel hätte nicht gefehlt und er wäre im Meer gelandet. Quistis sah unbehaglich zu den Kindern hin. Um da schnell hinunter- und wieder heraufzukommen, müsste sie ihre wirklichen Kräfte einsetzen, die sie bisher immer vor den Kindern verborgen hatte. Sie besaß noch immer Tombery, die kleine GF, die Squall Edea mitgegeben hatte, als er erfuhr, dass Quistis bei ihrer Ziehmutter wohnen wollte. Und Zauber hatte sie mehr als genug. Aber wenn die Kinder sie sahen...
Egal. Sie entschied, darauf zu vertrauen, dass die Kinder zu beschäftigt waren. Schnell koppelte sie Tombery, dessen Geist anscheinend ziemlich überrascht war, dass er wieder mal gebraucht wurde. Meteor, Seuche, Vigra, Tornado, Eisga, Holy... eine Minute später war Quistis wieder für jeden Kampf bereit. Kraft, die sie schon lange nicht mehr verspürt hatte, durchströmte sie. Aber sie benötigte sie nur für kurze Zeit. Sie sah sich noch einmal um und sprang dann mit einem großen Satz hinunter an den verlassenen Strand. Sie hob den hellblau-roten Ball auf, mit dem schon sie und Xell miteinander gespielt hatten und hüpfte von Stein zu Stein, bis sie wieder oben war.
Gut, anscheinend hatte niemand etwas gemerkt. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr Bein wehtat. Sie zog ihren schwarzen Stiefel aus und besah es genauer. Offenbar hatte sie sich gestoßen, ohne dass sie es bemerkt hatte. Es blutete nicht stark, eigentlich nur ein Kratzer, aber sie verspürte das Verlangen, einen Zauber einzusetzen. Sie hatte so lange keine Magie mehr gewirkt. Verstohlen warf sie einen Blick zu den Kindern hin. Offenbar waren alle, selbst Eclisa, damit beschäftigt, eine Sandburg zu bauen.
„Vita!“, murmelte sie.
Weiße Funken umtanzten sie kurz, dann trat die Wirkung des Heilzaubers ein und ihre Haut schloss sich wieder. Zufrieden zog sie ihren Stiefel wieder an. Dann nahm sie den Ball in die Hand und ging zu den Kindern hinunter.
„Hier, Tinill“, rief sie fröhlich. „Dein Ball!“
Tinill quietschte erfreut, sprang auf und zertrampelte dabei die halbe Burg. Einige der Kinder sahen sie deswegen sauer an, aber als sie den Ball wieder in Händen hielt und damit zu werfen begann, gesellten sie sich wieder zu ihr. Nur Eclisa blieb sitzen und sah Quistis seltsam an. Diese begann sich unwohl zu fühlen. Hatte die Kleine sie etwa gesehen?
„Was ist denn, Eclisa? Willst du nicht mit den anderen spielen?“
„Du warst sehr schnell wieder da, Tante Quistie“, bemerkte Eclisa. „Mama Edea sagt immer, dass es sehr gefährlich ist, auf die Felsen zu klettern.“
Quistis nickte und setzte sich. „Stimmt. Man muss sehr vorsichtig dabei sein.“
„Aber wie hast du den Ball dann so schnell zurückgeholt?“, wollte das Mädchen wissen. „Er ist doch runtergefallen, oder?“
Quistis wurde siedendheiß. Blitzschnell überlegte sie sich einige Antworten, verwarf sie aber wieder. Was würde ich selbst glauben, fragte sie sich, wenn ich hier die Frage gestellt hätte?
„Weißt du, der Ball hatte sich nur in ein paar Felsen hier heroben verklemmt“, log sie. „Ich musste nicht weit klettern, um ihn zu erreichen. Zum Glück. Was hast du denn vorhin mit den anderen gespielt?“
Die Augen des Mädchens begannen zu leuchten. „Wir haben eine ganz große Burg gebaut!“, erklärte sie triumphierend. „Die war sicher so groß wie der Balamb Garden! Aber dann hat Tinill sie kaputtgetreten.“ Sie blickte traurig auf die Überreste des Bauwerks hinab.
„Komm schon, Eclisa“, tadelte Quistis sie. „Es war nur eine Sandburg. Man kann sie wieder aufbauen. Soll ich nach dem Essen noch einmal mit dir herunterkommen und eine noch größere Burg bauen?“
„Ja!“
„Gut. Dann sollten wir aber schnellstens Essen gehen, sonst können wir heute nicht mehr herunterkommen, nicht wahr?“ Sie stand auf und klatschte in die Hände. „Kinder!“, rief sie laut. „Mama ist fertig mit dem Essen! Wer als letzter oben ist, kriegt heute keinen Nachtisch mehr, hat sie gesagt!“
„Mama würde uns nie unseren Nachtisch wegnehmen!“, behauptete ein Junge aus Esthar und sah sie herausfordernd an.






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