Es dauerte diesmal etwas länger, um zur Residenz zu gelangen, da die Kinder natürlich alles bestaunen mussten, aber schließlich standen sie doch vor der imposanten Tür, hinter der sich der Präsident von Esthar verbarg.
„Seid auf jeden Fall höflich“, mahnte Quistis die Kinder. „Vor allem du, Aniery! Dass du Laguna ja nicht so anpflaumst wie Kiros und Ward vorhin!“
„Das macht doch nichts“, stellte Kiros trocken fest. „Laguna ist das gewöhnt. Immerhin ist er Präsident.“ Mit diesen Worten öffnete er die Tür. „He, Laguna“, rief er in den Raum. „Hier sind ein paar Leute, die dich was fragen wollen!“
„Lass sie draußen warten, Kiros“, klang eine Mädchenstimme zu ihnen heraus. „Onkel Laguna hat gerade Wichtigeres zu tun!“
„Wer ist das denn?“, fragte Eclisa leise. „Kennst du die, Tante Quistie?“
„Das ist eine sehr alte Freundin, Eclisa“, entgegnete Quistis lächelnd. „Beleidige sie nicht.“
„Wie ich sehe, haben deine Manieren gelitten, seit du hier bei deinem sauberen Herrn Onkel wohnst, Ellione“, rief Edea mit strenger Stimme zurück und trat durch die Tür. „Vielleicht wäre es doch besser gewesen, du wärest im Waisenhaus geblieben. Dann wärest du nicht so missraten wie jetzt!“
„Edea!“ Elliones Stimme war freudig, als sie auf die Hexe zurannte und sie stürmisch umarmte. „Tut mir Leid, tut mir soooo Leid, dass ich dich nicht gleich erkannt habe. Was machst du denn hier?“
Edea ließ die Umarmung des Mädchens eine Weile über sich ergehen, dann löste sie sich. „Ich bin hier, um deinem Onkel die Meinung zu sagen. Inzwischen könntest du ja die Kinder hier übernehmen. Quistis macht sich zwar ganz gut, aber du hast mehr Erfahrung als sie.“
„Quistis?“ Als diese hinter Edea hervortrat, wurde auch sie von Ellione umarmt. „Wie schön, dich endlich einmal wiederzusehen! Warum bist du bloß nie gekommen, um uns zu besuchen? Du hast uns gefehlt, wenn Squall und die anderen gekommen sind.“
Quistis schluckte hart. „Ich glaube, du weißt, warum ich nicht gekommen bin“, flüsterte sie Ell zu. „Reden wir jetzt bitte nicht darüber.“
„Natürlich“, stimmte Ell zu. „Hauptsache, du bist da und hilfst uns bei den Hochzeitsvorbereitungen. Onkel Laguna ist hoffnungslos damit überfordert und ich bin nicht immer da, um ihm zu helfen.“
„Tante Quistie?“, verlangte Tinill zu wissen. „Wer ist das?“
„Tante?“, fragte Ellione grinsend. Dann ging sie vor dem Mädchen in die Knie. „Wie heißt du denn, Kleine?“
„Ich bin Tinill und bin nicht klein“, gab diese zurück.
„Na gut“, erwiderte Ell immer noch freundlich. „Weißt du, ich war auch mal Tante in Edeas Waisenhaus, so wie Quistis jetzt. Als Squall, Xell, Selphie, Irvine und Cifer zusammen mit ihr dort wohnten, war ich ihre große Schwester, an die sie sich immer wenden konnten... was sie auch reichlich oft taten.“ Auf ihren Seitenblick reagierte Quistis nur mit einem verärgerten Schnauben. „Ist Quistis eine gute Tante?“
„Sie hat ganz allein fünf Monster besiegt“, warf Aniery ein. Er wirkte stolz, als habe er es selbst vollbracht. „Sie ist eine große Kriegerin.“
„Danach habe ich aber nicht gefragt“, tadelte Ell ihn. „Ich wollte wissen, ob sie eine gute Tante ist, nicht ob sie eine gute Kämpferin ist. Das weiß ich schon viel länger als ihr.“
Eclisa hängte sich an Quistis’ Fuß und sah Ell herausfordernd an. „Tante Quistie ist die beste Freundin der Welt“, verkündete sie. „Sie ist immer nett zu uns, auch wenn wir frech sind. Und sie sieht sich meine Zeichnungen an, auch wenn sie zu tun hat. Sie mag uns genau so gern wie Mama Edea!"
„Stimmt das?“, fragte Ell mit hochgezogener Augenbraue.
„Tante Quistie ist immer gerecht“, antwortete Veshore leise. „Sie hat Aniery dazu gebracht, mir mein Schwert zurückzugeben.“
„Du hast ihm sein Schwert weggenommen?“
Aniery murmelte etwas Unverständliches, dann wich er aus: „Willst du etwa behaupten, du wärst eine bessere Tante als Quistis?“
„Nein.“ Ell stand auf. „Gratuliere, Quistis. Diese Kinder haben dich ganz in ihr Herz geschlossen. Ich weiß wirklich nicht, warum Edea an dir herummeckert.“
„Ach, hört schon auf“, rief Quistis, die ein bisschen rot geworden war. „Das sagt ihr doch alle nur, damit ihr euch zuhause mehr erlauben könnt!“
„Nein“, tönte es aus mehreren Kinderkehlen zurück.
„Komm, ich nehme dir die kleinen Quälgeister ab, bevor sie dich noch verlegener machen“, bot Ellione grinsend an. „Ich zeige ihnen Esthar, bis ihr hier mit Onkel Laguna fertig seid.“
„Danke“, sagte Quistis dankbar. So rührend die offenen Liebesbezeugungen der Kinder auch waren... etwas peinlich war es vor Ellione schon. Sie winkte den Kindern kurz zu und ging dann zu Edea und Laguna hinüber. Die Hexe stand vor dem Schreibtisch des Präsidenten und hörte sich offenbar gerade die Neuigkeiten aus aller Welt an.
„... also können wir vorläufig keine Leute zu euch schicken, Edea“, verkündete Laguna gerade. Es klang wirklich bedauernd. „Es tut mir Leid, aber die Sicherheit meiner Stadt hat Vorrang.“
„Was hab ich denn verpasst?“, schaltete sich Quistis ein.
„Hallo, Quistis“, antwortete Laguna und zauberte ein Lächeln auf seine Lippen. „Lange nicht gesehen. Ich habe deiner Mutter gerade erklärt, dass nicht nur dir auf einen Schlag sämtliche Zauber abhanden gekommen sind. Offenbar ist dieses Phänomen in Galbadia, Dollet, Winhill und dem gesamten Centra- Kontinent aufgetreten.“
„Was? Das ist ja die halbe Welt?“
„Richtig. Überall wurde die Armee mobilisiert, denn wenn die Monster bemerken, dass nirgends mehr Zauber ausgeübt werden kann, werden sie die Städte stürmen! Und Direktor Cid hat mich davon in Kenntnis gesetzt, dass Squall und die anderen etwas entdeckt haben, das anscheinend was damit zu tun hat. Aber ich weiß selbst nicht halb so viel, wie es mir Recht wäre. Der Balamb Garden kommt ohnehin wegen der Hochzeit her, bei der Gelegenheit können sie es uns gleich erklären.“
„Sind Rinoa und Squall denn nicht hier?“, wunderte sich Edea. „Ich dachte, Kiros und Ward hätten so was gesagt. Nicht wahr?“, wandte sie sich an die beiden Berater des Präsidenten.
„Ja, die beiden sind heute angekommen und gleich nach der Begrüßung zu Professor Odyne marschiert. Haben irgendwas von einer unbekannten Kraft gefaselt. Ich und Ward sind jedenfalls nicht draus schlau geworden.“ Ward nickte zustimmend.
„Ich auch nicht“, gab Laguna zu. Sein Gesicht war ungewohnt düster. „Die beiden sagten irgendetwas davon, dass sie sich eine Weile von uns fernhalten würden, weil sie auf etwas gestoßen sind, das niemand kennt. Jedenfalls haben sie sich sofort zurückgezogen, als hätten sie Angst, sie würden uns Unglück bringen. Ich habe ihnen den Schmerz ansehen können, Edea.“
Quistis krampfte sich einerseits das Herz zusammen, als sie Laguna so über ihre Freunde reden hörte, andererseits war sie dennoch ein wenig erleichtert, dass sie den beiden nicht sofort gegenübertreten musste. „Wo sind sie denn jetzt?“, wollte sie wissen.
„Sie haben die Ragnarok genommen und sind abgehauen“, antwortete der Präsident und lehnte sich zurück. „Ich habe keine Ahnung, wo sie momentan sind. Ich hoffe nur, sie vergessen nicht ihre eigene Hochzeit. Immerhin mühe ich mich hier bis zum Exitus für sie ab!“
„Ich bin sicher, sie werden es dir danken“, erwiderte Edea lächelnd. „Spätestens, wenn sie deinem ersten Enkel deinen Namen geben.“
„Gott bewahre“, rief Laguna aus. „Ich bin noch zu jung für Enkel! Verschont mich bitte mit diesem Thema!“
„Na schön. Da wir jetzt ohnehin nicht wegkönnen, kannst du uns ruhig sagen, was für die Hochzeit noch zu erledigen ist.“ Edea klang sehr bestimmt. „Immerhin geht es auch um meinen Sohn, nicht nur um deinen.“
„In Ordnung“, seufzte Laguna. „Ich bin heute nicht mehr kräftig genug für eine Diskussion. Kommt her.“
„Was ist das denn?“, fragte Quistis, als sie einen geöffneten und zerrissenen Briefumschlag sah, der zuoberst auf dem Schreibtisch lag.
Lagunas Gesicht verdüsterte sich. „Das ist der Grund, warum ich vermutlich ein Magengeschwür bekommen werde“, entgegnete er. „Ein Wichtigtuer, der jedes Ereignis nutzt, um politische Macht zu erlangen. Er heißt Crannox Jeed und trat zum ersten Mal kurz nach eurem Kampf gegen – Entschuldigung, Quistis – den Monsterbeschwörer auf. Er möchte unbedingt Präsident von Esthar werden, egal wie.“
„Ich dachte, dir ist der Job zuwider?“, erkundigte sich Edea. „Wieso lässt du ihn dann nicht ran? Ich wette, in ein paar Tagen würde er dich anflehen, ihn wieder abzulösen.“
Laguna schnaubte. „Wenn ich dem Kerl auch nur ein bisschen politisches Rückgrat zutrauen würde, wäre ich schon längst draußen und würde Fotoreportagen machen!“, erwiderte er. „Aber alles, was Jeed bis jetzt verlautbaren ließ, waren Verleumdungen und unbewiesene Anklagen. Einem solchen Typen will ich Esthar nicht überlassen.“
„Da hast du Recht“, pflichtete ihm Quistis bei. „Aber was hat er geschrieben?“
„Dass ich Squalls und Rinoas Hochzeit nur als Vorwand benütze, um einen Pakt mit Galbadia zu schließen und einen Eroberungskrieg gegen die Welt zu beginnen. Natürlich etwas freundlicher formuliert.“
„Aber das ist doch völlig absurd!“, protestierte die blonde Frau. „Du bist einer der friedliebendsten Menschen, die ich kenne!“
Laguna lächelte kurz. „Vielen Dank. Aber noch ist dieser Idiot kein Problem. Gefährlich wird es erst, wenn auch auf dem Esthar-Kontinent die Magie verschwindet... denn gerade dann bräuchte ich Einigkeit in Esthar, um die Stadt im Notfall verteidigen zu können!“
„Glaubst du denn wirklich, die Menschen würden auf diese Verleumdungen hören?“, fragte Edea ungläubig.
„Gerade du müsstest eigentlich aus Galbadia wissen, worauf die Menschen hören, wenn sie vor etwas Angst haben.“ Laguna schüttelte den Kopf. „Wenn du ihnen einen Sündenbock präsentierst, glauben sie dir alles.“
„Laguna, du darfst verdammt noch mal nicht einfach aufgeben“, schimpfte Quistis. „Wenn unsere Freunde erst hier sind, dann hast du starke Verbündete, um die Stadt notfalls auch allein verteidigen zu können! Und wenn die Gefahr erst mal vorüber ist, werden sich die Leute schon wieder beruhigen.“
Laguna blickte sie erstaunt an. „Ja, du hast Recht“, gestand er schließlich. „Wir sollten uns jetzt wichtigeren Themen zuwenden. Was haltet ihr davon, wenn Rinoa Flügel an ihr Hochzeitskleid genäht bekommt?“ Auf die verdutzten Blicke der beiden Frauen versicherte er schnell: „Das war Ells Idee!“

„Was ist nur in Sie gefahren?“ Xell hatte Direktor Cid noch niemals so wütend erlebt. Der unscheinbare Mann wuchs gerade über sich selbst hinaus. „Kaum haben wir die anderen Gardens so weit, dass sie ihre Kadetten mit uns nach Esthar fahren lassen, haben Sie nichts besseres zu tun, als sich in Lebensgefahr zu bringen?“
„Zu unserer Verteidigung, Direktor Cid: Selphie und ich hätten Irvine...“
„Schweigen Sie, Xell!“, unterbrach ihn Cid. „Mit Ihnen rede ich später. Also, wer von Ihnen hat Kinneas provoziert?“
Als Niida vortreten wollte, hielten ihn beide Mädchen zurück. Erstaunt blickte er sie an. Crys schüttelte den Kopf und trat selbst vor. Selphie ebenfalls.
„Sie beide?“ Cid runzelte die Stirn. „Wieso ausgerechnet Sie, Selphie? Ich dachte, Sie wären mit Irvine befreundet?“