„Niemals!“ Cifer lachte humorlos. „Unsere liebenswerte Ex-Ausbilderin würde ihre Kameraden nie im Stich lassen. Seht, da kommt sie schon um die Ecke geschlichen! Sie bildet das Schlusslicht, um ihren lieben Squall zu schützen.“ Diesmal lachte er gehässig. „Aber diesmal wird sie nicht imstande sein, ihn zu schützen. Diesmal werden sie sterben!“
Er drehte sich zu ihrem Gastgeber um. „Wir sollten schnell handeln, Doc. Ich möchte mich unbedingt noch von ihnen verabschieden, bevor sie auf die Monsterarmee treffen. Sie sollen noch wissen...“ Plötzlich bemerkte er den seltsamen Ausdruck auf dem Gesicht des Forschers. „He, geht es Ihnen mal gut?“ wollte Rai-Jin wissen, der sich ebenfalls nach Cifers abgebrochenem Gespräch umgedreht hatte. „Angst?“ fragte Fu-Jin ein bisschen herablassend.
„Trepe? Quistis Trepe? Aber wie ist das mö…“ Von einem Moment auf den anderen fasste er sich wieder. „Ja, wir sollten diesen jungen Kämpfern tatsächlich entgegengehen. Folgen Sie mir. Wir werden sie auf der Lichtung bei meinen Haustieren erwarten. Sie werden aus nächster Nähe beobachten können, wie Ihre Feinde sterben.“
Er ging durch den Raum und öffnete eine weitere Tür. „Dieser Gang führt schneller durch den Berg. Wir werden früh genug am Schauplatz sein, um uns gute Plätze sichern zu können. Wollen Sie mir bitte folgen?“ bat er höflich.
Cifer grinste. „Mit Vergnügen. Kommt, Rai-Jin und Fu-Jin! Auf diesen Anblick warte ich schon sehr lange!“ Sie betraten den Gang und fingen an zu laufen. Der blonde Junge konnte es gar nicht abwarten, Squall am Boden zu sehen. Er malte sich aus, wie er ihm selbst ins Gesicht sagte, dass er diesmal nicht die richtige Seite gewählt hatte. Er war so sehr in seine Gedanken versunken, dass er nicht bemerkte, wie der Monsterbeschwörer nachdenklich ein wenig hinter ihnen blieb.
„Quistis Trepe...“, murmelte er. „Und ich Narr dachte, bereits alles Nötige über diese Welt zu wissen. Dabei habe ich das Wichtigste erst jetzt erfahren. Quistis...“ Er rannte wieder etwas schneller, um nicht den Eindruck zu erwecken, absichtlich zurückzufallen. Bald. Bald würden alle Überraschungen aus der Welt geschafft sein. Dann würde er seine Rache vollenden. Bald.
Squall hielt die Gunblade vorgestreckt, um eventuell angreifende Monster abzuwehren. In dieser Finsternis hätten sich nicht nur Schattenkriecher verstecken können, sondern auch jedes andere Ungeheuer, sofern es in den schmalen Gang passte. Das würde ihnen immerhin die stärksten Angriffe ersparen. Die anderen folgten ihm nach, jeder mit gezückter Waffe. Jeder von ihnen wusste, dass sie wieder einem Gegner gegenüberstanden, der annähernd so mächtig war wie Artemisia. Dennoch hatten sie keine Angst. Sie waren ausgebildet worden, um übernatürliche Kräfte von dieser Welt fernzuhalten. Der Tod war für sie zum täglichen Begleiter geworden.
„Squall, da vorn wird’s heller!“ flüsterte Xell aufgeregt. Wegen des schwachen Echos konnte dieser ihn sogar verstehen und nickte zum Zeichen, dass er das selbst auch bemerkt hatte. Vor ihnen befand sich eine Biegung, hinter der Tageslicht zu sehen war. Anscheinend hatten sie den ganzen Berg durchquert, und dahinter mussten dann die undurchdringlichen Wälder nördlich von Esthar liegen. Aber wieso sollte jemand an einem Gang Verwendung finden, der im tiefsten Gestrüpp endete?
Squall packte seine Waffe fester, sprang in einer fließenden Bewegung um die Ecke, schwang die Gunblade, um eventuelle Feinde abzuschrecken – und ließ sie wieder sinken, als er sah, mit wie vielen Gegnern er es zu tun hatte. Das Bild, das sich ihm darbot, war so unglaubwürdig, dass er losgelacht hätte, wäre er jemand anders gewesen. Legionen von Monstern, die stärksten, gegen die sie je gekämpft hatten, bevölkerten eine riesige Lichtung, die sie sich niedergetrampelt hatten. Hinter ihm traten auch die anderen aus dem Schatten.
„Allmächtiger!“ stöhnte Xell, als er sich umsah. Irvine fuchtelte nervös mit der Exetor herum, während Rinoa Squall an der Hand packte. Quistis rieb sich die Augen und murmelte einige Dinge, die wie „Ich glaub’s nicht“ klangen. Und Selphie blieb vollkommen still, was auch ihre Erschütterung zum Ausdruck brachte. Eine geschlagene Minute starrten sie auf dieses Bild, das unglaubliche Macht darstellte, bevor Rinoa mit heiserer Stimme etwas hervorbrachte: „Squall, wir müssen... den Monsterbeschwörer finden. Wenn er stirbt, dann werden sich die Monster wieder zerstreuen.“ Sie klang nicht sehr überzeugt.
Einen Augenblick lang gelang es Squall nicht, sich von dem Anblick loszureißen, dann schüttelte er kurz den Kopf. „Du hast Recht“, murmelte er. „Bis jetzt haben uns die Biester nicht bemerkt. Wir müssen versuchen, so schnell wie möglich den Waldrand zu erreichen, dort können sie uns nicht mehr so schnell verfolgen. Wahrscheinlich hat sich dieser Typ irgendwo in diesem Wald einen Unterschlupf gesucht.“ Er wagte einige Schritte, und so unglaublich es auch klang, keines der Ungeheuer bemerkte ihn, als er aus den Schatten trat und einige Schritte auf den Platz hinaus machte. Langsam ging er weiter, um nur keins der riesigen Augenpaare auf sich zu lenken, immer auf einen Angriff gefasst. Doch keiner kam.
Quistis ging noch immer nervös als letzte. Mit Unbehagen sah sie nach links und rechts, aber anscheinend waren die Monster auf etwas anderes konzentriert, denn sie blickten überall hin, nur nicht zu ihnen. Das machte sie stutzig, deshalb sah sie sich kurz um. Ein ersticktes Keuchen kam aus ihrer Kehle. „Squall!“ rief sie. „Die Monster haben uns eingekreist! Der Gang ist von lauter Archeodinos verstellt!“
Squall blieb abrupt stehen und sah nach allen Richtungen. Auf einmal schien es, als ob sich alle Blicke hier im Tal auf seine Einsatztruppe richteten. Eine Falle, schoss es ihm durch den Kopf. Eine verdammte Falle! Und sie waren darauf reingefallen. Aber das nützte ihnen jetzt auch nichts mehr. „Im Kreis aufstellen!“ befahl er knapp. „Sobald eines der Viecher auch nur blinzelt, sprecht Aura auf euch! Und dann versucht, den Gang zu erreichen! Alle, die das hier überleben, treffen sich bei der Ragnarok!“
„Keine Angst, mein junger Freund!“ erscholl da plötzlich eine wohlklingende, aber hämische Stimme auf dem Hügel, den die Morbole einnahmen. Zwei von ihnen rückten zur Seite und gaben den Blick auf einen Mann Ende dreißig, Anfang vierzig frei, der sie mit unverhohlener Neugier betrachtete. Der hatte einen einfarbigen Anzug aus dunklem Grau an, welches fast dieselbe Farbe wie sein Haar hatte. Seine Blicke waren stechend, sein Mund verriet großen Ernst. Dennoch genoss er seinen Triumph, das spürten die SEEDs. „So also sehen die besten Kämpfer der Welt aus. Ich muss gestehen, ich hätte Ihnen nicht zugetraut, auch nur mit einem einzigen Esthar-Soldaten fertig zu werden, wenn ich nicht eines Besseren belehrt worden wäre. Bitte nehmen Sie die Waffen herunter! Ich bezweifle, dass Sie es mit dieser Übermacht an Gegnern aufnehmen können, außerdem werden sie Sie momentan nicht angreifen, mein Wort darauf. Momentan.“
Keiner hinter ihm nahm die Waffe herunter, das spürte Squall. „Sie werden doch wohl verstehen, dass wir uns in dieser Situation nicht auf Ihr Wort verlassen können!“ rief er dem ehemaligen Esthar-Bewohner zu. „Woher kennen Sie uns und unsere Kräfte?“
Der Wissenschaftler zuckte gleichmütig mit den Schultern. „Nun gut, ich kann verstehen, dass Sie mir nicht trauen. Aber ich denke mir, dieser junge Mann hier möchte einfach gerne noch ein paar Worte mit Ihnen wechseln, bevor ich meine Armee auf Sie hetze.“ Damit machte er den Platz frei und hob die Hand zu einer präsentierenden Geste. Und statt ihm erschien...
„Cifer“, flüsterte Rinoa schockiert. „Du Hundesohn!“ brüllte Xell mit ohnmächtiger Wut in der Stimme. „Was hast du bei diesem Bastard da oben zu suchen?“
Cifer grinste spöttisch. „Reg’ dich ab, Hasenfuß!“ rief er herablassend. „Ich habe nur einen neuen Verbündeten besucht, das ist alles! Was habt ihr denn gedacht, was ich mache? Die Hände in den Schoß legen und mir diese Gelegenheit entgehen lassen?“
„Du würdest vermutlich auch unsere Mutter töten, um an mehr Macht zu gelangen!“ sagte Irvine angewidert. Er sprach nicht besonders laut, aber seine Missbilligung spürte man anscheinend bis nach oben, denn Cifers Stirn verdüsterte sich. Dennoch war es Rai-Jin, der statt ihm antwortete: „Da täuschst du dich aber mal in ihm“, entgegnete er. „Cifer geht es nicht um Macht. Er will nur mal eben seine Rache dafür haben, dass ihr ihn so oft geschlagen habt, mehr nicht. Es geht um seine Ehre.“
„Ehre!“ Quistis spucke aus. „Wie kann jemand Ehre besitzen, wenn er seine eigene Schule angegriffen und dabei zugesehen hat, wie jemand versucht, ganze Städte auszuradieren? Du hast keine Ehre mehr, die du noch retten könntest, Cifer!“
„Still!“ fauchte Fu-Jin, die nun ebenfalls neben ihre Partner getreten war. „Stolz!“
„Nein, wiiiiir werden nicht still sein!“ schrie Selphie wütend. „Mir egaaaal, ob Cifer in seinem Stolz verletzt ist, aber wenn er sich deshalb auf die Seite eiiiiiines Verrückten stellt, ist er nur ein dreckiger Verräter, weiter nichts!“
„Fu-Jin, Rai-Jin, was soll das?“ wandte sich Rinoa an Cifers Freunde. „Ihr habt doch schon einmal gemerkt, dass Cifer sich nur von seinem Hass antreiben lässt und deshalb von jedem steuerbar ist, der ihm unser Ende verspricht. Warum merkt ihr das jetzt nicht?“
Cifer hob die Hand. „Sei still, Rinoa! Sie haben frei entschieden, mit mir zu gehen.“ Dann wandte sich sein Blick Squall zu. „Was ist mit dir, Squall?“ fragte er seinen ehemaligen Trainingspartner. „Hast du mir nichts zu sagen? Keine Beleidigungen? Keine Aufforderung zu einem Duell, um das alles hier zu beenden?“
Squall blickte ihn kalt an. „Ich habe dir das schon einmal gesagt“, verkündete er. „Du bist für mich niemand mehr, mit dem ich etwas zu besprechen habe. Du bist nur unser Feind. Wenn du mit mir kämpfen willst, dann komm herunter und tu es, ansonsten hör auf mit dem Geschwafel! Damit erreichst du nichts.“
„Eine ausgezeichnete Idee!“ erklang es hinter den drei ehemaligen Garden-Schülern. Cifer drehte sich verwundert um, als er von etwas Grünem hart im Gesicht getroffen wurde. Er verlor das Gleichgewicht, hing eine Sekunde lang in der Luft und stürzte dann auf den Boden, um den Hügel hinabzurollen. Er hatte Glück, denn der Hügel war nicht hoch, und er konnte seine Rutschpartie bald abbremsen. Stöhnend versuchte er festzustellen, ob er sich etwas gebrochen hatte, aber die Hexenkraft in ihm hatte ihn davor bewahrt. Er richtete sich auf und gewahrte, dass auch Rai-Jin und Fu-Jin neben ihm wieder auf die Füße kamen, allerdings langsamer als er.
Mit mordgierigen Augen sah er hinauf auf den Hang. Die Morbole hatten sie hinterrücks angegriffen und den Hang hinabstürzen lassen. Aber das hatten sie nicht deswegen getan, weil jemand die Kontrolle verloren hatte, sondern weil jemand Kontrolle ausgeübt hatte! Er zog die Gunblade und schrie hasserfüllt: „Was soll das? Wieso hast du das getan, du verrücktes, altes Wrack? Ich habe dir meine Kraft angeboten, meine Kenntnisse und mein Vertrauen! Wieso hast du das getan?“
Der Monsterbeschwörer erwiderte seinen Blick ruhig. „Weil du für mich nicht mehr länger von Nutzen bist“, erwiderte er mit einer Stimme, die Feuer gefrieren hätte können. „Du hast mir alles gesagt, was ich wissen muss, um Esthar zu überrennen und zu halten. Jetzt brauche ich dich nicht mehr.“ Dann wandte er seinen Blick von Cifer ab, was diesen noch rasender machte, und sah Squalls Truppe an, die sein Vorgehen ebenso überrascht hatte wie den blonden Jungen. „Ist es wahr, dass unter euch eine Quistis Trepe ist?“ fragte er.
Alle Augenpaare richteten sich erschrocken auf die blonde junge Frau. Auch sie selbst schien erstaunt, antwortete aber: „Das bin ich. Warum wollen Sie das wissen?“ Sie ging in Verteidigungsstellung.
Der Wissenschaftler gab keine Antwort. Er nickte lediglich zufrieden und rief den Monstern zu: „Tötet sie! Und danach schafft die Leichen in den Sicherheitsraum, bis auf dieses Mädchen! Sie wird nur betäubt!“ Und im selben Moment brach die Hölle los.
Keiner der SEEDs hatte noch Gelegenheit gefunden, einen Aura-Zauber auszusprechen, dennoch fiel die erste Reihe Monster, die auf sie zu eilte, binnen Sekunden in sich zusammen. Irvine und Selphie standen Rücken an Rücken und jedes Ungeheuer, das in ihr Blickfeld kam, verschwand bald darauf durchlöchert oder zusammengeschlagen. Rinoa stand mit Xell und Squall in einer Truppe, die sich gegen mehrere Rumbrum-Drachen, Drachenisolden und Grendels zur Wehr setzte. Cifer, Rai-Jin und Fu-Jin sahen sich plötzlich von mehreren Morbolen und Stahlgiganten bedrängt, von denen einige nach kurzer Zeit den Geist aufgaben. Quistis wurde lediglich von einigen Behemoths und Archeodinos so umstellt, dass sie nicht fliehen konnte, einige Galchimesäras versuchten vergeblich, sie einzuschläfern. Viele der Monster fielen unter ihren Hieben, nicht eins griff sie an.
Dennoch musste sie zusehen, wie erst Selphie, dann Fu-Jin, Xell, gefolgt von Rai-Jin, Irvine und Rinoa unter unmenschlichen Hieben schließlich ihr Leben aushauchten. Squall, der gerade seine Geliebte wiederbeleben wollte, wurden von einem Grendel die letzten Health-Points abgezogen. Er fiel neben Rinoa zu Boden. Cifer, der als einziger noch stand, wenn auch unter fast allen Zuständen leidend, warf ihr einen vernichtenden Blick zu. „Du!“ schrie er. „Du hast uns verraten!“ Dann wurde er von einem Stahlgiganten zum letzten Mal getroffen.
Quistis schrie ihren Schmerz hinaus, als sie einen Behemoth mit einem einzigen Hieb niederstreckte. Sie hatte die anderen nicht verraten. Und doch, wieso kannte dieser Unmensch dort oben ihren Namen? Wieso hatten alle sterben müssen? Wieso... Einer der Galchimesäras hatte mit seinem Schlafzauber Erfolg gehabt. Sie fiel auf die Knie und verlor ihre Waffe. Sie richtete sich darauf ein, nie wieder zu erwachen.






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