Rai-Jin sah ihn groß an. „Ohne mal unser Geld abzuholen? Wir sind Söldner! Wir haben mal ein Anrecht darauf, für unseren Einsatz bezahlt zu werden!“ Squall drehte verwundert den Kopf, als er sicher war, dass Rinoa wieder stehen konnte. „Bezahlt?“ fragte er. „Ich dachte, du wolltest diesen Kampf unbedingt für dein Image bestehen, Cifer!“ „Und?“ entgegnete dieser schulterzuckend. „Man kann doch auch das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden, oder?“ Dann sah er sich suchend um. „Du weißt nicht zufällig, wo sich dein Vater rumtreibt? Ich möchte ihm so bald wie möglich die Rechnung vorlegen. Ich glaube, wir werden eine Zeitlang nicht arbeiten müssen!“
Squall sah kurz über seine Schulter. „Ich glaube, mit ihm kannst du heute nicht mehr rechnen“, bemerkte er, als er Kiros und Ward sah, die Laguna an beiden Armen gepackt hatten und mehr hinauszerrten als – geleiteten. Er verzog die Lippen, als er Cifers ungläubiges Gesicht sah, dann blickte er wieder zu Laguna hin. „Lasst mich los, ihr beiden“, verlangte er gerade. „Was soll denn das? Ich bin sicher, das Licht wäre gleich wieder angegangen...“ Als sie an der Gruppe vorbeikamen, bemerkte er sie und rief ihnen zu: „Hallo, Leute! Tolle Stimmung hier, nicht? Ich hoffe, ihr amüsiert euch gut. Ich komm gleich wieder, sobald ich diese Nichtsnutze hier gefeuert habe...“ In diesem Augenblick fiel die Tür hinter den dreien zu und kappte die Verbindung.
Rinoa, die sich inzwischen schon wieder erholt hatte, sah Cifer so unschuldig wie möglich an. „Tja“, meinte sie. „Es scheint so, als ob ihr noch bis morgen hier bleiben müsstet, nicht wahr, Cifer?“ „Ja, scheint so“, antwortete dieser, noch immer auf die Tür starrend. „Also, Leute hast du in deinem Freundeskreis, Squall... ich möchte nicht mit dir tauschen!“ Dieser lächelte Rinoa zu, nahm sie in den Arm und sagte: „Das hoffe ich doch! Sonst müsste ich mit dir um Rinoa kämpfen. Kommt, sehen wir mal nach, ob Irvine am Büffet noch etwas für uns übriggelassen hat!“
Traurig starrte Quistis auf die hellen Lichter, die immer wieder aus den Fenstern der Residenz blitzten. Natürlich wäre sie auch gerne auf diese Feier gegangen, aber sie ahnte, dass sie die gute Stimmung verdorben hätte, wenn sie aufgetaucht wäre. Wahrscheinlich hätte sich jeder in ihrer Nähe unwohl gefühlt, ihre Freunde vielleicht ausgenommen. Als sie gestern aufgewacht war, hatte sie sofort versucht, den Garden zu verlassen und wegzulaufen, aber die anderen hatten am Haupttor auf sie gewartet.
Sie war darauf gefasst gewesen, zumindest aus Irvines Mund Beschimpfungen und Flüche zu hören, aber sogar er hatte kurz den Hut gehoben, sie angelächelt und „Willkommen zuhause“ gesagt. Obwohl er sie nach einer kurzen Umarmung sofort wieder verlassen hatte, um zu Selphie zurückzukehren, war kein Hass bei ihm zu spüren gewesen. Auch Xell hatte ihr nur (ziemlich fest) auf die Schulter geklopft, Rinoa hatte sie warm angesehen und ihre Hände gehalten, und Squall hatte sie sogar angelächelt und umarmt! Sogar Ell war bei ihnen gewesen und hatte ihr gesagt, dass jeder in Esthar wusste, dass sie den Sieg ermöglicht hatte.
Trotzdem, sie wollte auch aus einem zweiten Grund nicht gehen. Sie hatte jemanden getötet. Das war zwar im Leben eines SEED nicht zu vermeiden, aber niemand hier wusste, wie es war, den eigenen Vater umzubringen. Quistis war nicht umsonst Ausbilderin gewesen, sie konnte ihre Gefühle verstecken. Bald würde sie sich überzeugt haben, dass es ihre Pflicht gewesen war, diesen Verrückten umzubringen. Aber bis dahin würde ihr Herz ihr zuflüstern, wer dieser Verrückte gewesen war.
Sie wischte eine einzelne Träne aus dem Gesicht, als sie Schritte hinter sich hörte. „Mama!“ entfuhr es ihr, als Edea schließlich ins Licht trat. Sie sah ihre Ziehtochter warm an und fragte: „Hast du etwas gegen etwas Gesellschaft?“ „Wieso... bist du hier? Du weißt doch, wie gefährlich es ist, die Übungshalle zu betreten! Du hättest getötet werden können!“ Quistis klammerte sich am Geländer fest. Edea lächelte nur. „Squall hat mir Eden geborgt“, antwortete sie. „Ich wollte mit dir sprechen.“
Quistis drehte sich wieder um. „Worüber denn?“ fragte sie bitter. „Über meine Gründe, warum ich mich ihm angeschlossen habe? Oder über die, warum ich ihn getötet habe?“ „Keins von beiden!“ Edea lehnte sich neben sie ans Geländer. „Ich wollte nur wissen, was du jetzt zu tun gedenkst!“ „Was?“ Quistis war überrascht. Was sie jetzt tun wollte? Nun, ehrlich gesagt hatte sie noch nicht darüber nachgedacht. Sie konnte nicht im Garden bleiben, vielleicht würde es ihr sogar erlaubt werden, aber sie würde immer wieder die Blicke der Schüler im Rücken spüren. „Passt auf euch auf, sonst passiert euch das Gleiche wie ihr!“ würden sie sagen.
„Ich... weiß nicht“, fing sie zögernd an. „Ich habe daran gedacht, meinen SEED-Rang niederzulegen und als freie Söldnerin zu arbeiten. Vielleicht bewerbe ich mich auch irgendwo beim Militär!“ Sie wusste, dass sie das nicht tun würde, und Edea wusste das auch. Sie hatte die Methoden des Militärs immer verabscheut, und als Söldner zu arbeiten,... vielleicht, aber ganz allein? Das konnte sie sich nicht vorstellen. „Wieso?“
Edea blickte sie an. „Weil ich dich sonst bitten würde, mit mir zu kommen und im Waisenhaus zu arbeiten“ sagte sie. „Du könntest mir dabei helfen, die neuen Waisenkinder zu betreuen, die sicher bald eintreffen werden. Mehr als ein Kind hat gestern seine Eltern verloren. Du könntest das für diese Kinder sein, was Ell einst für euch war.“
Quistis sah Edea ein paar Augenblicke lang an, dann entgegnete sie: „Ich weiß nicht. Ich habe mit Kindern nicht sonderlich viel Übung. Vielleicht...“ „Spar dir dein Vielleicht!“ rief Edea. „Wieso zögerst du überhaupt? Quistis, wenn du mir im Waisenhaus Gesellschaft leisten würdest, würde das nicht nur dir, sondern auch mir helfen. Was glaubst du denn, wie es ist, wenn Cid den Garden leiten muss und ich das Haus? Ich bin sehr allein, seit ihr alle im Garden seid, Quistis. Ich würde mich freuen, wenn du mit mir kämst! Und außerdem würden Squall und die anderen uns besuchen kommen, wenn sie Zeit haben. Du kannst dieses Angebot einfach nicht ablehnen!“
Quistis hatte ihr mit immer größerer Hoffnung zugehört. Sie stellte sich aufrecht hin, vollführte den SEED- Gruß und lächelte ihre Mutter an. „Ich nehme Ihr Angebot an!“ sagte sie förmlich. „Mama“, fügte sie hinzu. Dann ließ sie sich von Edea umarmen.
„Was für eine Nacht!“ bemerkte Rinoa, als sie sich neben Squall auf das neue Doppelbett fallen ließ. Bisher waren sie zwar miteinander gegangen, aber geschlafen hatten sie immer noch in den eigenen Zimmern. Das änderte sich ab heute. „Erst dieser Zirkus mit Laguna, dann kommt Irvine herein und hinterlässt ein Tohuwabohu und dann auch noch Xells alberne Trinksprüche!“
Squall lächelte. Er fühlte sich nicht betrunken, und zweifellos war er auch nicht halb so blau wie sein Vater, aber leichter Nebel hatte sich bereits in seinem Kopf gebildet. „Ach, komm“, beschwichtigte er. „Du hast doch selbst auch mitgelacht! Und gib zu, es sah urkomisch aus, als Irvine plötzlich versuchte, noch einmal auf die Krankenstation zu gehen und schon beim Aufstehen zusammenklappte!“ „Ja, das stimmt! Aber jetzt schlafen dein sauberer Herr Vater und er bereits seinen Rausch aus, Cifer ist gerade dabei, seinen gerade erst verdienten Lohn im Triple Triad an Xell zu verlieren, während Fu-Jin und Rai-Jin ihn verzweifelt beobachten, und die anderen streifen noch irgendwo herum.“ Sie legte den Kopf schief und sah ihn an. „Wir sind endlich allein.“
Squall rückte ein wenig näher an sie heran und streichelte ihre Wange. „Denkst du nicht auch, dass wir unser neues Zimmer noch ein wenig feiern sollten?“ fragte er leise. Sie hörte aus seiner Stimme, dass er ein bisschen nervös war. Er war so süß, wenn er unsicher war! Sie nahm seine Hand und legte sie an ihre Brust. „Ja“, flüsterte sie zurück. „das finde ich auch.“ Sie spürte förmlich, wie sein Puls raste, aber ihr ging es kaum anders. Vermutlich war das bei jedem so.
Trotzdem schob sie sich an ihn heran und küsste ihn sanft. Der Kuss löste ihre Spannung, und sie umarmten sich. Es dauerte ziemlich lange, bis sich ihre Lippen wieder voneinander lösten. „Weißt du, was ich jetzt gern machen würde?“ fragte sie ihn. Seine Augen glitzerten erwartungsvoll. „Laguna hat zu mir gesagt, er möchte noch nicht so bald Großvater genannt werden müssen. Ich hätte Lust, ihn zu ärgern.“ Das Zimmer war dunkel, aber sie sah trotzdem, wie er rot wurde. Grinsend legte sie ihm den Finger auf den Mund. „Natürlich noch nicht jetzt. Ein wenig Zeit möchte ich dich schon noch für mich allein haben!“
Sie küsste ihn noch einmal, aber diesmal unterbrachen sie sich nicht noch einmal zum Sprechen. Die restliche Nacht sprachen sie kein Wort mehr. Es war auch nicht nötig.






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