Die Tür schwang langsam auf und nachdem sich der Dampf verzogen hatte, erkannte man eine schmale, blonde Gestalt, die die Anwesenden kühl musterte. Cifer erkannte sie als erste. „Die Verräterin!“ heulte er. „Stirb, du Miststück!“ Er holte weit mit seiner Gunblade aus und wollte sich auf Quistis stürzen, diese blickte ihn jedoch nur verachtend an und hob die Hand. „Stop!“ Der Zeit-Zauber wirkte sofort und ließ Cifer auf der Stelle erstarren. „Ich bin nicht hierher gekommen, um meine Zeit mit einem Kampf zu verschwenden!“ erklärte sie dem stocksteifen Jungen und fuhr dann fort: „Und wenn ihr nicht noch länger hier herinnen bleiben wollt, dann folgt mir.“
„Quiiiiistie ist unschuldig!“ jubelte Selphie und hüpfte in die Luft. „Los, folgen wir ihr!“
Squall steckte zögernd seine Gunblade ein, lächelte dann aber und gab das Zeichen zur Entwarnung. Ebenfalls zögernd, aber mit aufkeimender Hoffnung verstauten auch die anderen ihre Waffen und gingen durch die Tür. Rinoa blieb mit Rai-Jin und Fu-Jin zurück, um Cifer zu erlösen. „Anti-Z!“ rief sie und packte den Jungen gleich darauf am Arm. Auch Rai-Jin griff zu und Fu-Jin stellte sich vor die Tür, damit er sich nicht auf Quistis stürzte, die ihn immer noch ernst musterte.
„Cifer, hör auf!“ zischte sie ihm zu. „Ich weiß, dass du dich an ihr rächen willst, aber tu das gefälligst später! Jetzt haben wir keine Zeit dazu! Wir müssen den Monsterbeschwörer finden, verdammt noch mal! Er hat dich verraten und angegriffen, das ist sicher, oder? Quistis kannst du dir später auch noch vornehmen!“
Einen Moment lang bäumte sich Cifer noch in ihrem Griff auf, dann entspannte er sich. Mit glitzernden Augen rief er Quistis zu: „Hüte dich, irgendwas zu tun, das mir verdächtig vorkommt, sonst werde ich dich schneller töten, als du bereuen kannst!“ Dann wand er sich aus den Händen der anderen heraus und marschierte so würdevoll wie möglich an der blonden Frau vorbei. Rai-Jin und Fu-Jin folgte ihm.
Rinoa wartete, bis Quistis draußen war, dann ging sie ebenfalls durch die Tür und schloss sie. Dabei ließ sie ihre Freundin nicht aus den Augen. Alle außer Cifer wollten glauben, dass Quistis sie nicht verraten hatte, auch Squall. Sie wollte das auch, aber... irgendetwas, vielleicht ihre Hexenkräfte, machte sie stutzig. Und sie hatte den Blick der jungen Frau gesehen, mit dem sie alle gestreift hatte. Kein Gefühl hatte darin gelegen. Sie musste vorsichtig sein.
„Wir müssen hinaus zur Ragnarok!“ verkündete Quistis gerade. „Der Beschwörer will seine Armee dort sammeln und auf die letzten Nachzügler warten. Dann wird er ihnen die Befehle eingeben, um Esthar einzunehmen. Es wird vielleicht noch einen Tag dauern, dann wird die Monsterhorde auf die Stadt zumarschieren.“
„Eine Frage noch“, unterbrach Squall. „Wieso wollte der Feind dich nicht töten?“ Es wurde völlig still.
„Weil er etwas in mir sah, was er sehr vermisst hat“, beantwortete Quistis, noch immer ohne Gefühl in der Stimme. „Er hatte früher einmal eine Tochter, die mir sehr ähnlich sah. Er glaubt, dass ich in Esthar geboren bin und nur ins Waisenhaus gebracht wurde, weil Adell mich für ungefährlich hielt. Seine Frau hat sie jedoch getötet. Er glaubt, dass er nur noch mich auf der Welt hat.“ Sie drehte den Kopf. „Folgt mir jetzt. Wir müssen ihn überraschen.“
Rinoa wurde immer unbehaglicher. An der Geschichte mit der Tochter war mehr Wahres, als Quistis zugab, das spürte sie. Dennoch folgte sie den anderen. Sie hielt sich in Squalls Nähe auf, um ihn schützen zu können, sollten sie in einen Hinterhalt geführt werden, blickte aber immer wieder zu Cifer zurück. Er war der einzige, der dieser Rettungsaktion außer ihr misstraute.
Als sie zum Kraftfeld kamen, nahm Quistis Anlauf und sprang hindurch. Die anderen folgten. Rinoa spürte ein seltsames Kribbeln. Zögernd holte sie unter den erstaunten Blicken von Cifer, Rai-Jin und Fu-Jin ihre Waffe hervor. Dann schritt sie ohne ein Wort durch das Kraftfeld. Und sah gerade noch, wie Quistis in einem Gang verschwand, den die Monster hinter ihr sofort wieder schlossen. Sofort schoss sie auf einen Morbol, der nahe bei ihr stand, aber seltsamerweise stürzte er sich nicht auf sie. Das war richtiggehend unheimlich.
„Bitte hören Sie mir jetzt gut zu!“ erklang die Stimme des Monsterbeschwörers vom Rücken eines weit entfernten Rumbrum-Drachen. Der Anblick war so unglaublich, dass er schon lächerlich wirkte: ein Mensch auf einem Monster, das ihn um das 10-fache an Körpermasse übertraf. Nein, zwei Menschen. Wäre Squall nicht Squall gewesen, dann wären ihm vermutlich Tränen des Zorns in die Augen geschossen, aber so sah er nur mit einem wütenden Flackern im Auge zu, wie sich der Kopf des Monsters herabbeugte und Quistis aufsteigen ließ. Dann beförderte er sie zum Beschwörer auf den Rücken.
Rinoa fluchte. Wieso hatte sie ihre Bedenken bloß nicht Squall mitgeteilt? Er hätte ihr sicher geglaubt, er war schließlich ihr Hexen-Ritter! Sie stellte sich an seine Seite, und er lächelte ihr ermutigend zu, auch wenn sie wusste, dass er tief im Inneren nur verletzt und ängstlich war. Aber das zeigte er für gewöhnlich nur, wenn sie beide zusammen waren. Dann schüttelte sie den Kopf und verdrängte diese schönen Erinnerungen. Jetzt galt es erst einmal zu hören.
„Wie Sie sehen, haben meine Geschöpfe Sie noch nicht getötet!“ fuhr der Wissenschaftler fort, an dessen Seite Quistis sie kalt musterte. „Das ist aber nur so, weil ich mit Ihrer Freundin Quistis übereingekommen bin, Ihnen eine Chance auf Überleben einzuräumen. Meine Monster werden vor Ihnen einen 100 Meter langen Gang öffnen. Wenn Sie diesen Gang betreten, werden Sie sofort von Ihnen angegriffen. Sollten Sie es tatsächlich schaffen, diese Angriffe erfolgreich abzuwehren und den Gang wieder zu verlassen, werden wir Sie Ihr Raumschiff besteigen und davonfliegen lassen. Sollte das nicht der Fall sein, werden wir Ihnen Grabsteine aus dem besten Laden von Esthar hierher schicken lassen!“
„Und was würde passieren, wenn wir diesen verdammten Gang ignorieren und statt dessen Sie und Ihre Überläuferin angreifen würden?“ Cifer sprühte förmlich vor solcher Wut, die Squall selten bei ihm gesehen hatte. Dennoch, Quistis war davon nicht beeindruckt. Sie sah ihn mit einem Blick an, der sogar Shiva hätte frösteln lassen. Er musste den Blick als erster abwenden.
„Quistis!“ mischte sich Xell in das Gespräch ein. „Hast du wirklich alles verraten, was du im Garden gelernt hast? Was hat dir dieser Wahnsinnige dafür geboten? Halb Esthar? Oder die halbe Welt?“ Auch er war wütend, aber im Gegensatz zu Cifer hoffte er noch immer, Quistis würde sich nur verstellen. Squall wusste aber, dass dem nicht so war. Er gebot dem Faustkämpfer zu schweigen.
„Warum?“ fragte er. Nur dieses eine Wort. Aber vermutlich hätte sie auch keine andere Frage beantwortet. „Weil ihr mich sehr enttäuscht habt, Squall!“ rief sie ihm ebenso ruhig zu. „Und weil ich euch nicht angelogen habe. Dieser Mann hier musste mir nichts anbieten. Er ist mein Vater!“
Alle außer Rinoa waren überrascht, aber sie senkte nur traurig den Kopf. Es war also tatsächlich richtig gewesen, was ihr die innere Stimme sagen wollte. Sie hätte auf sie hören sollen. „Aber halten wir uns nicht allzu lange mit Gesprächen auf“ redete Quistis weiter. „Ihr wisst, dass ihr uns durch diese Armee nicht erreichen könnt. Euch bleibt nur der Korridor. Bleibt und sterbt oder geht und kämpft.“ Mit diesen Worten öffnete sich der Gang. 100 Meter. Lächerliche 100 Meter! Aber unter diesen Umständen war der Weg zum Mond auch nicht viel länger.
Squall resignierte. „Cifer, habt ihr Aura-Steine? Wenn ja, dann nützt sie jetzt! Wir werden, bevor wir loslaufen, Protes und Shell auf alle sprechen, außerdem Regena. Selphie, du bleibst im Hintergrund und heilst, greif nicht selbst in den Kampf ein! Wir anderen werden versuchen, so viele Monster wie möglich zu töten, damit wir den Weg freibekommen.“
Cifer widersprach ihm zu aller Verwunderung nicht, er fragte lediglich: „Glaubst du etwa auch, dass sie den Gang wieder schließen werden, sobald wir drin sind? Endlich wirst du vernünftig!“
„Ich weiß lediglich, dass wir auf alles gefasst sein müssen!“ gab Squall mit fester Stimme zurück. „Jeder soll seine Zauber aussprechen. Und verzichtet auf G.F.! In diesem Kampf würde das zu lange dauern!“ Er wartete, bis alle die lebensverlängernden Zauber gesprochen hatten, dann rief er: „Los!“
Im nächsten Augenblick rannten alle wie ein Mann los. Einen Augenblick lang waren die Monster zu überrascht, um anzugreifen, und sie konnten gute 10 Meter zurücklegen. Aber dann brach die Hölle los. Von allen Seiten schossen Feuerstrahlen aus Drachenhälsen, giftiger Morbolatem und Zauber heran. Ein Archeodinos trat Squall in den Weg, wurde jedoch von seinem Multi weggeräumt. Angel, Rinoas Hund, riss einen Wild Hook in die Höhe und ließ ihn mit ungeheurer Wucht zu Boden krachen. Irvine schoss pausenlos Silbermunition in die Reihen der Monster. Rai-Jin konnte seinen Limit nicht anwenden und warf statt dessen einen Ultima-Stein, der drei Quale verenden ließ. Fu-Jin halbierte zwei Galchimesäras, die sich zu nahe an sie herangewagt hatten. Cifer hob mit seinem Limit einen Stahlgiganten in die Höhe und zerschnipselte ihn förmlich, und Selphie versuchte derweil, ihre Lebenspunkte auf dem nötigen Level zu halten, denn sie wurden trotz der vielen Treffer, die sie anbrachten, noch öfter selbst getroffen. Xell blieb bei ihr und prügelte die Ungeheuer nieder, die dem Mädchen zu nahe kamen.
Squall sprach statt seiner Spezialfähigkeit Meteor und wieder fielen einige Monster. Rinoa rief noch einmal Angel, um die Feinde mit Sternschnuppe zu dezimieren, und ein halbes Dutzend Ungeheuer bezahlte einen Angriff mit ihrem Leben. Selphie warf ein Mega-Potion, während Irvine Squalls Weisung missachtete und eine G.F. beschwor. Sie verloren beinahe den Kontakt, aber Eden war um ein Fünkchen schneller als die Hiebe der Monster. Der „Hauch des Universums“-Angriff löschte beinahe alle Monster im näheren Umkreis des Scharfschützen aus. Xell versuchte derweil, gleich zwei Grendels gleichzeitig niederzustrecken, tat sich aber schwer damit. Rai-Jin fegte mit seinem Drachentöter einen Rumbrum-Drachen von den Füßen und Fu- Jin beförderte einige Monster mit dem Tornado-Zauber aus ihrer Laufrichtung. Cifer glänzte förmlich vor Erregung, als er zwei Chimära-Hirne gleichzeitig angriff und zurücktrieb. Sie waren fast 30 Meter weit gekommen.
Aber das war zu wenig. Pausenlos strömten mehr Monster heran, und vor ihnen bildete sich langsam ein Wall, der bald nicht mehr zu durchbrechen sein würde. „Lasst von den Monstern ab“, brüllte Squall, während er eine Drachen-Isolde zweiteilte. „Wir müssen durchbrechen!“ Er wusste nicht, ob ihn seine Freunde verstanden hatten, aber er verschwendete auch keine Zeit damit, es herauszufinden. Er räumte mit Blast- Zone einen Teil des Weges frei und rannte sofort los, blind um sich hackend. Er sah nicht, dass Cifer neben ihm rannte und einige aufdringliche Gogue Seals und Schmelzdrachen fernhielt. Hinter ihnen rannte Rinoa, die anscheinend etwas versuchte, mit Irvine als Leibwache, der die Monster auf Distanz hielt. Xell, der schon etwas erschöpft wirkte, bildete mit Selphie, die gerade ein Final-Elixier warf, den Abschluss.
Es reicht nicht, schoss es Squall durch den Kopf. Egal, wie schnell wir sind, wir werden immer noch durch Monster aufgehalten. Und wenn... Im selben Augenblick sah er in den Augenwinkeln, dass Selphie durch einen Morbol und einen Stahlgiganten niedergestreckt wurde. Auch das noch! Verzweifelt stach er auf alles ein, was nicht menschliche Hautfarbe aufwies. Jetzt war es aus. Wenn sie nicht mehr regelmäßig geheilt wurden, dann war der Kampf schon so gut wie verloren. Er drehte den Kopf, um Rinoa noch ein letztes Mal zu sehen, bevor...
Er erstarrte. Das war nicht möglich! Im ersten Moment wollte er seinen Augen nicht trauen, dann fingen sie wieder an zu glänzen. Deswegen hatte Rinoa nicht gekämpft! Sie hatte auf ihr Limit gewartet! Der „Unsichtbare Mond“, den Angel auf sie zauberte, erfüllte ihn mit neuer Kraft. Er schrie begeistert auf, tötete einige Drachen, die ihm im Weg standen, durch seinen Herzensbrecher und schrie dann: „Haltet euch nicht mit den Monstern auf! Wir müssen zum Schiff, bevor die Wirkung nachlässt!“
Er wunderte sich, dass sogar Cifer widerwillig, aber doch von dem Rudel Drachen-Isolden abließ, das er gerade vor sich hertrieb und zur Ragnarok rannte. Fu-Jin und Rai-Jin folgte ihm, nachdem sie sich ihrer Gegner entledigt hatten. Rinoa schenkte Angel für ihren unschätzbaren Dienst schnell noch eine Leckerei, dann drehte sie sich ebenfalls um und lief den dreien nach. Irvine warf Selphies schlaffen Körper über die Schulter und schoss einen Behemoth, der ihm den Weg versperrte, so glücklich an, dass dieser umfiel und dabei ein paar Galchimesäras zerquetschte. Xell, der es nicht lassen konnte, beschwor noch kurz die Brothers, die einige heranstürmende Wild Hooks über die Köpfe der anderen hinwegkatapultierten, dann schloss er sich ebenfalls der allgemeinen Flucht an. Squall selbst bildete das Schlusslicht, nachdem er zwei zudringliche Lebensverbieter noch niedergeschlagen hatte.
Sofort, nachdem er die Schleuse passiert hatte, drückte er den Knopf, um sie zu verschließen, aber das war nicht nötig: ihre Feinde hielten Wort und die Monster damit zurück. Erleichtert ließ er sich niedersinken. Irvine hatte Selphie inzwischen sanft an eine der Außenwände gelehnt und zauberte gerade Erzengel auf sie. Sie wollte sofort wieder nach ihrer Waffe greifen, als er sie zurückhielt. „Es ist vorbei, Sephie“, meinte er beruhigend. „Wir sind in Sicherheit.“
„Bin ich frooooooh!“ seufzte das Mädchen glücklich und ließ sich wieder zurücksinken. „Das waaaar aber wirklich knapp!“
Cifer, der mit Rai-Jin und Fu-Jin an einer anderen Wand lehnte, war ungewöhnlich schweigsam, aber Squall zog es vor, diesen Zustand so lange wie möglich beizubehalten. In diesem Moment erklang Rinoas Stimme aus dem Bordlautsprecher: „Achtung, Achtung! Haltet euch gut fest dort unten, Xell startet nämlich gleich! Xell, bitte voooorsichtig!“ rief sie, als das Raumschiff so schnell abhob, dass alle durcheinandergeschüttelt wurden.
„Ist der Hasenfuß jetzt vollkommen durchgedreht?“ rief Cifer, während er versuchte, wieder auf die Füße zu kommen. Keiner war imstande zu antworten. Squall kämpfte sich mühsam hoch. Er musste ins Cockpit, um zu entscheiden, wo sie wieder landen sollten. Esthar musste gewarnt werden, aber der Balamb-Garden hatte ebenfalls ein Recht darauf, informiert zu werden, genau wie Galbadia und die anderen Staaten, dass möglicherweise bald ein Krieg beginnen würde. Aber wo sollten sie zuerst hin?
„Ah, Squall“, begrüßte ihn Rinoa, als er schwankend die Brücke des Schiffes betrat. „Ich wollte dich gerade suchen.“ „Hab ich dir denn so sehr gefehlt?“ fragte er, obwohl ihm momentan nicht gerade der Sinn nach Humor stand. „Das natürlich auch“, grinste sie, bevor sie ihm einen Kuss gab. Dann wurde sie wieder ernst. „Squall, ich denke, wir sollten beim Waisenhaus landen. Edea kann uns vielleicht sagen, wieso Quistis sich diesem Wahnsinnigen angeschlossen hat, außerdem könnte sie einen Gegenzauber kennen. Immerhin ist sie die älteste noch lebende Hexe, auch wenn sie keine Kräfte mehr hat!“
Squall dachte darüber nach. Ja, was Rinoa sagte, klang sinnvoll. „Xell, schalt die Lautsprecher im Frachtraum ein!“ wies er den Piloten an. „Alle mal herhören! Wir werden beim Waisenhaus landen und Edea um Rat fragen, bevor wir die anderen Staaten warnen. Quistis hat bestimmt nicht gelogen, als sie sagte, dass die Armee noch nicht einsatzbereit ist, und sonst wird die Schutzbarriere von Esthar den Angriffen schon eine Weile standhalten. Cifer, kommt ihr mit?“
„Nein“, tönte es blechern. „Setzt uns bei den Centra-Ruinen ab! Ich habe keine Lust auf dieses Himmelfahrtskommando. Wir werden eine Zeitlang untertauchen, dann wird man uns schon vergessen.“
Squall war zwar ein bisschen überrascht, dass Cifer so leicht aufgeben wollte, aber er respektierte seinen Wunsch. Er nickte Xell zu, Kurs auf die Centra-Ruinen zu nehmen. Er wunderte sich, wieso sein ehemaliger Gegner sie überhaupt kannte, aber dann dachte er sich, dass Cifer wahrscheinlich dort den Trick gefunden hatte, mit dem er Odin damals überlistet hatte. Dann schloss er die Augen. Er hoffte, Edea würde ihnen helfen können. Er fühlte sich von dieser Situation völlig überfordert. Quistis hatte sich gegen sie gewandt, ihr angeblicher Vater würde seine Armee bald beisammen haben und es war ihnen nicht gelungen, ihn aufzuhalten. Dankbar nahm er es hin, dass Rinoa ihn umarmte und mittels Hexenkraft Trost in ihn überfließen ließ. Er drückte sie an sich und sah aus dem Fenster. Was für eine Zeit.

„Sie haben es tatsächlich geschafft! Diese SEEDs sind wirklich Gegner, die man fürchten muss!“ bekannte der Monsterbeschwörer widerwillig. Er hatte wohl nicht geglaubt, dass Squall, Cifer und die anderen diesen Spießrutenlauf überstehen würden. Quistis hatte gewusst, dass sie dazu fähig waren.
„Aber sie sind die einzigen ihrer Art“, erinnerte sie ihn. „Alle anderen SEEDs sind entweder noch nicht lange ausgebildet oder im Kampf gegen die letzte Hexe gestorben. Wir müssen niemanden fürchten außer sie. Mit den G.F.s könnten sie uns erhebliche Schwierigkeiten machen, aber aufhalten können sie uns nicht, Vater!“
„Ah ja, diese G.F.s...“ murmelte er, während er sie ansah. „Hast nicht auch du noch einige davon „gekoppelt“, wie ihr es nennt?“
Ja, daran hatte sie noch gar nicht gedacht. Die G.F.s waren das letzte Bindeglied zu ihrer Vergangenheit. Nur sie erinnerten noch daran, dass sie zu Beginn dieses Auftrages SEED gewesen war. Aber sie hatte sich vom Garden losgesagt, im selben Moment, als sie die anderen gegen die Monster antreten ließ. Sie wusste, dass es unvorsichtig war, aber dennoch war sie sich sicher, dass sie die Schutzgeister nicht mehr mit gutem Gewissen einsetzen konnte. Sie ließ sie frei. Squall und die anderen würden dadurch bessere Chancen haben, aber das war ihr in diesem Moment egal.
„Nein, jetzt nicht mehr!“ Sie sah ihn fest an. „Ich lasse die Vergangenheit hinter mir!“
Feyjar Trepe ließ nicht durchblicken, ob er mit dieser Entscheidung einverstanden war. Er suchte in seinen Taschen nach etwas und hielt es dann hoch. Es war ein Anhänger, seltsam geformt. Er war silbern und bestand aus zwei Strichen, die sich in der oberen Hälfte des senkrechten kreuzten. Bis auf ein paar zierende Linien war er schmucklos, aber es war auch nicht die Schönheit des Anhängers, die Quistis beeindruckte. Der Anhänger besaß Macht, stark und rein, auch wenn sie durch die Größe des Schmuckstücks gebändigt war.
„Was ist das?“ fragte sie interessiert. „Hast du dieses... Ding auf dem Mond gefunden?“
„Ja“, bestätigte er. „So könnte man es nennen. Ich glaube, dass es große Macht besitzt, aber ich weiß nicht, wie man sie einsetzt. Aber vielleicht gelingt es ja dir, sie dir zunutze zu machen. Sie kann dich möglicherweise vor den SEEDs schützen, wenn sie dich angreifen. Ich werde dann wahrscheinlich zu beschäftigt sein, um uns beide abschirmen zu können. Das musst du dann übernehmen.“
Quistis nickte und griff nach dem Anhänger. Als er in ihre Hand glitt, begann er sich zu erwärmen, sodass er genau ihre Körpertemperatur erreichte. Es fühlte sich sehr gut an, als sie ihn sich an einer Kette um den Hals hängte. Er vermittelte ihr tatsächlich ein gewisses Gefühl von Schutz, auch wenn sie bezweifelte, dass er gegen einen Schwertstreich helfen würde. Sie sah hinaus auf die Armee von Monstern, die sich langsam wieder formierte. Viele der Bestien waren verletzt, aber noch mehr waren tot. Sie hatte gewusst, dass die SEEDs große Löcher in der Monsterhorde hinterlassen würde, aber sie war dennoch beeindruckt. Auch wenn es niemals genug Schaden war, um sie aufzuhalten, waren die Verluste groß.
Wenn Rinoa nicht ihre Spezialtechnik angewandt hätte, wären sie jetzt tot und könnten ihnen nicht mehr schaden. Obwohl sie versuchte, es zu unterdrücken, freute sich ein Teil von ihr darüber, dass ihre ehemaligen Freunde entkommen waren. Aber das würde sie beim nächsten Mal auch nicht schützen. Dessen war sie sich sicher. „Wie lange brauchen wir noch, um unsere Armee zu vervollständigen?“ fragte sie.
„Nur noch ein paar Stunden, mein Kind. Nur noch ein paar Stunden. Die letzten Truppen werden schon bald eintreffen.“