„Ich bin mir nicht sicher, ob der Finanzapparat von Esthar das überstehen wird, aber meinetwegen geh. Dann kann ich endlich vernünftig arbeiten“, brummte der alternde Journalist und Ex-Soldat. „Ich habe nämlich noch einen Job außerhalb meiner Familie, weißt du?“
„Aber keinen so wichtigen“, erwiderte Ell frech und verschwand durch die breite Eingangstür. „Bis später, Onkel Laguna!“
Weg war sie. Laguna lehnte sich zurück und fuhr sich mit den Händen über die Augen. Wenn er von vornherein gewusst hätte, wie anstrengend Kinder waren, wäre er sofort aus Winhill abgehauen, nachdem er wieder gesund gewesen war. Nein, korrigierte er sich säuerlich lächelnd. Das hätte Ell nicht zugelassen. Er setzte sich wieder auf und beugte sich über die unzähligen Petitionen, Berichte und Anfragen, die vor ihm lagen.
Es war erstaunlich, aber die bevorstehende Hochzeit von Squall und Rinoa verursachte bei ihm mehr Papierkram als die Rückkehr von Adell. Wenn er alles unter einen Hut bringen wollte, würde er wahrscheinlich erst hier rauskommen, wenn die Urenkel der beiden schon im Grab verfaulten. Aber Ell hatte ja Recht, auch wenn er es nicht zugab, es kamen immer wieder neue Dinge zum Vorschein, die er nicht beachtet hatte. Zum Beispiel die Tatsache, dass die Einladung für Oberst Carway, Rinoas Vater, noch immer in der Schublade seines Schreibtischs lag.
Er grinste kurz. Der Oberst und er hatten sich nie leiden können. Laguna wunderte es, dass er überhaupt der Hochzeit zugestimmt hatte, immerhin waren seine Tochter und Lagunas Sohn noch ziemlich jung. Aber vielleicht lernten sie sich ja noch besser kennen. Nicht allerdings, wenn es nach Laguna ging. Er hatte schon hier genug um die Ohren, da musste er sich nicht auch noch mit einem griesgrämigen, galbadianischen Militär rumschlagen. Aber er würde dem Oberst die Karte schicken müssen, sonst würde Rinoa ihn bei lebendigem Leibe häuten, oder noch schlimmer, ihn mit ihrem enttäuschten Blick ansehen.
Der Präsident von Esthar öffnete die Schublade und nahm die mit Goldrändern versehene Karte heraus, auf der ein Bild von Rinoa und Squall war, die sich umarmten. Darüber war in so verschnörkelter Schrift, dass er kaum die Groß- von den Kleinbuchstaben trennen konnte, der Name des Obersts und die Aufforderung zum Kommen abgebildet. Laguna fischte einen der türkisfarbenen Umschläge unter dem Zettelwirrwarr hervor und versenkte die Karte darin.
Dann starrte er nachdenklich auf seinen Computer. Da Carway der Vater der Braut war, verlangte die Tradition wohl, dass er ihm außer der Einladung noch ein paar aufmunternde Worte mitschickte. Laguna hielt sich für einen guten Schreiber, aber ihm wollte partout nicht einfallen, was er dem Oberst mitteilen wollte. Schließlich beugte er sich vor und tippte:
Sehr geehrter Oberst Carway!
Da, wie Sie zweifellos erfahren haben dürften, Ihre Tochter am 24. dieses Monats heiraten wird, sehe ich mich in meiner Eigenschaft als Präsident Esthars gezwungen, Sie einzuladen. Wir beide wissen sehr gut, dass wir uns niemals wirklich mögen werden, aber dennoch bitte ich Sie, wenigstens so zu tun, als ob Sie meinen Sohn Squall Leonhart in Ihrer Familie akzeptieren, Rinoa zuliebe.
Ob Sie in Jeans und Hawaiihemd kommen oder im Anzug, ist mir persönlich egal, aber da ich mich selbst in ein schwarzes Monster von Zweiteiler zwängen muss, ersuche ich Sie um Solidarität. Es ist nicht nötig, dass Sie etwas mitbringen, wenn Sie aber noch irgendwo ein Lächeln im Tresor liegen haben, wäre nun der richtige Zeitpunkt es hervorzuholen.
Dass der Brautvater Rinoa zum Altar führen wird, ist Ihnen wahrscheinlich klar, also versuchen Sie bitte wenigstens glücklich auszusehen. Als ich das letzte Mal mit Rinoa sprach, erwähnte sie, dass sie sich wünschen würde, wenn Sie auch nach der Feier noch bleiben könnten. Glauben Sie mir, dass ich auch nicht begeistert bin von der Tatsache, dass wir beide nebeneinander auf dem Hochzeitsfoto zu sehen sein werden, aber machen wir beide das Beste daraus und gönnen unseren Kindern ihr Glück.
Mit besten Grüßen
Laguna Loire
Er zögerte kurz, entschied sich aber dagegen, „Präsident von Esthar“ unter seinen Namen zu setzen. Das Schreiben war ohnehin nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Er erlaubte sich ein kurzes Grinsen, als er es noch einmal durchlas. Der Oberst war immer direkt,... also dürfte ihm der unverhüllte Stil des Briefes zusagen.
Er betätigte die Druck-Taste, wartete, bis der Brief vor ihm lag und steckte ihn zu der Karte ins Kuvert, welches er in seiner Brusttasche versenkte. Er würde ihn noch heute nach Deling City schicken lassen, aber vorher musste er das Chaos auf seinem Schreibtisch etwas lichten. Er nahm das nächste Blatt zur Hand und runzelte gleich darauf die Stirn. Schon wieder Crannox Jeed! Der Mann wurde langsam lästig. Er unterstellte Laguna doch glatt, diese Hochzeit wäre von ihm erzwungen worden, um die Beziehungen zu Galbadia zu verbessern. Ob Laguna das Wohl seines Sohnes denn gar nicht am Herzen läge!
Wütend zerknüllte er das Papier und warf es in den Papierkorb. Als ob es an der gespannten Beziehung zwischen den beiden Großmächten etwas ändern würde, nur weil Squall und Rinoa heirateten. Rinoa wurde von vielen Leuten in Galbadia ohnehin als Verräterin gebrandmarkt, weil sie gegen Artemisia gekämpft hatte, die auf Seiten der Galbadianer gewesen war. Zwar hatte sie die Galbadianer ebenso wie den Rest des Lebens vernichten wollen, aber das scherte die Leute nicht. Diesem Intriganten von Jeed ging es doch nur darum, Lagunas Antworten zu zerlegen und sie als Propaganda in seinem Wahlkampf zu verwenden. Seit er sich in den Kopf gesetzt hatte, Laguna als Präsident Esthars abzulösen, war Jeed zu einer regelrechten Landplage geworden.
Irgendwann würde er sich darum kümmern, das versprach Laguna sich im Stillen. Aber jetzt hatte er andere Sorgen. Wenn sich jedes Papier so schnell erledigen würde wie Jeeds, dann hätte er mehr Freizeit, aber leider gab es auch Leute, die er ernstnehmen musste. Also beugte sich Laguna Loire wieder unter das Joch der Präsidentschaft.
Als Crys die Vorhalle des Balamb Garden betrat, staunte sie nicht schlecht. Im Gegensatz zum Galbadia- Garden, in dem sie die letzten Jahre ausgebildet worden war, war es hier fast gemütlich, nicht so zweckmäßig und streng. Der Springbrunnen, die farbenfrohe Gestaltung, die runden Windungen der Wände... alles war irgendwie entspannend. Auch die Schüler, die herumschlenderten, wirkten eher, als wären sie in einem Erholungsheim als in einer Kampfakademie.
„Hier sieht’s ja aus wie in einem Ferienclub!“, kleidete ihr männlicher Begleiter neben ihr ihre Gedanken in Worte. „Haben die hier denn nichts zu tun?“
„Liegt wahrscheinlich daran, dass sie sich auf die Hochzeit ihres größten Idols vorbereiten“, bemerkte ein weiterer männlicher Schüler des Galbadia-Gardens, der mit ihr hierher gekommen, etwas abwertend. „Da lassen sie das Training wahrscheinlich ruhen.“
„Egal, was ihr von ihnen haltet, fangt hier ja keinen Streit an, ist das klar?“, warnte Crys und funkelte die beiden an. „Wir sind hier, weil wir mit ihnen auf die Hochzeit fahren wollen, und nicht, weil wir sie testen wollen.“
„Nicht mal, wenn sie sich ebenfalls an uns austoben wollen?“, fragte der Junge links neben ihr. Außer ihr, den beiden Jungs und drei weiteren Mädchen wollte niemand aus dem Galbadia-Garden zur Hochzeit des wohl bekanntesten Paares dieser Welt kommen. Für die meisten Schüler aus Galbadia war Rinoa Heartilly eine Verräterin, die gegen die Interessen des Staats gehandelt hatte und Squall Leonhart der Mann, der ihren Traum von der Weltherrschaft zerstört hatte. Nur diese Handvoll wollte die beiden Kämpfer und ihre Freunde, welche die mächtige Hexe Artemisia besiegt hatten, sehen.
„Auch dann nicht, zumindest nicht offen. Was ihr in der Trainingshalle anstellt, soll mir egal sein, solange niemand zu Schaden kommt. Immerhin bin ich für euch verantwortlich.“
„Ich glaube, du solltest dir eher Sorgen um die Balamb-Schüler machen, Crys“, warf eins der Mädchen grinsend ein. „Marett hat Recht, die hier sehen nicht so aus, als könnten sie besonders gut kämpfen.“
„Schon, aber immerhin wurden Leonhart, Dincht und Trepe auch hier ausgebildet“, warf ein anderes Mädchen ein.
„Ja, und Cifer Almasy auch, wissen wir“, erwiderte der Junge, der Marett hieß. „Aber Irvine Kinneas wurde bei uns ausgebildet und ist nicht schlechter als sie. Du weißt doch ganz genau, dass Kinneas bei uns war, nicht, Crys?“
Die Angesprochene errötete ein bisschen und knuffte den Jungen in die Rippen. „Lass das“, murmelte sie. „Die Sache ist lange her. Außerdem ist er ja angeblich mit Tilmitt zusammen.“
„Was sollen wir denn jetzt hier anfangen?“, meldete sich der zweite Junge zu Wort. „Sollten wir uns nicht wenigstens beim Direktor melden?“
Crys straffte sich. „Sicher. Kommt, gehen wir mal zu diesem Wegweiser. Vielleicht kann man da rauslesen, wie man zu Direktor Cid gelangt.“
Fünf Minuten und eine enge Aufzugfahrt später standen sie vor Direktor Cids Bürotür. Der dritte Stock war wegen der Schneckenhausform des Balamb-Garden viel kleiner als die unteren Teile, also bewohnte der Direktor die ganze Etage selbst. Ein Luxus, den sich der galbadianische Direktor nie gegönnt hätte. Er wollte immer sofort zu Kontrollgängen aufbrechen können. Die Tür war nicht sehr dick, also konnte man leise hören, was drin gesprochen wurde. Crys war etwas unwohl bei dem Gedanken, jemanden zu belauschen, aber da die anderen kein Geräusch machten, war sie wenigstens nicht allein.
„... also alles bereit, Niida?“ Vermutlich der Direktor, der tiefen Stimme nach.
„Jawohl. ... warten nur noch auf... galbadianischen... Direktor.“
„Sehen Sie mal... ob sie schon ange... sind!“
„Natürlich. Wiedersehen, Direktor.“
Crys konnte gerade noch zurücktreten, als die Tür aufgestoßen wurde. Der junge Mann, der herauskam und sie beinahe umrannte, war anscheinend ebenso überrascht wie sie, fing sich aber rasch wieder.
„Ah, ihr seid die Galbadianer, was? Direktor Cid, die Gäste sind schon da!“, rief er nach hinten. Dann wandte er sich an Crys. „Ihr könnt rein. Keine Angst, Cid hat noch nie jemanden gefressen. Jedenfalls nicht, wenn ich dabei war. Tschüss!“ Sein Lächeln sah echt aus.
„Danke“, meinte Crys und machte ihm Platz. Der Junge war etwas größer als sie, hatte fast die selbe Haarfarbe wie Irvine und wache Augen. Jemand, der einen zweiten Blick wert war, entschied sie.
„Mach schon, Crys“, flüsterte eins der Mädchen ihr zu. „Du kannst dich später nach ihm erkundigen, jetzt sollten wir erst mal reingehen.“
„Schon gut“, gab sie zurück und trat mit schnellen Schritten ins Zimmer des Direktors. Es war sehr hell, da durch die Luke, die auf die Steuerungszentrale führte, viel Licht hereinfiel. Direktor Cid selbst saß an seinem Schreibtisch, ein schon älterer, etwas untersetzter Mann, den man eigentlich gar nicht in einer Kampfakademie vermutete. Crys erinnerte sich jedoch an ihre militärische Ausbildung und ließ ihren Blick nicht zu lange auf dem Mann ruhen. Statt dessen wartete sie, bis ihre Mitschüler neben ihr angetreten waren und vollführte dann den galbadianischen Militärgruß.
„Die Schüler des Galbadia-Garden melden sich zur Stelle, Direktor“, deklamierte sie im Befehlston. Die anderen nahmen Haltung an. „Wir sind bereit zur Abreise.“
„Schon gut“, verkündete Cid und stand auf. Er sah auch so nicht viel größer aus. Aber er musterte sie mit einem Ernst, der große Erfahrung verhieß. „Es sind auch so noch ein oder zwei Dinge zu erledigen, bevor wir abheben können. Willkommen im Balamb Garden! Ich bin hier der Direktor, aber ich denke, wir werden uns kaum mehr als ein- oder zweimal sehen, also behalten Sie Ihre Namen ruhig für sich. Es wurden schon einige Zimmer für Sie bereitgestellt, nichts Besonderes, aber ich vermute, Sie sind nichts anderes gewöhnt. Wenn Sie irgendwelche Sorgen haben sollten, wenden Sie sich bitte direkt an die Schüler, vermutlich wird man Ihnen dann schneller helfen können, als wenn Sie sich extra zu mir heraufbemühen. Haben Sie irgendwelche Fragen?“
Crys war erstaunt. Offenbar wusste Cid, dass in Galbadia nicht sehr viel Wert auf große Worte gelegt wurde. Sie trat einen Schritt vor und fühlte, wie sein Blick sich auf sie richtete.
„Ist das Hochzeitspaar derzeit im Garden, Sir?“, fragte sie angespannt.
„Nein, bedaure“, entgegnete Cid und schüttelte den Kopf. „Die beiden sind mit Irvine Kinneas, Selphie Tilmitt und Xell Dincht ausgerissen, um sich etwas Ruhe zu gönnen. Seit ihre Hochzeit bekannt wurde, hatten sie keine Minute Ruhe mehr. Ich weiß auch nicht genau, wann sie zurück sein werden. Kennen Sie sie persönlich?“
„Nur Kinneas“, antwortete Crys und überhörte das unterdrückte Gekicher hinter ihr. „Gibt es Bereiche im Garden, in denen wir uns nicht aufhalten dürfen?“
Cid runzelte die Stirn. „Dürfen? Nun, grundsätzlich dürfen Sie sich meinetwegen überall frei bewegen, aber ich würde Ihnen dringend abraten, ohne Verletzung auf der Krankenstation herumzulungern. Unsere Chefärztin ist sehr energisch, wenn es um dieses Thema geht. Des weiteren rate ich Ihnen, nicht die unteren Ebenen des Gardens oder die Trainingshalle ohne Waffen zu betreten. Vor allem auf der MD-Ebene tummeln sich einige ziemlich starke Monster, mit denen auch Squall und seine Freunde Schwierigkeiten hatten. Ansonsten können Sie überall hin, solange Sie den Unterricht nicht behindern.“
„Selbstverständlich“, gab Crys zurück. „Dann bitte ich um die Erlaubnis, uns zurückziehen zu dürfen, Direktor.“
„Erteilt“, meinte Cid mit wegwerfender Handbewegung. „Bitte fühlen Sie sich wie zuhause.“ Er setzte sich wieder hin.
Crys salutierte noch einmal und gab den anderen ein Handzeichen, aus dem Zimmer zu gehen. Als sich die Tür wieder geschlossen hatte, atmeten alle erleichtert auf. Das war viel unspannender gewesen, als sie erwartet hatte.
„Tja, was machen wir jetzt, wo wir wissen, dass wir alles machen dürfen?“, fragte Marret. „Ich glaube, ich werde mir erst mal mein Zimmer ansehen. Mal sehen, was die hier für eine Einrichtung haben. Wer kommt mit?“
Zwei der Mädchen wollten mitgehen, die anderen entschlossen sich, erst einmal die Mensa zu besuchen und den bekannten Hot Dog zu probieren.
„Vielleicht kommen Leonhart und seine Kumpane ja auch dorthin, wenn sie zurückkommen“, äußerte das dritte Mädchen hoffnungsvoll. Crys verdrehte die Augen. Sie glaubte zu wissen, wieso diese Studentin mitgekommen war. Aber sie musste sich an der eigenen Nase fassen, ermahnte sie sich, als sie sich bei dem Gedanken an diesen Jungen im Direktorzimmer ertappte, Niida. Vielleicht sahen sie sich ja noch mal.






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